September 2017

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„Hallo, Baum!“

Waldbaden ist derzeit in aller Munde. Doch was hat es wirklich auf sich damit? Eine Spurensuche in den Wäldern Südtirols.

Ich konnte mich noch nie damit anfreunden, Bäume zu umarmen. Gleichzeitig erfahre ich immer wieder, wie gut es mir tut, im Wald zu sein. Ich werde ruhig und die Welt tritt einen Schritt zurück. Auch wenn ich nichts aktiv tue - so wie neulich: Ich war wieder mal im Wald, weil viele Gedanken in meinem Kopf herumschwirrten und ich einen Ort suchte, um kurz aufzuatmen.

Ich weiß nicht, wieso ich bei viel Stress meist in den Wald gehe. Versuche ich kurzzeitig, vor meinem Alltag zu fliehen? Hoffe ich, niemanden anzutreffen? Kann ich dort all meine Gedanken loswerden? Eines passiert mir aber jedes Mal, wenn ich im Wald bin: Ich erinnere mich an meine Kindheit zurück, vor allem an das Baumhaus-Bauen mit Freunden in den Sommerferien. Beim Gedanken daran, wie wir dem Nachbarn Nägel und manch Brett heimlich entwendet haben, lache ich kurz auf. Zum Glück hört mich niemand, ich bin ja allein – mitten im Wald. 

Heute nehme ich ein Buch mit. Oder auch mal einfach nichts – und lasse die Natur auf mich einwirken: Ich gehe spazieren, ziehe die Schuhe aus, meditiere oder spiele wie früher. Ist das wirklich so einfach? Und warum? Ich gehe auf Spurensuche, weil ich wissen möchte, was der Wald mit uns macht. 

Den Wald bewusst wahrnehmen:

1. Entschleunigen: Durch langsamen Gehen die Umgebung bewusst wahrnehmen und so vermehrt Eindrücke sammeln
2. Der Weg ist das Ziel: es geht nicht um das Endziel, sondern um das Erlebte auf dem Weg dorthin 
3. Eine gefühlte Beziehung: Waldbaden ist keine Naturerziehung, sondern eine Naturbeziehung. 

World wide wood

Sydney - der Ort an der australischen Ostküste gehört nicht zu den Gebieten, die man unbedingt mit Wald verbinden würde. Martin Kiem schon, denn seine Arbeit mit dem Wald begann dort, wo er mit seiner australischen Frau lebte. Der ausgebildete Psychologe war „Wellbeeing Coach“ und lehrte Waldtherapie: in einem Büro mitten in der Stadt. Ein ziemlich schwieriges Unterfangen – bis für ihn vor einem Jahr feststand: Er wollte zurück in seine Heimat. Dass Südtirol zur Hälfte mit Wald bedeckt ist, klingt nach idealen Voraussetzungen.  

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discover Der Waldtherapieführer

Martin Kiem ist Südtirols einziger Natur- und Waldtherapieführer: Er führt die Teilnehmer in den Wald, macht dort mit ihnen verschiedenste Übungen, „der eigentliche Therapeut ist jedoch der Wald“, grenzt er sein Aufgabenbereich ab.

Shinrin Yoku

Das Waldbaden ist eine aus Japan stammende naturbezogenen Praxis, die darauf ausgerichtet ist, Stress zu reduzieren und das allgemeine Wohlbefinden zu stärken.

Auch Klaus Alber hat eine besondere Beziehung zu „seinem“ Wald, jenem direkt hinter seinem Hotel, dem Miramonti in Hafling. Das Waldbaden half ihm zu einem schmerzfreien Leben zurück, denn seit er 19 ist leidet er an einer chronischen Krankheit, Rückenschmerzen plagten ihn – Heilungschancen gering. Erst der Rat eines Arztes, der zufällig im Hotel seinen Urlaub verbrachte, half ihm entscheidend weiter. Er fand den Zugang zur Natur, macht ausgedehnte Spaziergänge und spezielle Übungen im Wald. Heute empfiehlt er auch seinen Hotelgästen, in den Wald zu gehen; schickt sie oftmals bereits vor dem Frühstück hinaus: „Jede Person, die durch den Wald geht, wird eine andere Medizin finden. Manche eine sehr schwache, andere wiederum fühlen sich sehr gut nach einem Waldspaziergang. Viele aber kommen mit einem Lächeln zurück“, erzählt er mir strahlend. 

„Waldbaden ist keineswegs außergewöhnlich. Die Ergebnisse, die Menschen dadurch erzielen, sind es jedoch häufig schon.“ Amos Clifford, amerikanischer Waldtherapieführer

„Oh, eine Ameise!“

Die Welt steht für einen Moment still. Ein Moment, an den ich an nichts denke. Das Gefühl ist ungewohnt, so hetze ich täglich von einem Termin zum nächsten. Ich finde Gefallen daran, den Alltagsstress von mir wegzuschieben und das langsame Geschehen im Wald wahrzunehmen, mich darauf einzulassen. „Wir müssen nicht immer alles überanalysieren“, hatte Martin zu mir gesagt, „das wirkt sich auf unser autonomes Nervensystem, das Hormonsystem und das Immunsystem aus. Durch das Waldbaden soll die Aufmerksamkeit bewusst vom Denken weg hin zu den Sinnen und den Körper gelenkt werden.“ Ich atme tief ein und höre aus der Ferne eine Stimme: „Hallo, Baum!“. Ich bin wohl doch nicht alleine.

Biofeedbackmessung

Um den Effekt des Waldes medizinisch nachmessen zu können, werden zwei Sensoren auf Schulter- und Brusthöhe angebracht, die die Daten während des Waldbadens sammeln. Wie reagiert mein Körper aufs Barfußgehen, auf die Waldmeditation? Was beeinflusst meinen Körper am Positivsten?

Auch Martin musste dieses „bewusste Abschalten“ erst kennenlernen und erlernen. Dies gelang ihm bei einem halbjährigen Aufenthalt in einem buddhistischen Kloster in Asien. Einige seiner Erfahrungen gibt er uns beim Waldbaden weiter – mit all den Sinnen:

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discover 1) Den Wald riechen

Je nachdem, wo ich mich im Wald befinde, verändern sich die Gerüche. Wie oft passiert es, dass wir einen Geruch mit einer Kindheitserinnerung verbinden?
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discover 2) Den Wald ertasten

Barfußgehen regt die Durchblutung an und stärkt die Fußmuskulatur. Der weiche Moosboden fühlt sich gut unter meinen Füßen an.
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discover 3) Den Wald sehen und hören

Durch sehr langsames gehen im Wald nehmen wir ihn mit anderen Augen wahr. Plötzlich entdecke ich eine Ameise, die in einem Spinnennetz gefangen ist.
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discover 4) Den Wald schmecken

Den Wald nicht nur riechen und hören, sondern ihn auch schmecken – vielleicht bei einer Tasse Fichtennadeltee.
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discover Gedankenlos

Zwischen all dem Alltagsstress vergessen wir oft, wie es ist, mal an nichts zu denken.

Ja, ich gebe es zu: In meinem Leben muss immer alles einen Sinn haben, bei allem was ich tue, habe ich ein Ziel. Ich möchte mich verbessern, produktiv sein, viel erreichen. Nun aber blende ich meine Umgebung aus, konzentriere mich auf nichts; und denke an nichts. Allmählich schaffe ich es, mich auf die Natur einzulassen – sie zu erleben, anstatt darüber nachzudenken. So, wie Martin es mir erklärt hatte. Und wie ich es viel öfter tun sollten. Es kann so einfach sein.

Text: Katja Schroffenegger
Fotos: Othmar Seehauser