Den Flow im Visier

Mit Spitzhacke und Rechen streift ein ungewöhnlicher Arzt bei seiner täglichen Visite durch Wald und Wiesen der Gemeinde Latsch. Und kümmert sich um die Wehwehchen der Wanderwege und Biketrails.

  • September 2018

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Den Flow im Visier

Mit Spitzhacke und Rechen streift ein ungewöhnlicher Arzt bei seiner täglichen Visite durch Wald und Wiesen der Gemeinde Latsch. Und kümmert sich um die Wehwehchen der Wanderwege und Biketrails.

Gut, dass Gabriel Tappeiner zu den Menschen gehört, die lieber draußen sind als drinnen. Für seinen Job ist das auch eine der wichtigsten Voraussetzungen: Stundenlang läuft er jeden Tag das Wegenetz von Latsch ab und sorgt dafür, dass beschädigte Abschnitte sofort wieder in Schuss sind.

Eigentlich ist Gabriel Apfelbauer. Früher arbeitete er nebenher als Bike-Guide. Als der Tourismusverein als Weg-Instandhalter immer öfter bei ihm anfragte, ob er nicht hier und dort einen Weg herrichten könne, kam er ins Grübeln: „Irgendwann habe ich mir gedacht, entweder ich lasse es ganz oder ich mache eine Firma daraus.“ 2015 gründete Gabriel die „Traildoctors“. Seither werden er und seine Mitarbeiter nicht mehr nur für Erste-Hilfe-Einsätze von sanierungsbedürftigen Wegabschnitten angefordert, sondern sind für die Langzeitpflege der 180 Kilometer Wanderwege und weiteren knapp 40 Kilometer Biketrails in der Gemeinde Latsch zuständig.

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Der Weg ist sein Ziel

Seinen täglichen Kontrollgang macht der Wegewart am liebsten zu Fuß, von unten nach oben. Wäre es nicht schneller, mit dem Rad die Strecke hinunterzufahren? „Beim Biken glaube ich, dass alles passt. Zu Fuß hingegen sehe ich viel besser, was zu tun ist“, erklärt Gabriel. Er muss nämlich genau hinschauen: So manches am Weg, was den Wanderer nicht weiter stört, kann für einen Mountainbiker sehr gefährlich werden, weiß Gabriel, „etwa nach einem Unwetter, wenn der Regen die Kurven ausspült, oder herausstehende Wurzeln.“ Kleine Mängel kann er gleich beheben, bei größeren Schäden macht Gabriel Fotos und schickt seine Mitarbeiter hin, die mit dem passenden Werkzeug anrücken und den Wegabschnitt wieder in Stand setzen.

Während reine Wanderwege ein- oder zweimal im Jahr gewartet werden, verlangen gemeinsame Wander- und Bikewege oder reine Biketrails durch die stärkere Nutzung auch mehr Pflege. Etwa alle drei Wochen werden die Strecken von Gabriel und seinen Mitarbeitern nachgebessert; wenn es viel regnet, auch öfter. 

Gabriels Berufsbild ist aus dem Bedarf heraus entstanden. Schon seit 15 Jahren kommen Biker ins Vinschgau. Durch den ersten Bike-Parcours Südtirols und Events wie das „Testival“, das hier startete, wurde die Mountainbike-Szene schon früh auf Latsch aufmerksam. Die MTB-Hersteller kamen nicht nur zum Testen ihrer neuesten Bikes, sondern auch zum Shooten der Katalogbilder. „Da hat sich schnell herumgesprochen, dass man hier teilweise schon Ende Februar biken kann“, erzählt Gabriel.

Irgendwie erinnert mich der Wegewart mit seinen grünen Augen und dem roten Bart, dem Werkzeug in der Hand und hier mitten im Wald an die fleißigen Heinzelmännchen, die bei Nacht ihre Arbeit verrichten, damit am nächsten Tag wieder alles perfekt ist. Oder haben Sie sich je gefragt, wie die Instandhaltung der Wander- und Radwege funktioniert? 

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Sobald im Frühjahr der Schnee am Vinschger Sonnenberg zu schmelzen beginnt, rücken die Traildoctors aus und bringen die Wege für die neue Saison in Schuss. Das heißt: Gras abmähen, Äste und Steine aus dem Weg räumen, Kurven neu modellieren, Mauern befestigen, Müll aufsammeln, Schilder montieren und Wegmarkierungen auffrischen. Dann geht es auf der anderen Bergseite, am Nörderberg, weiter. Hierher kommen die Biker, wenn es am trockenen Sonnenberg zu heiß wird. Besonders die Bike-Fans aus Deutschland und Österreich schätzen das sonnige Vinschgau und die lange Saison, die hier deutlich früher anfängt und später aufhört als nördlich des Alpenhauptkamms. Deshalb ist hier im Frühjahr und Herbst am meisten los. „An manchen Wochenenden sind an die 3.000 Leute in Latsch unterwegs“, erzählt Gabriel. Dann gibt es auch für die Traildoctors viel zu tun.

Der Pfad-Finder

Im Sommer wird Gabriel zum Designer für neue Trails, so wie gerade auf der Tarscher Alm. Die Anforderungen der Tourismusvereins: circa vier Kilometer reine Bike-Strecke, ein leichter Single-Trail. Gabriel muss sich nur die Höhenlinien auf einer Karte anschauen, um zu verstehen, ob das möglich ist: „Die Landschaft gibt vor, was geht; in einem steilen Gelände ist es schwierig, einen leichten Weg zu bauen.“

Deshalb schaut er sich das Gelände ganz genau an, wird zum Spürhund: „Für diesen Weg bin ich zwei Wochen lang durch das Gebiet gelaufen“, erzählt Gabriel, denn „die Trasse muss man suchen“. Sie muss zu den Vorgaben passen, landschaftlich reizvoll sein, sportlich interessant. Wenn er den idealen Verlauf gefunden hat, beginnt die Zeit der vielen Gespräche. „Hier verläuft der Weg ziemlich genau an der Grenze zwischen Gemeindegebiet und Stilfserjoch Nationalpark. Gemeinsam mit Grundeigentümern, Förstern, Gemeinde usw. wird die Trasse abgegangen, alle Interessen diskutiert, Kompromisse geschlossen, bis alle zufrieden sind,“ erzählt Gabriel. Und diese Gespräche dauern meist länger, als der eigentliche Bau des Weges. 

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Gabriel arbeitet am liebsten ohne Skizzen oder Pläne, sagt er: „Ich habe die Trasse genau im Kopf.“ Die wird angezeichnet und Etappe für Etappe den Mitarbeitern erklärt, die dann baggern, pickeln, schaufeln, Wurzeln ausreißen, Brücken und Kurven bauen und Drainagen legen. Für einen Kilometer neuen Weg arbeiten die Traildoctors circa zehn Tage – falls sie mit dem Kleinbagger arbeiten können. Für händisch gepickelte Streckenabschnitte benötigen sie etwa dreimal so lange.

Als wären sie immer schon dagewesen, so sollen die neuen Wege aussehen, wenn die Traildoctors ihre Arbeit beendet haben. Das liegt Gabriel besonders am Herzen. „Ein neuer Weg ist stets ein Eingriff in die Natur, das ist ganz klar. Wir versuchen immer, den Weg so natürlich wie möglich zu gestalten,“ erklärt er. Häufig ist so ein Neubau eine Gradwanderung: Der Weg soll den Vorgaben aller Beteiligten entsprechen, gleichzeitig naturbelassen sein und doch als Weg erkennbar bleiben, damit sich Wanderer oder Radfahrer zurechtfinden.

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Nicht alle sind von solchen Neubauten begeistert. Zweifler oder Gegner lädt Gabriel kurzerhand ein, mit ihm zu bereits fertiggestellten Wegen zu fahren. „Da sagen dann eigentlich alle: Ah, das ist eh nur so ein schmaler Weg, das schaut gar nicht so wild aus“, erzählt Gabriel, „dann wird klar, dass ich schon gut überlege, was Sinn macht und was nicht.“ Ein Ruf, den er sich erst erarbeiten musste.

Geteilte Freud‘

Viele Wanderwege in Südtirol dürfen von Wanderern und Bikern gemeinsam genutzt werden. Der neue Trail von der Tarscher Alm soll gezielt Wanderer und Biker trennen. „Ich finde nicht, dass es überall getrennte Wander- und Bikestrecken braucht. Eine gemeinsame Wegenutzung ist mit dem nötigen gegenseitigen Respekt reibungslos möglich“, meint Gabriel, „aber auf den Wegen, wo richtig viel los ist, macht es auf jeden Fall Sinn.“ Manche Grundbesitzer sperren ihren Wegabschnitt sogar für Biker, während Wanderer den Weg nutzen dürfen. „Das ist natürlich zu respektieren und daran halten sich die Biker auch. Oft geht es dabei nicht so sehr um das Gefährt, sondern um die Angst vor Unfällen“, vermutet Gabriel, „die Benutzung erfolgt immer in Eigenverantwortung, du musst schon wissen, was du tust.“ Auf offiziellen, markierten Wegen sind sowohl Wanderer als auch Biker durch den Weginstandhalter, den Tourismusverein, versichert. 

Gebote zur gemeinsamen Wegenutzung

#1 Liebe Wanderer & Biker: Wir alle lieben die Natur. Bitte geht respektvoll miteinander und mit der Natur um (z.B. grüßen, keinen Müll hinterlassen).

#2 Biker: Bremst euer Rad früh genug ab! Die Wanderer hören euch nicht, erschrecken und denken, sie müssen auf die Seite springen. Das birgt Unfallgefahr (Umknicken, Absturz).

#3 Der „Schwächere“, also der Wanderer, hat Vorrang. Biker sollten am besten bergseitig stehenbleiben, damit der Wanderer vorbeikann.

Wer bremst, ruiniert den Flow

Und dann ist da noch das Image der Biker. „Die Leute glauben, die Mountainbiker würden immer voll runterschrepfen“, also bremsen, „dabei fährt nur ein kleiner Bruchteil der Biker Downhill. Die meisten lassen sich Zeit, halten an, setzen sich auf eine Bank und genießen die Landschaft“, weiß Gabriel aus Erfahrung. Manche fahren sogar mit dem Kinderanhänger runter. Gabriel ist überzeugt, dass auch die MTB-Technik dazu beigetragen hat, dass das Biken ein Breitensport geworden ist. „Die Bikes haben sich in den letzten zehn Jahren enorm verbessert. Früher musst man sich schon was trauen“, schmunzelt Gabriel, „heute ist das Fahrerlebnis ganz ein anderes.“

Also nichts mit Vollgas und Vollbremsung? Der ehemalige Bike-Guide schüttelt den Kopf: „So fährt man gar eigentlich nicht.“ Im Gegenteil: Beim Trail bauen ist es sogar so, dass „der Weg so geplant wird, dass man möglichst wenig bremsen muss. Statt steiler Abfahrten ziehen wir lieber weite Kurven“, erklärt der Weg-Bauer, „das ist sicherer und es macht mehr Spaß, wenn man nicht dauernd so verkrampft am Bike sitzt.“ Auch für die Instandhaltung ist es weniger aufwändig, denn wo viel gebremst wird, entstehen Bremswellen und Erosionsschäden. „Mittlerweile ist das bei den Bikern angekommen“, sagt Gabriel.

Volle e-Fahrt voraus?

Auch in Latsch sind immer mehr e-Bikes unterwegs. Wie könnte sich das entwickeln? „Damit kommen immer mehr Leute den Berg hinauf. Und auf den Single-Trails könnte es gefährlich werden, wenn es plötzlich Gegenverkehr gibt, weil die e-Biker den Weg aufwärts fahren“, gibt Gabriel zu bedenken. Dann müssen neue Regeln gefunden werden. „Neue Trails wie diesen hier wird es in Zukunft wohl nicht mehr viele geben“, meint der Latscher, „das Gebiet ist fast ausgereizt“. Aber in Sachen Instandhaltung könnte man sich vom großen Bike-Vorbild Amerika noch einiges abschauen. „Wenn es geregnet hat, darf der Trail einen Tag lang nicht befahren werden, damit er abtrocknen kann. Solche Kleinigkeiten könnten wir noch verbessern“, meint Gabriel. 

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Und sein persönlicher Lieblingstrail? Gabriel überlegt: „Den kann ich nicht definieren. Das hängt immer von meiner Tagesverfassung ab, manchmal ist mir lieber es geht gemütlicher zu, manchmal darf es rumpeln. Vielleicht wird der neue Weg von der Tarscher Alm mein Lieblingstrail, wenn er fertig ist?“

Text: Marlene Lobis
Foto: Ivo Corrà
Video: Miramonte Film - Andreas Pichler