Vinschger Urpaarl

Andreas Pilser ist Bäcker von altem Schrot und Korn. Johannes Klaus war neugierig und hat gefragt, warum er so altmodisch ist.

  • Februar 2016

  • Lesedauer: 3'

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Vinschger Urpaarl

Andreas Pilser ist Bäcker von altem Schrot und Korn. Johannes Klaus war neugierig und hat gefragt, warum er so altmodisch ist.

Andreas Pilser ist Bäcker von altem Schrot und Korn. Er hält nichts von chemischen Zusatzstoffen: Sein Teig bekommt die Zeit, die er braucht. Aber er kennt auch weitere Geheimnisse des guten Lebens...

„Unterm Strich bleibt bei einer großen Bäckerei auch nicht mehr übrig. Wenn ich imstande bin, so klein zu bleiben, dann geht’s uns allen gut. Außerdem bin ich ja auch schon in Rente!“ Andreas Pilser lächelt verschmitzt. Schon 41 Jahre ist er der Bäcker in Kortsch, einer kleinen Fraktion der Gemeinde Schlanders im Vinschgau. Knapp zweitausend Einwohner, überwiegend Bauernfamilien, leben in Kortsch, schon vor über tausend Jahren wurde der Ort in Urkunden erwähnt. Nachdem der Vinschgau über Jahrhunderte eine abgelegene und arme Region war, brachten der erfolgreiche Obstbau und innovative Genossenschaftsideen Mitte des 20. Jahrhunderts Wohlstand. Auch nach Kortsch.  

„Traditionell hat man zuhause auf dem Hof das Brot für die Familie selbst gebacken. Zwei oder dreimal im Jahr, mehr war nicht drin. Das trockene Brot wurde dann in Milch, Suppe oder Wein aufgeweicht“, erzählt der Bäcker. Doch mit dem wirtschaftlichen Aufschwung wurde ein Bäcker eingestellt, der dann jeden Tag für einen anderen Bauern das Brot backte. Als dieser tödlich verunglückte, stand die Bäckerei einige Jahre leer.   

„Dann wurde ich gefragt, ob ich das nicht machen will…“

"...und seitdem mache ich das!", sagt Andreas Pilser.

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Wir stehen in seiner Backstube, während er so routiniert wie zufrieden aus dem Teig die regionale Spezialität formt – das Vinschgauer Urpaarl. „Wie lange gibt es schon dieses Brot?“, frage ich neugierig.

„Da müssen Sie meine Frau fragen, ich bin nur Bäcker, ich weiß nix“, antwortet er verschmitzt. „Bei der Ofenhitze trocknet das Hirn aus!“

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Seine Frau kommt aus dem Laden zu uns in die Backstube. Sie weiß es tatsächlich besser: „Etwa 1150 wurde das Kloster Marienberg von den Bischöfen von Chur gegründet, Benediktinermönchen. Die Mönche hatten sehr viel Grundbesitz, viel Getreide, und haben dieses Brot gebacken, also seit fast 900 Jahren.“ 

Zum Überleben muss Andreas Pilser alles anders machen 

 Andreas Pilser führt, gemeinsam mit ein paar anderen Bäckern im Vinschgau, die uralte Tradition fort. „Irgendwann ist das chemische Backen gekommen, Zusatzstoffe, so dass man den Teig direkt in den Ofen tun konnte, und alle haben gesagt: Das ist jetzt die Zukunft! Sie hatten recht, es ist schon die Zukunft, aber da dacht ich gleich: Nein, das kann’s nicht sein. Ich mach es weiter so wie früher.“ Jeden Abend setzt er den Vorteig an, er verwendet keine künstlichen Backtriebmittel. „Und das schmeckt anders. Wenn man als kleiner Betrieb nicht etwas anders macht als die anderen, hat man keine Chance.“

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„Zwei mal zwei Wochen machen wir die Bäckerei zu. Das braucht man auch: Der Mensch lebt nicht nur vom Brot allein. Zuletzt hat man gleich viel. Die jungen Leute sagen dann, wenn man mal weg ist, jetzt hat er seinen Lebtag gearbeitet, da hätte er ja mehr hinterlassen können!“ Andreas Pilser lacht. „Aber mehr brauche ich nicht. Am gesündesten lebt sich’s, wo man geborgen ist. Die Freude kommt ja, wenn man verliebt ist. Es gibt nix Schöneres. Wenn’s gegenseitig ist.“ Er kneift seiner Frau schelmisch in die Seite. 

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„Mein Mann wird gar nicht gescheiter!“ lacht sie. „50 war keine Chance, 60 war auch keine Chance, jetzt hoff ich auf die 70...“

„Die Hoffnung stirbt zuletzt!“, entgegnet Andreas. Seine Frau verschwindet im Verkaufsraum. „Jojo!“ hören wir sie zufrieden seufzen.

Text: Johannes Klaus
Fotos: Marianna Hillmer

Das ist Johannes Klaus

Blogger, Grafiker, Reisender. Sein Blog Reisedepesche wurde 2011 mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Seit 2013 ist Johannes Klaus Herausgeber von Reisedepeschen, seit 2015 von The Travel Episodes. Er mag Apfelschorle in 0,5 Liter-Flaschen und lebt in Berlin.