Platzhirsche

Wenn der Tag zur Neige geht, treffen sich die Menschen in Stadt und Land zum Aperitif mit Veneziano und Hugo.

  • Mai 2015

  • Lesedauer: 2'

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Platzhirsche

Wenn der Tag zur Neige geht, treffen sich die Menschen in Stadt und Land zum Aperitif mit Veneziano und Hugo.

Die ganze Welt schwärmt nach Feierabend für einen Veneziano. Wir mögen unseren Hugo. Sehen und Gesehen-Werden gehören zum Spiel dazu.

Es ist Abend. Wie schön. Die Tür zum Büro fällt zu, was heute nicht erledigt wurde, kann bis morgen warten, man strebt dem Treffpunkt zu, lässt sich auf den Stuhl fallen, Freunde trudeln ein, schon zieht der Tag sich zurück, man ist woanders. Auszeit in Südtirol ist Aperitivo-Zeit.
Die Szene spielt sich auf allen Dorfplätzen in Südtirol ähnlich ab. Als wäre sie einstudiert. Man kennt sich, man grüßt sich, es wird geklatscht und getratscht. Alles bei einem Spritz, auch Sprizz oder Veneziano (Weißwein oder Prosecco, Aperol, Mineralwasser) genannt, oder einem Hugo (Prosecco mit Holunderblütensirup und einem Minzeblatt), immer mit ein paar Häppchen serviert. Am schönsten ist es, wenn man draußen sitzen kann: Sehen und Gesehen-Werden gehören zum Spiel dazu.

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Was ist ein Veneziano im Glas?

„Grüß Gott" und „Buona sera“: Beim Aperitif treffen sich in Südtirol die Sprachgruppen. Nur zu gerne haben die deutschsprachigen Südtiroler die Gewohnheit der Norditaliener, sich abends mit Freunden zum Drink in Bars zu treffen, angenommen. Auch wenn die Tradition dann gleich südtirolerisch zurechtgebogen wurde. So weiß in Venedig kein Mensch, was ein Veneziano im Glas soll, wie wir im Selbstversuch getestet haben, und was den Venezianern ihr Spritz, ist den Südtirolern der Hugo geworden. Eine alpin-mediterrane Mischung aus südlichem Prosecco und nördlichen Holunderblüten und zugleich die „erwachsene“ Variante des Holundersafts, der in jedem Südtiroler Haushalt ab Juni auf dem Tisch steht, natürlich selbst angesetzt und abgefüllt.

Daneben gibt es Südtiroler, die es lieber unverfälscht mögen. „Wozu brauchen wir Spritz? Wir haben so viele spritzige Weißweine hier…“, sagt etwa Doris Moser. 1982 war sie die erste Sommelière in Südtirol und die jüngste in Italien. Beim Aperitif soll der Gaumen langsam und zart vorbereitet werden auf das Essen und die folgenden Weine. Doris Moser rät deshalb eher zu einem Glas Weißburgunder oder einem Glas Südtiroler Sekt.

Alles für den Hugo

Zutaten:
15 cl Prosecco
2 cl Zitronenmelissesirup oder Holunderblütensirup
1 Spritzer Soda
Minze

Zubereitung:
Alle Zutaten vorsichtig mit zwei bis drei Eiswürfeln verrühren und mit einer Zitronenspalte im Weinglas servieren.

Ein Aperitif zieht in den Norden

Wie auch immer. In Bozen lässt man sich am elegantesten am Waltherplatz fallen, flockig-kreativ geht es am Obstmarkt zu, bei den Fischbänken von Rino Zullo, Wirt, Cartoonist und Lebenskünstler, der von allen nur Cobo genannt wird, oder auch am Banco 11. Birgitta Puustinen hat dort eine Rhabarberschorle und einen Hugo mit Quittensaft kreiert und als Finnin dem Aperitif so eine weitere nordische Note hinzugefügt. In Brixen sitzen die Schaulustigen am Domplatz, exquisite Treffpunkte sind die Weingalerie in der ehemaligen Remise des Hotels Elephant, das Adler Cafè oder die Weinbar Vinus. Die Bühne im Glas gehört hier natürlich den Eisacktaler Weißweinen.

Ein Nachtrag muss sein. Wer sagt eigentlich, dass es immer Abend werden muss. Die Südtiroler halten es da mit mediterraner Lässigkeit. Manchmal ist genau Mittag der richtige Moment für eine Pause. Ja, Wohl!

Text: Gabriele Crepaz

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