Schafmutter

Die Transhumanz, der Schaftrieb vom Schnalstal ins Ötztal, ist eine uralte Tradition. Jungbäuerin Eva Götsch begleitet ihre Schützlinge auf der anstrengenden Reise über die Alpen.

  • Juli 2019

  • Lesedauer: 8'

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Schafmutter

Die Transhumanz, der Schaftrieb vom Schnalstal ins Ötztal, ist eine uralte Tradition. Jungbäuerin Eva Götsch begleitet ihre Schützlinge auf der anstrengenden Reise über die Alpen.

Es herrscht Aufregung am Gurschlhof. Mehr als 150 Schafe warten in einer Koppel neben dem Stall, laut schellen ihre Glocken. Die Tiere scheinen unruhig. Ihr Fell ist mit farbigen Punkten und Streifen gekennzeichnet worden. Es sind Markierungen – sie sollen schließlich nicht verloren gehen auf der langen Reise, zu der sie gleich aufbrechen werden. Es ist ein warmer Junitag: Zeit für den alljährlichen Schafauftrieb, die sogenannte Transhumanz. Von Vernagt im Schnalstal führt die jahrtausendealte Route hinauf auf das 3.019 Meter hohe Niederjoch und dann hinunter auf die Weiden der Niedertalalm im österreichischen Ötztal.
Auch Eva Götsch ist nervös. Ein letztes Mal kontrolliert sie die kleinsten Lämmer: Sind sie stark genug für diese anstrengende Reise? „Es ist ein bisschen so, als wären sie meine Babys“, lacht die junge Bäuerin verlegen, „deshalb bin ich bei den Kleinsten doch froh, dass sie dieses Jahr noch da bleiben. Über den Winter und im Stall bekomme ich einen engen Bezug zu den Tieren und lerne auch ihre unterschiedlichen Charaktere kennen.“ Dass die älteren Schafe bereits spüren, wo die heutige Reise hinführt, davon ist sie überzeugt: „Die Tiere kennen den Weg. Und ich glaube, dass sie sich darauf freuen.“ Manche ihrer Schafe nehmen an der beschwerlichen Alpenüberquerung schließlich schon zum zehnten Mal teil.

Die gute Hirtin vom Gurschlhof

Der eigentliche Schafübertrieb beginnt zwar erst morgen, heute müssen die Schafe aber zur „Schafschoad“, zur Sammelstelle in Vernagt, gebracht werden. Dort kommen Hunderte Schafe zusammen, viele aus dem Schnalstal, aber auch aus anderen Ortschaften Südtirols. Die meisten Schafhalter bringen ihre Tiere mit dem Viehtransporter zur Sammelstelle. Eva Götsch, ihre Familie und ihre 150 Schafe brechen hingegen zu Fuß in Richtung Vernagt auf.

Die Transhumanz im Schnalstal

Die Tradition des Schafübertriebs im Südtiroler Schnalstal ist vermutlich mindestens 6.000 Jahre alt. Jedes Jahr Mitte Juni ziehen rund 4.000 Schafe von Kurzras aus über das Hochjoch (2.885 m) und von Vernagt aus über das Niederjoch (3.019) auf ihre Sommerweiden im österreichischen Vent im Ötztal. Dabei überwinden sie eine Landesgrenze, Gletscher und etwa 45 Kilometer Wegstrecke durch die Berge – auf uralten Handels- und Schmugglerpfaden. Seit 2011 ist die Schnalser Transhumanz daher als immaterielles UNESCO-Kulturerbe anerkannt. Mitte September kehren die Schafe wieder ins Tal zurück und werden mit einem Hirtenfest feierlich willkommen geheißen.

Mit lauten Glockengebimmel und einigen Helfern startet der Schafszug vom Gurschlhof, der am Sonnenhang am Anfang des Schnalstals liegt. Evas Vater Sepp führt den Zug an, dahinter folgt die Schafherde vertrauensvoll ihrer „Schafmutter“ Eva. Mehr als zwei Stunden lang geht es über die Straße in leichter Steigung hinauf nach Vernagt auf 1.700 Meter Meereshöhe. Es ist ein heißer Tag geworden, die Schafe kräuseln ihre breiten Nasen und atmen schwer. „Wir sind mittlerweile die einzigen Bauern, die mit ihren Schafen noch so weit gehen“, erklärt Eva. Auch weil sie so viele Tiere auf die Alm bringen müssen, kommt ein Viehtransporter nicht in Frage.

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Warum ein Alpmeister um Schafe werben muss

Sepp Götsch ist der Obmann der Agrargemeinschaft Niedertal: 21 Bauern, die gemeinsam ein rund 6.000 Hektar großes Weidegebiet im heutigen Ötztal in Österreich besitzen. Bis 1919, bevor Südtirol zu Italien kam, gehörte das Gebiet zum Schnalstal. Als Obmann und „Alpmeister“ ist Sepp das ganze Jahr über beschäftigt. Er organisiert den Schafauftrieb nicht nur, er muss vor allem genügend Schafhalter davon überzeugen, ihre Schafe auf die Niedertalalm zu bringen – der Obmann würde schließlich an der Bilanz gemessen, erzählt er: „Ich gebe unterm Jahr Annoncen in die Zeitung und spreche mit vielen Tierhaltern.“ Sepp legt auch das Datum für den Auftrieb im Frühsommer je nach Schnee- und Witterungsverhältnissen fest, sucht Hirten für die Weiden und an die 30 Treiber, also Helfer für den Auf- und Abtrieb.

Schäfchen zählen in Vernagt

„Schau mal, wie der Eva die Schafe brav nachgehen“, sagt ein Schafbauer sichtlich beeindruckt zu einem anderen, als Sepp und Eva endlich mit ihren Tieren bei der Sammelkoppel in Vernagt ankommen. Sofort werden die Schafe „ausgeschoadelt“, also unterteilt, denn den Auftrieb am nächsten Morgen werden sie in drei großen Herden bestreiten.

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„Um drei Uhr nachts startet das Vorgespann von etwa 200 Schafen in starker Verfassung: Die müssen kräftig genug sein, um einen Pfad durch den Schnee zu trampeln,“ erklärt Sepp. Eine Stunde später folgt die zweite Herde, die größte. Die Gruppe mit den Muttertieren und bis zu anderthalb Monaten alten Lämmern geht schließlich als letzte los. „Weil die Lämmer bei den Muttertieren ständig trinken müssen, braucht man dafür mehr Zeit“, weiß Sepp.

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Sepp ist zufrieden: Heuer sind es wieder um die 1.500 Schafe, die auf die Ötztaler Weiden getrieben werden. Er lehnt sich an den Holzzaun der Koppel und schaut Eva eine Weile zu, wie sie mit einem Kollegen die Tiere einteilt. Dass Eva so begeistert dabei ist, freut ihn besonders: „Sie macht das sehr gut mit den Schafen. Manchmal kommen mir fast die Tränen, wenn ich sehe, wie fürsorglich sie ist.“ Es sei zuhause schon öfters vorgekommen, erzählt Sepp, dass Eva und ihre Schwester Paula ein Lämmchen, das vom Mutterschaf keine Milch bekam, in einer Kiste voller Stroh neben ihr Bett gestellt und mit der Flasche aufgezogen haben.

Die Auffahrt der Schafe

Am nächsten Tag bricht Eva um 5 Uhr morgens zur Alpenüberquerung auf. Sie geht als Treiberin mit der letzten Schafgruppe, mit knapp 150 Muttertieren und Lämmern. Schafbauer Hans geht im ruhigen Schritttempo voraus, die Tiere ziehen nach, werden von den acht weiteren Treibern als Herde zusammengehalten, zum Weitergehen angestupst, immer wieder auf den Weg zurückgeschoben. Das kleinste Lamm ist erst zehn Tage alt, aber es hält tapfer Schritt. Doch schon nach einem Viertel des Weges muss ein Muttertier mit Zwillingslämmern zurückgelassen werden. Die drei tragen die Markierung des Gurschlhofs. „Das ist kein Problem“, sagt Eva. „Wenn wir in zwei Wochen mit den anderen Lämmern nochmal hochgehen, nehmen wir sie mit. Hier haben sie es inzwischen auch gut.“

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Höher und höher steigt der Zug aus Menschen und Tieren, die Luft wird langsam dünner. Ein Gebirgsbach ist zu überqueren, er führt viel mehr Wasser als gewöhnlich. Anführer Hans sucht die beste Stelle für den Übergang, die Treiber sind jetzt etwas besorgt. Vorsichtshalber positionieren sie sich so, dass sie vom Bach mitgerissene Tiere weiter unten auffangen könnten. Von einem großen Stein springen die Schafe auf die andere Seite, bei den kleinen Lämmern helfen die Treiber nach, damit sie den Sprung über den Bach schaffen.

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Auf dem Weg nach oben über die Almwiesen und Geröllfelder ist immer mehr Schnee zu sehen. „So viel wie heuer gab es schon lange nicht mehr“, sagt Hans, der schon seit vielen Jahren die Transhumanz begleitet. Dabei war der Auftrieb wegen des kühlen Sommerbeginns eigens um eine Woche verschoben worden. Während einer kurzen Rast zeigt Eva in Richtung Berg: Da oben, am schneebedeckten Berghang, schlängelt sich die zweite, größte Schafgruppe wie ein grauweißer Faden an den Serpentinen entlang. „Die fahren aber zügig auf“, sagt einer der Treiber. Hier im Schnalstal gehen oder wandern die Schafe nicht über den Berg, sie „fahren“, wie er erklärt.

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Zwei Prozent frisst der Berg

Der letzte Abschnitt, kurz vor dem Niederjoch, ist der gefährlichste. Die Schafe müssen in einer Linie durch den Schnee stapfen, wenige Zentimeter neben ihren Hufen klafft der steile Abhang. Gefahren gibt es aber nicht nur auf dem Weg, sondern auch im Weidegebiet: „Die Tiere sind den Naturkräften ausgesetzt“, erzählt Eva. „Da ist der Bach, wo manchmal die Strömung welche mitnimmt. Vor ein paar Jahren schlug auf der Weide der Blitz ein, da waren zehn Schafe auf einmal tot. Die kleinen Lämmer holt manchmal der Bartgeier, oder der Adler oder der Fuchs.“ Ein bis zwei Prozent der Tiere sind es, die nicht zurückkehren werden ins Tal: Sie gehören für immer dem Berg.
Die freie Natur eben, meint Eva schulterzuckend. Und doch freut sie sich, als der Zug nach fast sechs Stunden Fußmarsch endlich auf über 3.000 Metern Meereshöhe am Niederjoch ankommt. Die Hälfte des Weges ist jetzt geschafft. Die Strecke nach Vent geht bergab und ist nicht mehr so gefährlich. „In drei Stunden müssten wir da sein“, sagt die Jungbäuerin sichtlich erleichtert. Auf der „Schaferhütte“ im Niedertal warten ihre Eltern dann schon auf sie und die anderen Treiber – mit einem zünftigen Abendessen.

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Warum Tradition auch Freiheit bedeutet

Der Schafübertrieb aus dem Schnalstal ins Ötztal, die Transhumanz, ist eine uralte Tradition, seit einigen Jahren von der UNESCO sogar als immaterielles Kulturerbe anerkannt. „Mir ist diese Tradition wichtig und ich finde es schön zu wissen, dass die Bauern das schon vor Hunderten von Jahren so machten“, sagt Eva. „Natürlich ist der weite Weg über die Berge eine Strapaze für die Schafe, vor allem wenn so wie heuer der viele Schnee dazukommt.“

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Trotzdem ist die Jungbäuerin überzeugt, dass der Übertrieb den Schafen gut tue: „Wenn ich mir vorstelle, wie sie da oben den ganzen Sommer über ohne Zaun frei weiden können und wie sie einfach tun und lassen, was sie wollen, das ist doch etwas sehr Natürliches – ich finde das wunderschön!“ Auch Evas Vater hat am Vortag begeistert und stolz von der langen Tradition der Transhumanz erzählt, aber auch auf ihren praktischen Nutzen hingewiesen: „Wenn wir 1.500 Schafe mit Viehtransportern über die Straße nach Sölden im Ötztal bringen müssten, wären das viel zu hohe Kosten. Dann würde sich die Schafhaltung gar nicht mehr lohnen – sie ist ohnehin für die meisten Bauern schon mehr ein Hobby als eine Einnahmequelle.“

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Ist alles gut gegangen?

Mitte September, wenn das Wetter kälter wird und der erste Schnee droht, werden die Schafe dann wieder zurück ins Schnalstal „fahren“. Ihre Rückkehr wird im Tal mit einem großen Fest gefeiert. So manches Schaf möchte allerdings am liebsten schon früher heim, erzählt Eva. „Die Schafe wissen ja genau, woher sie kommen. Und gegen Ende des Sommers spüren sie, dass es bald zurück geht.“ Da passiert es immer wieder, dass sich einzelne Schafe auf eigene Faust auf den Rückweg machen wollen. Ab August muss deshalb auf der Similaunhütte am Niederjoch immer jemand aufpassen – und die übereifrigen Vierbeiner aufhalten, damit alle erst beim großen Schafabtrieb im Herbst gemeinsam absteigen.

Auch beim Abtrieb wird Eva wieder dabei sein und ihre Schäfchen zählen. Es werden drei Monate vergangen sein, seit viele ihrer „Babys“ die große Reise über das Niederjoch gewagt haben. „Es ist für uns dann immer spannend, ob alles gut gegangen ist“, sagt die Jungbäuerin. Gut gegangen ist es dann, wenn Familie Götsch alle ihre Schafe zurückbekommt. Eva ist zuversichtlich: „Da drüben auf der Alm geht es den Schafen sehr gut. Wenn das Vieh gesund ist, kommt es auch gut zurück. Aber man weiß ja nie – man kann nur hoffen. Letztes Jahr hat uns kein einziges gefehlt. Das ist dann richtig schön.“
 
Text: Marlene Lobis
Foto: MINT Mediahouse
Video: MINT Mediahouse