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August 2015

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Die Weinrebellen

18 kleine Weinhöfe im Eisacktal haben ihre Vorstellungen vom Weinmachen verwirklicht.

Manni Nössing ist einer von 18 rebellischen Weinbauern im Eisacktal, die ihre Reben nicht mehr in der Kellerei abliefern, sondern ihren Wein selber keltern. Wie individuelle Leidenschaft einem ganzen Weißweingebiet zu Rang und Namen verhilft.

Hauptsache, es knallt. Auch wenn Manni Nössing spricht, steht dahinter ein unsichtbares Rufezeichen. Zumindest ein satter Punkt. Niemals ein Fragezeichen. Der Eisacktaler Weinbauer  ist von irritierender Direktheit. Wenn er etwas für richtig hält, ist er nicht zu bremsen. „Zum Starten brauchst du eine Kanone“, sagt er. So wie er sie 2003 abgefeuert hat. Sein Weinkeller war noch nicht fertig gebaut, da wurde sein erster Kerner schon mit Drei Gläsern des italienischen Weinführers Gambero Rosso ausgezeichnet. Schon wieder finden wir den richtigen Weg zum Hoandlhof am Hang oberhalb von Brixen nicht. Als wir endlich ankommen, lässt Manni Nössing einen Korken knallen. Champagner, französisch.

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Seine Reben sind im Diskofieber: Weinbauer Manni Nössing.

Zum Gespräch hat er den Weinbauern Hannes Baumgartner vom Strasserhof in Vahrn bei Brixen, Urban von Klebelsberg, Verwalter des benachbarten, renommierten Weinklosters Neustift, und Thomas Dorfmann, Kellermeister der Eisacktaler Kellerei, dazu geladen. Dorfmann hat aus Termingründen abgesagt. Urban von Klebelsberg ist da. Wir wundern uns. In den vergangenen 20 Jahren haben 18 kleine Eisacktaler Weinbauern aufgehört, ihre Trauben an Neustift oder die Kellerei in Klausen abzuliefern. Sie produzieren nun ihren eigenen Wein. Ganz nach ihren Vorstellungen. „Wir haben gute Weinbauern verloren. Das hat wehgetan“, erinnert sich Urban von Klebelsberg. „Es war die Neugier, die uns getrieben hat. Zu testen, was hol‘ ich aus meinen Trauben heraus“, sagen Baumgartner und Nössing.

#1

Einer für alle, alle für einen

Heute sitzen sie traut beisammen. Das Eisacktal ist Italiens nördlichstes Weinbaugebiet. Es wird hier jährlich die gleiche Menge Wein erzeugt wie die Kellerei Erste+Neue in Südtirols Weinbaueldorado Kaltern allein produziert. Der kleinste Weinbauer bringt 5.000 Flaschen auf den Markt, der größte schafft 100.000; die Kellerei Neustift verlassen 750.000 Flaschen. „Das Renommée von Neustift hat uns am Anfang geholfen“, sagt Hannes Baumgartner. „Jetzt hilft uns die Konkurrenz, an der Qualität zu arbeiten“, spielt Urban von Klebelsberg den Ball zurück. Die kleine Realität schweißt zusammen. Nach außen tritt das Eisacktaler Weingebiet geschlossen auf.

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Hannes Baumgartner vom Strasserhof bei Brixen

Und nach innen? Da denken die Weinleute kurz nach. „Wir sind eine befreundete Gruppe“, sagt Urban von Klebelsberg. „Wir sind eine junge, geile Truppe“, sagt Manni Nössing.

Jeder treibt den anderen. Man tauscht sich aus, verkostet gegenseitig Weine im Keller. Nicht immer sind alle einer Meinung. „Wir sind 20 Köpfe, jeder versucht, keiner redet drein“, berichtet Hannes Baumgartner. Erst über die Weine, die entstehen, reden dann wieder alle. „So entsteht im Eisacktal Weinkultur“, ist Manni Nössing überzeugt.

Im Eisacktal werden fast ausnahmslos Weißweine angebaut. Sylvaner, Müller Thurgau, Kerner, Gewürztraminer und Veltliner sind typische Sorten, die Jahr für Jahr ausgezeichnet werden. Auch 2013 wurden vier Eisacktaler Weißweine von Gambero Rosso mit Drei Gläsern bedacht.

#2

Puzzlespiel mit Reben

Die Entwicklung ist jung. 1982 sind im Frühjahr fast alle Reben erfroren. In der Not pflanzten die Bauern schnell jene Reben an, die zu kriegen waren. Ohne darauf zu achten, ob die Reben für den jeweiligen Standort geeignet waren. Das herauszufinden hat 20 Jahre gedauert, erzählt Urban von Klebelsberg.

Inzwischen ist der Weinanbau im Eisacktal ein Puzzlespiel, das alle Weinbauern mitmachen. Die Weinhänge liegen meistens steil zwischen 500 und 900 Meter Meereshöhe, Boden und Mikroklima ändern sich oft von Weingut zu Weingut. „Das ist arbeitsintensiv“, sagt Manni Nössing. Jeden Tag geht er durch seine Weinberge, schaut, ob die Reben gesund sind, steckt hier eine Beere in den Mund, zupft dort ein Blatt ab. Jede Sorte kriegt, was sie braucht. Seine Kollegen machen es genauso. Und es beschleicht einen das Gefühl, ihre Kinder können sie nicht mehr lieben.

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Verwalter der Klosterweine von Neustift: Urban von Klebelsberg

Jeder hat seinen Stil. Darauf sind die Weinbauern stolz. Ihre Weine sollen unverwechselbar sein. Charakter haben. „Hinter jedem Wein steht eine Persönlichkeit“, sagt Hannes Baumgartner. Seine Weine mag er am liebsten „schlank, frisch, trinkig“, er will dem Eisacktaler Stil „treu bleiben“. Manni Nössing hat früher seine Reben stark ausgedünnt; das hat er von Peter Pliger, einem Pionier des modernen Eisacktaler Weinbaus, so gelernt. Seinen Reben, die sehr sonnig stehen, habe das nicht gut getan, sagt er. Zuviel Alkohol habe der Wein gehabt. Mittlerweile lässt er die Reben im Schatten stehen. „Ich entblättere überhaupt nicht mehr“, erklärt er.

#3

Alles Charaktersache

Es ist ein Gefühl von Freiheit, das die jungen Weinbauern auskosten. Die meisten verkaufen einen guten Teil ihrer Flaschen direkt am Hof, ihre Kunden kennen sie oft persönlich. Gerne kommen die Weinkäufer wegen der Bauern selber. Sie sind von der besonderen Methode der Weinproduktion, von der Philosophie oder schlicht von der Person angezogen. Die Stiftskellerei Neustift kann sich zu starke Charaktere nicht leisten. Urban von Klebelsberg: „Wir müssen sicher sein, dass der Wein passt und konstant ist. Damit die Kunden ihn jedes Jahr wiedererkennen.“

„Wein ist immer das Ergebnis vieler guter Entscheidungen.“ Peter Wachtler, Weinbauer im Eisacktal

Eine Weile philosophieren die drei Weinmacher, was einen charaktervollen, individuellen Wein von einem exzellenten typischen unterscheidet. Dann sagt Hannes Baumgartner plötzlich: „Na ja, mit dem Alter verlieren unsere Weine ihre Ecken und Kanten wieder, sie beginnen sich zu ähneln und nehmen wieder Gebietseigenschaften an“, sagt er. „Da schlägt die Natur zurück“, grinsen alle drei.

Die Natur. Das bedeutet im Eisacktal Höhenlage, frisches Klima mit warmen Tagen und kühlen Nächten sowie mineralische, sandige Böden und wenig Niederschlag; in Weinkreisen spricht man von Terroir. Optimale Bedingungen für die langlebigen, fruchtbetonten und knackigen Eisacktaler Weißweine, die als die spritzigsten in Italien gelten.

Früher habe das Klima ihnen geholfen, sind sich Nössing, Strasser und Klebelsberg einig. Aber es sei wärmer geworden in den letzten Jahren. Und schon sind sie mittendrin in einem Fachgespräch. Dass man künftig im Frühjahr zeitiger mit der Arbeit im Weinberg beginnen müsse, dass man mit dem Rebenanbau weiter nach oben gehen könne, wie es wäre, wenn man unten im Tal Blauburgunder setzte, wann in den letzten Jahren mit der Lese begonnen worden sei, wie lange jeder im Herbst die Trauben hängen gelassen habe. Bis Allerheiligen sei er unterwegs gewesen, sagt Hannes Baumgartner. „Bei mir hängen einige noch immer“, weiß Urban von Klebelsberg. „Heuer waren meine Reben im Diskofieber“, sagt Manni Nössing. Er sei mit der Lese 2013 sehr zufrieden: hohe Säure, schöner Zucker.

#4

Wenn die Glocken läuten

In einer Frage sind sich die drei Weinmacher einig: Ein guter Wein beginnt mit der Arbeit im Weinberg. Schon da hat eben (fast) jeder im Eisacktal seine eigene Auffassung. „Das ist unsere Stärke“, sagt Manni Nössing.

Die Eisacktaler Weinbauern sind erfolgsverwöhnt. Seit Jahren produzieren sie Spitzenweine, haben sich in Südtirol und vor allem auf dem italienischen Markt behauptet. Dennoch sind sie vorsichtig. „In der Gunst zu steigen ist nicht so schwierig“, sagt Urban von Klebelsberg. Und Hannes Baumgartner ergänzt: „Aber die Erwartungen auf Dauer zu erfüllen…“

Auch Weine müssen im Gespräch bleiben. Manni Nössing beschreibt es so: „Es müssen die Glocken läuten.“ Manchmal hilft er nach. Dann zieht er seinen flaschengrünen Pradamantel an, setzt bei Schmuddelwetter die Sonnenbrille auf oder präsentiert seine Weinvisionen in kirschroten Hosen. Wenn man von seiner Sache überzeugt ist, darf es ruhig knallen.

Text: Gabriele Crepaz
Video: Andreas Pichler

Die Weinhöfe im Eisacktal

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Die Weinhöfe im Eisacktal

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Manni Nössing - Hoandlhof Weinbergstraße 68, 39042 Brixen +39 0472 832 672

Hannes Baumgartner - Strasserhof Unterrain 8, 39040 Vahrn/Neustift +39 0472 830 804

Loacker Schwarzhof - Hayo & Franz Josef Loacker St. Justina Straße 3, 39100 Bozen +39 0471 365 125

Hemberg - Weingut Klaus Lentsch Reichsstraße 71, 39051 Branzoll +39 0471 967 263

Stiftskellerei Neustift Stiftstraße 1, 39040 Vahrn +39 0472 836 189

Christian Kerschbaumer, Garliderhof Untrum 20, 39040 Feldthurns +39 0472 847 296

Norbert Blasbichler - Radoarhof Pedratz 1, 39040 Feldthurns +39 0472 855 645

Peter Wachtler - Taschlerhof Mahr 107, 39042 Brixen +39 0472 851 091

Othmar Mair - Bessererhof Prösler Ried 10, 39050 Völs am Schlern +39 0471 601 011

Markus Prackwieser - Gumphof Prösler Ried 8, 39050 Völs am Schlern +39 0471 601 190

Wilhelm Gasser - Santerhof Pustertaler Straße 40, 39037 Mühlbach +39 0472 849 632

Eisacktaler Kellerei Leitach 50, 39043 Klausen +39 0472 847 553

Vonklausner KG Köstlanstraße 30/A, 39042 Brixen +39 0472 833 700

Günther Kerschbaumer - Köfererhof Pustertaler Straße 3, 39040 Vahrn +39 0472 836 649

Andreas Huber - Pacherhof Neustift 59, 39040 Vahrn +39 0472 835 717

Peter Pliger - Kuenhof Mahr 110, 39042 Brixen +39 0472 850 546

Josef Unterfrauner - Zöhlhof Untrum, 5, 39040 Feldthurns +39 0472 847 400

Alois Ochsenreiter - Obermairl Leitach, 39043 Klausen +39 0471 889 097

Konrad Augschöll - Röckhof St. Valentin 9, 39040 Villanders +39 0472 847 130

Florian Hilpold - Villscheiderhof Untereben 13, 39042 Brixen +39 0472 832 037

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