Februar 2017

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Staub vor der Haustür

Die Bilder des Vinschgers Jörg Hofer sind aus Laaser Marmorsand gebaut. So wird aus einem Abfallprodukt Kunst zum Anfassen.

Jörg Hofer ist ein Mensch mit feinen Antennen. Der Plan seines Vaters, aus Jörg einen Metzger zu machen, wie es die Familientradition verlangte, musste schiefgehen. Nur mit den Händen arbeitet Jörg Hofer immer noch: Er ist Maler mit Leib und Seele. Wenn er an seinen Bildern vorübergeht, muss er sie berühren. Er will Erde spüren. Er malt ausschließlich mit Naturfarben. Und er malt Landschaften: die Natur, die ihn im Vinschgau umgibt und der er auf seinen Reisen begegnet, die Natur, die er in sich trägt. Auf der Leinwand ist das nicht zu unterscheiden. Hier findet jeder Betrachter seine eigene Landschaft wieder.  

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discover Laaser Marmor

Marmorsand, reinweiß - eine Farbe, die Jörg Hofer kennt, seit er denken kann. In Laas ist die Dorfstraße mit Marmor gepflastert. Straßenschilder sind aus „weißem Gold“, viele Grabsteine, vereinzelt die Umrandung von Gemüsebeeten.

Das Laaser Pompeji

Der Vinschgau ist das Tal der Künstler und Querdenker, heißt es in Südtirol. In der Tat ist hier manches anders: die Landschaft karger, das Klima trockener, der Wind hartnäckiger, das Licht sonniger, die Menschen darum vielleicht tiefgründiger. Nach seiner Ausbildung an der Akademie der bildenden Künste in Wien kehrte Jörg Hofer Anfang der 80er-Jahre voller Tatendrang in sein Heimatdorf zurück. Doch wirklich lange hielt er es in Laas im Vinschgau nicht aus.

Mein Vater wollte immer, dass ich in seinem Beruf bleibe, aber ich war kein Metzger. Ich habe mich dann abgeseilt, das war einfach nicht meine Welt. Jörg Hofer, Maler

Nicht nur die Gassen waren dem Künstler zu eng. „Hier zu sein funktionierte nur in meinem Kopf, nicht in der Realität“, erzählt er heute. Dass Jörg Hofer mittlerweile trotzdem seit über 30 Jahren in Laas lebt und arbeitet, verdankt er der Erfahrung, dass auch „die Großstadt Provinz sein kann“ – und einer Reise nach Pompeji. Die mit Marmor grundierten Fresken der Ruinenstadt am Vesuv faszinierten Hofer. So sehr, dass er nach langem Herumexperimentieren erkannte, mit welcher Technik er seine Bilder in Zukunft malen würde und warum seine Heimat genau der richtige Ort dafür war.

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discover Am Bergesgrund

Den Marmorsand holt Jörg Hofer nebenan, bei den Marmorwerken „Lasa Marmo“, die am südlichen Rand des Dorfes liegen. Große Blöcke werden dort gelagert, 20 Meter hoch. Der Laaser Marmor gilt als der wetterbeständigste weiße Kalkstein der Welt und wird als bester und teuerster Marmor gehandelt. In New York kleidet Architekt Santiago Calatrava damit die neue U-Bahn-Station am Ground Zero aus.

Der Abfall der Steinmetze

Jörg Hofer steht in seinem Atelier und schaut zum Fenster hinaus. Sein Blick geht zum Marmorbruch am Jennwandmassiv bei Laas. Der Marmorbruch liegt in einem Naturschutzgebiet auf 1.600 Meter Höhe, weshalb die Fördermengen verhältnismäßig klein und der Rohstoff begehrt ist. Der Maler verwendet für seine Bilder das Abfallprodukt der Steinmetze, den Marmorstaub. Er siebt ihn mal gröber, mal feiner und versetzt die weiße Masse mit Farbpigmenten. Diese lagern in Dutzenden Glasbehältern, die, dicht aneinandergereiht, schon für sich ein Kunstwerk ergeben. So wie das gesamte Atelier, das früher ein Heustadel war. Dort hortet er Hunderte von Pigmentsäcken, aus Angst, die richtigen Farben irgendwann nicht mehr zu kriegen. Auf dem Kalksteinboden mischen sich bunte Farbspritzer und Rinnsale. Auf einem kleinen Tisch stehen verzinkte Tiegel voll von verkrusteter Farbe wie ein Artefakt.
 

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discover Welt der Pigmente

Farben sind für Jörg Hofer Material zum Anfassen. Bei seinem Lehrer Max Weiler an der Akademie der Bildenden Künste in Wien musste er zwei Semester lang Pigmente trocken aufs Papier legen, Farben mischen, in Beziehung setzen. Eine flüchtige Arbeit für einen Tag. Hofer: „Plötzlich habe ich die Welt anders gesehen.“

Der Schichtarbeiter

Mit Marmorsand baut Jörg Hofer den Malgrund seiner Bilder. Eine starke Textur, die mit Harken, Rechen, Holzbrettern, Fingern verteilt, zerkratzt und gefurcht wird. Bis zu 20 Schichten Farbe bedecken am Ende die Oberfläche, graben sich wie Rinnsale ins Bild ein oder verfließen ineinander. „Das ist nicht Wischiwaschi-Malerei“, sagt Jörg Hofer. Ebensowenig wie die Landschaft in seinem Tal aus einer einheitlichen Gesteins- und Pflanzenschicht besteht oder sein Innenleben nur einen Grundton kennt.  

Was er denkt, was er fühlt, was er beobachtet, was ihn zweifeln lässt. Es ist sein Innerstes, das der Künstler auf die Leinwand bringt. Malerei ist für Jörg Hofer ein „Überlebensmittel”.

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discover Mönchszelle

Fast fünf Meter hoch ist der Atelierraum, ein Refugium, das Hofer gerne als „Mönchszelle“ bezeichnet, in der er manchmal nur sitzen und schweigen will.

Ein Maler, der will, dass man seine Bilder anfasst?

Es vergeht viel Zeit, bis der Künstler sich einer Leinwand nähern und die Farbschichten darauf auftragen kann. Die Ideen für seine Werke, die Käufer von Wien bis Mailand schätzen und bis nach Übersee importieren, entstehen auf Reisen und langen Wanderungen. Dann macht Hofer das, was er am liebsten tut. Er fasst alles an, jeden Stein, jede Rinde. „Berührt die Bilder, um sehend zu werden“, ermuntert er auf Ausstellungen die verwunderten Besucher. Mit Genuss beobachtet er, wie sie zögernd über seine „Seelenbilder“ streichen. „Wenn ein Werk fertig ist, dann bin ich für kurze Zeit glücklich.“ Und dann lässt Hofer den Kreislauf wieder von vorne beginnen.