Februar 2016

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Alter, siehst du jung aus!

Bauernhäuser sollen in Südtirol erhalten bleiben. Eine Ideenwerkstatt hilft den Bauern, wenn sie ihr Haus sanieren wollen.

Der Bürgermeister und der Landeshauptmann haben den Bauern vom Infanglhof zugeredet, ihr Haus zu verlassen und an anderer Stelle neu aufzubauen. Die Infangler haben abgelehnt. Sie wollten dort bleiben, wo sie sind, mitten im Lawinengebiet, und ihr Haus sanieren. Stehen Sie selber vor der Entscheidung: Aufmöbeln oder neu bauen? Vier Fragen sollten Sie sich vorher unbedingt stellen.

Wir stehen im Eingang zum Infanglhof im Pfossental, einem Seitenarm des Schnalstals bei Meran. Es hat kaum geschneit heuer im Winter. Das beruhigt uns, denn der Hof liegt voll in einem Lawinenstrich. Rote Zone, sagt Stefanie Kofler, die Bäuerin. Wenn es schneit, kommt die Lawine. Immer. Sohn Gotthard, der im Bezirksinspektorat in Schlanders arbeitet, zeigt auf eine breite Bretterwand: „Diese Latte stammt vom alten Stall. Hier, das hellere Holz, ist vom Stadel übriggeblieben.“ Wir sind fasziniert. Er weiß von jedem Holzbrett am Haus die Geschichte zu erzählen. Danach führt er uns zur Rückseite des Hauses, unten rauscht der Bach vorbei, dahinter reckt sich der böse Hang auf. Hier klebt eine 70 Zentimeter dicke Mauer aus Stahlbeton am Haus. Seit dem Umbau ist das Gebäude gut geschützt. „Wir sind froh, dass wir das durchgesetzt haben“, sagt Gotthard Rainer.

2007 haben die Infangler begonnen, ihr Bauernhaus zu sanieren. Ein Stall für acht Kühe, der Stadel und ein Bereich für die Eltern wurden neu angebaut. 2014 erhielten die Bauern für die vorbildhafte energetische Sanierung ihres Wohngebäudes den ITAS-Anerkennungspreis „Bauern(h)auszeichnung“. Ein Preis, der für die Bauern ein Anreiz sein soll, ihre oft wertvollen alten Häuser nicht durch 0815-Neubauten zu ersetzen.

Noch verstehen wir nicht recht, warum die Infangler darauf bestehen, hier weiterhin wohnen zu wollen. Es ist kein begnadeter Ort, an dem ihr Hof steht. Die Lage gleicht einer Schlucht, eng und wild. Erst als wir uns in die Stube setzen und Stefanie Kofler und Gotthard Rainer zuhören, begreifen wir, es gibt Häuser, die waren schon immer da. Mit ihnen wächst man auf. Sie gehören zu einem. Ohne sie können wir uns manche Orte gar nicht vorstellen. Manchmal ersetzen sie sogar Straßennamen. Es sind Häuser, die leben. Die man nicht aufgeben kann, ohne etwas Wichtiges zu verlieren.  

Was war die erste Überlegung, als Sie umbauen wollten: sanieren oder alles abreißen und neu bauen?
Gotthard Rainer: Für mich hat es nie eine Alternative zur Sanierung gegeben. Aber mir war von Anfang an bewusst, dass es mehr Arbeit ist, ein altes Haus den heutigen Standards anzupassen, als neu zu bauen…

Ist es das – mehr Arbeit?

Gotthard: Ja. Wenn man neu baut, baut man im rechten Winkel, die Wände schön senkrecht. Bei den alten Häusern sind die Wände schief, die Böden gewellt, das muss man alles ausgleichen.

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Gotthard Rainer und seine Mutter Stefanie Kofler hängen an ihrem Hof in der roten Lawinenzone. Ein Neubau ihres Hauses ist für sie nie in Frage gekommen.

Und wie oft dachten Sie sich während des Umbaus, hätten wir vielleicht doch neu bauen sollen?
Gotthard: Ich, nie!
Stefanie Kofler: Nur am Anfang hat es darüber eine Diskussion gegeben. Da haben wir beim Land Südtirol um Unterstützung für einen Lawinenschutz angesucht, wir liegen ja in der höchsten Gefahrenzone. Der Landeshauptmann wollte uns damals überreden, auf einem anderen Grund ein neues Haus aufzustellen. Aber dann hätten wir unser Haus zurücklassen müssen. Gotthard und ich haben gleich gesagt, das kommt nicht in Frage. Ich habe dieses Haus geerbt, da kann ich doch nicht die Erste sein, die hier weggeht. Mein Mann hat länger überlegt, er hat gesagt, dann brauchst du keine Angst mehr zu haben. Aber er hat gesehen, wie schwer es uns fällt...

#1

Fragen Sie sich, wie Sie wohnen wollen

Gotthard, was hält Sie hier? Kann man das als Gefühl beschreiben?
Gotthard: Ich bin hier aufgewachsen. Vielleicht hängen wir Bauern stärker an unserem Grund und Boden als Menschen, die im Dorf oder in der Stadt wohnen, aber ich könnte mir nicht vorstellen, irgendwo anders zu leben. Die Stadt ist nicht mein Fall. Nicht zum Leben.

Wenn man ein Haus saniert, geht es in erster Linie darum, etwas zu bewahren. Was ist an Ihrem Haus so wichtig, dass es bleiben sollte?
Gotthard: Es ist das Blockhaus als Ganzes, mit diesem eigenwilligen Wohngefühl. Ein Holzhaus ist immer etwas Besonderes. Mir hätte es leidgetan, alles abzureißen. Auch die Stube hier, in der wir sitzen.

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Die Sanierung des Infanglhofes erzählt von der Liebe zum Detail. Das verwendete Holz stammt aus dem Bestand der Familie, die Steinplatten haben die Infangler aus dem nahe Bachbett geborgen.

#2

Wie gut kennen Sie das Haus, in dem Sie wohnen?

Was ist für Sie ein eigenwilliges Wohngefühl?
Gotthard: Dieses Haus lebt! Wenn der Wind geht, dann raschelt das Haus. Man hört es. Wenn’s warm wird, krachen die Balken…

Das heißt, Sie und das Haus kennen sich?
Stefanie: Ja, so könnte man es nennen. Früher, wenn es viel geschneit hat, hast du schon in der Nacht gehört, dass es anfängt zu graschglen, dann hast du gewusst, uh, es hat viel geschneit. Das spüren wir nicht mehr. Jetzt ist der Dachstuhl stark und gut gebaut. Trotzdem ist es immer noch unser altes Haus. Wir gehören hierher.

Was sollte beim Umbau verbessert werden, damit das Haus einem modernen Lebensstandard gerecht wird?
Gotthard: Wir haben für den Umbau einen groben Plan zeichnen lassen. Während des Baus haben wir dann vieles anders gemacht. Ich habe einen guten Maurer gehabt und einen guten Zimmermann, die haben ein sicheres Gefühl für die Umsetzung unserer Ideen entwickelt. Als wir im März 2007 zu bauen begonnen haben, war das Wichtigste, mit dem Bau so weit zu kommen, dass er winterfest ist. Es ist knapp geworden. Im Keller haben wir noch Beton gegossen, da hat es zum ersten Mal geschneit. Um Allerheiligen waren dann die Tiere endlich im Stall. Die Dachschindeln haben wir erst im Jahr darauf gelegt. Das haben wir nicht mehr geschafft.

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Gotthard Rainer kennt jeden Balken an seinem Haus. Die dunklen Bretter stammen vom alten Stall, die helleren vom abgerissenen Stadel.

Gab es denn viele Überraschungen, mit denen Sie nicht gerechnet haben?
Gotthard: Das alte Dach zum Beispiel haben wir mit dem Baukran in vier Teilen samt Schindeln, Steinen und Balken abgehoben. Leider war unten dran das Wandgetäfel hängen geblieben. Das hat keiner ahnen können. Da haben wir dann unter freiem Himmel geschlafen. Die Holzbretter haben wir aber gerettet. Die verbauen wir wieder, habe ich gesagt. Ich habe damals gar nicht gewusst, wie wir das machen sollten. Im Jahr darauf haben wir mit diesem Holz einige Wände gebaut. Was fehlte, haben wir aus dem Holz, das vom Abbruch des Stadels übrig geblieben war, ergänzt. Wir haben nie im Voraus gewusst, wie es werden wird.

#3

Wo können Sie selber Hand anlegen?

Sie haben sehr viel selber gemacht beim Umbau. Man hat das Gefühl, immer wieder wurde ein bisschen gebaut?
Gotthard: Eigentlich sind wir immer noch dabei. Bei mir ist etwas fertig, wenn es fertig ist. Ich schau nicht so sehr auf die Zeit. Mir ist das Ergebnis wichtig. Aber natürlich kommst du bei einem alten Haus an natürliche Grenzen. Zum Beispiel haben wir den Giebel im oberen Bereich schön isoliert. Aber eine Außenwand in der Stube hier ist so geblieben, wie sie war. Man müsste die gesamte Täfelung abnehmen, und das geht nicht, da wäre alles kaputt. Das sind halt Sachen, wo man begrenzt ist.

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Die Passion für das Erbe: Gotthard Rainer hat unzählige sanierte Häuser besichtigt, um die richtigen Entscheidungen für das Wohnhaus der Familie zu treffen.

Ist es also kalt hier?
Gotthard: Wenn fest der Wind geht, ist es in diesem Raum kühl. Trotz Ofens und des Heizkörpers unter der Sitzbank. Aber der Boden ist jetzt isoliert.

Stefania: Früher hat es von unten kalt heraufgezogen, beim Ofen war es warm, und hier am Tisch war es kalt. Aber das waren ein paar Tage, es ist ja nicht der ganze Winter so.

Bei einer Sanierung ist nicht alles möglich. Was war der größte Verzicht?
Gotthard: Verzichten muss man auf Freizeit. Das sind Unmengen Stunden, die so ein Projekt verschlingt. Über Jahre. Andererseits wäre es für uns nicht möglich gewesen, den Umbau zu finanzieren, wenn wir nicht so viel selber gemacht hätten. Kein normalverdienender Mensch kann sich das leisten. Nicht in dieser Qualität, wie wir es jetzt haben und haben wollten. Wir haben alles x-mal durchgerechnet.

Sie hätten bei einem Neubau wahrscheinlich genauso mitgearbeitet. Oder?
Gotthard: Wahrscheinlich schon.

Südtirols Tage der Architektur

Das ist die Gelegenheit! An den Tagen der Architektur darf man 40 gelungene Bauwerke in ganz Südtirol – darunter Bauernhäuser, Kellereien, Hotels und viele private Gebäude – von innen sehen. Architekten und Bauherren erzählen, wie es ist, in Berg und Land hinein zu bauen.

#4

Wie viel „Erfahrung“ hat Ihr Haus auf dem Buckel?

Wie alt ist Ihr Hof?
Gotthard: Dieses Haus hier wurde 1920 gebaut. 1919 hatte eine Lawine den Hof zerstört. Die damaligen Eigentümer hatten nicht viel. Sie haben vom Bürgermeister einen Brief erhalten, der ihnen erlaubt hat, für den Wiederaufbau in ganz Südtirol zu betteln. So haben sie das Geld zusammengebracht. Das Haus davor war ein paar 100 Jahre alt. Wie alt genau, weiß niemand.

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Dieser Brief erlaubte es dem Infangl-Bauern 1919, in den Südtiroler Gemeinden Geld für den Wiederaufbau seines Hofes zu sammeln. Jede Gemeinde quittierte mit einem Stempel.

Stefanie: Das ist der Brief, mit dem der frühere Bauer lottern gegangen ist. Jede Gemeinde, in der er gebettelt hat, hat den Brief abgestempelt. Der alte Infangler hat mir erzählt, wenn er abends im Gasthaus eine Suppe bestellt hat, haben die Leute gesagt, jetzt haben wir ihm Geld gegeben und er gibt es für eine Suppe aus. Er habe sich oft gar nicht getraut, im gleichen Ort zu essen.

Man sagt, man muss zwei Mal bauen, dann erst baut man richtig. Wie war das bei Ihnen?
Gotthard: Beim Haus haben wir, glaube ich, alles richtig gemacht. Aber der Stadel ist viel zu klein. Den hätten wir zehn Meter länger machen sollen. Aber das hat man uns damals nicht genehmigt. Heute müssen wir das Heu im Sommer draußen aufstocken und zudecken. Das ist kein Zustand. Aber sonst… nein, ich würde nichts anders machen.

Was sagen die Leute im Dorf zu Ihrem Umbau?
Gotthard: Die haben zuerst den Kopf geschüttelt, sie haben gesagt, wir sind verrückt, hier im Lawinenstrich bleiben zu wollen. Jetzt, wo wir das alles durchgezogen haben, klopfen uns die Leute auf die Schulter.

Interview: Gabriele Crepaz
Fotos: Dora Vannetiello

Wenn zwei sich finden

Bauern und Architekten? Nicht immer ein einfaches Gespann. Die einen haben gute Ideen, die anderen wissen schon vorher, dass sie sich diese nicht leisten können. Die Initiative „Ideenwerkstatt PLANEN“ im Rahmen des Preises „Bauern(h)auszeichnung“ setzt an diesem Zwiespalt an: Bauern, die ihr Haus sanieren wollen, treffen auf Südtiroler Architekten, die mit ihrem Ideenentwurf zur Sanierung historisch wertvoller Bausubstanz beitragen wollen. Die besten Entwürfe werden prämiert. 2014 haben Südtiroler Architekten jeweils Sanierungskonzepte für den Daimlhof in Ums bei Völs, den Burgstallerhof in Vintl und den Rackerterhof am Ritten ausgearbeitet.

Bleibt die Frage: Welcher Bauer setzt den Siegerentwurf als Erster um?