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April 2015

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Der Raumpfleger

Auf der grünen Wiese will Werner Tscholl nicht mehr bauen. Dafür an Häusern, die schon da sind. Wie finden das die Bauherren?

Werner Tscholl ist ein umgänglicher Mensch. Wenn man seine Bauten ansieht, könnte man eher das Gegenteil vermuten. In seinen Projekten sucht er nach der besten Lösung für einen Ort. Meistens kompromisslos. 

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Werner Tscholls Bauten zeigen deutlich, dass hinter ihnen ein starker Wille steht.

Vielleicht ist Werner Tscholl aber auch ein Baukünstler. Oft entstehen seine Entwürfe aus einer zündenden Idee. Diese kann im Kontrast zu bestehenden Gebäuden liegen, im sorgfältigen Weiterbauen, als Kontrapunkt sichtbar werden oder überhaupt als Skulptur erscheinen.

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Fürstenburg in Burgeis (2011) und Friedhofskapelle in Latsch (2000).

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Das kleine Büro

Noch etwas fällt auf: Tscholl (59) ist fast sein ganzes Leben lang in Südtirol geblieben. Nach seinem Studium in Florenz richtete er sein Büro in Morter ein, jenem kleinen Dorf im Vinschgau, in dem er aufgewachsen ist. Die Großstadt als Ideenbrutkasten fehlt ihm nicht, er geht bei seinen Projekten in der Regel weniger von Stilmitteln als von der geografischen Beschaffenheit und von lokalen Bezügen aus und setzt dabei auf Bauherren, die für die Vorstellungen des Werner Tscholl offen sind. Im Vinschgau ist beides vereint.

„Werner Tscholl hat den Mut, das Unmögliche zu denken, und dann auch noch die Kraft dies umzusetzen.“ Paul Thuile, Künstler und Bauherr

Lange war hier das Südtiroler Armenhaus, historische Bausubstanz blieb erhalten, weil man sich nicht leisten konnte, neu zu bauen. Als das Geld endlich da war, haben einige Bauherren auch ein Bewusstsein für maßgeschneidertes Bauen entwickelt. Heute zeigt sich der Vinschgau als Südtirols architektonische Vorzeigeregion. Dazu hat auch Werner Tscholl beigetragen.

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Whisky-Destillerie Puni in Glurns (2012).

Andererseits ist Baugrund im Bergland Südtirol von Haus aus knapp. Hier ist nicht alles möglich, was am Zeichenbrett gut aussieht. Diese Beschränkung scheint Werner Tscholl zu liegen. Einige der besten neuen Architekturen im Vinschgau wurden von ihm ersonnen und umgesetzt.

„Auf der Baustelle präsent zu sein ist die wichtigste Arbeit des Architekten. Man kann sehr vieles zeichnen, aber das auf der Baustelle umzusetzen, funktioniert ohne Zeichnungen fast besser. Mit Gefühl kann man einiges verbessern.“ Werner Tscholl, Architekt

Man könnte mutmaßen, das Kleine ist für Tscholl eine erstrebenswerte Größe. Räumlich, nicht gedanklich. Auch sein Büro hält er absichtlich klein. Er will einen Bau von Anfang bis Ende selbst betreuen. Außen und innen. „Je größer ein Projekt wird, desto eher wird man Manager. Im kleinen Büro kann ich noch Architekt sein“, sagt Tscholl. Für den Architekturkritiker Marco Mulazzani ist er „einer der besten und ernsthaftesten Architekten Italiens“. 

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Kellerei Tramin (2010).

Architekt des Jahres 2016

Freudige Nachrichten: Im Rahmen des Festes der Achitekten am 18. November in Venedig wurde Werner Tscholl die Auszeichnung als Italienischer Architekt 2016 überreicht. 

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Am Wiesenrand

Werner Tscholl hat ein Gefühl für Orte. Er spürt, dass er Südtirols Landschaft nicht länger mit Neubauten markieren will. Lieber sucht er die Auseinandersetzung mit Bestehendem.

„Wir müssen innehalten. Wir können nicht so tun, als wüchse das Land nach“, sagt der Architekt.

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Haus in Galsaun (1999) und die Burgruine Sigmundskron (2006).

Seit Jahren schon ist Tscholl der Meister der Sanierung und Revitalisierung von Burgen, Ruinen, Klöstern und Stadeln in Südtirol. Kaum ein Architekt hat sich so intensiv mit Altbauten beschäftigt; vor einigen Jahren kaufte er selber einen alten Wohnturm im Vinschgau und baute ihn zu einem Wochenenddomizil aus. Dabei lässt er die Tradition und Historie als gesichertes Wissen gelten und beginnt in seiner Sprache und mit den Mitteln der Gegenwart einen Dialog auf Augenhöhe. Niemand muss sich verbiegen, das Neue sich nicht verkleiden, das Alte sich nicht verleugnen.

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Fürstenburg in Burgeis (2011) und Rizzi-Wohnturm in St. Martin im Kofel (1997).

Oft genügt ihm ein „Small Talk“ mit den Gebäuden und er versteht, was er einem alten Haus antworten will: „Die erste Idee entsteht in einer Sekunde im Kopf, entweder bei der ersten Besichtigung oder in der Nacht oder beim Autofahren.“

Die Idee ist sodann Tscholls gestalterisches Konzept. Deshalb ist der Architekt Tscholl auch kein Formalist. Seine Handschrift an einzelnen Bauten ist dennoch erkennbar. Wir haben mit einigen Bauherren gesprochen, mit denen Tscholl gebaut, saniert oder erweitert hat. In folgenden Punkten sind sich alle einig:

• Konsequenz. Was Tscholl sich in den Kopf setzt, zieht er durch.

• Material. Tscholl ist ein Architekt mit einem unglaublich fundierten Materialwissen. Das braucht er, wie er selber sagt, um vor allem beim Bauen mit dem Altbestand die richtigen Entscheidungen zu treffen. So will er auf „arme“ Materialien nicht mit „reichen“ Materialien reagieren. Oder einem alten  Material die Fülle neuer Techniken entgegensetzen.

• Vor Ort. Tscholl ist bekannt dafür, dass er selber auf der Baustelle erscheint. Regelmäßig. Er will wichtige Entscheidungen vor Ort treffen.

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Passmuseum am Timmelsjoch (2011).

Text: Gabriele Crepaz
Video: Andreas Pichler