Wohnt da jemand?

Terese Gröber lebt auf der Trostburg. Ihr ganzes Leben schon. Sie führt Besucher durch die Gemäuer und erzählt von früher, als hier noch Ritter und Grafen residierten.

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Wohnt da jemand?

Terese Gröber lebt auf der Trostburg. Ihr ganzes Leben schon. Sie führt Besucher durch die Gemäuer und erzählt von früher, als hier noch Ritter und Grafen residierten.

Manchmal steht Terese Gröber, die Trostburg-Tresl, wie sie liebevoll genannt wird, am Fenster des prunkvollen Renaissancesaales und schaut ins Eisacktal hinab. Es ist wie ein Blick aus der Vergangenheit ins Heute. Die Stuckfiguren des Grafengeschlechts derer von Wolkenstein umgeben stumm die alte Frau, der Blick reicht über die Dörfer Barbian, Lajen und Villanders, die sich zwischen Wiesen und Wald am steilen Hang festzukrallen scheinen. Unten im Tal rast der Irrsinn der modernen Welt hin und her: Autos flitzen, Lichter blinken. Zivilisationswahnsinn. Hinter den dicken Gemäuern der Trostburg hoch über Waidbruck ist es still. Wohlig ruhig. Die Trostburg-Tresl atmet tief aus. „Ich bin froh und dankbar, hier oben leben zu dürfen“, sagt sie.
 
Terese Gröber, 73, hat ihr ganzes Leben hier verbracht. Ihre Familie hat die Burg für die Grafen von Wolkenstein in Schuss gehalten. Heute führt Gröber Besucher durch die Gemäuer und erzählt von früher, als hier noch Ritter, Freiherren und Grafen residierten. Sie erzählt aber auch von heute, vom beschwerlichen Leben – und warum sie trotzdem nicht weggeht: weil die Burg ihre Heimat ist und wohl verfallen würde, wenn nicht ein klein bisschen Leben in ihr brennt.

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Stolzes Alter: die Geschichte der Burg

Die Trostburg thront auf 627 Meter Meereshöhe über der Schlucht, die der Eisack im Lauf der Jahrtausende in den Fels gefressen hat. Ihre Geschichte reicht bis ins 12. Jahrhundert zurück, als die Herren von Velthurns hier residierten. Als Straßenräuber gebrandmarkt, mussten diese die Burg um 1290 an den Grafen von Tirol abtreten. Dieser gab sie wiederum als Lehen an die Herren von Villanders und schließlich an das Geschlecht der Wolkenstein, das hier 600 Jahre lang seinen Stammsitz hatte. Die Gemäuer wurden zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert erweitert, bis schließlich Engelhard Dietrich Graf von Wolkenstein die Burg im 17. Jahrhundert im Renaissance-Stil umbauen ließ. Von da an wurde sie nur noch als Sommerresidenz genutzt.
 
Terese Gröber bittet über die Schwelle, bedrohlich hängt das Falltor mit Holzspitzen über den Köpfen, dunkel erscheinen die Pechnasen, die im Mittelalter den Feind abhalten sollten. Der Innenhof präsentiert sich dafür idyllisch: Geranien, Oleander, Hortensien, die noch Tereses Mutter gepflanzt hat. Bögen, Säulen, eine Freitreppe führt hoch ins Burginnere. Ein Wandgemälde ziert eine Außenwand, es ist die Ahnenprobe der Grafen von Wolkenstein. Darauf vermerkt: Engelhard Dietrich, aber auch der berühmte einäugige Minnesänger Oswald von Wolkenstein. 

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Der „Fåckn-Toni“ und die schlafende Gräfin

Eine rußige Küche rechts, eine Kemenate hinter der nächsten Tür, dann der Bergfried: Hier sind die Mauern zweieinhalb Meter dick. Rückzug bei Gefahr. Die Schritte hallen gespenstisch. So ein Gang durch die Gemäuer ist auch ein Gang durch die Zeit: Familie, viele Kinder, Soldaten und Pfarrer lebten einst auf der Burg. Es zieht, und pfeift. „Der Wind ist in der Burg daheim“, sagt Gröber und erklärt alsbald, der Name „Trost“ habe im mittelalterlichen Hochdeutsch so viel wie „Herr“, Herrscher“, aber auch „Zuversicht“ bedeutet. Sie öffnet das Tor zur Kapelle, es quietscht und ächzt. Betbänke aus dunklem, altem Holz, ein schlichter Altar. Die Muttergottes blickt von der Decke herab, das Gotteskind im Arm. An den Wandgemälden immer wieder der Heilige Antonius Abt: ägyptischer Mönch, Asket, Einsiedler, der „Vater der Mönche“, in der Wüste von Teufelsvisionen heimgesucht, von den hiesigen Gläubigen „Fåckn-Toni“, also „Schweine-Toni“ genannt, ist er doch der Schutzpatron der Bauern, Metzger und Schweinehirten. „Noch heute“, sagt Gröber, „kommen manchmal alte Bäuerinnen zur Burg und bitten darum, in der Kapelle für den Wurf ihrer Säue beten zu dürfen.“

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Gröber erzählt von ihrer Kindheit: Davon, wie sie mit ihren Geschwistern im Wald spielte, wie sie mithalfen bei der Arbeit im Stall. „Vormittags mussten wir flüstern, weil das Kindergeschrei in der Burg so laut hallt und die Gräfin gerne lange schlief“, erinnert sie sich. Überhaupt die Gräfin. Sie erzählte den Kindern von der Welt: von Italien, vom Meer. Orte, die Gröber nie besucht hat, von denen sie nur geträumt hat. „Mir hat es hier immer gut gefallen“, sagt sie knapp. Irgendwann jedoch war der Verfall der Burg nicht mehr aufzuhalten. Die Grafen gingen, Gröbers Eltern verstarben, die Geschwister zogen hinunter ins Tal. Terese wollte bleiben. Aber wie? 1967 wurde aus dem Kreis des Südtiroler Burgenvereins heraus eine private Gesellschaft gegründet, um die Trostburg vor dem Verfall zu retten. Ein paar Jahre später wurde die Trostburg zum Museum und zum offiziellen Sitz des Südtiroler Burgeninstituts. Terese durfte bleiben. Weil sie sich um die Burg kümmern sollte. „Weil die Burg zu mir gehört und ich zur Burg“, sagt sie.

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Ihre ganz eigene Welt

Nun führt sie die Gäste herum, seit Jahrzehnten, sie putzt, schrubbt mit Bürste und Kernseife die Böden, kümmert sich um eine Stute und ihr Fohlen, um Hühner, drei Katzen. Früher, sagt sie, sei sie alle paar Tage ins Dorf hinunter. Sonntags sowieso, zur Frühmesse. Über die rutschigen Steine, den steilen Weg hinab. Jetzt verlässt sie die Burg noch alle zwei Wochen. Zum Einkaufen. Brot, Butter, Milch. Einsamkeit? Pah, winkt sie ab. „Kommen ja genug Leute hoch zu mir“, sagt sie. Mancher Möchtegernbergsteiger keucht und schwitzt bereits, wenn er das Burgtor erreicht. Gröber schmunzelt. Früher sei sie mit Stöckelschuhen rauf und runter. Jetzt wird eine neue Straße gebaut, auch eine Internetverbindung soll es bald geben. Jetzt lacht sie. „Internet?“
 
Sie lädt in ihre Stube ein, gleich links des Burgeingangs. Heiligenbildchen, Familienbilder, ein Kachelofen, ein altes Telefon mit Drehscheibe. Ein alter Fernseher. Manchmal, wenn es gewittert, fällt der Strom aus, dann holt sie die Taschenlampe hervor. Und wenn die Batterien alle sind, entzündet sie Kerzen. „Internet“, sagt sie noch einmal belustigt. Ihre frechen Äuglein leuchten, eine der Katzen schmiegt sich um ihre Beine. „Wird’s schon brauchen heutzutage. Ich aber brauch’s nicht“, fügt sie hinzu. Wenn sie abends die Nachrichten schaut, vom Übel „da unten“ erfährt, dann sei sie ganz froh, sagt sie, hier oben zu sein. In dieser anderen, ihrer ganz eigenen Welt.

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Diese Geschichte ist ursprünglich in COR – The Local Magazine Nr. 2 erschienen.
Interview: Lenz Koppelstätter
Fotos: Silbersalz - Caroline Renzler
Redaktion: Ex Libris, Bozen
Jahr der Veröffentlichung: 2019