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Mai 2015

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Klettern im Spagat

Bergsteigen ist eine Leidenschaft. Wen sie erfasst, hält sie im Griff. Abenteurer Simon Gietl weiß, was auf dem Spiel steht.

Der Kletterer Simon Gietl ist ehrgeizig und gleichzeitig fair. Er gibt dem Berg die Chance, ihn abzuwerfen. Bei alldem will er ein guter Vater sein. Und ein freier Mann.

Simon Gietl zeigt auf sein Handgelenk. Da hat er sich im vergangenen Jänner bei seiner Expedition in Patagonien verletzt. Vier Wochen musste er pausieren. Als er endlich wieder Fels unter seinen Fingern spürte, kam er sich vor wie ein Junkie: „Ich habe gespürt, der Stoff rinnt wieder durch mein Blut.“ Der Kletterer aus Bruneck im Pustertal schüttelt den Kopf, bis das kleine Zöpfchen unter seinen wilden Haaren hin und her pendelt. Vier Wochen. Länger hätte er es kaum ausgehalten. Zwei Tage Klettern, ein Tag Pause, und selbst da geht er laufen oder „viel spazieren“. Das ist sein Rhythmus. Er gehört schließlich zu den besten Klettersportlern der Welt.

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Darf nicht ins Schwitzen kommen: Simon Gietl.

#1

Schon immer haben Simon Gietls Uhren anders getickt.

Das Klettern hat er entdeckt, als er 18 war. Ein Bergsteiger nahm ihn damals ein Stück im Auto mit und setzte ihm einen Floh ins Ohr: „Sportklettern ist etwas für Weicheier. Nur Alpinklettern ist für richtige Jungs.“ Fünf Tage später hing Simon Gietl mit seinem Bruder und ein paar Freunden in einer Wand.

Er gab seinen Tischlerberuf auf und heuerte als Ausfahrer in einer Bäckerei an. Jeden Tag stand er um Viertel vor vier auf, um halb acht Uhr waren alle Brötchen geliefert. Feierabend. „Ich war meistens früher fertig.“ Er beeilte sich, weil er den Tag zum Klettern brauchte. Nicht einen Tag krank sei er in diesen zwei Jahren gewesen. Nebenbei machte er eine Ausbildung zum Bergführer.

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Erfolgreiche Expedition auf den Fitz Roy in Patagonien 2014.

#2

Entscheidend ist, wie man auf den Gipfel kommt.

Heute lebt Simon Gietl vom Bergsteigen. Der 29-Jährige ist Mitglied des internationalen alpineXtrem Teams des Bergartikelherstellers Salewa. Wenn er nicht gerade neues Material testet oder auf Expedition in Patagonien, Himalaya, China oder Grönland ist, führt er Menschen in die Berge. Als wir ihn treffen, packt er gerade sein Auto voll. Am Nachmittag zeigt er Mittelschülern in der Halle, wie man klettert. „Ich kann machen, was ich am liebsten tue, und verdiene auch noch Geld damit“, lacht Simon Gietl, dem viel daran liegt, ein „freier Mann“ zu bleiben.

Er ist ein Abenteurer. Das gibt er zu. „Natürlich macht man das deswegen.“ Gleichzeitig ist Simon Gietl kein Kraftprotz, der sich am Berg sein Feingefühl abgewöhnt hat. Im Gegenteil. Der Gipfel an sich ist für ihn kein Ziel. „Entscheidend ist, wie man hinaufkommt“, sagt er. Wenn er dem Berg schon auf den Leib rückt, so will er doch fair bleiben, dorthin klettern, wo der Berg es zulässt, Risse suchen, die es ihm erlauben, seine Haken einzuhängen. Bohrhaken, die mit dem Akkuschrauber in den Fels getrieben werden und den Berg verletzen, lehnt er ab. Simon Gietl: „Ich gebe dem Berg eine Chance.“ Die Chance, ihn abzuwerfen. Drei Erstbegehungen hat er deswegen nicht abgeschlossen. „Ich mag lieber scheitern, als mich auf den Gipfel hinaufbohren.“

Video der Überquerung der Drei Zinnen in 9 Stunden und 15 Minuten - Simon Gietl und Michi Wohlleben, 17.03.2017:

#3

Wenn das Orakel spricht…

Sommer 2013 in den Dolomiten. Mit seinem Kletterpartner Patrick Seiwald steht Simon Gietl am Lagazuoi und schaut an der Felswand nach oben. Vier Tage lang bereiten sie die Erstbegehung vor, erkunden die einzelnen Seillängen. Streckenweise ist der Stein splittrig, stellen sie fest, wie oft in den Dolomiten. „Eher schien es unmöglich, dass wir das schaffen“, erinnert sich Simon Gietl. „Das Orakel“, so nennen sie die Route. Gerne gibt Simon Gietl seinen Touren Namen, die eine Geschichte erzählen: Edle Mischung, Fairplay, Fior di vite, Eventyr. Am Ende ist das Orakel am Lagazuoi ihnen hold. Das Abenteuer gelingt. In drei Tagen klettern sie die überhängende Wand in freier Begehung von unten nach oben. Ein Nervenspiel.

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Das ist die Route, die Simon Gietl bei seiner China-Expedition 2014 beging.

Der Kopf ist immer dabei, oder wie der deutsche Sportkletterer Wolfgang Güllich einmal formulierte, das Gehirn ist der wichtigste Muskel beim Klettern. Simon Gietl sagt es auf seine erfrischend bodenständige Art: „Besser der Kopf ist gut als der Körper.“ Der Kopf macht den Unterschied. „Bis zu einem bestimmten Punkt kann jeder klettern. Wer besser sein will, braucht einen starken Willen und ausgeprägte Leidensfähigkeit.“ So komme es, dass Kletterer in der Wand gerne Selbstgespräche führen. Zum Anspornen, sagt Simon Gietl: „Wenn du von dir nicht überzeugt bist, ist am Limit nicht viel Platz.“

#4

Eine Tour für den Fotoapparat?

Der Körper muss einfach mitspielen. Darauf wird er vorbereitet. Im Winter trainiert Simon Gietl gezielt in der Halle, sobald das Wetter es zulässt, ist er draußen beim Bouldern, „da kann man gut aus sich herausgehen“. Tage, an denen er klettert, wechseln mit anderen, an denen er nur läuft. „Es gibt Tage, da laufe ich drei Mal den Turnerkamp hinauf und hinunter“, sagt Simon Gietl und zeigt auf einen Berg, 3.418 Meter hoch, hinter dem Haus, in dem er in Luttach mit Freundin Sandra und dem einjährigen Sohn Iano wohnt.

Andere Touren, die von den Medien als herausragende Leistung gefeiert werden, sind für ihn kaum mehr als Übungsstrecken, wie die Besteigung der Eiger Nordwand in sechs Tagen, bisher die schnellste Seilschaftbegehung der Alpingeschichte, oder der 17-Stunden-Marathon durch alle Nordwände der Drei Zinnen. Beide Male war Simon Gietl mit seinem Expeditionspartner Roger Schäli unterwegs; die Touren waren Teil des Trainings für zwei Himalaya-Expeditionen. „Da habe ich nicht einmal einen Fotoapparat mitgenommen“, sagt Gietl.

Zwei bis drei Expeditionen unternimmt Simon Gietl im Jahr. Gut sechs Wochen ist er dann jeweils unterwegs. Im Oktober 2014 stand China auf dem Programm. Davon hält ihn auch seine junge Familie nicht ab. „Meine Freundin hat mich so kennengelernt, wie ich bin“, sagt Simon Gietl. Dafür steht er jetzt wieder zeitig auf, er will möglichst früh vom Training zurücksein, um noch Zeit mit Söhnchen Iano zu verbringen.

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Der Profikletterer lebt davon, dass er in Form bleibt.

Alpinisten entdecken die Berge. Ein Gipfel erzählt.

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#5

Wenn der Bauch nein sagt...

Ein Kletterer müsse sein Sohn nicht unbedingt werden, sagt Simon Gietl. Iano soll selber herausfinden, ob der Berg ihm so wichtig ist. Im Augenblick spiele er ja noch mit den Karabinern im Keller. Er lächelt, unaufgeregt, und man glaubt ihm. Simon Gietl lässt sich in seine Entscheidungen nicht dreinreden, genauso wenig aber würde er andere bedrängen. Anders als seine Eltern, die nicht klettern, kennt Simon Gietl die Gefahren am Berg: „Ich weiß, dass da ganz viel Glück dabei ist.“

Bei einer seiner ersten Touren war er zehn Tage im Krankenhaus, „weil wir uns alles erfroren haben“. Bei der Expedition am Arwa Spire im Himalaya 2011 dann die schlimmste Erfahrung: Der mitgereiste Kameramann verunglückte tödlich. Und 2009 am Fitz Roy, seiner ersten Expedition in Patagonien, hätte es ihn selber fast erwischt. Im März 2015 forderte Gietl das Schicksal wieder einmal heraus. Er zog eine Solobegehung der Nordwand der Großen Zinne in den Dolomiten durch. Solo und ohne Mobiltelefon. „Ich wollte wissen, wie das ist, wenn man da oben mutterseelenallein und auf sich gestellt ist.“ Alles ging gut.

Bei jeder Tour steigt die Angst mit nach oben. „Sie ist ein Schutz, dass du überlebst“, sagt Simon Gietl. Er packt sie in den Rucksack wie seine Keile, Karabiner, Haken, Seile, zum belegten Brot, das sich wegen des Gewichts selten ausgeht und meistens durch zwei Power Riegel ersetzt wird. Wie der Hunger geht auch die Angst durch den Magen. „Wenn der Bauch nein sagt, ist es besser nicht weiterzugehen.“

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Simon Gietl mit Sohn Iano.

#6

Starke Seilschaften sind wichtig

Das stärkste Seil, das Simon Gietl am Boden hält, obwohl alles in seinem Inneren die Wand hinauf will, drehen seine Familie und seine Freunde. An sie denkt er, wenn er abends im Biwak liegt und in die Sterne schaut. „Ich bin ein Familienmensch“, beschreibt er sich selbst.

Wenn ich einmal 60 bin, macht es mir sicher mehr Spaß, in Gedanken mein Abenteuerbuch durchzublättern, als mein Kontobuch anzuschauen. Simon Gietl, Alpinkletterer

Simon Gietl ist einer, der die Leinen nicht kappt. Er weiß, was eine gute Seilschaft wert ist. Noch heute hat er Kontakt zum Bäcker, der ihm vor Jahren ermöglicht hat, sein Leben nach seiner Vorstellung einzurichten. Roland Harrasser zahlt jetzt im Herbst seinen Flug nach China. Eine französische und eine deutsche Expedition sind an Simon Gietls neuem Ziel gescheitert. Es wird auch für den Pusterer Kletterer und seine Partner kein Spaziergang werden.

Text: Gabriele Crepaz
Fotos: Alex Filz und Simon Gietl
Video: Andreas Pichler

Sicher in der Wand! 5 Tipps von Simon Gietl

● Wetterbericht kontrollieren. „Das Wetter hast du nicht im Griff. Beim ersten Donner musst du einpacken“, sagt Simon Gietl. ● Die Tour gut planen, dazu gehört auch der Abstieg. Bei einer seiner ersten Bergtouren landete Simon Gietl genau deshalb im Krankenhaus, „seitdem denke ich mehr an den Abstieg als an den Aufstieg“. ● Die Ausrüstung muss zu 100% funktionsfähig sein. Keine halben Sachen am Gurt: eine Serie Friends (Klemmkeile), 10 Express (Karabiner), Gurt und Seil, manchmal Nägel und Hammer, Cliffs (Haken), immer Magnesium und Helm. Am Ende hängen 5 bis 8 Kilo Material am Gurt. Der Nachsteiger trägt einen Rucksack mit Verpflegung. ● Genügend zum Trinken und zum Essen. Simon Gietl bevorzugt ein belegtes Brot. Aber: „Meistens nehme ich zwei Power-Riegel mit, das ist weniger Gewicht, schmecken halt auch weniger.“ ● Wichtig: Spaß nicht vergessen.