Musik kann wie Rotwein sein

Grenzen müssen gekittet werden, meint die Band Vino Rosso. Musikalisch wie sprachlich. Gespielt wird in Lederhose. Klar, oder?

  • Mai 2015

  • Lesedauer: 7'

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Musik kann wie Rotwein sein

Grenzen müssen gekittet werden, meint die Band Vino Rosso. Musikalisch wie sprachlich. Gespielt wird in Lederhose. Klar, oder?

Sie sind bekannt dafür, dass sie in der Lederhose auftreten. Aber sie sind nicht die Kastelruther Spatzen. Ihre Musik auch nicht. Vino Rosso ist eine Südtiroler Alpine Reggae Band, die Jazz, Ska und traditionelle Volksmusik zu einem eigenwilligen neuen Stil „mischt“. Ihr Ziel? Menschen über die Musik und Liedtexte in verschiedenen Sprachen zueinander bringen. Und sie tanzen lassen. Ja, Sie haben richtig gelesen.

Es gelingt ihnen. Ich habe sie auf der Bühne gesehen und gedacht, sie könnten sogar ein Opernpublikum vom Hocker reißen. Nach dem Konzert haben wir uns frontman Simon Staffler für ein Interview geschnappt und sind in ein Universum aus Musik und Sprache abgetaucht. VinoRosso kann es eigentlich gar nicht geben. Sie sind eine gewollte Mischung aus scheinbar unvereinbaren  Gegensätzen: Sie tragen karierte Hemden und Lederhosen, leben aber sprachliche Vielfalt, sie treten in Meran auf und sind doch über ganz Europa verstreut, sie kommen aus unterschiedlichen Musikrichtungen und harmonieren miteinander, nicht nur musikalisch. Wie geht das? Wir kommen zum Schluss, sie lassen sich einfach nicht schrecken von sprachlichen Unterschieden. Denn: Anders sein ist ganz normal.

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In eurem Video Huamkemmen singt ihr vom Heimkommen nach Südtirol. Was ist das für ein Südtirol, in das ihr heimkehrt?
Simon Staffler: Oh, das muss ich ein Stück zurückgehen. Wir sind alle in Südtirol geboren und aufgewachsen. Erst nach dem Abitur sind wir ins Ausland gegangen, oder zumindest außer Landes. Südtirol ist einfach klein. Es leben hier nur 500.000 Menschen. Ich wollte Geografie studieren, deshalb bin ich nach Mailand gezogen. Die anderen wollten Musik studieren und sind nach Padua, London, Berlin und Wien gegangen. Wir sind unseren Träumen nachgelaufen. Wir wollten wachsen.

Trotzdem seid ihr zurückgekommen…
Das stimmt. Wenn man Südtirol einmal verlässt, erkennt man, dass die Lebensqualität hier – ich übertreibe ein bisschen – over the top ist. Wir legen Wert auf gutes und gesundes Essen, die Luft ist sauber, es gibt wenig Kriminalität. Wenn man in einer Metropole wie London lebt, spürt man diesen Unterschied, glaub mir. Und dann ist da noch unsere Sprache, unser Mehrsprachig-Sein...

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Das ist ja so eine Sache mit der Mehrsprachigkeit. Ich komme aus Süditalien und ich habe das Gefühl, diese Mehrsprachigkeit wird als Segen und zugleich als Fluch gesehen. Sprache hat in Südtirol stark mit der Geschichte zu tun, die als negativ erlebt wurde. Italienisch und Deutsch, viele meinen, die Sprache des anderen lernen zu müssen, ohne es zu wollen. Ich frage mich – und jetzt frag ich dich -, ob die Südtiroler immer noch in der Geschichte verhaftet sind…
In Südtirol bewegen sich die Dinge vielleicht langsamer als anderswo. Viel hängt davon ab, wie man aufwächst. Dann studieren viele auch im Ausland. Sie kehren mit einem offeneren Blick nach Südtirol zurück. Ich selber habe erst in Mailand verstanden, dass es in Südtirol Dinge gibt, die in meinem Leben einen Unterschied ausmachen. Dinge, die man immer als gegeben voraussetzt und die man erst schätzt, wenn man weggeht. Leider denken nicht alle wie wir… Es gibt sowohl bei Italienern wie Deutschen jene, die sagen, mich interessiert das nicht, ich spreche nur in meiner Sprache, oder sollen sie doch nach Österreich zurückgehen oder die anderen, die besetzen uns...

Sprache ist eine Sache des feeling

Deine Liedtexte singst du in Englisch, Italienisch, Deutsch und Südtiroler Dialekt. Was ist ausschlaggebend, dass du entscheidest, ein Lied im Dialekt zu schreiben und nicht in Italienisch oder Englisch?
Das geht ganz von allein. Mein Vater ist Italiener, meine Mutter spricht Deutsch. In unserer Band sind viele mit mehreren Sprachen aufgewachsen. Sagen wir, wir sind gemischtsprachig, auch wenn mir dieses Wort nicht gefällt. Und Englisch? Das lerne ich seit der zweiten Klasse Mittelschule, ich schaue mir englische Filme an, höre Musik, ich habe auch Freunde, mit denen ich nur englisch spreche… Warum also sollte ich nicht auch englische Lieder schreiben? Wenn wir eine Melodie einstudieren und ich den Rhythmus fühle, dann entsteht dieses feeling und dann weiß ich, in welcher Sprache ich dazu texten werde. Es gibt nie einen bestimmten Grund dafür, ich würde sagen, es ist Instinkt.

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Es gibt andere Musiker, die entscheiden in dieser Frage sehr rational, die schreiben entweder in ihrer Muttersprache oder ziehen eine Sprache vor, weil sie sich davon eine bessere Vermarktung versprechen oder weil sie schöner klingt…
Wir denken nicht so. Wenn wir an einem neuen Stück arbeiten, wägen wir immer ab, ob es besser in Italienisch oder Deutsch etc. wäre. Die Sprache wählen wir nach dem Klang aus. Wir entscheiden uns nicht für eine einzige, wir wollen uns nicht auf eine festlegen. Da würden wir uns eingeschränkt fühlen. Wir haben ja auch noch die vielen Dialekte in Südtirol. Im Pustertal sprechen die Menschen ja auch nicht gleich wie im Vinschgau oder im Ultental. So haben wir eine unglaubliche Auswahl an Möglichkeiten, uns zu äußern. Das ist ein echter Reichtum!

So entstand Vino Rosso

Vino Rosso. Wenn sie von sich sprechen, sagen sie, sie sind eine Cuvée. Wie der Traubenmix, der sich zu einem guten Wein zusammenfügt, haben neun Musiker eine Band gegründet, die aus ganz unterschiedlichen Richtungen kommen.
2008 fanden die Musiker zueinander, bei einer Tournee nach Rumänien. Die Abende waren feucht, man trank Rotwein und philosophierte übers Leben und die Musik. Irgendwann entstand so die Idee, eine Band zu gründen. Und weil der Wein, der gerade auf dem Tisch stand, gut war, nahm man das als gutes Omen. Vino Rosso.
Ihre Musik aus Streichern, Percussion und Bläsern ist lokal und kosmopolitisch zugleich. Vino Rosso mischt alpine Musiktraditionen, wie das Jodeln, mit Black Musik ebenso wie mit Reggae, Blues und Jazz. Bis jetzt ist ein Album der Band erschienen: Huamkemmen. Vino Rosso tourt damit durch Europa.

Die Botschaft der Lederhose ist anders als jene von Jeans

Wir sprechen die ganze Zeit darüber, wie toll es ist, der Welt gegenüber offen zu sein. Im Video „Huamkemmen“ habt ihr alle Lederhosen und karierte Hemden an… Warum das? Habt ihr euch mal gefragt, wie das ankommt bei den Leuten da draußen?
Sagen wir, für uns war es eine Entscheidung, um mit beiden Beinen am Boden zu bleiben. Es ist wichtig, sich der Welt zu öffnen, aber wir wollen auch nicht vergessen, wer wir sind und woher wir kommen. Wir sind hier geboren, wir kennen und lieben dieses Land, nicht im patriotisch-radikalen Sinn. Sondern ganz natürlich. Warum sollten wir dann nicht stolz sein und das auch zeigen? Ich könnte auch Jeans anziehen… Klar. Aber dann könnte ich auch einer aus London oder Kathmandu oder New York sein. Wenn ich dagegen Lederhosen trage oder andere typische Sachen, die zu Südtirol passen, verstehen die Leute sofort, wer ich bin. Die Globalisierung hat uns alle irgendwie gleich gemacht. Vielleicht ist das gar nicht schlecht, aber trotzdem muss man doch seine eigene Identität bewahren. Finde ich…

Eine Blaskapelle mit Windkraft

Am Brenner, zwischen Südtirol und Nordtirol, weht es oft. Auch ohne Windräder. Die Windkraft, die beide Regionen antreibt, entsteht in den Blasinstrumenten. Holz und Blech. Insgesamt spielen in den Dörfern mehr als 500 Kapellen auf, 211 in Südtirol, 303 in Nordtirol. Nur eine Kapelle setzt sich aus Musikern aus Nord- und Südtirol zusammen: Windkraft – Kapelle für Neue Musik, ein Ensemble, das 1999 gegründet wurde.
Das scheint zunächst ganz normal. „Der Humus ist der gleiche“, sagt Ensemble-Präsident Robert Gander, ein Südtiroler. Blasmusik ist der musikalische Boden, der Nord- und Südtirol verbindet.
Bei Windkraft aber wird die Luft schon dünn. Das Ensemble spielt nicht einfach vom Blatt, sondern lotet aus, was aus Blasinstrumenten herausgeholt werden kann. Hier wird mit Musik experimentiert. Dafür finden erfahrene Musiker, die an renommierten Orchestern in Europa engagiert sind, und Studierende der Konservatorien in Innsbruck und Bozen immer wieder zueinander. „Wir leben von den Uraufführungen“, sagt Robert Gander. Windkraft ist ein begehrter „Schalltrichter“ für zeitgenössische Komponisten. Manche Werke entstehen sogar gemeinsam mit den Musikern. Im Sommer 2014 waren Musiker des Ensembles in Peking zu Gast. In einem Kompositions-Workshop sollten chinesische Komponisten und Musiker mit westlicher Musik vertraut gemacht werden.
Berührung mit dem Neuen. Für die Windkraft-Musiker ist das normal. „Wir arbeiten projektbezogen“, erzählt Eduard Demetz, Komponist und Mitglied des künstlerischen Beirats. Manchmal werden zehn Musiker für ein Konzert gebraucht, manchmal 100. „Wir haben keinen Manager. Wir haben Ideen“, ergänzt Robert Gander. Diese setzen sie um.
Garant dafür ist Dirigent Kaspar De Roo. Seit der Gründung des Ensembles führt er die Musiker durch die gewagtesten Musikstücke. Er dirigiert regelmäßig auch das Ensemble Modern Frankfurt, neben dem Klangforum Wien und dem Ensemble Intercontemporain in Paris ein Vorbild für Windkraft. Gespielt wird vor schütterem Publikum. Gander: „Wenn wir die Massen anzögen, müssten wir uns schon wieder Gedanken machen.“
Ein Balanceakt ist die Finanzierung der musikalischen Grenzgänge. Am Brenner steckt die Politik normalerweise die Brieftasche ein. Gefördert werden Projekte, die im jeweiligen Land gestemmt werden. Windkraft ist der einzige Verein, der von beiden Regionen, Südtirol und Nordtirol, gemeinsam gefördert wird. „Da schauen die Landesräte genau, wie viel der eine gibt, wie viel die andere“, sagt Eduard Demetz, künstlerischer Leiter des Ensembles. „Keiner will mehr oder weniger geben.“ Ein gutes Mittel, um finanziell eine Weile über die Runden zu kommen. Finden wir… (gc)

Wir wollen sein dürfen, wie wir sind

Und vielleicht hat auch der eine oder andere von euch früher in der Musikkapelle gespielt…
Natürlich. Einige machen das heute noch. Lorenz, Lukas und Gregor. Alle unsere Bläser spielen noch heute in der Musikkapelle ihres Dorfes.

Hat das einen Einfluss auf eure Musik?
Ja, klar! Das spürt man auf jeden Fall am Rhythmus. Die Bläser sind geprägt von der traditionellen Volksmusik.

Langeweile?

Das ist in Südtirol kaum möglich. Hier findest du, wonach du suchst.

Und wie bringt ihr das dann mit euren anderen Stilen zusammen… Jazz, Ska, Reggae?
Ganz einfach. Wir passen jedes Stück, das wir schreiben, an die Bedürfnisse  jedes Instruments an. Das ist alles machbar. Und es macht einfach Spaß, neue Musikstile auszuprobieren und mit anderen Stilen zu mischen. Pop und Folk zum Beispiel, das kann man sehr gut kombinieren. Wir wollen eben nicht nur einzigartig sein, wir wollen auch in der Musik weiterkommen, ohne große Kompromisse machen zu müssen. Das haben wir uns geschworen. Wir wollen sein dürfen, wie wir sind. Wir wollen uns nicht ändern müssen, nur, um den Pop-Olymp erklimmen zu können.

Interview: Dora Vannetiello