Februar 2017

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Weil's schön macht

Wirken die Kräuter vom Wegesrand als Heilmittel? Ja, sagen unsere zwei Kräuterfrauen. Sie raten uns: Macht einfach die Augen auf!

Wie war das bei euch? Wenn ich als Kind Halsweh hatte, stand meine Mutter sofort mit dem Salbeitee da und ich wusste: gurgeln. Gegen Husten gab es Eibisch, bei Muskelkater wurde Arnikaschnaps eingerieben. Was soll ich sagen? Es half. Die Kräuterpädagoginnen Jutta Tappeiner Ebner und Renate De Mario Gamper haben noch mehr Naturrezepte auf Lager. Vier Wildkräuter haben sie für uns ausgewählt: Giersch, Echtes Labkraut, Johanniskraut und Beifuß. Nie hätte ich erahnt, wie sie wirken und welche Geschichten sich um sie ranken… Man muss halt ein bissl daran glauben. Das schon.

Wird es sich verziehen? Zwei Tropfen haben wir schon gespürt. Der Wind bläst. Hier oben an der St. Hippolyt-Kapelle, einem wirklich magischen Platz oberhalb von Lana, fühlen wir uns an diesem Samstagnachmittag den Mächten des Himmels schutzlos ausgeliefert. Die Kräuterfrauen lachen. „Gegen das Gewitter? Da haben wir auch etwas…“, sagt Jutta geheimnisvoll. „Gell, Renate?“ Plötzlich spüre ich, in diesen Frauen steckt eine Kraft... Beide tragen ein Dirndl, aber das ist es nicht. Ihre Haare fliegen. Schön anzusehen. Und ein bisschen wild. Das ist es. Das Wilde. Wie sie sich bewegen, irgendwie furchtlos, oder besser: erdsicher. Hexen? „Wenn damit Frauen gemeint sind, die ein großes Wissen über die Natur haben, sind wir damit einverstanden“, sagen Renate und Jutta.

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Vier mächtige (Un)kräuter (v. l.): Johanniskraut, Echtes Labkraut, Beifuß und Giersch.

Aus ihren Körben wuchert Unkraut. Aber das ist es nur in unseren Augen. Einiges haben sie auf dem Weg zur Kapelle abgezupft, anderes aus ihrem Garten mitgebracht. Wir wollten ja Wildkräuter kennenlernen, die jeder am Wegesrand einsammeln kann. Und die auch noch gesund sind und schön machen.

Vier Kräuter haben Jutta und Renate ausgewählt. Bei den Namen lächeln wir unsicher. Einzig das Johanniskraut habe ich selber schon verwendet. „Es reicht, wenn man nur eine Handvoll Kräuter kennt, diese aber durch und durch“, machen die Expertinnen uns Mut: „Ihr werdet sehen, was wir erzählen, wird euch gar nicht fremd vorkommen. Es ist altes Wissen, das in unseren Zellen gespeichert ist.“ Also, sagen wir zu unseren Zellen, sprecht zu uns!

Und die Frauen stellen sich vor uns hin und fangen an. Jutta zieht ein Büschel aus ihrem Korb: „Giersch“ sagt sie, „bei mir im Garten wächst er massenhaft. Ihr kennt ihn vielleicht…“

#1

Giersch: die Basenbombe gegen Rheuma

Jeden Morgen geht Jutta in aller Herrgottsfrühe in den Garten ihres Bacherhofes in Nals bei Bozen, schneidet ein paar Gierschstängel und mixt diese zu einem Smoothie (siehe bitte Rezept nebenan). „Wenn ich es einmal nicht schaffe, wird daheim schon brontoliert“, erzählt sie. Giersch (Aegopodium podagraria) war in der Volksheilkunde ein beliebtes Rheumamittel. Schon die Römer haben ihre Gichtknoten damit behandelt. „Giersch entsäuert und regt den Stoffwechsel an“, sagt Jutta Tappeiner Ebner. Er enthält viele Vitalstoffe, Vitamine und Spurenelemente wie Zink und Eisen. Aber nicht deswegen sind ihr Mann und ihre Tochter so wild auf den Frühstückssaft. Jutta zieht ein Fläschchen aus dem Korb. Sie lässt uns probieren. Der tiefgrüne Smoothie liegt samtig auf der Zunge, er schmeckt frisch, ein bisschen nach Apfel und Zitrone, gar nicht so herb, wie es der Petersiliengeschmack des Gierschs vermuten lässt.

„Wichtig ist, dass man das richtige Kraut erwischt“, sagt Jutta. Sie hält einen Stängel in die Höhe. Er ist dreieckig; die Blätter sind doppelt dreizähnig. Jutta Tappeiner Ebner verwendet die jungen Blätter als Salat oder Spinat; getrocknet wird er zu Pulver und Salz zerstampft.

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Giersch ist ein wirksames Basensalz, das den Körper entsäuert und den Stoffwechsel anregt. Wer es wie Jutta einmal im Garten hat, wird es nicht mehr los...

#2

Echtes Labkraut: das Kraut zum Schlankwerden

Renate windet sich derweil ein feingliedriges Pflänzchen ums Haar. „Ihr findet das hier überall“, sagt sie, „es bleibt an den Bergschuhen und Kleidern kleben.“ Wir schauen uns um. Stimmt. Aber wenn man es nicht weiß, ist es leicht zu übersehen. Das Echte Labkraut (Galium verum) hat gelbe Blüten und riecht nach Honig, „es ist die reinste Bienenweide“, weiß Renate. Dem Kraut werden lymph-, haut- und blutreinigende Eigenschaften zugeschrieben. Es eignet sich deshalb sehr gut als Tinktur bei Geschwüren und Hauteiterungen. „Wir zwei machen uns mit dem Echten Labkraut gerne ein Deo“, sagt Renate. Aus hochprozentigem Alkohol und Labkraut brauen die Frauen dafür einen starken Aufguss, geben ein paar Tropfen eines ätherischen Öls dazu, fertig.

Unkraut macht Smoothie

Jutta Tappeiner Ebner verrät uns ihr Frühstücksrezept.

Zutaten: Giersch, Labkraut, Sauerampfer, Frauenmantel, Apfelsaft (oder Saft eines gepressten Apfels), Zitrone.

Alle Zutaten im Verhältnis zwei Drittel Kräuter, ein Drittel Flüssigkeit in einem Mixer (ein halber Liter Füllmenge) zerkleinern und vermischen. Viel Wasser nachtrinken! „Alle Stoffe, die im Körper gelöst werden, müssen ausgeschwemmt werden“, sagt Jutta Tappeiner Ebner.

Viel aufregender ist ein Versprechen, das dem Echten Labkraut seit Urzeiten anhängt. „Es gilt als DAS Kräutergeheimnis zum Schlankwerden“, verrät Renate. „Schon der Pflanzenheiler John Gerard hat im 16. Jahrhundert eine Suppe aus Echtem Labkraut empfohlen, um schlank zu bleiben…“, sagt Renate. „Das hast du mir ja noch nie erzählt“, protestiert Jutta. Seit vier Jahren arbeiten die Frauen zusammen. Sie haben sich bei einem Kräuterkurs kennengelernt. Dort beschlossen sie, fortan gemeinsam altes Kräuterwissen zu erhalten und mit den Erkenntnissen der modernen Phytotherapie zu verbinden. „Die Welt ist ja nicht stehengeblieben.“ Dennoch hängen sie an den alten Ritualen, mit denen unsere Vorfahren Schmerzen gelindert, Dämonen vertrieben und Götter gnädig gestimmt haben. „Wir wollen nur einen Schlüssel finden, der zur heutigen Zeit passt“, sagt Jutta.

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Das Johanniskraut ist für Jutta Tappeiner Ebner ein „natürliches Sonnendoping“.

#3

Johanniskraut: das Wundmittel an Leib und Seele

Immer zur Sommersonnenwende treffen sich Jutta und Renate mit ihren Freunden und verbrennen magische Hölzer. Es ist ein Fest wie früher. „Da wird in einem großen Feuer alles verbrannt. Sorgen und Krankheiten“, sagt Jutta. Das Johanniskraut (Hypericon perforatum) darf nie fehlen. Für uns zündeln die Frauen, um das drohende Gewitter zu vertreiben. „Johanniskraut und Dill machen das Gewitter still“, erzählt Jutta aus den Aufzeichnungen der Alten. Renate probiert. Es will und will nicht, der Wind bläst jede Flamme aus. „Eine richtige Hex‘ muss anschüren können“, kaspern die Frauen. Also liegt es nicht am Wind…?

Für Jutta ist das Johanniskraut in erster Linie ein „natürliches Sonnendoping“. Als Tinktur eingenommen wirke es auf die Seele. Im Mittelalter haben die Bauern das Kraut im Stall und hinter der Haustür aufgehängt, um böse Geister fernzuhalten. „Heute sind unsere Dämonen andere: Schwermut vielleicht und Einsamkeit“, sagt Jutta. Dann beschleicht sie ein Zweifel: „Hab ich überhaupt das richtige Kraut? Renate, schau bitte.“ Wir schauen auch. Und erspähen viele winzige Löcher in den Blättern, wie mit einer Nadel gestochen. So muss es sein, sagt Jutta: „Man sagt, der Teufel selber habe die Blätter durchlöchert, aus Wut darüber, dass die Menschen dieses Kraut entdeckt hatten.“

Die Hausapotheke von Jutta und Renate

● Johanniskrautöl: wirkt gegen Herpes Zoster und andere Viren, bei Entzündungen und Venenleiden ● Kapuzineressig: ein natürliches Antibiotikum ● Holunderbeerensaft: gilt als immunstärkend ● Sirup aus Spitzwegerich: hilft bei Katarrhen der Luftwege, reiz- und hustenlösend ● Kamille und Salbei: sind wahre Tausendsassa; wirken vor allem entzündungshemmend ● Lavendel: hilft bei Hautunreinheiten, Juckreiz oder Pilzerkrankungen ● Pechsalbe: wirkt als Zugsalbe, hilft bei Verstauchung, Kreuzschmerzen, Fieberblasen, Splittern in der Haut.

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Vor 15 Jahren hat Jutta Tappeiner Ebner dieses Johanniskrautöl angesetzt. Bis heute hat es seine blutrote Farbe und seine heilende Wirkung bewahrt.

Mit ihrer Mutter, einer Hebamme, holte Jutta das Johanniskraut früher jedes Jahr am Vinschger Sonnenberg. „Dort haben wir ein besonderes Platzl gehabt.“ Triebspitzen, Blüten, Samen und Knospen legten sie dann in gutes Olivenöl ein, bis ein blutrotes Öl entstand. Noch heute tupft Jutta damit Narben ab, die so schön verheilen, und behandelt spröde Haustellen. Sie zieht ein Fläschchen mit einer roten Flüssigkeit aus dem Korb. „Ihr werdet es mir nicht glauben, aber du, Renate, glaubst es mir, dieses Öl ist 15 Jahre alt.“ Wir riechen. Ungläubig. Gar kein ranziger Geruch. „So hoffen wir, dass es auch uns konserviert“, grinst Jutta. Ein Tipp: Mit heißem Wasser und einem Eigelb vermischt, verleiht gemahlenes Johanniskraut – ungefärbten! - Haaren einen jugendlichen Glanz.

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Beifuß ist in der Volksmedizin eines der mächtigsten Kräuter. „Wenn man nur ein Kraut verwendet, dann am besten dieses“, sagt Renate De Mario Gamper.

Limonade aus Beifuß

Schneller kann man nur Eiswürfel in einen Krug Wasser ploppen lassen. Wenn ihr ein paar Minuten mehr Zeit zur Vorbereitung habt, lohnt sich das: Nehmt ein Zweiglein Beifußkraut, walkt es mit dem Nudelholz, lasst den Zweig danach in Apfelsaft ziehen, bis sich sein balsamisches Wermutaroma entfaltet, und gießt mit frischem Wasser auf. Renate De Mario Gamper: „Das ist unsere Kräuterlimonade.“

#4

Beifuß: das wärmende Frauenkraut

Zwei Touristen bieten sich nun an, es mit dem Feuer zu versuchen. Die Kavaliere mühen sich redlich. So kann sich Renate dem Beifuß (Artemisia vulgaris) widmen, einem Kraut, das überall unter unseren Füßen wächst und in Europa wie bei den Schamanen Amerikas oder in der chinesischen Medizin als Heilmittel verwendet wird. „Es ist die Mutter aller Kräuter. Wenn man nur ein Kraut verwenden will, dann dieses“, sagt Renate. 2015 erhielt die chinesische Pharmakologin Youyou Tu für den erfolgreichen Einsatz einer Beifußart gegen Malariaerreger den Nobelpreis im Bereich Medizin. Hildegard von Bingen kochte Gänsebraten nie ohne Beifuß. Und die römischen Legionäre stopften sich vor langen Märschen ein paar Blätter Beifuß in die Schuhe, „und schon war alle Müdigkeit verfolgen“. Ob es bei Bergtouren auch wirkt? Ich nehme mir vor, es zu probieren.   

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discover Der Unkraut-Smoothie

Jeden Tag in der Früh geht Jutta Tappeiner Ebner in ihren Garten, schneidet ein paar Gierschstängel und mixt daraus einen grünen Smoothie.

Beifuß gilt seit Jahrhunderten als verdauungsfördernd und krampflösend; bekannt ist er vor allem als wärmendes Frauenkraut. So soll Beifuß den weiblichen Zyklus regulieren und Geburtswehen anregen, früher wurde er ins Wochenbett gelegt, um die Plazenta auszutreiben. Jedes Jahr im Juni banden sich die Frauen einen Beifußgürtel um die Hüfte und sprangen über das Sonnwendfeuer; damit wollten sie ihre Fruchtbarkeit fördern. Beifuß ist ein Kraut mit mächtiger Wirkung. Die Germanen nannten es „Machtwurz“, das mächtigste aller Kräuter. „Ein paar Blätter reichen. Überhaupt wirken Wildkräuter viel stärker als Kulturpflanzen“, erzählt uns Renate. In der Schwangerschaft, bei Fieber und bei Allergien gegen Korbblütler ist die Verwendung von Beifuß deshalb tabu.

Die Männer geben auf. Kein Feuer brennt. Renate übernimmt. Noch einmal kramt sie in ihrer Tasche und findet nun ein Stück Holzkohle. Endlich brennt das Büschlein, und – diesmal bleibt es trocken auf dem St. Hippolythügel.

Text: Gabriele Crepaz
Fotos: Ivo Corrà

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discover Die kleine Hausapotheke

In die Apotheke gehen Jutta und Renate selten. Meistens kaufen sie dort leere Fläschchen und Döschen, um diese mit ihren Tees, Tinkturen und Salben zu füllen.

Als die Ärzte noch weise Frauen waren…

2.000 v. Chr.: In Sumer und Ägypten werden erste Rezepte mit Heilkräutern aufgezeichnet. Den Göttern wird kräftig geopfert.
600 v. Chr.: Kelten und Germanen achten auf den richtigen Zeitpunkt. Es wird wichtig, zu welcher Jahres- und Tageszeit Kräuter gesammelt und geweiht werden.
500 v. Chr.: Griechen und Römer gelten als Begründer der abendländischen Medizin. Erstmals werden die Eigenschaften von Heilpflanzen untersucht. Die Vier-Säfte-Lehre von Galen definiert Gesundheit als ausgewogene Mischung von vier Körpersäften.
500 n. Chr.: Das Christentum dämonisiert das „heidnische“ Heilwissen. Die Signaturenlehre von Paracelsus setzt sich durch: Gott hat gegen jede Krankheit ein Kraut geschaffen; ein Merkmal (Form, Geruch, Farbe, Geschmack etc.) zeigt an, welche Heilkraft die Pflanze besitzt. Außerhalb der Klöster liegt die Medizin in den Händen der Frauen.
1500 n. Chr.: Der Apotheker Friedrich Sertürner entdeckt den ersten pflanzlichen Wirkstoff: das Morphin. Damit beginnt die moderne Arzneimittel-Medizin. Heilkundige Frauen werden häufig als Hexen gebrandmarkt und verbrannt.
19. und 20. Jh.: Die Pflanzenheilkunde wird wieder entdeckt. Vor allem Pfarrer (Kneipp, Weidinger etc.) graben das alte Wissen aus und machen es populär.
 
aus: Irene Hager/Astrid Schönweger/Alice Hönigschmid, Südtiroler Kräuterfrauen, Löwenzahnverlag 2014