Mrz 2017

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Alle meine Püppchen

Hundert Jahre lang war die Grödner Holzpuppe begehrt: Jedes Mädchen wollte eine haben.

Am Eingang des Hauses von Judith in St. Ulrich begrüßen mich zwei freundliche Holzpuppen, mit zartem Lächeln und rosa Wangen. Als Kind hätte ich auch gerne so eine gehabt, der ich all meine Geheimnisse und Ängste anvertraut hätte.

Judith kommt soeben die steile Rampe herauf. Mit einer farbbekleckerten Schürze bekleidet begrüßt sie mich. Die Herstellerin von Grödner Holzpuppen ist wohl gerade fleißig am Schaffen. Ich folge ihr die Rampe hinunter, wo sich ihre kleine Werkstatt befindet: ein von Oberlicht erhellter Raum aus Beton. Nebenan arbeitet ihr Mann Franz Canins, der Bildhauer ist. Judith hingegen wuchs inmitten von Spielzeugmachern auf.

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discover Die Puppenmutter

Es sind nicht nur die Puppen, die dem Raum Leben schenken. Es ist vor allem Judith selbst, die zu jeder Puppe eine Geschichte erzählen kann. Dass sie mit ihrem Spielzeug spricht, ist für sie selbstverständlich.

#1

In die Wiege gelegt

Schon als Kind war Judith eine Puppenmutter: „Ich habe drei ältere Schwestern und habe mit all ihren Puppen gespielt.“ Die Grödner Puppe kannte sie damals aus der Sammlung ihrer Mutter, die selbst Spielzeug verkauft. Ihr Großvater war Verleger, entwarf Holzspielzeug und war Bildhauer, ebenso wie ihr Vater, von dem sie den Beruf erlernte. Seit 20 Jahren schnitzt sie Grödner Gliederpuppen nach alten Vorlagen. Jede Puppe besteht aus 17 Teilen. „Ich nehme sie mehr als hundert Mal in die Hand, bis sie fertig ist“, erzählt sie mir. Die kleinsten Holzgeschöpfe sind einen Zentimeter lang, die größten erreichen Frauenmaß. 

„Bevor ich eine Puppe verpacke und in die weite Welt versende, sage ich zu ihr: Machs gut." Judtih Sotriffer

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discover Alles aus Holz

In ihrer Werkstatt stellt Judith neben den Gliederpuppen auch Bewegungsspiele, Rechenspiele, Schaukelpferde und gliedlose Puppen, sogenannte Fatschenpuppen, her.

#2

Arbeit am Stubentisch

Erstmals wurde die Grödner Puppe um 1680 erwähnt. Die Grödner, die damals schon tüchtige Kaufleute waren, verstanden es bald mit Holzspielzeug eine Marktlücke zu füllen und somit die Lebensexistenz in den kargen Bergen zu sichern. „Selbst die englische Königin Victoria besaß als Kind Grödner Püppchen“, erzählt mir Judith. Hergestellt wurde sie zu Hause in der Stube. Vom Kind bis zum Großvater hatte jeder in der Familie seine Aufgabe. Der Holzverbrauch war damals so massiv, dass die Behörden um den Zirbelkiefernbestand des Tales bangten. Mit Lastenträgern, sogenannten Kraxen, brachten vor allem Frauen das Spielzeug aus Gröden in die Welt.

Als Gröden um 1865 durch den Bau einer Straße an die Welt angebunden wurde, begann das moderne Transportgeschäft. Die Grödner sich im Ausland als Händler nieder. Wegen des holländischen Hafens, von dem aus sie nach England und Amerika verschifft wurde, wurde die Puppe auch „Dutch Doll“ genannt. Mit der Wirtschaftskrise in den Dreiziger Jahren brach die Grödner Spielzeugindustrie zusammen. 1930 wurde die letzten Puppen produziert. 70 Jahre lang wurde in Gröden keine Gliederpuppe mehr geschnitzt. Erst Judith schaute sich die alten Musterbücher wieder genauer an.

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discover Modellfiguren

Große Grödner Verleger-Firmen wie Insam&Prinoth dokumentierten die Modelle der einzelnen lieferbaren Spielzeugfiguren in großen handkolorierten Musterbüchern. Später wurden Kataloge in sechs Sprachen produziert und in alle Welt verschickt.

#3

Den Dreh heraus

Die Grödner Gliederpuppe ist aus Holz. Das macht sie robuster als die im 19. Jahrhundert ebenfalls modernen Porzellanpuppen. Kopf und Körper des zarten Geschöpfs sind in einem Stück gedrechselt, die Gliedmaßen handgeschnitzt. Mit Bleistift hat Judith die Maße eingezeichnet. Ein Knopfdruck auf der Maschine genügt und das Holzstück beginnt sich zu drehen. Sie drückt das Dreheisen auf das Holz und schneidet so den Werkstoff in Form. Es riecht gut, nach aromatischem Zirbenholz, als die Holzlocken zu Boden rieseln.

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discover Judiths Werkbank

Puppenmuster, dünne Holzstäbchen, die wie Abfall wirken, Werkzeug, Puppenrohlinge, Malutensilien liegen auf ihrer Werkbank. Schweres Gerät sucht man in Judith Werkstatt vergeblich. Das Puppenwerkzeug ist fein und filigran.

Mit dem Schnitzmesser werden die gedrechselten Teile nachbearbeitet. Danach bohrt Judith Löcher in Schultern und Hüften; mit Holzstiften als Gelenken werden die Beine beweglich am Körper befestigt. Das Werkzeug dafür schnitzt sie schnell aus einem dünnen Holzspan zu. Spitz muss es sein; Millimeterarbeit. Nur jene Puppen, die größer sind als 35 Zentimeter, drehen und wenden ihre Gliedmaßen einzeln. Wir schauen zu. Es ist eine bedächtige Arbeit. Wie in eine kühlschrankkalte Butter schneidet das Messer ins Holz. „Das Holz der Zirbelkiefer ist weich und kompakt zugleich“, erklärt die Puppenmacherin. Mit Schleifpapier glättet Judith Kanten und Oberfläche der Puppenkörper.

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discover Die Musterpuppe

Über 100 Jahre ist diese Puppe aus Judiths Sammlung alt. „Sie ist alles andere als perfekt“, sagt die Puppenschnitzerin. „Das ist ja das Schöne.“ Eckiger Kopf, der Körper unregelmäßig, Defekte im Holz souverän ignoriert, das Gesicht wie im Vorübergehen gepinselt.

#4

Ein Unikum

Judiths Hand ist geübt, es fällt ihr leicht, feine schöne Striche mit dem Pinsel zu zeichnen: erst in Schwarz alle Augenbrauen und Wimpern, dann der Reihe nach Blitzblau für die Augen, Rosa für die Wangen, Rot für den Mund. Trotzdem ist keine Puppe gleich. „Du hast keinen schönen Mund gekriegt“, spricht sie zu einer Puppe, die sie gerade betrachtet und tastet nach ihrer Brille. Als sie sie nicht findet, nimmt sie den Pinsel in die Hand, tippt in die Farbe, malt, schaut. Ein schöner Mund. Ihre Hände können das auch ohne Augen.

Text: Gabriele Crepaz und Katja Schroffenegger
Fotos: Alex Filz

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discover Ohne Kleidchen

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discover Ohne Kleidchen

Traditionell wird die Grödner Puppe sparsam bemalt. Das Ankleiden besorgen die Puppenmütter.