Februar 2018

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Schurz-Blau en vogue

Jedes Kleidungsstück hat eine Geschichte. Auch der bäuerliche Schurz. Er erzählt von Traditionen, aber auch von der Gegenwart. Anna Quinz und Fabio Dalvit schreiben diese Geschichte nun weiter. Und sammeln traditionelle Stoffe in ihrem Schrank.

Das Schurz-Blau ist ein Teil von mir. Ich bin damit aufgewachsen. Auch meinen Großvater kann ich mir ohne Schurz nicht vorstellen. Dieses einfache Stoffstück erzählt so seine Geschichte, unbewusst. Vielleicht ist genau das der Grund, wieso ich die Kreativdirektoren Anna Quinz und Fabio Dalvit kennenlernen möchte. Heute erzählen sie mir ihre Geschichte des Schurzes, die sie 2017 durch ihre Modekollektion Qollezione fortgeführt haben.

Die beiden nehmen mich mit auf eine Zeitreise.

#1

Geschichten am Kleiderbügel

Ich betrete Annas und Fabios Reich und bin erstaunt. Es ist wahrlich eine kleine Schatzkammer. Ich befinde mich im einzigen Gebäude in den Bozner Lauben, das noch im Originalzustand des 19. Jahrhunderts erhalten ist. Es ist ein Ort, der Tradition vermittelt und wo jede Ecke eine Geschichte erzählt. Fast schon selbstverständlich kommt es mir deshalb vor, dass Anna und ihr Mann Fabio Dalvit mir hier Geschichten erzählen, eine interessanter als die andere.

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discover Neueinsteiger

2017 mit der Qollezione gestartet, möchten die beiden eine Mode-Kollektion pro Jahr aus traditionellen Stoffen entwerfen.

Anna und Fabio sind nicht nur verheiratet, sie teilen auch die Leidenschaft für Mode: sie mit ihrer offenen Art, er eher zurückhaltender. Fabio überlässt Anna gerne das Wort. Sie erzählt mir von ihren Träumen und Erfolgen. Einen Traum hat sie bereits verwirklicht – die Qollezione. „In dem Projekt steckt aber auch viel Fabio drin“, versichert sie mir. Einen Wunsch hat sie diesbezüglich noch: Ihr gefällt die Vorstellung eines Schrankes gefüllt mit Kleidungsstücken der Qollezione; auch mit jenen, die noch reine Ideen sind. Jedes Teil, ein Stück Südtiroler Geschichte. Eine Art Kollektion im Schrank soll es werden.

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discover Die Qollezione

“Wir wollten zeitgenössische Bekleidung schaffen, die schön und praktisch ist, aber gleichzeitig auch dem Südtiroler Schurz an Wert zurückgibt“, erklärt mir Anna die Wahl des Schurz-Stoffes bei der Qollezione_01. Diese besteht aus fünf Teilen: Kleid, Rock, Latzhose, Hose und Jacke.

#2

Blaue Identität

Wie kann ein Kleidungsstück eine so lange Geschichte erzählen? Fabio blickt auf die sichtlich abgetragene blaue Jacke, die an der Tür hängt. Sie ist von seinem Großvater, wurde an Kragen und Ärmel geflickt. Das Blau ist die „Farbe der Heimat“, erzählt Fabio, „ich kann mich nicht daran erinnern, meinen Großvater jemals ohne Schurz gesehen zu haben“. Ihm geht es so wie mir. Immer schon haben sich die Südtiroler Bauern mit dem Schurz stark identifiziert. Unverzichtbar bei der Arbeit, behielten sie ihn selbst bei der Messe am Sonntag an, ließen ihn unter dem groben Jackett hervorblitzen. Auch heute ist er immer noch ein kulturelles und soziales Element, das die Südtiroler verbindet. Der Schurz ist aber auch geradezu ein Klassiker als Souvenir geworden.

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discover Der Bauernschurz

„Ein Mann ohne Schurz ist nur halb angezogen“, besagt ein Südtiroler Sprichwort.

Die Herkunft des Schurzes

Seit den 20er Jahren strahlt der Südtiroler Schurz in blau. Vermutlich hatten die Bauern es satt, werktags immer nur naturbelassene Leinenstoffe zu tragen. Kaufleute aus Venetien brachten einen hochwertigen resistenten blauen Baumwollstoff, der trotzdem erschwinglich war, ins Land. Den Erzählungen nach bekamen die Buben am ersten Schultag ihren ersten Schurz.

#3

Die Geschichte wird umgeschrieben

„Wie wäre es, wenn ich mir einen Rock aus dem Schurz-Stoff machen lasse?“ Annas Idee anlässlich ihrer Hochzeit vor drei Jahren ließ Fabio schmunzeln. Der Schurz wurde vor allem von Männern getragen. Dabei ist der Stoff resistent und nicht dehnbar, alles andere als ideal für die Herstellung von Bekleidung. Fabio gefiel die Idee und somit schrieben die beiden 2017 die Geschichte eben um. Der Schurz war nun auch was für Frauen. 

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discover Frauenfarbe

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discover Frauenfarbe

„Dieses Blau ist nicht nur kulturell wichtig in Südtirol, es ist auch eine starke aussagekräftige Farbe und somit ideal für Frauenbekleidung“, erklärt mir Anna die Farbwahl. Die Qollezione_01 hat einen zeitlosen Schnitt, ist linear und folgt keinem Trend.

#4

70 Zentimeter

Früher war der Schurz eine echte Arbeiterbekleidung. Wenn ich mich den Kleidern der Qollezione heute nähere, kommen sie mir jedoch sehr kostbar vor. Fast schon respektvoll streiche ich darüber. „Der Baumwollstoff hat interessante Eigenschaften", erklärt mir Anna, "er war aber eine echte Herausforderung". 70 Zentimeter – so breit ist der Schurz-Stoff, an den Rändern mit weiß-roten Borden vernäht. Perfekt, um mit wenigen Nähten einen Schurz zu machen, aber ungeeignet, um Bekleidung daraus zu machen. Der Stoff müsste dafür mindestens doppelt so breit sein. „Wir mussten mehr Nähte einplanen“, erzählt mir Anna von den anfänglichen Schwierigkeiten. Mehr Nähte bedeutet auch mehrere Stoffteile, die in unterschiedlichen Blau-Tönen ausfallen und eine spezielle Behandlung benötigen.

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discover Die Stickereien

Designer Massimiliano Moriz hat eine Recherche zu den typischen Symbolen des Landes gemacht und diese als detailgetreue Stickerei bei der Qollezione integriert. In minimalistischem Blau steht sie im Kontrast zum weißen Innenfutter und einem kleinen Detail in Rosa. Früher, so heißt es, stickten Frauen geheime Liebesbotschaften in den Schurz.

Als ich die Tür zu Annas und Fabios Kreativwerkstatt schließe, enden für mich heute auch ihre Geschichten. Es sind Geschichten, die noch nicht fertig geschrieben wurden. Ich bin mir sicher, dass die Kleidungsstücke in Annas Schrank noch viel zu erzählen haben und von Generation zu Generation weitergegeben werden.

Text: Katja Schroffenegger
Fotos: Ivo Corrà, Luca Meneghel, Matteo Vegetti, Jasmine Deporta