Januar 2017

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Und es sind doch die Gene!

Vor 5.300 Jahren starb Ötzi. Heute erzählt er viel, ohne zu sprechen - mit überraschenden Erkenntnissen für unser modernes Leben.

2007 ging der Anthropologe Albert Zink eine folgenschwere Beziehung ein. Er übernahm die Leitung des neu gegründeten Instituts für Mumien und den Iceman im Forschungsinstitut Europäische Akademie (Eurac) in Bozen. Inzwischen hat er Mumien in aller Welt erforscht. Sein hartnäckigster Gesprächspartner ist jedoch Ötzi, die älteste Gletschermumie der Welt, die 1991 im Schnalstal gefunden wurde und heute im Südtiroler Archäologiemuseum aufbewahrt wird. Ihn kennt er in- und auswendig.

Man sollte meinen, Zink ist ein kühler Mann der Wissenschaft. Aber dann empfängt uns der Professor gutgelaunt und locker in seinem Büro, fest von einer Sache überzeugt: Seine Entdeckungen an Ötzi stellen sicher geglaubte Erkenntnisse der Medizin in Frage. 

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discover Ötzi

Während Cheops in Ägypten seine Pyramide bauen ließ, lag Ötzi bereits 600 Jahre lang im Eis. Eben weil er im Eis lag, wurde sein Körper bis zu seinem Fund 1991 außergewöhnlich gut konserviert.

#1

Ein Schatz aus der Jungsteinzeit

Herr Zink, seit Jahren wird intensiv an Ötzi geforscht. Welche Geheimnisse hoffen Sie noch zu entdecken?
Albert Zink: Viele Untersuchungen an Ötzi gehen von der Frage aus, wie Krankheiten, die uns heute zu schaffen machen, sich im Lauf der Zeit entwickelt haben. So hat man irrtümlich gedacht, Herz- oder Gefäßkrankheiten spielen erst seit 100 Jahren eine Rolle. Jetzt haben wir mithilfe der Computertomografie herausgefunden, dass bereits Ötzi Gefäßverkalkungen und eine genetische Veranlagung für viele Krankheiten hatte. Ötzi ist also ein wichtiges Untersuchungsgut für die Entwicklung von Krankheiten und wie sie sich im Laufe der Zeit verändert haben.

Was heißt das für uns?
Man hat bisher angenommen, Herzkrankheiten seien eine Folge ungesunder Ernährung, Rauchen, wenig Sport, Übergewichtig. Ötzi jedoch war sehr schlank, sportlich und viel unterwegs. Er war für diese Krankheiten genetisch vorbelastet. Im Alter hätte er wahrscheinlich schwerere Herzprobleme oder gar einen Herzinfarkt bekommen. 

Ötzis Identitätskarte

Geburtsjahr

3500 v. Chr.

Geburtsort

Eisacktal

Alter

46

Größe

160 cm

Gewicht

50 kg

Augenfarbe

braun

Haarfarbe

braun

Besondere Merkmale

61 Tattoos

#2

Manche Leiden sind eine ewige Plage

Gibt es noch mehr solcher „uralter“ Krankheiten, die an Ötzi festgestellt werden können?
Vor vier Jahren fanden wir Ötzis Magen. Wir waren selbst überrascht, dass dieser noch vorhanden ist. Da Ötzi im Gletscher über einem Felsen lag, war der Magen unter den Rippenbogen gerutscht. Darin fanden wir das Bakterium Helicobacter pylori, das heutzutage etwa die Hälfte der Weltbevölkerung in sich trägt. Jeder zehnte Mensch davon entwickelt Gastritis, ein Magengeschwür oder im schlimmsten Fall Krebs. Ob es Ötzi Probleme bereitete, wissen wir nicht.

Aber wir wissen, was er vor seinem Tod aß...
Ja, jede Menge getrocknetes Fleisch – Steinbock und Hirsch. Da Ötzi keine geeigneten Waffen für die Jagd bei sich trug, aß er wohl das Fleisch toter Tiere, die er auf seinem Weg fand. Auch Getreide fanden wir in seinem Magen. Es gab wohl eine Art Brot oder einen Getreidebrei als Beilage. Und jede Menge Fett. Dieses haben wir genauer untersucht. Es handelt sich um Fleischfett, was Sinn macht, denn Ötzi war laktose-intolerant. 

Wie lässt sich diese Laktoseintoleranz erklären?
Dabei handelt es sich um eine genetische Mutation. Zu Ötzis Lebzeiten haben die Menschen begonnen, Milch nicht nur zum Stillen der Kinder zu verwenden, sondern auch zur Ernährung Erwachsener. Es hängt stark von der Tradition der Milchwirtschaft ab. In Europa, wo diese eine lange Tradition hat, ist der Großteil der Bevölkerung laktose-tolerant; in Afrika, Asien und Südamerika dagegen sind sehr viele laktose-intolerant. 

#3

Ein riesiges Puzzle

2010 haben Sie mit Ihrem Team Ötzis Genom, also sein Erbgut, entschlüsselt. Wie haben Sie das geschafft? 
Neue Techniken haben diese Untersuchung erst möglich gemacht. Zunächst haben wir ein kleines Stück aus Ötzis Hüftknochen entnommen. Glücklicherweise war das Knochenstück sehr gut erhalten, es konnte viel Erbgut extrahiert werden. Diese Proben gibt man in einen sogenannten Gesamtgenom-Sequenzierer. Dort wird dann die gesamte Information herausgelesen, Millionen von Datensätzen, welche mit einer ganz bestimmten Software untersucht werden. So kann man nach und nach das Genom zusammensetzen.

Wie ein Puzzle...
Genau. Am Ende ist es uns gelungen, 85 Prozent von Ötzis Genom wieder zusammenzusetzen. So haben wir zum Beispiel herausgefunden, dass Ötzi braune Augen hatte und nicht blaue, wie vorher angenommen. 

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discover Die Erforschung Ötzis

Dass Forschung eine Geduldsarbeit ist, weiß auch Albert Zink: "Manchmal sorge ich mich, ob wir überhaupt zu einem Ergebnis kommen werden."

#4

Südtirols ältester Bewohner

Welche Erkenntnisse brachte die Entschlüsselung von Ötzis DNA?
Wir haben Ötzis DNA mit der DNA unterschiedlicher heute lebender Bevölkerungsgruppen verglichen und herausgefunden, dass nur noch sehr wenige Menschen derselben Gruppe angehören. Die meisten leben auf Sardinien. Trotzdem war Ötzi kein „Sarde“. Zur Zeit der Völkerwanderung vor 10.000 bis 8.000 Jahren ist die gesamte europäische Bevölkerung aus dem Nahen Osten nach Europa eingewandert. Auf den Inseln hat sich das Erbgut bis heute relativ wenig verändert. 

War Ötzi ein Südtiroler?
Untersuchungen an Ötzis Knochen und Zähnen lassen darauf schließen, dass er im Eisacktal aufgewachsen ist und im Vinschgau gelebt hat. In der Gerichtsmedizin in Innsbruck wurden 4.000 Proben von Tirolern, anderen Österreichern und Südtirolern untersucht. Man hat 19 Menschen gefunden, welche die gleiche Gruppe wie Ötzi tragen. Das beweist, dass auch bei uns Menschen in direkter Linie mit Ötzi stehen, auch wenn sie nicht mit ihm „verwandt“ sind. 

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discover Der Gletschermann

Eine Nachbildung Ötzis im Südtiroler Archäologiemuseum.

#5

Die Eismannbox

Ötzi „lebt“ heute in einer eigenen Zelle im Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen. Wurde hier das perfekte Ambiente entwickelt, um die Mumie aufzubewahren?     
Perfekt vielleicht nicht, aber es ähnelt den Umweltbedingungen von Ötzis Fundort. Er lag so lange in Eis und Schnee und hat noch sehr viel Wasser in seinem Körper gebunden, das wir versuchen zu erhalten. Er wird bei -6 bis -7°C mit 98 Prozent Luftfeuchtigkeit aufbewahrt. Trotzdem verliert er jeden Tag 1 bis 2 Gramm an Wasser, die einfach verdampfen. Alle zwei Monate wird die Mumie deshalb mit sterilem Wasser eingesprüht. Wir versuchen gerade, ein System zu entwickeln, damit dies automatisch passiert. Sorgen bereiten uns außerdem die Bakterien. Wir kontrollieren ständig, ob schädliche Bakterien an Ötzi wachsen könnten. Derzeit überlegen wir, Ötzi unter Stickstoff zu setzen, wie es auch die anderen Fundstücke sind. Dies würde oxidative Vorgänge, z.B. Lichtreaktionen mit Sauerstoff, welche das Gewebe schädigen können, unterbinden. Technisch wäre das kein Problem, man muss nur schauen, was dann mit den Bakterien passiert, da unter Luftabschluss ganz andere Bakterien wachsen können. Die richtige Aufbewahrung bleibt also auch in Zukunft ein Thema.

War Ötzi ein Modefreak?

Ötzi trägt 60 und 1 Strich-Tattoos am Körper. 60 Tätowierungen liegen an den heute bekannten Haupt-Akupunkturlinien. Jetzt hat Ötziforscher Marco Samadelli in Bozen mit einer neuen Methode ein weiteres Tattoo an der Mumie entdeckt. Direkt auf dem Brustkorb an der rechten unteren Seite. Doch Modefreak war es deshalb wahrscheinlich keiner. Die Wissenschaftler vermuten, dass es sich bei den Tattoos um schmerzlindernde Einschnitte handelt.

#6

Hinterhältige List

Das Leben der ältesten Gletschermumie der Welt ist ebenso geheimnisvoll wie das Tatmotiv. Es ist offensichtlich, dass er mit einem Pfeil aus der Distanz getötet wurde. Doch wurde versucht, etwas zu vertuschen? 
Wir haben uns an die Kriminalpolizei München gewandt, die die Tathergang rekonstruiert hat. Ausgeraubt wurde Ötzi nicht, denn seine Werkzeuge wurden in unmittelbarer Nähe gefunden; auch ein Kupferpfeil, der zu seiner Zeit sehr wertvoll war. Täter kann nach all den Jahren wohl keiner mehr gefunden werden, jedoch haben wir an seiner rechten Hand eine tiefe Schnittwunde gefunden, die er sich wohl in einem Nahkampf wenige Tage vor seinem Tod zugezogen hatte. Hatte er etwa einen Streit mit dem späteren Täter? Und war Ötzi wirklich so nett, wie er immer dargestellt wird - oder war er ein fieser Kerl? 

Gibt es weitere Dinge, die Sie unbedingt von Ötzi wissen möchten?
Wie er mit richtigem Namen hieß und wie er charakterlich so war. War er mutig, schüchtern oder schlau? Am liebsten würde ich ihn das persönlich fragen. Sein Gehirn ist noch gut erhalten. Vielleicht wird irgendwann eine Methode erfunden, die mir all meine Fragen beantwortet.

Interview: Dora Vannetiello, Stefanie Geier und Katja Schroffenegger
Fotos: Alex Filz, Südtiroler Archäologiemuseum/foto-dpi.com und Augustin Ochsenreiter