Eine Minderheit und ihre Rechte

Von der neuen Staatsgrenze am Brennerpass ist es ein langer diplomatischer Weg bis zur Autonomen Provinz Bozen-Südtirol. 

Bei den Friedensverhandlungen nach Ende des 2. Weltkrieges wird ein Antrag zur Rückkehr Südtirols zu Österreich abgelehnt. Im Pariser Abkommen von 1946 wird zwischen Österreich und Italien ein Autonomieentwurf für Südtirol ausgehandelt. 1948 wird in Rom ein erstes Autonomiestatut für die gesamte Region inklusive das benachbarte Trentino beschlossen. So bleiben die Südtiroler Abgeordneten im Regionalparlament in der Minderheit und sind faktisch machtlos.
Ebenfalls 1948 wird die Frage der Optanten, der ausgewanderten Südtiroler, gelöst. Sie können zurückkehren und erhalten die italienische Staatsbürgerschaft. 1957 findet eine große Kundgebung der Südtiroler Bevölkerung auf Schloss Sigmundskron bei Bozen statt. Die 1945 gegründete Südtiroler Volkspartei mit Silvius Magnago an der Spitze verlangt das „Los von Trient“, also eine südtiroleigene Autonomie, losgelöst von der Nachbarprovinz Trentino.
1959 bringt das nunmehr souveräne Österreich die „Südtirol Frage“ erstmals vor die UNO-Vollversammlung. Eine Resolution soll die Verhandlungspartner, die Außenminister Österreichs und Italiens an einen Tisch bringen.

Ab 1956 beginnt eine Anschlagsserie des „Befreiungsausschusses Südtirol “ (BAS) auf Strommasten, Kasernen, Denkmäler und die Bahnlinien, welche im Juni 1961 in der „Feuernacht“ gipfelt. 37 Hochspannungsmasten werden in einer Nacht gesprengt, um der oberitalienischen Industrie den Strom zu entziehen. Eine Sprengladung geht verspätet hoch und tötet einen italienischen Straßenarbeiter. Die Weltöffentlichkeit wird auf Südtirol aufmerksam. 94 BAS-Aktivisten wird in den folgenden Jahren der Prozess gemacht.
1961 kommt die Südtirolfrage nochmals vor der UNO-Vollversammlung. Eine 19-köpfige Kommission soll daraufhin ein Autonomiepaket ausarbeiten. 1969 wird das erste „Autonomiepaket“ von Österreich und Italien ratifiziert. Die Südtiroler Landesregierung erhält zahlreiche Zuständigkeiten wie etwa Transportwesen, öffentliche Bauten, Sozialwesen etc.

In den folgenden Jahrzehnten gewährt die italienische Regierung eine massive Ausweitung der Autonomie. Die deutsche und die ladinische Minderheit in Südtirol erhalten weitläufigen Schutz. Der Unterricht in der jeweiligen Muttersprache wird garantiert. Die öffentliche Verwaltung ist zwei- bzw. dreisprachig. 1972 tritt das zweite Autonomiestatut in Kraft. Weitere Bereiche wie Gesundheitswesen, öffentliche Sicherheit, Handel, Handwerk, Straßenbau werden nach und nach der Verantwortung der Südtiroler Landesregierung unterstellt. Zuletzt folgte eine weitreichende Gesetzgebungsbefugnis für den Südtiroler Landtag.

Uneinig ist man sich nach wie vor in der Ortsnamensgebung, welche noch auf den faschistischen Benennungen basiert. Als Stein des Anstoßes erweist sich auch das Siegesdenkmal in Bozen, welches ebenfalls von den Faschisten erbaut wurde und für viele Südtiroler eine Verherrlichung Mussolinis und seiner Politik darstellt.  Etwa 70% der Südtiroler und Südtirolerinnen erklären sich heute der deutschen Muttersprache zugehörig, etwa 25% der italienischen und 5% der ladinischen. 1998 wird die erste dreisprachige Universität Europas, die Freie Universität Bozen gegründet.