Mai 2015

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Lokalkolorit

Welche Farben passen zu Südtirol? Manfred A. Mayr übersetzt Alltagsgeschichten in Farbanstriche.

„Ich bin ein Ortefinder“, sagt Manfred A. Mayr. Für seine Malerei ist er in Südtirol viel unterwegs. Der Künstler wird gerufen, wenn ein Gebäude neue Farbe braucht oder es Orten an Spannung fehlt. Was passiert, wenn ein Land und seine Bewohner Farbe bekennen? Was haben Trachten mit Marken gemeinsam und warum ist Schurzblau Südtirols Nationalfarbe? Solche Fragen kann man nur Manfred A. Mayr stellen...

Manfred A. Mayr hört sich die Alltagsgeschichten an, die zum jeweiligen Ort passen, dann übersetzt er die Wörter in Farbwände, Bodenbelege, Obststeigenmauern. Wir treffen Manfred A. Mayr in seinem Atelier in Bozen, einem Ort zwischen Friedhof und Eisenbahnschienen, unscheinbar und glatt ist es von außen, im oberen Stockwerk eines Neubaus, es könnte auch eine Wohnung sein. So ist Manfred A. Mayr. Er legt wenig Wert auf das Äußere. Ihn interessieren immer die Dinge, die verborgen sind und entdeckt werden wollen. Sobald die Tür hinter uns zufällt, tut sich das Chaos auf. Im Atelier liegt viel Stoff für ein Gespräch. Der Raum ist voll mit Arbeitsproben, Farbtafeln, Mustern, Modellen. Lose Fragmente von Geschichten, die Manfred A. Mayr einmal brauchen könnte.

Der kleine Tiger in Janoschs Kinderbuch „Oh, wie schön ist Panama“ geht in den Wald Pilze finden. Wie ist das bei dir? Bist du ein Ortesucher oder ein Ortefinder?
Ich bin ein Ortefinder. Ich suche nie bewusst. Wenn ich eine Geschichte im Kopf habe, sehe ich nur Sachen, die zu diesem Thema passen. Vom Hirn bis zum Auge stellt sich alles auf diese Aufgabe ein, und dann findest du.

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Künstler Manfred Alois Mayr spürt die Geschichten von Orten auf

Ein gutes Beispiel ist die Kellerei Manincor in Kaltern, die 1999 erweitert wurde. Du hast dafür ein Farbkonzept ausgearbeitet. Wo hast du zu suchen begonnen?
Meine Arbeit hat immer mit einem Ort als gelebtem Raum zu tun. Ich stelle mich hin und spüre einen Ort auf. Dann entsteht in mir eine Spannung, es fängt an zu vibrieren, wie bei einem Wünschelrutengänger… Der Ort verlangt, was er haben will. Nicht ich. Ich will nichts verschönern, ich baue mit Farbe und frage, was steckt in diesem Ort für eine Geschichte? Ich reagiere auf den Ort. In Manincor habe ich nach Farbspuren aus der Tradition des Weinguts und des Weinbaus gesucht. Da ist mir aufgefallen, dass man in Südtirol immer sieht, wo an der Hauswand eine Rebe gewachsen ist, auch wenn die Rebe selber längst nicht mehr existiert. Aber das Kupfervitriol bleibt in der gekalkten Fassade - oxidgrün. Mit Kalkmilch vermischt wurde dieses Smaragdblau auf Kupferbasis früher in der Freskomalerei verwendet. Im Weinbau wird Kupfervitriol zur Schädlingsbekämpfung eingesetzt. Das ist natürlich der Link, wo ich sage, Hollawind, das ist die Farbe, die passt. Und zufällig waren die Grafen Enzenberg, denen Manincor gehört, auch Besitzer des Kupferbergwerks im Ahrntal und haben früher alle Weinbauern mit Kupfervitriol beliefert. Das sind zwei Geschichten, die mich glücklich machen, obwohl viele Besucher am Weingut das nicht wissen, gar nicht wissen können…

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Im Weinbau wird das oxidgrüne Kupfervitriol zur Schädlingsbekämpfung eingesetzt

Nur Rebenschwarz ist richtig für eine Kellerei

Das heißt, die Geschichte hinter den Farben erkennt man erst, wenn man die Geschichte kennt?
Mit der Farbe transportiere ich Geschichten. Wer die Geschichte nicht kennt, sieht halt ein leuchtendes Oxidgrün an der Wand. Oft versuche ich auch die Kulturgeschichte eines Pigments mit einzubeziehen. Rebenschwarz zum Beispiel, eines der ältesten Farbpigmente pflanzlicher Herkunft, ist ein Rußstoff, der durch Verkohlung verdorrter Rebstöcke, Trester und Kerne gewonnen wurde. Dieses Schwarz und kein anderes ist für mich richtig für eine Kellerei.

Du verdichtest also eine Geschichte und erzählst sie mit Farbe. Bedeutet das, dass Farbe wie ein Symbol wirkt?
Das stimmt. In jeder Kultur haben sich Farbtraditionen herauskristallisiert. In Südtirol zum Beispiel die blaue Bauernschürze, der Schurz. Da frage ich mich schon lange, wieso ist der Schurz so wichtig und warum dieses Blau? Ich habe da eine persönliche Theorie…

Die würde ich gerne hören…
Lange haben die Bauern nur Naturstoffe in der Eigenfarbe des Materials getragen, Schafwolle, Loden, Leder, die haben nichts gefärbt. Bunt eingefärbte Stoffe konnten sich nur Adlige und Geistliche leisten. Betuchte Leute eben, die sich von den Armen abheben wollten. Die Kirche hat sich das Purpurrot für Kardinäle und Bischöfe reserviert. Noch heute ist das aus der Purpurschnecke gewonnene Rot einer der teuersten Farbstoffe der Welt. Und das aus der indischen Indigofera-Pflanze gewonnene und importierte Indigo-Blau haben sich auch nur Herrschaften leisten können. Erst als es im 19. Jahrhundert gelang, ein intensives Blau relativ günstig und einfach synthetisch herzustellen, konnten sich die Bauern neben dem Färberwaid-Blau ein leuchtendes Königsblau leisten. Genau dieses Blau wurde die Farbe der „Schurztracht“ der Südtiroler Bauern. In starken Farben hatten vorher im bäuerlichen Umfeld nur die Sonntagstrachten geleuchtet. Sarner Tracht, Vinschger Tracht… für mich sind das die ersten Markierungen. Das Zusammenwirken der einzelnen Trachtenteile und Farben samt Frisuren ist ein komplexes Spiel von Zeichen und Botschaften. Man hat versucht, sich abzusondern, das hat mit Marke zu tun.

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Manfred A. Mayr entwirft Farbkonzepte, die zum Ort passen

Die Farbe Schurzblau ist den Bauern vertraut

Wie stark solche Marken wirken, zeigt das Beispiel der Obstvermarktungszentrale im Vinschgau. Den Bauern war der Neubau von Arnold Gapp zu kühl und zu modern. Dann hast du einen Teil der Holzverkleidung schurzblau angemalt. Und plötzlich waren die Bauern versöhnt. Wie hast du das geahnt?
Das war eine architektonische Aufgabe. Man wollte, dass sich der obere Teil des Baukörpers optisch zurückzieht. Ich habe probiert, welche Farbe das leisten kann. Als Maler weiß man, Blau geht räumlich in die Tiefe, macht Weite. Und wie bei Manincor war es wieder Zufall, wo ich erkannt habe, oschpelemuggn, Blau kann ja der Symbolträger für die Bauern werden. Und dann versuchst du, dieses bestimmte Blau zu treffen. Das sind immer so Feinheiten und Assoziationen, die sich erst im Prozess herauskristallisieren. Das Schurzblau ist den Bauern vertraut, da fühlen sie sich zugehörig. Blau spielt da eine andere Rolle als bei einem, der damit nichts zu tun hat.

Du sagst, Farben sind orts- und kulturbezogen. In Moskau wird rot anders gelesen als in Venedig. Welche Farben passen zu Südtirol?
Ich tu mich schwer, Südtirol auf eine Farbe zu bringen, bei Griechenland würde ich mich viel leichter tun, da dominieren einfach Kalkweiß und Blau. Das ist in Südtirol nicht so. Du kannst das nicht auf einen Nenner bringen.

Warum? Ändern sich die Farben in Südtirol von Tal zu Tal?
Ja. Es hängt vom Licht ab, und von der Materialität eines Tales. Das ist das Schöne an Südtirol, dass jedes Tal seine Eigenschaften hat. Klimatisch und auch von der Vegetation her. Das hat mit dem Stein zu tun. In Bozen haben wir den Rosengarten, das ist Kalkgestein, geh ich in den Vinschgau, habe ich Marmor und Quarz, bei Meran treffen Porphyr und Granit aufeinander, dadurch ändern sich die Farben sehr stark. Dem Pustertal ordne ich Grün zu, Obervinschgau ist karger, das hat mit Härte zu tun, mit Kälte, da assoziiere ich eher den Grauton oder Erdtöne. Zugleich spürst du hier durch die Ost-Westlage des Tales Sonnenaufgang und Sonnenuntergang ganz stark. Man spricht auch vom besonderen „Vinschger Licht“. Zur Eigenfarbe eines Tales kommt noch die „transportierte“ Farbe durch die Bewohner, wie die ihre Fassaden tünchen. Da kann ich unendlich weiterreden… Nicht nur Landschaften oder Räume vermitteln ein „Heimatgefühl“, auch Farben.

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Karger Vinschgau: Neben Landschaften vermitteln auch Farben ein „Heimatgefühl“

Mit der Farbe Rot haben die Italiener die Stadt Bozen besetzt

Nehmen wir Bozen als Stadt. Welche Farbe würdest du Bozen zuordnen?
Wenn du die Häuser in der Laubengasse nimmst, da sind heute die Farben aus Renaissance und Barock dran, einige waren ursprünglich sicher weiß gekalkt. Da hat es nichts gegeben als Kalk, alles war weiß wie heute noch die Lichthöfe. Kalk hat man ja auch als desinfizierende Maßnahme eingesetzt. In den 1930er Jahren kam die faschistische Architektur dazu, die hohe Qualität hat. Nehmen wir das Gebäude, in dem heute das Forschungszentrum EURAC untergebracht ist, damals war es das Haus für die weibliche faschistische Jugend. Die Faschisten haben das Gebäude pompeianisch rot angemalt, die haben genau gewusst, dass dieses Rot – oder auch Terra di Pozzuoli - eine römische, italienische Farbe ist, damit haben sie die Stadt besetzt. Dazu kommt die Kombination mit gelbem Ocker. Und plötzlich merkst du eine andere Farbgebung in der Stadt. Bozen ist für mich genau diese Mischung zwischen der Farbtradition aus der Umgebung und dem transportierten Kolorit, der farblichen Kolonialisierung.

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Die Bozner Neustadt „città nuova“ ist im Stil des italienischen Rationalismus erbaut

Neben der Eurac gibt es in Bozen eine weitere schöne Arbeit von dir: die WC-Gestaltung der Universität, Hellblau für Damen, Rosa für die Herren. Warum dieses Verwirrspiel?
Das war früher so. Du brauchst dir nur Bilder anzuschauen. Auf Porträts von Königskindern siehst du meistens die Buben in Rosa und die Mädchen in Blau. Nicht nur adelige Knaben, auch erwachsene Männer trugen rosarote Anzüge. Lange war Rosa eine Symbolfarbe des Männlichen. Diese alte Farbsymbolik wollte ich aufgreifen. Natürlich ist das eine Geschlechtsirritation, ein Spiel… Meistens sind Toiletten irgendwo versteckt, hier sind sie total präsent. Die Situation hat danach gerufen. Und es funktioniert. Trotz Piktogramme laufen alle falsch hinein. Alle schauen nur auf die Farbe.

Das ist ein gutes Beispiel, wo Farbe als Symbol sehr präsent ist. Eigentlich habe ich das Gefühl, dass heute viel von der alten Symbolik verloren gegangen ist. Ich kann Trachten nicht immer einer Talschaft zuordnen und weiß nie, ob ein Mann vergeben ist oder nicht, trotz Hutschnur…
Farben sind früher einfach sparsam eingesetzt worden, deshalb haben sie eine andere Bedeutung gehabt als in dieser Buntheit von heute. Schau dir alte Fotos von Wintertouristen an, wie die gekleidet waren. Ski, Anorak, Keilhosen hatten eine sehr beschränkte Farbskala. Da ist es auch nicht um Geschwindigkeiten gegangen im Sport. Heute hat die Farbe eine ganz andere Geschwindigkeit. Das ist wie mit der Lautstärke. Wenn du zwei Radios hast und du willst, dass ein Radio stärker gehört wird, drehst du lauter auf. So ist es mit den Farben. Wenn die eine „schreit“, muss die andere schreiender werden, damit du sie siehst. Heute ist das ein buntes Wirrwarr auf der Piste, das ist verrückt, trifft aber den Zeitgeist.

Sind wir zu bunt in Südtirol?
In bestimmter Hinsicht sind wir zu bunt, zu dekorartig. Wir sprechen in Südtirol viel von Baustilen, gleichzeitig wird die Stimmigkeit der Farbe an den Häusern total vernachlässigt. Es wird alles geduldet… Früher hat der Anstreicher nicht viel falsch machen können, es hat nur bestimmte Farben und eine beschränkte Farbskala gegeben. Kalkweiß und das Pigment aus der Umgebung selber. Das passt immer in die Landschaft. Das Danebengreifen ist heute viel einfacher geworden.

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Farben sind orts- und kulturbezogen. Für seine Farbkonzepte entwickelt Manfred A. Mayr Tafeln mit Farbproben, die er vor Ort ausprobiert.
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Man sieht, was man weiß: Schwefelgelb färbte Manfred A. Mayr in der Kellerei St. Michael in Eppan den Tunnel ein, der den Keller mit dem ehemaligen Weintank verbindet. Im Weinbau wird Schwefel gegen Traubenfäule eingesetzt.

Unser Dialekt ist auch eine Farbe

Regionalität ist heute im Trend. Also geht doch Vieles in die richtige Richtung...
In der Gastronomie stimmt das. Man spricht dort viel von saisonalen und regionalen Produkten, da hat Südtirol in den letzten Jahren enorm aufgeholt. Und ich merke auch, dass der Dialekt wieder an Bedeutung gewinnt. Lange waren wir als Älpler abgestempelt, und plötzlich tauchen die Dialekte in den Songs wieder auf…

Ist auch eine Färbung…
Ich erinnere mich an meine Schulzeit im Vinschgau. Da sind die Kinder von den umliegenden Dörfern zusammengekommen, und du hast am Dialekt, an zwei drei Wörtern, die phonetisch anders geklungen haben, haargenau unterscheiden können, ob einer von Latsch ist, von Schlanders, von Kortsch oder von Laas. Alle Dörfer liegen kaum fünf Kilometer voneinander entfernt, trotzdem gibt es diese Nuancen. Das ist das Besondere. Ich sage das ohne Patriotismus.

Wie wird sich der regionale Trend auf die Farbgebung in Südtirol auswirken?
Ich hoffe, dass gut gemeinte, aber falsch getroffene Situationen weniger werden. Bevor man überhaupt von einer Farbe spricht, muss ein Bewusstsein für Stimmigkeit geschaffen werden. Wir bleiben oft an Äußerlichkeiten hängen.

Interview: Gabriele Crepaz

Manfred Alois Mayr

Der Vinschger Maler Manfred A. Mayr, Jahrgang 1952, studierte an der Akademie der Bildenden Künste in Wien, wo er einige Jahre auch als Dozent lehrte. In den 1990er Jahren gab er die Leinwandmalerei auf, arbeitet seitdem raum- und ortsbezogen. Er spürt Geschichten von Südtiroler Orten auf und erarbeitet daraus Farbkonzepte für öffentliche Gebäude und Privathäuser. Seit Mitte der 1970er Jahre dokumentiert er mit der Kamera „Anonyme Farbanstriche“, eine unerschöpfliche Materialsammlung an Farbflächen, Farbräumen, Farbkörpern, Farbgeschichten, Farbentwicklungen. Manfred A. Mayr betreibt in Bozen eine Studiowerkstatt und lebt in Meran.

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discover Uni Bozen

Männlein Weiblein: In der Freien Universität Bozen treibt Manfred A. Mayr mit den Farben ein Wechselspiel. „Rosa“ und „blau“ folgen hier der Kulturgeschichte und unterwandern gängige Farbklischees. Ein für alle Mal: Die Buben sind rosa, die Mädchen blau.

Eine Werkauswahl von Manfred A. Mayr

2013     Gestaltung der Fassade des Vorarlberg Museum, Bregenz
2010    „Klangholz“ und „Mythenraum“, Besuchertunnel, Seeplattform Karersee
2009    „Goldlauf“ in der Festung Franzensfeste
2004    „Rezeption mit Kastentreppe“, Weingut Manincor in Kaltern
2002    „Feminin Masculin“ Freie Universität Bozen
2001    „Intervention“ Projekt Europäische Akademie, Bozen