Der Seiltänzer

Ist Balancieren die leichtere Art zu gehen? Für Slackliner Armin Holzer war's die leichteste Art zu leben. Viele Male ging es gut.

  • Dezember 2015

  • Lesedauer: 8'

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Der Seiltänzer

Ist Balancieren die leichtere Art zu gehen? Für Slackliner Armin Holzer war's die leichteste Art zu leben. Viele Male ging es gut.

Manchmal ist das Seil der bessere Boden. Als Armin Holzer sich vor zehn Jahren beim Skifahren verletzte, sagten die Ärzte, er werde nie wieder Sport machen können. Auf Krücken schleppte sich Armin durchs Dorf. Da entdeckte er die Slackline. Balancieren ging. Viel besser als gehen. So wurde Armin Holzer einer der besten Slack- und Highliner in Europa. Wir haben ihn als sensiblen jungen Mann kennengelernt, der nicht nur seine Worte wohl abwägt, sondern auch seine Schritte. Als wir ihn im Februar 2015 trafen, erzählte er uns, dass er vorhabe, künftig mit dem Paraglider von einem Berg zum nächsten zu fliegen. Er wollte beweisen, dass man in den Bergen kein Auto braucht. Am 4. Dezember 2015 ist Armin Holzer beim Speedflying in den Dolomiten tödlich verunglückt. Wir sind sehr traurig, gleichzeitig wissen wir, dass das sein Leben war. Er hätte es nicht anders leben wollen. Oder können. Unsere Geschichte über ihn hat uns und vielen Menschen Freude bereitet und Respekt abgerungen. Wir lassen sie so stehen, wie wir dich in Erinnerung behalten, danke und pfiati, lieber Armin.

Eineinhalb Meter über dem Boden war alles gut

Vor und zurück tänzelte Armin Holzer über die Slackline im Dorfpark von Sexten. Leichtfüßig ist er, die Leute sehen es, sie kennen den Armin. Er ist ein Sportler. Hat es in den Südtiroler Landesskikader geschafft. Das weiß jeder im Ort. Dann springt er sachte auf den Boden, angelt nach den Krücken und hinkt dreifüßig davon. „Da haben die Leute dann geschaut“, erinnert sich Armin Holzer, und über sein ernstes Gesicht huscht ein feines Lächeln. Fast energisch schiebt er seine graue Häkelmütze vor und zurück. Er hat sie aufgelassen, als wir uns in der Bar „Riega“ in Sexten treffen.

Die Slackline war seine Rettung, erzählt Armin. Am besten hoch oben, als Highline zwischen den Berggipfeln, über dem Abgrund. „Ins Leere zu hüpfen war besser für mich als auf dem Boden zu gehen.“ Fast scheint es, als hätte er zu schweben gelernt, um nicht in das schwarze Loch zu fallen, das sich nach dem Unfall vor ihm auftat.

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Vertraue auf das Material

Zweieinhalb Zentimeter schmal ist das Polyesterband über dem Abgrund. Am Anfang ging Armin Holzer allein in die Berge, nur er konnte kontrollieren, ob die Haken fest im Fels verankert waren, ob das Seil hielt, ob er selber gut gesichert war. Er hatte Angst. Und wie. „Es ist nicht leicht, dem Material zu vertrauen.“ Wer aber sollte mit ihm gehen? Wem hätte er vertrauen können?

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Vertraue auf deinen Körper

Vor uns sitzt kein strahlender Held. Armin Holzer spricht leise, auf seiner Stirn wölben sich Sorgenfalten, während er erzählt. Immer wieder fasst er an seine Mütze, zieht sie ein bisschen über die Ohren und wieder nach oben. Gleichzeitig spüren wir, dass er sich seiner Sache sicher ist. „Alles passiert im Kopf“, sagt er. „Wenn du das weißt, kannst du auf der Highline gehen als wärst du am Boden.“ Klingt überzeugend, nur für uns schwer nachvollziehbar.

Los, auf die Slackline!

1.    Spanne zwei Bänder, eines unten für die Füße, eines oben, um dich daran entlangzuhangeln.
2.    Zieh die Slackline am Anfang nicht zu straff. Das Seil schwingt sonst noch stärker als einem lieb ist.
3.    Flache Sportschuhe sorgen dafür, dass du nicht umknickst.
4.    Lass dir beim Aufsteigen helfen. Es ist echt schwierig, das Seil ruhig zu halten…
5.    Jetzt geht’s los: Schultern runter! Entspann dich, dann wird es schon.
6.    Niemals vergessen: Lächeln! Auch wenn es schief geht…

Auch für Armin Holzer war das eine neue Erfahrung. Solange er im Skirennsport war, zählten nur Training und Leistung. Der Kopf musste einfach auf den Schultern sitzen. Jetzt ist es anders. „Wenn ich da oben balanciere, versuche ich die ganze Zeit, meinen mentalen Status zu analysieren“, sagt er. „Ich frage mich ständig, was macht mein Körper, wie fühle ich mich?“ Das erste, was Armin Holzer auf der Slackline gelernt hat, war sich zu konzentrieren und zugleich zu entspannen. Es sei nicht getan damit, den ersten Schritt auf das Gummiband zu setzen. „Das Schwierige ist nicht zu starten, sondern kontinuierlich weiterzugehen.“

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Auf der Highline merkst du, wer du bist

Die Angst ist deswegen nicht verschwunden. Sie begleitet jeden Schritt über der gähnenden Leere. Wenn sie da ist, weiß Armin Holzer, alles ist in Ordnung und sein Überlebensinstinkt funktioniert. „Du musst im Moment aufgehen“, versucht er zu erklären. Oft tanzen die Nerven auf dem Seil wie verrückt. Zwischen Himmel und Erde, mitten über dem Abgrund, von dem ihn das kaum fußbreite Band trennt, gibt es nur ihn, die Stille und den Wind. „Da bist du vollkommen allein.“ Das zu erkennen habe sein Leben verändert. „Draußen auf der Highline kommst du dir selber nahe, da merkst du, wer du bist.“

Der Flow kommt, wenn du glücklich bist

Armin Holzer ist, das haben wir schon verstanden, ein Freigeist, der tun muss, was ihm wichtig ist. Sonst hätte er sich wohl an den Rat der Ärzte gehalten und würde nun jeden Tag acht Stunden in einem Büro sitzen. Allein der Gedanke erschreckt ihn. Man sieht ihm an, wie ihm plötzlich alles eng wird. Einen wie ihn kann man nicht einsperren.

Er krempelt die Ärmel seines braunen Sweatshirts auf, starrt auf das kleine Tischtuch und beginnt, die Fransen desselben zu frisieren. Jede Strähne einzeln. Ich wüsste gerne, wie er unter der Häkelmütze aussieht. Trägt er die Haare noch immer lang, oder jetzt doch kurz? „Wenn man will, kann man viel“, sagt er. Das versucht er auch seinen Schülern auf der Skipiste zu vermitteln. Armin Holzer verdient sein Geld als freier Skilehrer und Freestyle-Lehrer, seit einiger Zeit auch bei Highline-Auftritten und mit Slackline-Workshops; Sponsoren, die von ihm und seiner Weltsicht angetan sind, legen noch etwas darauf. Als Gesellschafter in die Skischule einsteigen wollte Armin bisher nicht, das wäre ihm zu viel Verpflichtung.

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Wirklich frei fühlt er sich nur hoch in der Luft. Mit der Angst im Nacken wird das Leben ihm leicht. „Ich will da hin, weil ich mich da gut fühle.“ Längst hat er einen kongenialen Partner gefunden, mit dem er sich wortlos versteht. Alessandro D’Emilia ist sein Spiegel auf der Highline. Er ruft ihm zu, wenn er verkrampft ist und sich mit „Dämonenblick“ über das Seil tastet. „Dann fängst du an zu lachen, und dann geht es wieder lockerer“, schmunzelt Armin Holzer. Die Gefühle balancieren mit. Am besten geht er auf der Highline, wenn er glücklich ist. „Wenn du dich am Wind anlehnen kannst und das Gefühl hast, das Nichts wird zum Halt.“

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Wer das Gleichgewicht hat, kann auch häkeln

Bitte, machen Sie es nicht nach. Armin Holzer zählt zu den besten Highlinern der Welt. Dafür trainiert er hart. Bevor er eine Highline betritt, geht er am Abend vorher jede Bewegung im Kopf durch. Er schwimmt, bouldert, praktiziert Acroyoga, einen akrobatikorientierten Yogastil. Seinem Kopf macht er Beine, indem er eine brennende Kerze anstarrt. Zehn Minuten lang, 15 Minuten lang, ohne den Blick von der Flamme abzuwenden. Wenn es im Training gerade nicht so läuft, häkelt er an einer Mütze weiter. Einen Wollknäuel und eine Häkelnadel hat er im Rucksack immer dabei. Das ist sein Markenzeichen geworden. „Inzwischen bin ich schon besser als meine Mutter“, sagt er. Die Männer der Bergrettung und der Finanzpolizei in Sexten tragen Armin Holzer-Mützen.

Ganz oben auf der Highline

● 2014 Highline auf dem höchsten Wasserfall Norwegens ● August 2013 Höchste Highline Italiens auf der Marmolata, in 3.200 Meter Höhe, über einem 1.000 Meter tiefen Abgrund ● Juli 2013 Höchste urbane Highline der Welt in Frankfurt, in 185 Meter Höhe (gewidmet Hochseilartist Philippe Petit) ● 2012 Höchste je gespannte Highline auf 5.400 Meter Höhe am Berg Muztagata in China (zusammen mit Alessandro D’Emilia) ● 2012 Längste Highline Österreichs mit 87 Meter, am Traunstein ● 2012 Italienischer Meister auf High- und Longline ● 2011 Erste Highline auf den Drei Zinnen zusammen mit dem Österreicher Reinhard Kleindl ● über 70 Highline-Erstbegehungen ● Organisator des größten Highline-Festivals der Welt am Monte Piana, Misurina (Dolomiten)

Wenn du es richtig machst, ist Slacklinen eher Kunst als Sport

Mützen statt Medaillen. In den vergangenen zehn Jahren hat sich Armin Holzer sehr verändert. Früher war er darauf getrimmt worden zu gewinnen. Das sei nicht besonders kreativ, sagt er heute. Worum geht es dann? Er will Momente schaffen, in denen er sich mitten im Leben spüren will. Das muss nicht spektakulär sein. Das Leben, wie er es sich vorstellt, besteht aus intensiven Augenblicken. In der Konzentration auf das Wesentliche. Auf der Slackline ist er mit sich und der Welt allein. „Ich wollte nie etwas erreichen mit diesem Sport“, sagt er. Höchstens dem Leben auf die Spur kommen. „Für mich ist das, was ich mache, eher Kunst – als Sport.“ Mit dem Gleitschirm wird er demnächst auf jenen Berg zusteuern, von dem aus er eine Highline spannen will, und weiter so die Dolomiten überqueren, durchwandern, überwinden. „Ich baue neue Seilbahnen“, sagt er. Das macht ihm Spaß. Gehe es im Leben nicht überhaupt darum? Er zeigt auf eine Stelle an seinem Hals. Nimmt er die Mütze jetzt ab? Ja? Nein, er zeigt sein Smiley-Tattoo. „Die Leute haben viel zu viel Angst und zu wenig Spaß...“ Ist das eine Aufforderung?

Gut, hiermit beschließe ich, doch noch einmal unsere Slackline im Garten zu besteigen. Es muss zu schaffen sein. Wenn Armin Holzer das sagt. Probieren Sie es auch!

Text: Gabriele Crepaz
Fotos: Manuel Ferrigato

PS: Ich habe es nicht ausgehalten und Armin Holzer geschrieben. Er schrieb zurück: Die Haare sind immer noch lang :). Jetzt weiß ich es.