Die Grenzgeher

Wer an der Grenze lebt, wird leicht zum Schmuggler. Viele Schleichwege werden heute noch begangen. Zwei Ex-Schmuggler erzählen.

  • Mai 2015

  • Lesedauer: 6'

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Die Grenzgeher

Wer an der Grenze lebt, wird leicht zum Schmuggler. Viele Schleichwege werden heute noch begangen. Zwei Ex-Schmuggler erzählen.

Josef Leiter und Vigil Kuprian sind sich nie begegnet. Nur die Täler, in denen sie leben, führen beide über die Berge nach Österreich. Hoch oben, wo einst die Grenze verlief, kannten sich die Bauern besser aus als die Zöllner. So keimte ein Geschäft auf, von dem alle wussten, nur nichts Genaues. Auch unsere zwei alten Schmuggler schicken uns immer wieder in die Irre. Was trieb sie? Wer half mit? Was schaute dabei heraus? Wir suchen einen Weg durch ihre Geschichten...

In der Gaststube von Josef Leiter in Rein im Tauferer Tal wird es langsam voll. Auch Sohn und Tochter wollen beim Gespräch dabei sein. „Alle haben geschmuggelt“, sagt der Hotelier vorsichtig. Er ist über 80, seine Augen schauen uns von unten an, kurz blitzt darin ein Lächeln auf. Wir ahnen, das wird nicht einfach. „Uns hat er das nie so genau erzählt“, raunt Kurt, Leiters Sohn, mir zu. „Vorsichtig hat man schon sein müssen“, sagt der Vater, der damals einfach Trippoch Seppl hieß. Einmal im Jahr geht er noch seinen Schmugglerweg über das Frankbachjoch ins Zillertal. Wie 1954, als er angefangen hat, mit 24.

Geschmuggelt wurde, was es hüben oder drüben nicht gab oder was billiger zu haben war. Lebensmittel und Wein nach Österreich, Tabak, Zigarettenpapier und Feuerstein, der Süßstoff Saccharin, „Zackrin“, sagt Josef Leiter, Salz und Felle, oft auch Kühe nach Italien. Von Innsbruck wurden die Waren zu den Almhütten hinaufgebracht und dort in Kraxen und Rucksäcke umgeladen. In der Nacht stapften die Träger dann los.

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Tragen musste einer können

Vigil Kuprian war 15, als ein Bekannter aus dem Dorf ihn ansprach, „ob ich ihm helfe, Sachen herüberzutragen“. Von seiner Pension in Pfelders im Passeiertal sieht er jeden Tag den Berghang, hinter dem das Ötztal liegt. Mit dem Zeigefinger zeichnet er in der Luft seine Route zum Rotmoosjoch nach, im freien Gelände an der Zwickauer Hütte vorbei, wo die Zöllner, die italienischen Finanzer, Wache schoben. 1933 haben Schmuggler dort drei Finanzer erschossen. Diese Geschichte sitzt den Passeirer Schmugglern im Nacken, auch noch in den 1960er Jahren, als Kuprian loszog: „Aber es hat mich einfach gekitzelt.“

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Nach dem Krieg herrschte auf den Höfen lange die blanke Not. „Am Hof hat man nichts verdient. Und andere Arbeit gab es nicht“, erinnert sich Vigil Kuprian. 9.000 Lire sei ein Monatslohn am Hof gewesen, ein Paar Schuhe habe 12.000 Lire gekostet. Gelernt habe er auch nichts, „als wäre die Lehrerin in der zweiten Klasse gestorben“. Aber tragen konnte er. Mit sieben mussten die Bergbauernbuben schon Heu schleppen und Holz tragen. Auf den Bergen kannten sie vom Schafe- und Ziegenhüten jedes Loch und jeden Stein. Kuprian: „Einmal übergehen brachte gleich viel ein wie drei Monate als Hofknecht zu arbeiten.“ Dafür nahmen die Schmuggler in Kauf, am Bach entlang sechs bis sieben Stunden durch Wald, Fels und Schnee zu steigen. Wie die Gämsen. Mit Rucksäcken oder Kraxen, die voll beladen 20 und 30 Kilo wogen. „A ti amol auch mehr“, sagt Josef Leiter.

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Wenn das Wetter gut war, zogen die Schmuggler los

Geschmuggelt wurde nachts. Tagsüber wurde am Hof gearbeitet. „Ich war der Älteste. Bis Mittag war ich auf dem Feld, damit man mich gesehen hat“, erinnert sich Josef Leiter. Danach startete er. Meistens allein, „da brauch‘ ich nur auf mich aufzupassen“. Um fünf Uhr morgens, wenn am Hof das Tagewerk begann, musste er zurück sein. Zwei Mal in der Woche sei er schon über die Jöcher gegangen, schätzt Josef Leiter. „Wie’s Wetter war“, sagt Vigil Kuprian. Damals gab es keinen Wetterbericht, in Pfelders hatte auch niemand ein Radio. Wenn der Wind von Norden hereinzog, wurde das als gutes Wetter gewertet. Gegangen wurde zu jeder Jahreszeit. Manchmal auch im Winter. Auf 3.000 Meter Höhe war die Luft rein, wenn die Zöllner nicht Wind von der Sache kriegten.

Hauptsache, der Mond ging auf. „Licht konnte man ja nicht machen“, erzählt Vigil Kuprian. Er hatte einen Auftraggeber und war deshalb oft mit drei vier anderen Schmugglern unterwegs. Die Ausrüstung war miserabel. Wollhandschuhe, die in der Kälte gefroren, Gletschereisen, um über die schwierigsten Passagen drüber zu kommen, gesichert an einem Heuseil um den Bauch, wenn’s gar nicht anders ging. Kuprian: „Das Seil hat einem alles abgeklemmt.“ Da die genagelten Schuhe auf dem Gletschereis Funken schlugen, gingen die Männer gewisse Strecken barfuß. Kuprian hatte eine andere Idee: „Ich hab meine Wollsocken ausgezogen und außen über die Schuhe drübergespannt.“

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Mit einem Fuß waren die Schmuggler im Grab, mit einem im Gefängnis

In der Gruppe hielten die Schmuggler hundert Meter Abstand voneinander. Falls einer von ihnen erwischt werden sollte, konnten sich die anderen noch in Sicherheit bringen. Gefahr drohte von allen Seiten: In der Hütte saßen die Zöllner, in der Natur lauerten die Gletscherspalten. „Pass auf. Mit einem Fuß bist du im Grab, mit dem anderen im Gefängnis“, sagte Kuprians Ziehvater immer. Auch er war Schmuggler, machte mit seinen Söhnen gemeinsame Sache. Den Ziehsohn ließ er von einem anderen anheuern.

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Nicht immer ging alles gut. 1957 hat es Josef Leiter erwischt. Er war im November, noch vor dem großen Schnee, mit seinem Cousin unterwegs. Beim Abstieg auf der österreichischen Seite löste sich ein Schneebrett. Leiters Cousin wurde verschüttet, Josef Leiter selber schleppte sich schwer verletzt bis zur nächsten Hütte. „22 Stunden bin ich gekrochen“, erzählt er leise. „Am schlimmsten war der Durst.“ Am schlimmsten war, dass der Luis, sein Cousin, nicht zu retten war, und dass er, Josef, ihn am Berg zurücklassen musste. Das sagt Leiter nicht. In seinen Augen schwimmen die Tränen. Darin eingesperrt seine Erinnerungen. „Wir sind auf der Suche nach Arbeit“, sagte er damals den Gendarmen. Vom Schmuggeln kein Sterbenswörtchen.

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Alte Verbindungen werden gepflegt

Es war ein Elend. Seit Südtirol 1919 zu Italien gekommen war, fühlten sich die Südtiroler aus der Bahn geworfen. Da alles Deutsche nicht gern gesehen oder gar verboten war, lernten die deutschen Südtiroler zu  schwindeln, wenn sie ihre Kultur behalten wollten. Wie der Deutsch-Unterricht der Kinder waren auch die Zusammenkünfte der Bauern heimlich. Man suchte eben Wege, die ein bisschen abseits verliefen. Das gilt auch für das Schmuggeln, das erst begann, als die alten Bergrouten im Norden an die italienisch-österreichische Grenze stießen und alte Verbindungen unterbrochen waren. „Bis dahin waren Berge immer Verbindung gewesen“, sagt Hans Rieder, ein Chronist, der in seinen Büchern „Das Tagewerk“ und „Am Berghof“ das Bauernleben im Ahrntal erforschte. Die Bauern trieben das Vieh über die Jöcher, über die Gipfel hinweg wurde gearbeitet und geheiratet. In der Auffassung der deutschen Südtiroler taten die Schmuggler nichts anderes, als was die Menschen in den Tälern immer getan hatten: übergehen.

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Jeder Schmuggler hatte sein Revier

Bis in die 1970er Jahre lohnte sich das Schmuggeln, erzählt Hans Rieder. Auch er ist in die Stube zu Josef Leiter gekommen. Jetzt schaut er den alten Mann fragend an. „Es gab Schmugglerreviere. Jeder Seitenbach in einem Tal war besetzt“, sagt er. Ja, nickt Josef Leiter. Jeder wusste Bescheid. Auch die Zöllner.

Wie in einem Theaterstück spielte jeder seine Rolle. Gut einstudiert. Die österreichischen Zöllner waren die Guten. „Die haben so getan, als ob sie nicht alles mitkriegten“, lächelt Josef Leiter. „Sie haben Respekt vor den Schmugglern gehabt“, erklärt Vigil Kuprian, „vor dem, was die geleistet haben“, sagt Josef Leiter. Es kam vor, dass Schmuggler und Gendarmen gemeinsame Sache machten. Man sprach die gleiche Sprache. Man kannte sich noch von früher.

Das Schlupfloch

Im Sommer 1947 zogen 5.000 jüdische Flüchtlinge von Österreich über den Krimmler Tauern durch das Südtiroler Ahrntal nach Palästina. Sie hatten Konzentrationslager und Bombardements überlebt. Nun  führte der Weg in die Freiheit über einen Gipfel in 2.633 Meter Höhe. Der Exodus gelang. Anders als der Reschenpass im Vinschgau und der Brennerpass war der Übergang im Ahrntal nicht bewacht. Bergführer und Hüttenwirte halfen beim zehnstündigen Marsch über die Berge, und die italienischen Carabinieri drückten ihre Augen zu.

Schmuggler und Südtiroler – lauter fremde Wesen

Die Italiener hatten es schwerer. Auf über 2.000 Meter Höhe mussten sie eine Grenze verteidigen, die  Löcher hatte, von denen sie nur wussten, dass es sie gab, aber nicht wo. Die Berge machten ihnen Angst. Die Schmuggler waren ihnen im Wesen fremd. Wenn die Finanzer einen Verdacht hatten, wurden in den Dörfern die Häuser durchsucht.

Haben die Schmuggler nie das Gefühl gehabt, etwas Unrechtes zu tun? „Ich hab’s gern getan“, sagt Vigil Kuprian. Es klingt nicht nach Abenteuerlust, eher nach einer Notwendigkeit, die von ihm erwartet wurde. In seiner Stube hebt Josef Leiter fast unmerklich die Schultern: „Wir haben alle nach ein bisschen Wohlstand gestrebt.“

Text: Gabriele Crepaz
Fotos: Alex Filz

In memoriam Josef Leiter, der am 9. September 2015 plötzlich und unerwartet verstorben ist.

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Wandern auf alten Schmugglersteigen

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Wandern auf alten Schmugglersteigen

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Geführte Wanderung durch die Uinaschlucht (Juni-Oktober) Ferienregion Obervinschgau, St. Benediktstraße 1, 39024 Mals +39 0473 831 190

Grenzweg Krimmler Tauern in Prettau Tourismusverein Tauferer Ahrntal, Ahrner Str. 22, 39030 Luttach +39 0474 671 136

Schmugglersteig Kalksteinjöchl in Gsies Tourismusverein Gsieser Tal-Welsberg-Taisten, St. Martin 10a, 39030 Gsieser Tal +39 0474 978 436

Europäischer Fernwanderweg im Passeiertal Tourismusverein Passeiertal, Passeirerstraße 40, 39015 St. Leonhard in Passeier +39 0473 656 188

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