Den Hansl hat's erwischt

Was tun, wenn man im Winter den Frühling herbeisehnt? Die Südtiroler lassen den Egetmann Hansl heiraten. Ein Dorf flippt voll aus.

  • Januar 2016

  • Lesedauer: 7'

    Lesedauer: 7'

% extra alt % % extra alt % % extra alt %
Play Video
Artikel Artikel Videos Videos Galerien Galerien
Artikel Artikel Videos Videos Galerien Galerien

Den Hansl hat's erwischt

Was tun, wenn man im Winter den Frühling herbeisehnt? Die Südtiroler lassen den Egetmann Hansl heiraten. Ein Dorf flippt voll aus.

Da liegt er, der Egetmann Hansl. In einer Kiste, angetan mit Frack, Zylinder und weißen Handschuhen, ein maliziöses Lächeln im Gesicht. Er wartet auf die nächste Braut. Die wievielte eigentlich? Kein Mensch kann sich erinnern. Aber 600 Männer in Tramin im Südtiroler Unterland machen ein ziemliches Gedöns, wenn es den Egetmann wieder einmal erwischt hat. Am 7. Jänner beginnt hier der Fasching. Monatelang arbeiten dann alle im Dorf zusammen, um am Faschingsdienstag die Sau raus zu lassen. Was passiert genau?

Seit 1591 geht das schon so. Da wurde der Egetmann-Umzug zum ersten Mal erwähnt. Ein Bürger klagte vor Gericht, man habe ihn im Fasching verunglimpft. Hinter Günter Bologna rauschen wir vom Dorfplatz in Tramin den Hang hinunter. Zur Garage des Egetmann. Genau, die Traminer haben für den Egetmann und seine Requisiten eine eigene Halle gebaut. Günter Bologna ist der Präsident des Vereins. Er sei Landwirt, sagt er, aber das „richtige“ Leben sei für ihn wohl der Egetmann. Als Kind sei er mit seinen Freunden nach dem Dreikönigsfest jeden Nachmittag maschggra – also verkleidet - gegangen. Seine Noten seien in den Keller gesaust, aber die Eltern hätten das verstanden: Nach Faschingsdienstag wird der Bub schon wieder lernen. „Das ist in Tramin noch immer so“, sagt Günter. Nichts deutet darauf hin, dass es einmal anders sein wird: Sogar die Kinder in Tramin verkleiden sich im Fasching nicht als Prinzessin oder Superman.

Eigentlich müsst ihr es selber sehen! Ganz wichtig: Lasst das gute Gewand lieber zu Hause. Zweitens wichtig: Wir sagen euch, mit wem ihr euch gut stellen solltet...

suedtirol altoadige egetmann antie 10

Der ewige Bräutigam: Egetmann-Hansl

Hier geht die neue Saat auf. Alle zwei Jahre nimmt der Egetmann-Hansl sich eine Frau. Eigentlich wird ihm die Braut durch die Ratsherren zugewiesen. „Länger als drei Jahre hält es keine durch“, sagt Günter Bologna. Sie sollte ja auch immer jung sein… Anders als die Hochzeitsgäste darf die Braut nur Schnaps zu sich nehmen. „Wegen der Flecken, die der Rotwein auf dem Kleid hinterlassen würde“, feixt Günter. Ach, hab ich schon gesagt, dass die Braut immer ein Mann ist? Nicht? Also, jetzt wisst ihr es.

In der Kutsche fahren Egetmann und Braut durch das Dorf.  Bei jedem Brunnen wird das Eheaufgebot – das so genannte „Protokoll“ – verkündet. Hohooo, ruft das Volk nach jedem Absatz.

Heiraten tut der Egetmann erst seit Anfang des 20. Jahrhunderts. Soweit wir wissen. Früher wurde er als Strohpuppe einer unverheirateten Frau unter großem Gejohle der Dorfburschen einfach untergejubelt. Der Name der Unglückseligen wurde vorher öffentlich verkündet. Das passierte nicht nur in Tramin, viele Orte hatten ihren eigenen Egetmann, den – wie Volkskundler vermuten – Mann mit der Egge. Geblieben ist er nur den Traminern.

suedtirol altoadige egetmann 2

Vor der Kiste bleiben wir stehen. Als Günther Bologna den Deckel hebt, schlägt uns eine Wolke voll Mottenpulver entgegen. Wir starren in ein waches Puppengesicht. „Nehmt ihn ruhig heraus“, sagt Günther. Irgendwie erinnert mich die Szene an einen Film, wo im Sarg die Vampire auf den Schutz der Nacht warten. 30 Jahre alt wird dieser Egetmann schon sein, schätzt der Präsident, „ich kann mich nur an diesen erinnern.“ Ein Polsterer aus dem Dorf hat den Hansl, wie wir alle ihn kennen, gemacht. „Er ist immer fit und ihm ist nie schlecht“, lacht Günther.

Die Kinder sind dran!

Traditionell findet der Egetmann-Umzug alle zwei Jahre am Faschingsdienstag statt, und zwar in den ungeraden Jahren. Seit 20 Jahren wollen in Tramin auch die Kinder ihren Egetmann haben. Sie verkleiden sich nicht als Superman und Prinzessin, sondern als Waschweib, Braut, Pfannenflicker, Müller - oder ganz begehrt, als Schnappvieh.
2018 ist also Kinder-Egetmann. Alles bleibt gleich, nur in Miniatur - und das gilt auch für den Alkohol :-). 

Die Entourage: Was im Dorf kreucht und fleucht

Vor Kopfweh nicht gefeit ist die Hochzeitsgesellschaft. Allerlei Volk bereitet dem Egetmann sein Bett. Die Bauern, die Zünfte mit Pfannenflickern, Dreschern, Fischern, Müllern u.a.m., wilde Gestalten aus der anderen Welt, alte Weiber, Pantoffelhelden, sesshaft oder vagabundierend, jeder hat in Tramin seinen Auftritt, viele Gruppen haben ein eigenes Gefährt. Ein wahres Ungetüm aus unterm Jahr Aussortiertem.

suedtirol altoadige egetmann dietmar 2

In der Halle fingert Günter Bologna Zeug aus einer großen Nylontüte. Ein gelber BH, ein paar Stoffreste, Strümpfe mit Laufmaschen. „Das legen uns die Leute vor die Tür“, sagt er, „wir können alles gebrauchen.“

Schon während des Jahres treffen sich die 600 Männer – bei 3.300 Dorfbewohnern – in fest stehenden Gruppen, es wird gearbeitet, gegessen, mehr noch getrunken, viele Feste werden gefeiert, damit Geld in die Kasse kommt. Alle zusammen wollen sie den Winter austreiben und Platz schaffen für die neue Fruchtbarkeit.

012 egetmann dietmar
023 egetmann antie

Schluss mit schmutzig: die Waschweiber

Sie müssen den Winter so satt gehabt haben früher! Mehr als wir heute? Also vielleicht nicht mehr als ich. Aber solche Lust auf das Waschen der Wintersachen hatte ich noch nie. In Tramin die Waschweiber dagegen… Wer in ihren Sog gerät, wird selber zum Frühling – und erfährt auch gleich, was im Dorf getratscht wird. Übrigens, das mit den Weibern in den Südtiroler Bräuchen…, genau, diese Frauen haben daheim alle eher Bock auf Bier und Fußball.

suedtirol altoadige egetmann antie 8

Alle lieben sie! Die Wudelen, oder sind es Schnappviecher?

Keiner weiß, woher sie kommen, aber wenn sie nicht da wären, könnte der Egetmann-Hansl auch gleich zu Hause bleiben. Gut drei Meter hoch und zwischen 25 und 30 Kilo schwer sind die Wudelen, deren Körper ein Kartoffelsack ist, dem eine Art Drachenkopf aufgesetzt wird. Wie einen Rucksack schnallen sich die Burschen die Wudelen um. „Das musst du erst packen. Stundenlang so durchs Dorf zu wanken“, sagt Günter Bologna.

suedtirol altoadige egetmann 9

Und den Lärm, denke ich mir. Die Wudelen haben Zähne, aus Holz oder Metall, und eine blitzende Zunge aus Metall. Innen am Kiefer hängt eine Schnur; an dieser ziehen die Träger unermüdlich und so schnappen die Schnappviecher lärmend und wild nach der Traminer Luft. „Wir haben auch eine Sprungfeder eingebaut“, sagt Richard Peer, Vizepräsident des Egetmann-Vereins, stolz. Damit die Viecher beim Laufen automatisch schnapp-klappern. Eh klar.

Wirkt nur in Tramin: die Altweibermühle

Wenn das funktioniert!? Mann-oh-Mann. Oben werden die Alten Weibelen in die Mühle gesteckt, unten kommen sie jung und faltenfrei wieder heraus. In Tramin sind die Müller vom Wert ihrer Kur überzeugt, die alten Frauen nicht grad gar so. Das macht stutzig. Die Frauen rasen schreiend davon, die Müller hinter ihnen her, in der Schubkarre werden die Alten schließlich zu ihrem Glück gezwungen.

008 egetmann dietmar

Es ist ein Ringen unter ihresgleichen. Während Richard Peer, Vizepräsident des Egetmann-Vereins, im Fasching zum Müller wird, ist Günter Bologna ein echtes Altweib. „Am Aschermittwoch schauen wir älter aus“, gibt er zu. Was habt ihr denn erwartet?

suedtirol altoadige egetmann dietmar 1
001 egetmann dietmar
suedtirol altoadige egetmann antie 4

Alles dreht sich um die Frage: Wer hat die Hosen an?

Was hat es zu bedeuten, wenn die Männer kopfüber in der Zumm, dem Unterlandler Buckelkorb, stecken? Oder die Köpfe zwar richtig herum aus dem Korb ragen, aber am Buckel der Frau kleben, umgeben von niedlichen Kinderköpfen? Darüber rätseln die Volkskundler schon lange. Stopfen die Frauen ihre Kerle in den Sack oder wanken die Frauen unter der täglichen Last? Alles ist Interpretationssache der Traminer Männer. Frauen sind beim Egetmann ja nicht zugelassen. Oder? Günter Bologna sagt: „Schminken tun uns die Frauen, und die Puppen nähen sie auch. Und sie legen uns ein Aspirin hin, wenn wir heimkommen."

006 egetmann antie

Ist das nicht die Burgl? Ein Lumpenweib, Maisschalen an den Füßen, gerußtes Gesicht, im vollen Lauf und auf der Flucht. Doch, sie ist es. Ihr auf den Fersen der Burgltreiber mit den aufgeblasenen Schweinsblasen. Schon ewig sind sie hintereinander her, die Burgl versucht, sich in Hauseingängen zu verstecken, und wird immer vom Burgltreiber vertrieben. Hier kehrt der gute Frühling - ein Mann - die bösen Wintergeister – eine Frau, klar – aus.  Ohne Geschrei und Gezeter geht das natürlich nicht… Am Ende? Der Sieger steht fest, sagt das Protokoll. Und es stimmt immer.

Text: Gabriele Crepaz
Video: Alexander Schiebel

Was der Egetmann Hansl als Ehemann wirklich taugt

Als die Menschen in Südtirol noch vor allem Bauern waren und das Leben von allerlei Naturgewalten und Dämonen bestimmt schien, ließ fast jedes Dorf im Alpenraum im Fasching seinen Egetmann hochleben. Der Egetmann sei der „Mann mit der Egge“, sind sich Volkskundler heute nahezu sicher. Das Pflug- und Eggeziehen ist als Fasnachtsbrauch seit dem 15. Jahrhundert belegt. Könnte sein, dass mit Pflug und Egge der Boden für die warme Frühlingssonne bereitet werden sollte. Genauso gut könnten so aber auch die bösen Wintergeister aus dem Boden vertrieben worden sein. 

Scherzhaft verballhornt wurde die Tradition, als Burschen anfingen, den Pflug- und Eggezieher unverheirateten Frauen und Mädchen als Strafe für ihre Ehelosigkeit „an den Hals zu werfen“. Zu diesem Zweck wurde der Egetmann Hansl in der letzten Fasnacht vor Aschermittwoch als Puppe mitgeführt und anschließend unter dem Geschrei der Dorfburschen einer Frau in Haus gelegt. 

Seit dem späten 19. Jahrhundert „steht“ der Egetmann in Tramin aufrecht in einer Kutsche und übernimmt die Rolle eines Bräutigams, angetan mit Frack, Zylinder und weißen Handschuhen. Am Faschingsdienstag wird an allen Brunnen das Aufgebot verkündet. Das ganze Dorf betrachtet sich als eingeladen und will dem Egetmann eine unvergessliche Hochzeit bereiten. Tatsächlich ließen auch echte Hochzeitspaare sich lange vor allem in der Faschingszeit trauen.

In Tramin hat sich der Egetmann-Umzug bis heute erhalten. „Bei uns hat die Kirche nichts ausrichten können“, sagt stolz Günter Bologna, Präsident des Egetmann-Vereins. 

suedtirol altoadige egetmann 20