Schneidersitz

Wie näht man eine Tracht? Schneiderin Nadine Lantschner büffelt gerade die Regeln. Es gibt mehr davon, als man meint.

  • November 2015

  • Lesedauer: 7'

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Schneidersitz

Wie näht man eine Tracht? Schneiderin Nadine Lantschner büffelt gerade die Regeln. Es gibt mehr davon, als man meint.

Nichts ist individueller als eine Tracht. Jedes Tal hat seine Eigenheiten. So wussten früher alle, wer wohin gehört. Aber: Wenn Kleider sprechen sollen, brauchen sie eine Grammatik. Oder ein Schnittmuster. Trachten aber werden mit Augenmaß und Fingerspitzengefühl genäht. Ein paar Regeln gibt es trotzdem. Diese machen der jungen Schneiderin Nadine Lantschner manchmal das Leben schwer. Die wichtigsten verrät sie uns...

Frau Rosa hat es sofort gesehen. Und Nadine Lantschner wusste schon vorher, dass Frau Rosa es sehen wird. Sie hat es trotzdem probiert. Weil sie die Gesichter der Buben gesehen hat. Kürzlich waren die Mütter aus Steinegg hoch oberhalb von Bozen mit ihren Söhnen bei Nadine Lantschner zur Anprobe. Die Buben haben sich gefreut, die neuen Trachten zu probieren, die ihnen auf den Leib geschneidert worden waren. Als sie die weißen Leinenhemdchen am Hals schließen müssen, stecken sie einen Finger zwischen Stoff und Hals und verziehen das Gesicht: „Das beißt“, jammern sie. „Das machen wir weiter“, sagt Nadine Lantschner. Sie ändert alle neun Hemden, gibt dem Kragen mehr Spiel. „Die gehören alle enger“, war alles, was Frau Rosa dazu sagte. So endet es immer, wenn Nadine versucht, die Sache nicht so eng zu sehen. „Jetzt tu ich nur noch, was die Frau Rosa sagt“, sagt Nadine Lantschner.

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Wenn Frau Rosa nicht wäre, hätte Nadine Lantschner mit der Trachtenschneiderei nie angefangen oder schon wieder aufgehört. Sie ist 28, hat in Florenz die Schneiderei erlernt, anschließend ein Jahr bei Max Mara gearbeitet und sich dann selbstständig gemacht. Am Rand von Bozen, knapp vor der Autobahnauffahrt, liegt ihr Atelier, es ist großzügig und ordentlich chaotisch, vor den großen Fenstern fädeln Autos vorbei, wie an Bändern nach links oder rechts gezogen.

Frau Rosa hat das Maßband im Kopf

Auf dem Tisch am Eingang steht eine kleine Schneiderpuppe, angetan mit der Steinegger Kindertracht. Mit ihr hat es vor einem Jahr angefangen. „Das ist mein Prototyp“, sagt Nadine Lantschner. Der Heimatpflegeverein von Steinegg und einige Eltern haben 21 Mädchen- und Bubentrachten bei ihr in Auftrag gegeben. Nadine Lantschner: „Trachten gibt es ja nicht im Geschäft zu kaufen.“ Ebensowenig wie die dazugehörigen Schnittmuster oder ein Kompendium der Trachtennäherei. Die Steinegger haben ihre Anleitung deshalb mitgeliefert: Frau Rosa.

Frau Rosa hat ein Leben lang Trachten genäht. Sie kennt sich aus, und sie will ihr Wissen weitergeben, jetzt, wo sie aufgehört hat. „Sie ist sehr offen“, sagt Nadine Lantschner, „ich kann sie immer fragen.“ Wenn sie nicht fragt, muss sie die Sachen meistens neu machen: „Frau Rosa lässt nichts durchgehen. Ich lerne viel von ihr.“

Frau Rosa hat Nadine Lantschner ein Bild von der Steinegger Tracht mitgebracht. Mehr als ein fotokopierter Zettel ist es nicht. Vom vielen Studieren ist das Papier schon ganz weich geworden. „Aber das ist die Frauentracht, von der Kindertracht gibt es kein Bild“, sagt die junge Schneiderin. Die Kindertracht musste sie ableiten, samt der Breite für Samt- und Gerstenkornbänder, der Lage der Knopflöcher, der Höhe des Brustlatzes am Mieder, der Schurzlänge im Verhältnis zum Rock und der Rundung des Ärmeleinsatzes: „Das muss alles perfekt sein.“

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Unser bestes Gewand pfeift auf die Mode

Eine Tracht muss sitzen. Aber darin liegt schon die Kunst. In Südtirol sitzt die Tracht in jedem Tal ein bisschen anders. Es kommt also auf die Details an. „Die Tracht ist ein Kulturgut. Es ist wichtig, dass die Regeln eingehalten werden“, sagt Ulrike Tonner von der Südtiroler Bäuerinnenorganisation. Soeben haben die Bäuerinnen ein Trachtenbuch herausgegeben: Inser beschtes G’wond porträtiert 80 Südtiroler Frauentrachten. Vier Jahre lang haben Trachtenexperten in ihren Auffassungen miteinander gerungen, bis das Buch endlich erscheinen konnte. Ein Nachschlagewerk nennt es Ulrike Tonner. Hier geht’s nicht um Geschmacksfragen, sondern um die Frage, was ist richtig und aus der Tradition begründet oder bei den Haaren herbeigezogen und erst in jüngster Zeit nostalgisch aufgeladen.

„Die Tracht ist das Gegenteil von Mode“, sagt Ulrike Tonner. Und Christoph Gasser, einer der Autoren des Trachtenbuchs, resümiert in seinem Beitrag: „Wer Tracht trägt, trägt ein Stück der eigenen Geschichte“. Nur, wenn es um Geschichte geht, wird es in Südtirol manchmal kompliziert. So ist auch die Erforschung der Trachtengeschichte alles andere als einfach. Nicht überall in Südtirol  hat sich die Tracht gleich stark erhalten, mancherorts wurde sie erst im 20. Jahrhundert wiederbelebt oder musste erneuert werden, weil plötzlich auch Frauen in der Musikkapelle mitspielen durften.

Rote Hutschnur, grüne Hutschnur

Lange Zeit war alles klar. Bauern und niedere Stände durften nur Kleider aus Stoffen tragen, die sie selber herstellen konnten. Seit dem 16. Jahrhundert galten außerdem strenge Bekleidungsregeln.  Damals war die Tracht die einzig zulässige Standeskleidung. Im 18. Jahrhundert legten die Tiroler schließlich die Kleiderfesseln ab, sie lebten gut, sie wollten sich auch gut anziehen. Anlässe gab es zuhauf: Die Kirche führte immer neue Feste ein, der aufkeimende Patriotismus schob nach. In dieser Zeit erleben die Trachten ihren Höhepunkt. Nahezu jede Ortschaft wurde an ihrer Tracht erkennbar. Man erfasste auch auf einen Blick, wie es um sein Gegenüber stand: Feier- oder Werktag, Freude oder Trauer, ledig oder verheiratet. Noch heute signalisieren im Sarntal nördlich von Bozen rote Hutschnüre, ein Mann ist zu haben, bei Männern mit grüner Hutschnur ist die Frau nicht weit. Wer weiß das heute so genau?

Die Frauen, die heute zu Nadine Lantschner kommen und sich von ihr das Hochzeitskleid schneidern lassen, haben das irgendwie anders geklärt. Individueller. Auch ihr Kleid soll einzigartig sein. „Die kommen auch 15 Mal zur Anprobe“, sagt die Schneiderin. Bis zum Termin wird da noch gebastelt und verändert. Bei der Tracht dagegen ist wenig zu rütteln: vier bis fünf Anproben, dann macht das Stück eine gute Figur. Und das Modell ist immer das richtige. Trotzdem ist es für Nadine Lantschner, die sich mit ausgefallenen Abendroben einen Namen gemacht hat, im Augenblick schwieriger, eine Tracht zu nähen als ein Brautkleid zu entwerfen.

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Gute Stoffe trocknen die Hände nicht aus

„Es ist eine tolle Herausforderung“, sagt sie und hängt dem Satz in Gedanken nach. Sie mag die schönen, hochwertigen Stoffe, „schon zum Anfassen“, aber auch zum Arbeiten, „die trocknen die Hände beim Nähen nicht so aus wie das Polyester der Brautkleider“. Und sie versteht allmählich, warum bei der Tracht die meisten Nähte von Hand gemacht werden müssen, vom Gerstenkornband, das den Armbogen einfasst, bis zu den Samtbändern, die am Rücken entlang geführt werden müssen. „Mit der Maschine wird das einfach nicht so schön.“

Versucht hat sie es. Aber Frau Rosa hat es jedes Mal gesehen und den Kopf geschüttelt: „Nadine, du hast doch eine Modeschule besucht, du wirst das wohl wissen.“ Nein, gewusst hat die Nadine es erst, als Frau Rosa ihr nichts mehr durchgehen ließ. „Bis ich es wirklich schaffe, muss ich noch 20 bis 30 Trachten nähen“, ist Nadine Lantschner überzeugt.

20 Stunden Arbeit rechnet sie für eine Kindertracht, 45 Stunden für eine Frauentracht. Das muss man sich erst leisten können: „Mit 2.000 Euro muss man rechnen“, sagt Ulrike Tonner von der Bäuerinnenorganisation. 1.200 Euro kostet auch die Steinegger Mädchentracht. „Viele Bäuerinnen besuchen eigene Kurse und nähen ihre Tracht wieder selber“, sagt Tonner.  Für sie ein Signal, dass die Kultur weiterlebt.

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Eine Investition fürs Leben

Eine Tracht leistet man sich also einmal im Leben. Oft wird das Gewand auch vererbt. Gerade hängt in Nadine Lantschners Atelier eine Steinegger Frauentracht, die 60 Jahre alt ist und der neuen Besitzerin angepasst werden soll. Ein paar schadhafte Stellen sind auszubessern. Nadine hält den Rockstoff gegen das Licht, Motten haben in den schweren, vollkommen blickdichten Wollstoff winzige Löcher gebohrt. „Der Rock ist am anfälligsten“, sagt sie. Sie wird den Rock nicht ausbessern, es wäre zu teuer, mehr als zwei Meter Stoff würde sie dafür brauchen. In der Taille ist der Stoff im Abstand von einem halben Zentimeter – exakt – in vier parallelen Nähten gereiht. Nadine dreht den Bund auf die Innenseite und zieht die Nähte leicht auseinander. Sichtbar wird ein Stoff, der wie Millimeterpapier aussieht. Nadine langt über den Tisch und zieht eine Stoffspule heran. Den Stoff gibt es heute noch. Wie vor 60 Jahren. Strich um Strich fährt die Nadel durch den Stoff und zieht ihn gleichmäßig eng an. Alles mit der Hand natürlich.

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Tricks sind also zulässig. Die Steinegger Kindertrachten, die Nadine Lantschner gerade in Arbeit hat, sind so gemacht, dass sie mitwachsen. Da gibt es versteckte Bandlängen, eingenähte Rocksäume, Stoffreserven im Mieder, bei den Buben zwei Knopflöcher am Hosenträger. Der Heimatpflegeverein von Steinegg will einen Fundus an Kindertrachten aufbauen, die ausgeliehen werden können. Trachten für alle Fälle und Staturen.

Bei den Bubenhemdchen fehlen nur noch die goldenen Borten am Kragen. Einmal hat Nadine sie alle schon aufgenäht. Leider mit der Maschine. Und wieder abgetrennt. Wegen Frau Rosa. Sie hat es ja geahnt. Trotzdem riskiert. Und dann klein beigegeben.

Text: Gabriele Crepaz
Fotos: Alex Filz und IDM Südtirol/Jessica Preuhs

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