Intakt

Musikkapellen sind in Südtirols Gesellschaft fest verankert. Auch bei den Teenagern.

  • April 2015

  • Lesedauer: 4'

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Intakt

Musikkapellen sind in Südtirols Gesellschaft fest verankert. Auch bei den Teenagern.

Musikkapellen in Südtirol sind alles andere als Altherrenvereine. Mehr als die Hälfte der 10.000 Musikantinnen und Musikanten ist unter 30 Jahre alt. In elf Kapellen spielen sogar mehr Frauen als Männer. Wir haben nachgeforscht und entdeckt, wie alte Tradition mit kluger Taktik den Musikgeschmack der Jugendlichen trifft.

Der Kapellmeister presst eine Hand ans Ohr und schaut in die Ferne. Vor ihm stehen die Frauen und Männer seiner Kapelle. Einige Musikanten zeichnen mit den Schuhspitzen Figuren in den Schotter, manche blinzeln verlegen ins Publikum, die jungen kichern. Was wird hier gespielt? Plötzlich hebt der Mann vorne die Hände, ein Ruck geht durch die Formation vor ihm, auf sein Zeichen erklingen ein paar satte Töne. Erneut Stille. Irgendwo weit weg tönt es wider. Die Antwort. Und schon wandert die Blaskapelle ein paar Schritte weiter, zum nächsten Einsatz in der labyrinthisch anmutenden Franzensfeste.

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Drei Musikkapellen, drei Chöre, zwölf Schlagzeuger und die Jodlerin Anneliese Breitenberger hat der österreichische Komponist und Elektroakustiker Wolfgang Mitterer beim zeitgenössischen Festival Transart 2009 in der Franzensfeste bei Brixen dirigiert. Die 200 Musiker waren auf Gärten, Mauern und Innenhöfe der Festung verteilt. Als Zuhörer beschlich einen das Gefühl, zwischen verschiedene Radiosender geraten zu sein, die einander ständig störten.

Die Südtiroler Tracht

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Unterschiedliche Ansichten gehören in eine Musikkapelle

Aber: Vielleicht ist Störung das falsche Wort. Unterschiedliche Ansichten gehören bei den Musikkapellen zum Konzept. Wenn gefeiert wird, ist die Musikkapelle dabei, bei Beerdigungen gibt sie das letzte Geleit, Männer und Frauen spielen zusammen, Ältere und Junge finden sich am gleichen Instrument wieder. „Zwischen dem ältesten und dem jüngsten Mitglied liegen oft 40 oder 50 Jahre“, sagt Armin Kofler, Obmann der Musikkapelle Lengstein am Ritten und Komponist für Musikkapellen. „Dass es da nicht nur Verbindungen zwischen Gleichaltrigen gibt, finde ich sehr schön.“

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Der Verband Südtiroler Musikkapellen hat nachgeforscht: Als älteste Kapelle gilt jene von Dorf Tirol bei Meran. 14 Kapellen sind in Südtirol vor 1814 gegründet worden, die meisten Kapellen entstanden aber zwischen 1849 und 1914. Die Musikkapelle Siebeneich bei Bozen formierte sich 2007 und ist damit die jüngste Kapelle im Land.

Leidenschaft spielt mit. Man trifft sich jede Woche, vor Konzerten auch öfter, zur Probe. Im Frühjahr wird im Dorf traditionell das erste Konzert geblasen, von da an vergeht kaum ein Sonntag ohne Platzkonzert, kirchliche Feier oder Volksfest – immer bei freiem Eintritt. Nicht immer sind alle dabei. Christian Lun, Obmann der Bürgerkapelle Untermais, die mit 73 Mitgliedern zu den großen Kapellen des Landes zählt: „Früher haben die Musikanten selber gesagt: Wenn du nicht zur Probe kommst, kannst du gleich daheim bleiben.“ Heute ist man nachsichtiger. Die Arbeitswelt verlangt ihren Tribut, und viele, die als Schüler in der Kapelle gespielt haben, gehen zum Studium „möglichst weit weg und können deshalb nicht regelmäßig zur Probe kommen“, sagt Christian Lun. Trotzdem nehmen die meisten Musikanten die Proben ernst.

Jeder kriegt eine neue Lederhose

Nachwuchsprobleme gibt es nicht. Die Musikkapellen sorgen dafür, dass ihre Reihen immer gut gefüllt sind. In den Musikschulen des Landes schauen sie sich nach talentierten Kindern und Jugendlichen um. Christian Lun: „Den Nachwuchs überlassen wir nicht dem Zufall.“ Elf- und Zwölfjährige, die ihr Instrument beherrschen, werden in die Jugendkapelle aufgenommen, dort gefordert und gefördert. Mit 15 sind die meisten dann soweit und werden volles Mitglied in der Bürgerkapelle. Die Tracht, die der Musikant fortan trägt, das Instrument, das er künftig spielt, eine solide Ausbildung – das alles übernimmt jetzt die Kapelle. „Wenn man wächst, kriegt man eine neue Lederhose“, sagt Armin Kofler, der selber Flügelhornist bei der Musikkapelle Lengstein ist. „Man ist aber verpflichtet, auf die Tracht zu schauen.“

Davon konnten die Musikkapellen in den Anfangsjahren nur träumen. Eine Tracht hatten damals wohl alle Tiroler, dafür waren die Instrumente schlecht, die gespielte Literatur auf Märsche und Polkas beschränkt, die Darbietungen laut Recherchen des Südtiroler Blasmusikspezialisten Gottfried Veit „unsäglich“.

Nach 1945 wurden die Musikkapellen, die im Faschismus und während des Krieges dahinsiechten, wieder belebt. Die Kapellen schlossen sich im Verband Südtiroler Musikkapellen zusammen, legten nun besonderes Augenmerk auf Ausrüstung, Ausbildung und Repertoireerneuerung. Seit 2011 gibt es einen Studiengang für Blasorchesterleitung am Konservatorium in Bozen. Alle drei Jahre wird im Rahmen der Südtiroler Blasmusiktage eine Kompositionswerkstatt eingerichtet. 2014 schreibt der Verband wieder einen Kompositionswettbewerb aus. „Wir wollen die Jungen motivieren, Werke für Blasmusikkapellen zu schreiben“, sagt Pepi Fauster, Obmann des Verbandes. Tatsächlich haben alle namhaften Südtiroler Komponisten schon Werke für Blaskapellen geschaffen.

Jazz unterm Trachtenhut

Junge, gut ausgebildete Kapellmeister bringen die Musikanten voran. Sie entscheiden, ob neben Marsch und Polka auch klassische Literatur und zeitgenössische Stücke am Programm stehen, sie spornen die Musikanten an, sich an Ungewohntes heranzuwagen. „Viele Musikanten sind heute so gut ausgebildet, dass sie jeden Stil beherrschen oder beherrschen können. Gute Musikkapellen bieten ihnen die Anreize, die sie brauchen“, sagt Komponist Armin Kofler.
 
Dazu gehört, auch einmal die Noten beiseite zu legen. Die Musikkapelle Schabs bei Brixen hat schon beim Experiment 2009 in der Franzensfeste mitgemacht. Im Sommer 2013 trat die Kapelle erneut in der Festung auf. Diesmal gaben die Musikanten sich in Tracht dem Fieber des Südtirol Jazzfestivals hin. Der deutsche Jazzer Matthias Schriefl legte es darauf an, die Musikanten locker zu kriegen, ließ sie klatschen und schräg in die Harmonie hineinspielen. Mit einer Ironie, die man Musikkapellen von Haus aus wohl kaum zugetraut hätte.
 
Text: Gabriele Crepaz

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Andrea flötet mit

Nur die Tracht fehlte ihm. Am 21. September 2014 spielte Andrea Gatto, Sprachenstudent aus Rapallo in Ligurien, gemeinsam mit den 74 Musikantinnen und Musikanten der Bürgerkapelle Untermais beim Herbstkonzert der Kapelle mit. Im festlichen Kursaal der Stadt Meran hielt Gatto mit seiner Querflöte tapfer mit. Er bestritt das gesamte Konzert mit Bravour. Im Juni schon hatte Gatto die Partituren der Konzertstücke – Märsche, klassische Literatur, ein zeitgenössisches Werk des Südtiroler Komponisten Armin Kofler – erhalten. Sieben Tage vor dem Konzert reiste er nach Meran, um seine „Musikerkollegen“ kennenzulernen und gemeinsam zu proben. „Es war eine einmalige Erfahrung“, sagt Andrea Gatto am Ende des Konzerts. „Jetzt bin ich mit den Tiroler Märschen bestens vertraut.“