Mai 2015

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Berge für alle

Mit dem Rollstuhl wandern. Ski fahren, wenn man die Beine nicht spürt. Wie baut Südtirol seine Barrieren am Berg ab?

Berge kann man nicht platt machen. Aber man kann mutig sein wie Michael Stampfer und ausprobieren, wie hoch hinauf der Berg einen Rollstuhl fahren lässt. Oder man präpariert Wege und baut Seilbahnen so, dass sie rollstuhltauglich sind. In Südtirol geht das eine nicht ohne das andere.

Ein Hindernis ist für Michael Stampfer noch kein Grund aufzugeben. Seit einem Arbeitsunfall vor zwölf Jahren ist der 38-Jährige querschnittsgelähmt. Zwei Mal hat er seitdem an den Paralympics teilgenommen: 2006 in Turin und 2010 in Vancouver. Im Oktober 2014 sprach er in Brixen beim Kiku.International Mountain Summit über seine Erfahrungen im Bergsport.  

Als er zu uns zum Interview kommt, haben wir alle Hindernisse aus dem Weg geräumt. Weil das Wetter schön war, entschieden wir kurzerhand, das Gespräch im Innenhof zu führen. Da war dann diese Türschwelle. Uns blieb das Herz stehen. Doch Michael Stampfer ließ seinen Rollstuhl geschickt darüber hinweg hüpfen. Ein wunderbarer Einstieg in ein Interview über Draufgängertum und Barrieren in der Höhe, über konkrete Routen und Hilfsmittel, um die Berge in Südtirol aus einer besonderen Warte zu erfahren. Oder haben Sie die steinernen Riesen schon einmal aus diesem Blickwinkel betrachtet?

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Michael Stampfer lässt sich ungern bremsen. Mit seinem Swiss Trac fährt er so hoch wie möglich auf Südtirols Berge.

Berge sind steil und holperig, die Wege nach oben schmal. Wie kann man die Berge für alle zugänglich machen?
Michael Stampfer: Natürlich werden Berge für mich nie bis zum Gipfel hinauf zugänglich sein. Das geht einfach nicht. Menschen mit meiner Einschränkung können dort wandern, wo es breite Wege gibt, die sich auch für Familienausflüge mit Kinderwagen eignen. Almwanderungen auf die Seiser Alm, Villanderer Alm oder Rodenecker Alm etwa sind Ziele, die geeignet sind für mich. Aber es wird wohl nie so sein, dass Wege über 3.000 Meter Höhe für uns präpariert werden.

Es gibt diese schönen Bilder von dir mit den Drei Zinnen im Hintergrund. Welche Hindernisse musstest du überwinden, um dahin zu kommen?
Der Weg hinauf war relativ breit, aber es war sehr holprig, das war das große Hindernis. Das Fahrzeug, das ich habe, funktioniert gut bis zu einer gewissen Steigung und wenn der Untergrund gut ist. Liegen zum Beispiel große Steine auf dem Weg, funktioniert es nicht.

Der Swiss Trac zieht dich auf den Berg

Das heißt, du hast ein spezielles Gerät, um auf den Berg zu fahren?
Genau, das ist ein Fahrzeug mit Elektromotor, das mich sozusagen „zieht“. Dieser Swiss Trac wird von einer Schweizer Firma produziert und ermöglicht es mir, wandern zu gehen. Ein Großteil der Rollstuhlfahrer in Südtirol hat sich das Gerät in den vergangenen Jahren gekauft. Der Weg hinauf zu den Drei Zinnen war aber auf die Dauer doch zu steil, mit tiefen Löchern und vielen Steinen. Freunde haben mir dann immer wieder geholfen und mich gezogen. Da bin ich schon an eine Grenze gestoßen.

„Der Unfall hat mir viel genommen. Ich war begeisterter Fußballer. Andererseits hab ich durch das Skifahren bei den Paralympics die halbe Welt bereist, von Korea bis nach Nord- und Südamerika. Ansonsten wäre ich wahrscheinlich in meinem Dorf geblieben und hätte dort weiter Fußball gespielt.“ Michael Stampfer, Rollstuhlfahrer und Paralympics-Teilnehmer

Du lotest deine Grenzen aus… Wie viel bedeutet es dir, ans Limit zu gehen?
Ich bin ein Mensch, der gern ans Limit geht und alles ausprobieren möchte. Meine Freundin „schimpft“ dann oft und will mich bremsen. Aber ich bin ein Draufgänger. War es immer schon. Jetzt stellt der Rollstuhl an sich schon ein Limit dar. Da versuche ich meine Grenzen noch mehr zu testen. Vor meinem Unfall bin ich leidenschaftlich Ski gefahren. Nach meinem Unfall wollte ich zu den Paralympics. Das habe ich auch geschafft. Ich bin Abfahrt gefahren, da muss man schon relativ risikofreudig sein. Wenn man bedenkt, bei den Spielen in Vancouver 2010 wurden bei den letzten Rennen der Abfahrtsläufer bis zu 122 km/h gemessen…

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Michael Stampfer nahm 2006 und 2010 an den Paralympics teil. Seine Disziplin: Abfahrtslauf mit 122 km/h.

Wie wählst du eine Tour aus?

Mehr noch als andere Wanderer musst du dich informieren, welche Routen am Berg geeignet sind. Wie wählst du eine Tour aus?
Ich informiere mich einerseits bei meinen Kollegen, die ebenfalls im Rollstuhl sitzen und das eine oder andere schon getestet haben. Andererseits lesen wir viel auf der Touren-Website sentres.com nach und manchmal probieren wir eine Wanderung auch auf gut Glück aus.

Barrierefrei wandern – wie gut steht Südtirol mit seinem Angebot da?
Ehrlich gesagt kenne ich keine andere Region, die besser ist. Ich war auch in Österreich schon wandern und finde, dass Südtirol im Vergleich besser abschneidet. Es gibt hier überall – in jedem Tal – Wege und Touren, die ich machen kann. Man könnte höchstens sagen, dass man noch höher hinauf möchte.

Wie hoch wäre noch höher?
Einen Gipfel zu erreichen wäre sicherlich schön. Dafür werde ich wohl einen Hubschrauber mieten müssen (lacht). Aber es gibt hier wirklich sehr viele schöne Wanderwege auf etwas niedrigeren Höhen.

Es gibt eine App „Südtirol für alle“. Wie hilfreich ist die?
Ja, ich kenne die App. Die hilft schon. Allerdings sind dort eher einfache Routen beschrieben, also eher Spazierwege, die sich natürlich gut eignen…

Dir aber vielleicht zu wenig sind…
Na ja, wenn ich beim Wandern hinauf schaue und die Berge und Gipfel sehe, wäre ich schon gerne da oben. Wir sind letzthin im Pustertal rund um den Pragser Wildsee spaziert; Freunde von uns sind schon früher gestartet und bis auf den Gipfel gewandert. Da würde man selbst natürlich gerne mitgehen. Aber ich bin schon zufrieden, dass es so weit geht, wie es eben geht.

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Eine Frage des Gleichgewichts und der Fitness. Im Oktober spricht Michael Stampfer beim Kiku. International Mountain Summit (IMS) in Brixen über seine Erfahrungen im Bergsport.

Wie barrierefrei sind Südtirols Berge?

Sind die Seilbahnen in Südtirol grundsätzlich barrierefrei?
Also hier fallen mir spontan die Seilbahn in Ratschings und die Seiser Alm ein, die barrierefrei sind. Die Seilbahn auf die Plose oberhalb von Brixen geht nicht, dort ist es sehr schmal und mit Stufe, dafür ist das Personal sehr hilfsbereit. Aber für mich bedeutet barrierefrei, dass ich auf keine Hilfe angewiesen bin. Sobald ich Hilfe benötige, ist es nicht mehr barrierefrei.

Was braucht Südtirol noch, damit Menschen mit Beeinträchtigungen höher in die Berge kommen?
Was ich gut fände, wäre ein Führer mit anspruchsvollen Touren, die man mit dem Swiss Trac bewältigen kann. Und es wäre super, wenn der Verleih von bestimmten Geräten angeboten werden könnte. Auf der Seiser Alm sind die Wege ja schon bestens präpariert. Wenn hier noch ein Fahrradverleih Handbikes anbieten würde, wäre das ein toller Service. Ich nenne immer wieder die Seiser Alm als Beispiel, weil dort wirklich schon alles vorhanden ist – bis auf die Geräte.

Das Kaunertal in Tirol gilt als Vorbild beim Angebot eines „barrierefreier Bergtourismus“. Warst du schon dort?
Ja, es gibt dort auch das erste „Rolli-Hotel“ der Alpen: Hotel Weissseespitze. Dort ist die Bartheke auf derselben Ebene wie die Tische im Raum, was ja normalerweise nicht der Fall ist. Ein Geher neben mir nimmt dann eben auf einem niedrigeren Barhocker Platz, sodass er nicht höher sitzt als an den Tischen. Und im Hotel gibt es auch einen Geräteverleih.

Sport am Berg macht fit für den Alltag

Du bist ein sportlicher Mensch. Wie wichtig ist Sport generell für körperlich eingeschränkte Menschen?
Sport ist generell wichtig, aber für körperlich eingeschränkte Personen noch mehr. Die alltäglichen Bewegungen wie aufstehen, ins Bett gehen oder ins Auto einsteigen sind einfach nicht mehr so wie früher, da hilft es sehr, wenn man körperlich fit ist. Würde ich jetzt 15 Kilo mehr wiegen, wäre die Bewegungsfreiheit gleich viel eingeschränkter.

Machst du auch Krafttraining?
Nein. Ich spiele gern Tennis, gehe handbiken, schwimmen, im Winter fahre ich Ski. Das sind Sportarten, die mir Spaß machen. Ich schaue, dass ich zwei Mal pro Woche etwas davon mache.

Wie war es, das erste Mal auf dem Monoski zu stehen?
Am schwierigsten ist es, die Angst zu bewältigen. Die Balance zu halten ist natürlich auch nicht ganz einfach… Wenn man auf zwei Skiern steht, kann man immer auf das „Pflugfahren“ zurückgreifen. Aber wenn man es erst einmal kann, ist es einfach ein Traum, eine Genugtuung. Wie beim Bergsteigen, selbst wenn ich manchmal Hilfe brauche, aber das Gefühl oben anzukommen, ist genial. 

Hast du dir ein Ziel gesetzt beim Bergsteigen?
Nein, aber es wäre toll, wenn man den Wanderweg zu den Drei Zinnen verbessern würde. Wir haben versucht, bis zur Drei Zinnen-Hütte zu kommen. Die Straße war nicht besonders steil, aber sehr uneben. Mit ein bisschen Bearbeitung könnte man diese Strecke rollstuhltauglich machen. Es ist einfach ein Weg mit wunderschönem Panorama.

Interview: Gabriele Crepaz und Dora Vannetiello