Ein Brauch entsteht

Woher kommt das Törggelen? Landeskundler Christoph Gufler erzählt vom Ursprung der Tradition, die untrennbar mit dem Herbst in Südtirol verbunden ist.

Wie entstand der Brauch des Törggelens?

Christoph Gufler: Im Herbst besuchten Weinliebhaber die Weinbauern, um den neuen Jahrgang zu verkosten. Auch die Wirte, die ihren Schankwein direkt beim Erzeuger bezogen, überprüften die Qualität des neuen Jahrganges an der Quelle. Ihr Essen brachten die Besucher zunächst selbst mit. Bald aber tischten ihnen ihre Gastgeber auch für die Jahreszeit typische Speisen wie Kastanien, Schlachtplatte mit Sauerkraut und Gerstensuppe auf.

Woher kommt der Begriff „Törggelen“?

Die Verkostung des neuen Weines fand ursprünglich im Weinkeller statt. Dort stand die hölzerne Weinpresse, deren Name „Torggl“ vom Lateinischen torquere – pressen – kommt.

Warum war der Kastanienbaum früher so wichtig für die Südtiroler?

Das gerbsäurereiche und darum haltbare Holz der Kastanienbäume diente und dient dazu, die Stützgerüste der Weinreben anzulegen. Auch die Esskastanien waren wichtig, denn daraus stellte die ärmere Bevölkerung zum Beispiel Mehl und Brot her.

Wie kann man sich das Törggelen in früheren Zeiten vorstellen?

Da hat sich im Grunde nicht viel verändert. Im Herbst spazierten die Leute durch Weinberge und vorbei an Kastanienbäumen zu den Weinbauern, um den Nuien, also den neuen Wein, zu verkosten. In den Buschenschänken saßen sie gemütlich beisammen und genossen die Früchte der bäuerlichen Ernte, bevor sie wieder ins Tal hinunterwanderten. Schon 1845 heißt es: „Die gebratenen Kastanien schmecken besonders gut zum Wein und Herbstpartien auf diese Leckerkost gehören zu den Freuden der Etschländer.“

Um das Törggelen ranken sich zahlreiche Geschichten. Gibt es eine, die Sie besonders interessant finden?

Am Giebel des Brixner Doms stehen die Statuen von drei Heiligen. Der in der Mitte zeigt mit dem Finger nach oben, der zweite schaut fragend zu ihm hinauf, der dritte legt die Hand aufs Herz. Die Erklärung der Brixner: Ingenuin fragt Kassian: „Wo gibt’s heuer den besten Nuien?“ Kassian deutet nach Tils, eine bekannte Weingegend, und sagt: „Da droben!“ Albuin legt seine Hand aufs Herz und seufzt: „Ah, ist der gut!“

Ihr persönlicher Tipp, damit das Törggelen noch schöner wird?

Nichts geht über den ersten Schluck Sußer, das ist junger Traubenmost, nach einem Spaziergang durch die herbstliche Natur! Wichtig ist, dass man zum Weinbauern geht. Törggelen – richtiges Törggelen – gibt es nur dort, wo die Trauben wachsen und der Wein gekeltert wird.

Christoph Gufler war Lehrer, Direktor und Bürgermeister seiner Heimatgemeinde Lana. Sein landeskundliches Wissen gibt er seit Langem in Beiträgen in verschiedenen Medien weiter.