Stich für Stich

Viktoria Ainhauser hat ein Augenmaß wie ein Tiroler Adler. Braucht sie auch. Federkielsticken ist Millimeterarbeit.

  • September 2019

  • Lesedauer: 5'

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Stich für Stich

Viktoria Ainhauser hat ein Augenmaß wie ein Tiroler Adler. Braucht sie auch. Federkielsticken ist Millimeterarbeit.

 
Ruhig sitzen. Acht Stunden lang. Jeden Tag. Wer das nicht kann, für den ist Federkielsticken wohl nichts. Geduld und Ausdauer sind zwei entscheidende Eigenschaften für dieses jahrhundertealte Kunsthandwerk. Viktoria „Vicky“ Ainhauser besitzt sie zum Glück beide.
Die 24-jährige Sarnerin sitzt in ihren Filzpantoffeln auf dem speziell angefertigten Nähstuhl, in dem sie das Leder einklemmen kann. Auf ihrem Schoß ein Bündel Federkielfäden. Sie zieht einen platten weißen Faden aus dem Bündel und verknotet ein Ende. Mit Hilfe einer Ahle, einer flach zurechtgeschliffenen Nadel, sticht sie ein kleines Loch in das Rindsleder. Dann zieht sie den Federkielfaden schwungvoll durch.

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So geht es Stich für Stich von links nach rechts und von rechts nach links. Immer weiter. Mit flinken Bewegungen. Höchst konzentriert. So lange, bis langsam, sehr langsam, ein zartes Stickmuster auf dem Leder entsteht. Zehntelmillimeter entscheiden darüber, ob das Gesamtbild später gut aussieht oder nicht. Die Stiche müssen mit größter Genauigkeit gesetzt werden.
Bei Viktoria sitzt jeder Handgriff. Neun Jahre lang arbeitet sie schon hier in der traditionsreichen Federkielstickerei Thaler im Sarntal. Das Sticken ist der aufwendigste Arbeitsvorgang. Aber längst nicht der einzige.

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101 Fäden

Für das Federkielsticken werden Federkiele vom Pfauenhahn verwendet. Jedes Jahr zwischen Juli und August verliert er seine langen Schwanzfedern. Diese werden eingesammelt und mit einem scharfen Messer zu feinen Fäden gespalten. Brauchbar ist nur die Hülle, das brüchige Mark im Inneren der Feder wird entfernt.
Vier bis sechs Fäden für große und feine Muster lassen sich aus einem Federkiel gewinnen. Die dünnsten sind knapp einen Millimeter breit. Mit herkömmlichen Stofffäden sind Federkielfäden nicht zu vergleichen. Sie sind starrer, stabiler und vor allem äußerst langlebig.
Bereits beim Schneiden der Fäden sind absolute Präzision und Feingefühl gefragt. „Es ist eine Kunst für sich“, sagt Viktoria und lächelt. „Hunderte Kiele landen sicher im Müll, bis man endlich das Schneiden beherrscht und alle Fäden von vorne bis hinten gleich breit werden.“ Nur Übung macht schließlich die Meisterin.

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Das Federkielsticken im Sarntal

Federkielsticken ist echtes Südtiroler Kunsthandwerk. Entstanden ist es vor rund 250 Jahren im Alpenraum. Wo genau es seinen Ursprung hat, ist bis heute nicht bekannt.
Früher wurden die ledernen Trachtengurte noch mit Zirm-Pergament bestickt, später dann mit Federkielfäden. Vor etwa 200 Jahren hat das Traditionshandwerk im Sarntal Einzug gehalten.
Mittlerweile werden längst nicht mehr nur Trachtengurte und Hosenträger mit kunstvollen Ornamenten bestickt, sondern auch Schuhe, Geldtaschen, Gürtel und jede Menge verschiedene Accessoires.
Heute gibt es sechs Federkielstickerei-Betriebe in Südtirol, vier davon im Sarntal. Die feinen Stickereien und die saubere Lederverarbeitung der Sarner Federkielsticker sind weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt.

Schon als kleines Kind wusste Viktoria, dass sie Federkielstickerin werden wollte. Zu verfolgen, wie aus den Naturmaterialien Leder und Pfauenfedern filigran bestickte Produkte entstanden, faszinierte sie. Als sie mit 15 Jahren ihre Lehre begann, ging sie manchmal fast entmutigt nach Hause. Die Federkielstickerei ist ein schwieriges Handwerk, das Erlernen mit großer Mühe verbunden.
Viktoria hat nach der fünfjährigen Lehrzeit ihre Gesellenprüfung geschafft. „Wenn Kunden etwas abholen und unsere Manufaktur mit einem Lächeln im Gesicht wieder verlassen, ist das einfach schön“, freut sie sich.

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Aufgewachsen auf dem Unterhöller Hof im Sarntal, wurde Viktoria das Gespür für Tradition und Brauchtum bereits in die Wiege gelegt. Auch ihre Mutter war Federkielstickerin.
Heute ist Viktoria Ortsleiterin der Bauernjugend in Sarntal und packt nach acht Stunden im Betrieb nicht selten auf dem elterlichen Hof mit an. Vor allem während der Heuernte im Sommer gibt es immer jede Menge zu tun. Manchmal nimmt sie sich dafür sogar eigens einen Tag frei. Diese körperliche Arbeit sowie Bergsteigen und Laufen dienen ihr als Ausgleich. So kann sie sich an jedem Arbeitstag ab sieben Uhr wieder auf das Sticken, Zeichnen, Lederausstanzen und Vernähen konzentrieren.

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Gesticktes Erbe

Im Keller der Federkielstickerei Thaler hängt Lederriemen an Lederriemen, stapeln sich die Lederhäute. Dehnbare und nicht dehnbare. Naturbelassene und gefärbte. Diese Lederhäute werden von den Federkielstickern wie Viktoria zu wahren Kunstwerken verarbeitet.
Die Arbeit an einer Sarner Geldtasche oder einem Hosengürtel nimmt bis zu neun Stunden in Anspruch, für einen breiten, reich verzierten Trachtengurt braucht es mitunter mehr als einen Monat. Daran arbeitet dann nicht nur ein Federkielsticker, sondern es wird auch mal abgewechselt. „Überall kommt der beste Sticker zum Zug. Jeder beherrscht einfach bestimmte Techniken besser als der andere“, erklärt Viktoria.

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Am liebsten setzt Viktoria persönliche Kundenwünsche um – eine große Herausforderung, vor allem bei Tieren und Symbolen. Es braucht ein gewisses künstlerisches Geschick, um das Motiv zuerst zu Papier und dann aufs Leder zu bringen.
Dafür sind Trachtengurte dann wertvolle Unikate und werden von Generation zu Generation weitervererbt. Irgendwann landen sie vielleicht wieder hier in der Federkielstickerei Thaler. Zum Restaurieren.
 
Text: Petra Schwienbacher
Fotos und Video: MINT Mediahouse