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Mai 2015

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Schwebende Limousinen

Die erste Seilbahn flog von Bozen auf den Berg. Heute bahnt die Bergmetro Wege durch die Stadt. Weil ein Gastwirt stur blieb.

1908 nahm der Südtiroler Gastwirt Josef Staffler die erste Personenseilbahn der Welt in Betrieb, nach dem Krieg war es Luis Zuegg aus Lana, der im Seilbahnbau Maßstäbe setzte, die bis heute gültig sind. Wenn Ideen Flügel kriegen, kommen Beamte am Boden oft nicht mit. Da hilft es, wenn man manchmal die Regeln bricht.

Was sollte Josef Staffler nur machen? Es war nicht zu verhindern. Jeder wusste, dass seine Seilbahn nur Lebensmittel, Gegenstände und Baumaterial nach Kohlern hinauf befördern durfte. Aber die Bahn war in der Nähe der Talstation so niedrig geführt, dass man leicht in die Transportkiste hinein und auch wieder herausspringen konnte. Und die Leute taten es. Dass Menschen durch die Luft auf den Berg schweben, war 1906 jedoch nicht vorgesehen. Kein Gesetz der Welt konnte sich das vorstellen. Aber vielleicht wissen Beamte einfach nicht, wie mühsam es sein kann, Sachen oder auch nur sich selber auf den Berg hinauf oder hinunter zu schleppen...

Josef Staffler (1846-1919) wollte alles richtig machen. Immer wieder versuchte er, eine Genehmigung zu erhalten, um mit seiner Seilbahn auch Personen zu befördern. Der Bozner Gastwirt hatte in Kohlern, dem Aussichtsberg oberhalb von Bozen, ein Herrenhaus gekauft und zum Gasthof ausbauen lassen. Seit Jahren grübelte er, wie er die Gäste dazu bringen sollte, 900 Höhenmeter für eine gute Aussicht zu überwinden.

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1905 erhielt Josef Staffler die Erlaubnis, eine Materialseilbahn zu bauen. Menschen durften nicht mitfahren. So?

Ein Bozner Hotelier plant den Aufzug auf den Berg

Bereits 1900 hatte er in Budapest ein Angebot für eine elektrische Seilbahn eingeholt; eine Fahrstraße zu bauen, konnte er sich nicht leisten. Ein „elektrisch betriebener Drahtseilaufzug“ schien schließlich die günstigste Lösung. Da legte sich das Eisenbahnministerium, damals in Wien, quer: Bei dem Projekt sei „kein Gleis am Boden vorhanden“, man fühle sich nicht zuständig. Überhaupt sei niemand zuständig.

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discover Der Pionier

Josef Staffler (1846-1919), Gastwirt „Zum Riesen“ in Bozen, gab nicht auf, bis seine Bahn auf den Kohlerer Berg bei Bozen auch Personen befördern durfte. Er hatte 1899 einen Bauernhof in Kohlern erworben und das Herrenhaus zu einem Höhengasthaus ausgebaut. Jahrelang sann er darüber nach, wie er günstig und bequem Gäste nach Kohlern locken konnte: 1908 wurde die von ihm „angebahnte“, weltweit erste Seilschwebebahn für den Personenverkehr zugelassen.

Die Bozner nahmen die Sache also selber in die Hand. Die Technik war da, der Strom sollte aus dem nahegelegenen neuen Kraftwerk in Kardaun kommen, allerorten herrschte Aufbruchstimmung, die Menschen waren elektrisiert von der Aussicht auf die wunderbare Technisierung ihres Alltags. „Es war der Zeitgeist“, sagt Wittfrida Mitterer, Ideatorin des virtuellen Museums für Technikgeschichte in Südtirol und Leiterin des Kuratoriums für technische Kulturgüter im Land. Mit Erlaubnis der Bezirkshauptmannschaft durfte Staffler seine Bahn bauen. Allerdings nur als Materialseilbahn. Erst als man einsah, dass Menschen überall Materialseilbahnen benutzten, um vom Tal auf den Berg zu kommen, und auch meistens unverletzt ankamen, gaben die Behörden nach: Josef Staffler sollte seine Personenseilbahn haben. Die erste der Welt. Eine unglaubliche Sensation. „Es war der Ötzi von damals“, sagte der inzwischen verstorbene Bozner Heimatpfleger Luis Regele einmal.

Bahnbrechend

Mit den neuen Bergbahnen gingen den Menschen die Augen auf. In der Höhe weitete sich der Blick auf die Dinge, das Bild von der Welt wandelte sich im Zeitraffer. Berg und Tal schienen plötzlich wie von einem Gummiband zusammengehalten. Bergspitzen waren zum Greifen nah, der Himmel heruntergerutscht. Eine neue Lust am Reisen und alpinen Erleben bahnte sich an. Kluge Touristiker klemmten sich an die neuen Seilschaften. Der Wintertourismus ist ohne Aufstiegsanlagen überhaupt nicht denkbar.
Heute sind in Südtirol 371 Schwebebahnen in Betrieb, von Bozen und Meran führen einige Bahnen direkt aus der Stadt in wenigen Minuten ins Mittelgebirge. Und DolomitiSuperski, der Liftverbund in den Dolomiten, ist gar das größte Skikarussell der Welt. Ein Gastwirt und ein Techniker aus Südtirol haben zur Entwicklung entscheidend beigetragen: Josef Staffler und Luis Zuegg haben der modernen Seilschwebebahn den Weg bereitet.

Bozen gewinnt das Wettrennen gegen die Schweiz

Am 29. Juni 1908 brach die Kohlerer Bahn zur Jungfernfahrt auf. Während die ersten Fahrgäste immer höher stiegen, ahnte wohl niemand, dass soeben der Grundstein für den modernen  Bergtourismus gelegt worden war. Genugtuung verspürten die Tiroler – wie so oft – aus ganz anderen Gründen: Man hatte die Schweiz überholt. Immer hatte die Schweiz im Bergbahnbau die Nase vorn gehabt, Standseilbahn um Zahnradbahn gebaut. Einem Bozner Gastwirt, Pionier aus Not, war das Unwahrscheinliche überhaupt gelungen. Allerdings schon einen Monat später wurde im schweizerischen Grindelwald ebenfalls eine Schwebeseilbahn für Personenverkehr eröffnet.

Wittfrida Mitterer ist nicht überrascht. „Wir waren immer Tüftler“, sagt die Hüterin des technischen Kulturerbes im Land. „Wir hatten ja immer die Schwierigkeit, das Gelände in den Griff zu kriegen und die Steilheit zu überwinden.“

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Wittfrida Mitterer, Ideatorin des Museums für Technikgeschichte, bewahrt das technische Kulturerbe vor dem Vergessen.

Geniale Idee mit zwei Kabeln, Strom und einer Kabine

Seit der Antike versuchen Menschen, mit Seilen Hindernisse im Gelände zu überwinden. In Südtirol waren besonders die Bauern, die oft steil am Hang lebten, findig. Man konnte nicht ewig Schlitten fahren oder Ochsen und Pferde nach oben schinden. Mit sogenannten Drahteln wurde das Holz aus dem Wald geschafft, mit einem Bahnl manchmal der Mist vom Stall hinaus zum Misthaufen gebracht, Heu, Gras, Getreide wurde mit einfachen Seilkonstruktionen von unten nach oben gezogen. Bevor es Turbinen und Elektromotoren gab, funktionierten diese mit einer Seilwinde oder nach dem Prinzip der Schwerkraft mit einem Gegengewicht, meist ein Eimer voll Wasser, der dann im Tal geleert wurde. Man wollte sich das Leben erleichtern. „Die wirkliche Lösung ist aber erst die elektrisch betriebene Seilbahn gewesen“, sagt Wittfrida Mitterer. „Man braucht dazu ja nur zwei Kabel, Strom und eine Kabine.“

Alles begann mit der Erfindung des Drahtseils Anfang des 19. Jahrhunderts. Zunächst wurde es in Bergwerken eingesetzt, vor allem in den USA, ab 1874 stellte die Firma Bleichert in Leipzig Drahtseilbahnen in Serie her. Das System sah zwei Seile vor: Über ein gespanntes Tragseil liefen die Wagen auf Rollen; ein Zugseil sorgte für die Fortbewegung der einzelnen Wagen.

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Die Vigiljochbahn ist eine von vier Personenseilbahnen, die vor dem Ersten Weltkrieg zugelassen wurden.

Wer waren die Ersten?

1908   Seilbahn Kohlern (Südtirol)
1908   Wetterhornaufzug Grindelwald (Schweiz)
1912   Seilbahn Vigiljoch (Südtirol)
1912   Seilbahn Zuckerhut (Brasilien)

Zum Glück war das Seil zu kurz

100 Jahre später war ein Seil plötzlich zu kurz. Ingenieur Luis Zuegg (1876-1955) aus Lana hatte das Kabel bestellt. Es war Krieg, und Zuegg an die italienisch-österreichische Südfront zur Einrichtung von Seilbahnen abkommandiert, die die Soldaten in den Bergen mit Nachschub versorgten. Er war ein Technikfreak und Visionär. Hatte in Graz studiert, nach der Rückkehr eines der ersten privaten E-Werke gebaut, auf der Linie Meran-Lana die erste Straßenbahn in Südtirol auf den Weg gebracht und den Planern der Seilbahn auf das Vigiljoch bei Lana aus der Patsche geholfen, so dass die Bahn doch noch pünktlich fertig wurde. 1915 baute er eine Kriegsseilbahn aufs Stilfser Joch in der Nähe des Ortler. Jetzt sollte er eine Seilbahn zum Monte Rovere im Trentino ziehen.

Das Seil wurde zu kurz geliefert. 200 Meter fehlten. Luis Zuegg tat, als kenne er die Vorschriften nicht. Er ließ das Seil einfach stärker anspannen als erlaubt. Und schrieb damit Technikgeschichte. Seitdem werden alle Seile straff gezogen. Im Gegenzug können Stützpfeiler eingespart werden, die Seile nützen sich weniger ab, und: man konnte schneller fahren. Nach oben und nach unten.

Was Josef Staffler als Pionier wagte, probierte, riskierte, das tat Zuegg mit Kalkül. Er brauchte keine Gäste anlocken, er wollte das System perfektionieren. So verbesserte er die Fernsprechverbindung in den Kabinen, entwickelte eine Tragseilbremse, die das bisher übliche Bremskabel überflüssig machte, ersann einen zusätzlichen Entgleisungsschutz. 1923 ging die Seilbahn Meran-Hafling in Betrieb, die erste Seilbahn, die so war, wie Zuegg sie haben wollte.

Luis Zuegg ist der patente Ingenieur

Luis Zuegg hat seine Erfindungen patentieren lassen. Das machte ihn begehrt. 1926 schlug die Firma Bleichert aus Leipzig ihm vor, man könne doch gemeinsam Seilbahnen bauen. Bis 1940 entstanden so 35 Personenschwebebahnen in Europa, USA und Südafrika. Bis heute werden Seilbahnen nach dem  Bleichert-Zuegg-System gebaut. „Das damals entwickelte System ist noch immer gültig“, sagt Wittfrida Mitterer. Es kommt nur in neuen Bereichen zum Zug. 

Großstädte mit enormen Verkehrsproblemen haben in den vergangenen Jahren die Seilbahn als gute Alternative zum Straßen- und U-Bahnbau entdeckt. Eine Südtiroler Firma hat hier ihre Hände ganz vorne mit im Spiel: Leitner Ropeways mit Sitz in Sterzing gehört zu den weltweit führenden Seilbahnunternehmen. Dominic Bosio, Sales-Export-Leiter bei Leitner Ropeways, erinnert sich, als vor zwölf Jahren die erste Anfrage kam: In Medellin in Kolumbien wollten die Verkehrsplaner eine Seilbahn durch die Stadt ziehen. „Damals haben sie an das Projekt mehr geglaubt als wir“, sagt Bosio. Andere Metropolen wie Frankfurt, Hongkong, New York, Rio de Janeiro und Ankara zogen nach. Das aktuellste Projekt: die Seilbahn zur Internationalen Gartenausstellung 2017 in Berlin. Seilbahnen haben auch in überfüllten Städten Platz, sind viel günstiger als eine U-Bahn, relativ schnell gebaut und ökologisch verträglich. „Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass Seilbahnen nur in die Berge gehören“, sagt Giorgio Pilotti, Vertriebsleiter Italien bei Leitner Ropeways.

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discover Die Weltpremiere

Am 29. Juni 1908 flog die erste Personenschwebeseilbahn von Bozen auf den Kohlerer Berg. Die Gondeln waren bürgerlichem Salonmobiliar nachempfunden, aus Holz, mit Stoffdach und Vorhängen an den Fenstern. Ein Wagnermeister, der sonst Kutschen baute, hatte die Gondeln angefertigt, die Platz für jeweils sechs Personen boten. Eine Gondel ist heute im Technischen Museum in Wien ausgestellt, die andere steht in der Kohlerer Bergstation. Auch heute fahren die Bozner am liebsten mit der Seilbahn nach Kohlern.

Seilbahnen sind die Busse von morgen

Aus der Stadt hinaus in die Stadt zurück. Von den ersten Versuchen bis heute hat die Seilbahn viele Höhenmeter überwunden, um wieder ganz unten anzukommen, knapp über dem Talboden, als neue Hoffnungsträgerin für eine umweltbewusste Mobilität der Zukunft. Das hätte sich wohl auch der Sturkopf Josef Staffler nicht träumen lassen.

Zwei Jahre fuhr die erste Bahn von Josef Staffler stetig auf und ab. 105.000 Fahrgäste wurden in dieser Zeit befördert. Dann kam das Aus. Staffler sollte seine Bahn sicherer machen, verlangten die Behörden. Und das tat er. Verstärkte Seile und Bremsen, ließ Stützpfeiler aus Beton gießen, kaufte neue Gondeln. Glaubte weiter an sein Projekt. Ungebremst. Von Beamten kann sich ein Pionier doch nicht aufhalten lassen.

Text: Gabriele Crepaz
Video: Adnreas Pichler

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discover Ein Sessel zum Erfolg

1947 baute der Hotelier Erich Kostner mit den Ingenieuren Karl Hölzl und Ernst Leitner Italiens ersten kollaudierten Sessellift von Corvara auf den Col Alt. Der Lift gilt als Initialzündung für die touristische Entwicklung in Alta Badia. Aus bescheidenen Anfängen entwickelte sich so in den Dolomiten mit 460 Aufstiegsanlagen das größte Skikarussell der Welt. Ein Vergleich: 1947 beförderte der Sessellift jede Stunde 163 Menschen auf den Berg, heute werden mit einem kuppelbaren 4er-Sessellift stündlich 2.400 Personen transportiert.
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discover Filigrane Seilbahn in St. Martin im Kofel, 2002

Eine Seilbahn darf schön sein. Das bewies als Erster in Südtirol der Vinschger Architekt Arnold Gapp. Als er das „Gehäuse“ für die Bahn nach St. Martin im Kofel hoch über Latsch im Vinschgau zeichnete, entschied er sich, die Technik offenzulegen: Man kann der Seilbahn bei der Arbeit zusehen; Besucherbereiche erscheinen als Glaskubus. Dadurch wirkt der Bau klein und verträglich im Landschaftsbild. Der Weiler St. Martin im Kofel auf 1.700 Meter Höhe ist einer der ausgesetztesten Siedlungsorte in Südtirol. Für die Bewohner und Gäste ist die Seilbahn die schnellste Verbindung ins Tal.
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discover Seilbahn-Architektur, Meran 2000

Mit der neuen Bergbahn Meran 2000 sind die Fahrgäste in sieben Minuten beim Skifahren auf dem Berg. Das Projekt des Bozner Architekten Roland Baldi wurde 2011 bei der Internationalen Architektur-Biennale in Sao Paolo gezeigt. 2013 gewann Baldi mit der Bergbahn den Südtiroler Architekturpreis in der Kategorie Tourismus.

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Toni Demetz Hütte Langkofelscharte, 39048 Wolkenstein/Gröden +39 0471 795 050

Knottnkino bei Vöran Seilbahn Talstation, Romstraße 123, 39014 Burgstall +39 0473 278 187

Muthöfe bei Meran Gasthof Hochmuth, Muthöfeweg 8, 39019 Dorf Tirol +39 333 266 84 84

Vigiljoch bei Lana Seilbahn Vigiljoch, Villener Weg 3, 39011 Lana +39 0473 561 333

Schutzhütte „Schöne Aussicht“ 39020 Schnals/Kurzras +39 0473 662 140

Sommerfrischberg Kohlern Gasthof Kohlern, Kohlern 11, 39100 Bozen +39 0471 329 978

MMM Corones - 360 Grad Blick am Kronplatz Kronplatz Talstation, Seilbahnstraße, 39031 Bruneck/Reischach +39 0471 631 264

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