Schaf im Schrank

Die High Society hat den Loden entdeckt. Nun wird um den Bauernstoff und seine Muster ein großes Geheimnis gemacht.

  • Januar 2016

  • Lesedauer: 7'

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Schaf im Schrank

Die High Society hat den Loden entdeckt. Nun wird um den Bauernstoff und seine Muster ein großes Geheimnis gemacht.

Die Tuchfabrik Moessmer in Bruneck stellt heißbegehrte Stoffe für Prada, Gucci & Co. her. Ein Besuch im Traditionsunternehmen, das seine Geheimnisse pflegt. Oder wozu ein Chanel-Tweed für Michelle Obama gut sein kann...

Es gibt nicht viel, was Dr. Walter Niedermair Kopfschmerzen bereitet. Die Farbe von Eis gehört dazu. „Von welchem Eis reden wir? Gletschereis, Bergeis, ein zugefrorener See?“, fragte sich der Geschäftsführer der Tuchfabrik Moessmer. Der Loden mit der Eis-Farbe war eine Bestellung von Louis Vuitton, einem von vielen Modehäusern, die bei Moessmer in Bruneck ihre Stoffe anfertigen lassen. Am Ende bekamen sie ihren Eis-Stoff. Bei Moessmer bekommen die Kunden alles, vorausgesetzt sie können es bezahlen.

Hinter dem eisernen Fabriktor mit dem geschwungen Logo, zwischen den geduckten Fabrikgebäuden, atmet das Kopfsteinpflaster den Arbeitercharme der 60er Jahre. „Die meisten verbinden mit Moessmer Tradition und Folklore. Nicht gerade sexy“, sagt Walter Niedermair.

Seit 1894 schmiegt sich die Tuchfabrik an die Ostseite des beschaulichen Städtchens Bruneck im Südtiroler Pustertal. Gründer Josef Beikircher stellte als erster den festen Loden für die Jäger und Bauern her. Ein paar Jahre später stieg der Wiener Unternehmer Josef Moessmer ein – und übernahm die Fabrik bald komplett. Die 100prozentige Wollbekleidung galt als ideal für die Arbeit im Freien: Regen hielt sie ab, Luft ließ sie durch, die Wollfasern sorgten für ein angenehmes Trageklima. Kaiser Franz Josef, ein begeisterter Jäger, entdeckte den Loden und machte Moessmer zu seinem Hoflieferanten. Der erste Ritterschlag für die Tuchfabrik. Der vorerst letzte war, als Michelle Obama als frischgekürte First Lady in einem Lodenkostüm von Moessmer auftrat.

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Ein Stoff für Prada – innerhalb von zwei Wochen

Walter Niedermair, grauer Kurzhaarschnitt, moderne Brille, dynamischer Gang, hat Großes vor mit dem Loden: weg vom Traditionsimage. „Die Vergangenheit interessiert mich nicht.“ Kreativität sei heute gefragt, Stoffmuster, die noch keiner gesehen hat. Der Markt in China und Russland, der „Unique selling point der Loden“ und die „Aktiengesellschaft Moessmer“ sind seine Themen.
 
Der Weg des Moessmer Qualitätsloden beginnt im Wolllager, einer Halle am Rande des 50.000 qm großen Fabrikgeländes. Aus riesigen Plastiksäcken quillt die weiße Masse wie Watte hervor, es riecht nach Schaf. Große Zettel an den Säcken verraten die Herkunft der Wolle: Alpaka aus Peru, Mohair aus Südafrika, Cashmere aus Neuseeland, insgesamt 70 verschiedene Arten. In einigen Wollbergen kleben noch Disteln und Kletten von der Weide. Im Hafen von Rotterdam hat Moessmer noch ein Wolllager, bei Bedarf wird sofort Nachschub nach Bruneck geliefert.
 
Der Bedarf kann plötzlich kommen. Seitdem Moessmer auf den großen Stoffmessen in Paris, München und Mailand vertreten ist, gehören Luxuslabels wie Prada, Gucci, Ferragamo, Tod’s zu ihren Kunden. Schwierige Kunden: Viele machen lange ein Geheimnis um ihre Bestellung, aus Angst, dass das speziell designte Stoffmuster schon vor der ersten Modenschau an die Konkurrenz durchsickert. Kopien sind der Feind des Exklusiven.

Ein Loden in den Weihnachtsferien

„Louis Vuitton hat uns denselben Loden in zig Farben und Mustern anfertigen lassen“, erzählt Niedermair. Am Ende nahmen sie die erste Fassung, „nur, damit keiner der Konkurrenz verraten kann, was sie diese Saison zeigen.“ Und Prada habe einmal für eine Modenschau Anfang Januar erst am 25. Dezember einen Stoff bestellt. Es dauert 8 bis 10 Wochen, um einen Loden herzustellen. Der Großteil der 80 Mitarbeiter war damals bereits in den Weihnachtsferien, die Maschinen runtergefahren. Niedermair wusste, dass es ein Vermögen kosten würde, den Loden so schnell zu produzieren. Die Antwort kam von Prada-Chefin Miuccia persönlich: Sie habe nach dem Stoff und nicht nach dem Preis gefragt. Sie bekam ihn rechtzeitig. Niedermair zuckt die Achseln: „Wir sind Getriebene. Aber sie haben alles bezahlt.“
 
Die Kunden, die unregelmäßig oder schlecht bezahlten, hat der Manager aus der Kundenkartei gestrichen. Seitdem er die Zügel in der Hand hat, konzentriert sich Moessmer auf das „Premium-Segment“, wie Niedermair es nennt. Mainstream-Modeketten wie Zara würde er nicht beliefern: „Man erkennt unsere Stoffe. Prada würde nicht mehr mit uns arbeiten.“
 
Vom Wolllager geht es über den Hof in die Färberei. Bei Moessmer kommt die Wolle als Ganzes, noch im Rohzustand, in die Färbekessel und als blaue, rote oder gelbe Wollwolke wieder heraus. Der Vorteil dieser „Flocke-Färbung“: Mehrere Farben können anschließend zusammen in einem Garnfaden verwoben werden. In der Krempelei, der nächsten Station, ist die Luft stickig vom Wollfett. Eine Maschine kämmt die gefärbte Wolle zu einem zarten, fast durchsichtigem Vlies, das anschließend in Fäden geschnitten wird. In der Spinnmaschine werden sie durch Drehen und Ziehen über große Wickler reißfest. Im Garnlager stapeln sich die dicken Garnrollen, die diese Prozedur schon hinter sich haben. Kräftiges Himbeer-Rot strahlt neben Currygelb, ein Himmelblau sticht ein dunkles Lila aus. In einem Melange-Tweedgarn sind bis zu sechs Farben eingewebt, ein einziger Faden schimmert blau, gelb, rot und grün. 370 Garnsorten stellt Moessmer her, jede einzelne in 20 verschiedenen Farben.

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Vom Loden zum Label


Seine Geschichte erinnert an das Märchen vom Aschenputtel: Eine Zeitlang der uncoolste Mantelstoff überhaupt, läuft der Loden heute als Premiumlabel über die Laufstege der Modewelt.
50 Arbeitsschritte und 40 Arbeitstage sind notwendig, um einen Lodenstoff herzustellen. 

Einmal im Jahr steht der Loden Modell für die Kunst

Und jedes Jahr werden neue Farbtöne kreiert. So war auch schon ein Garn in Arbeit, das den rot-orange-braunen Charakter des Brunecker Stadtwappens wiedergeben sollte. Die Idee dazu stammte aus einem Flachbau am Ende des Fabrikgeländes. Hier haben die Künstlerinnen Sylvie Riant, Wilma Kammerer und Julia Bornefeld ihr Atelier vor neun Jahren eingerichtet. Seit 2006 verzaubern sie einmal jährlich unter dem Label Artists by Moessmer das kleine Bruneck mit ihrer Kunst.

„Es sollte anfangs nur temporär sein, jetzt sind sie geblieben“, sagt Niedermair. Er schmunzelt: „Jetzt haben wir also auch noch die Künstler.“ Unrecht kann es ihm nicht sein: Die Loden-Kunstprojekte sind der Gegensatz zum Folklore-Image. Sie trugen den Firmennamen bereits bis zur Biennale in Venedig. Auch Südtirols bekanntester Schriftsteller Joseph Zoderer gehört zur Gruppe. Er arbeitet seit vier Jahren in der efeuumrankten Werksvilla, die früher den Direktoren der Fabrik vorbehalten war.

Glatt gebügelt oder hoch gebürstet?

Das dumpfe Dröhnen ist schon zu hören, bevor Niedermair die Metalltür zur Weberei öffnet. An 24 Webstühlen laufen die Garnrollen, deren Farbe man eben noch im Lager bewundert hat, zusammen. Überwiegend junge Frauen stehen an den Webmaschinen, viele schützen sich mit Ohrstöpseln gegen den Lärm und fädeln mit kleinen Spateln die Garne ein. Ein prüfender Blick aufs Papier mit dem Webmuster, eine letzte Kontrolle der Garnfäden und schon rattert die Maschine los.

Das Ergebnis schießt in dicken Stoffbahnen an der anderen Seite heraus: rote Karomuster auf dunkelblauem Grund, grüner Tweed mit gelbem Schimmer, ein schwarz-weißes Schachbrettmuster. Noch fühlt sich der Loden rau an. Um ihn weich zu machen, wird er mit Dampf behandelt, so dass alle Härchen hochstehen – wahlweise werden sie dann abgeschoren oder glatt gebügelt. „Die Deutschen wollen alles weich haben, für den französischen und italienischen Markt kann’s auch etwas rauer sein“, verrät Niedermair.

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Hinter einer Tür am Ende der Weberei verbirgt sich ein kleines Zimmer, in dem zwei Handwebstühle aus Holz stehen. „Hier experimentieren unsere Designer, bevor wir einen Loden in unsere Produktion geben“, erklärt der Geschäftsführer. „Bei denen im Atelier hängen grade alle Entwürfe an den Wänden. Da kann ich im Moment niemanden hinlassen“, entschuldigt sich Niedermair.

Ein Chanel-Tweed für Michelle

Den heißbegehrten Stoff der Michelle Obama kann er aber zeigen. Der Grundton ist lila-rot, fast schon Himbeer, darüber ein schwarzes Karomuster, durchwirkt von Silberfäden. „Ein Chanel-Tweed mit Effektgarn“, lautet die Analyse. Für die First Lady wurden 15 Meter Tweed produziert, im Anschluss musste Niedermair noch 2.000 Meter nachproduzieren lassen: „Plötzlich wollten es alle haben.“

Zu bewundern ist ein Stück des Obama-Tweeds auf Nachfrage auch im Moessmer-Outlet. Der Laden direkt neben den Fabrik-Toren liegt abgelegen von der Brunecker Einkaufsmeile. Wer hierher kommt, kennt Moessmer.

Hinten, bei den Damenmänteln, steht ein unscheinbares Sofa samt Sessel, die nächste Etappe in Niedermairs Feldzug für den Imagewandel des Loden. Der graue Couch-Stoff fühlt sich fest und etwas rau an. „Das Sofa ist mit feuerfestem Loden bezogen, alles brandschutzzertifiziert“, erklärt der Geschäftsführer. Ihm schweben Chalets vor, mit Lodenvorhängen, Sesseln und Sofas im Loden-Look. Die Zukunft, auf die es Niedermair so ankommt, fährt gerade in den Bahnhof ein: 2013 wurden die Sitze in einigen Südtiroler Zügen mit Lodenstoff von Moessmer bezogen.

Text: Solveig Rathenow
Fotos: Alex Filz

Gekürzte und aktualisierte Fassung einer Reportage, die anlässlich des Südtirol Medienpreises 2011 entstanden ist.