Saslonch Suite

Ist Jazz der neue Gipfeljuchzer? Musiker, die vom Klettern angetan sind, und Kletterer, die Musik machen, erklimmen den Langkofel.

  • Dezember 2015

  • Lesedauer: 4'

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Saslonch Suite

Ist Jazz der neue Gipfeljuchzer? Musiker, die vom Klettern angetan sind, und Kletterer, die Musik machen, erklimmen den Langkofel.

Das war keine Seilschaft, wie man sie am Berg kennt, die im Sommer 2014 den Langkofel im Grödental erklomm. Eher ein Haufen versprengter Abenteurer, die wieder einmal einen Kick suchten. Kletterer und Jazzmusiker ergriffen mutig das Seil, das Klaus Widmann, Künstlerischer Leiter des Südtirol Jazzfestival, ausgeworfen hatte: Saslonch Suite sollte beide Gruppen zum Gipfel führen. Ungewohnt, unerhört, unvorhersehbar. Dann ließ Widmann das Seil einfach los…

Klaus Widmann ist Arzt, auf sein Herz achtet er mit Sicherheit nicht, wenn er sein Südtirol Jazzfestival plant. Es soll aus dem Takt sein. Oder zumindest einen neuen Rhythmus finden. Das erwartet der Festivalleiter auch von den Musikern, die er einlädt. Dafür sucht er ungewöhnliche Schauplätze und mischt Menschen in überraschenden Kombinationen zusammen. Am Langkofel trafen sich Widmanns persönliche Leidenschaften: Jazz und Berg.

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Die Schrittmacher

Alles war neu. Die Musiker kannten sich höchstens vom Hörensagen. Von den Kletterern war bekannt, dass sie zu den besten Bigwall-Kletterern der Welt zählen und immer ihre Musikinstrumente in der Wand dabei haben, aber nicht, ob sie die bislang unbegangene Route knacken würden, die Klaus Widmann am Langkofel ausgesucht hatte. „Ich habe vorher noch nie einen echten Kletterer gekannt“, wird Trompeter Matthias Schriefl später sagen. Jetzt sollten die Musiker die Kletterer auf den Gipfel treiben, und die Kletterer mit Musik ihren Rhythmus am Berg finden. Muss man da noch erwähnen, dass auch die Musik improvisiert war?

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Die Idee zum Bergkonzert war entstanden, als Klaus Widmann den belgischen Saxophonisten Cédric Favresse, einen kletternden Profimusiker, kennenlernte und erfuhr, dass dieser zwei(einhalb) Brüder hatte, die sich als Extrem-Alpinisten einen Namen gemacht hatten und zudem leidlich Flöte und Ukulele spielten. Nicolas und Olivier Favresse sowie Sean Villanueva, der mit den Favresse-Brüdern praktisch aufgewachsen ist, erhielten 2010 für neun Bigwall-Neurouten in Grönland den Piolet d’or, den Oscar des Bergsteigens. Ihre Instrumente nehmen sie auf jede Tour mit: „Beim Klettern hat man oft viel Zeit. Dann spielen wir“, erzählt Nicolas Favresse.

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Herzstillstand

Sechs Monate hat Klaus Widmann an der Langkofel-Suite geplant. „Ich wollte Menschen zusammenbringen, die sich sonst nicht so leicht begegnen.“ Er suchte nach Musikern, die verrückt genug sind, mitzumachen, er besprach sich mit den Catores, der vielleicht berühmtesten Bergsteigergilde in Südtirol, über die beste Route, tüftelte an Möglichkeiten, die Herztöne der Kletterer während der Besteigung über Funk in die Tiefe zu den Musikern und zum Publikum zu übertragen, und lotete mit dem Filmteam die sichersten Positionen für die Kameras aus. Was planbar war an dem Unplanbaren, hat Widmann getan. Sein Herz hüpfte. Vor Aufregung.

Der Anruf kam einen Tag vor dem Konzert. Italienische Touristen hatten eine Granate aus dem Ersten Weltkrieg gefunden. Die gesamte Zone musste evakuiert werden. Künstlerische Experimente sind den Carabinieri und Sprengstoffexperten herzhaft egal, wenn es darum geht, die Welt in Ordnung zu bringen. „Das kann dauern“, gaben sie Klaus Widmann zu verstehen. Es war der einflussreiche Wirt der Comici-Hütte unterhalb des Langkofel, der die Saslonch Suite schließlich rettete. Dass die Wettervorhersage schlecht war – wie so oft in jenem Sommer – störte da schon niemanden mehr.

Die Pumpe arbeitet wieder

Am Sonntag, 29. Juni 2014, sieben Uhr früh, marschieren Musiker, Kletterer, der Südtiroler Slackliner Armin Holzer*, ein Filmteam und Klaus Widmann schwer beladen zum Fuß des Langkofel. Die Wolken hängen tief. Es kann jederzeit zu regnen beginnen. Nach und nach trudeln auch Zuschauer ein, sie kommen mit der Seilbahn oder haben schon eine Wanderung durch die Steinerne Stadt hinter sich.

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Matthias Schriefl setzt die Trompete zur Fanfare an. Alle Musiker spähen nach oben. Zu einem kleinen Punkt in der 1.000 Meter hohen Langkofel-Steilwand hin, wo die drei Kletterer versuchen, einen Zehn-Meter-Überhang zu bezwingen.

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Die Pulsmesser

Hier sind Akrobaten am Werk. „Improvisierte Musik und Klettern haben viel gemeinsam: Beide riskieren. Beide wollen den Gipfel erreichen, man weiß aber nie, ob das auch gelingt“, sagt der Schweizer Drummer Lucas Niggli. „Rhythmus ist alles beim Klettern“, weiß Kletterer Nicolas Favresse. Die Musiker schicken ihre ganze Energie hinauf, erzeugen Soundeffekte und Echoklänge, trommeln die Kletterer auf den Gipfel, symbiotisch wie zwei, die nur zufällig getrennt sind, Vokalist Andreas Schaerer grunzt, schnauft, hechelt, die Saxophone plärren. Als Nicolas und Olivier Favresse und Sean Villanueva im Begriff sind, das Felsendach zu erobern, halten die Musiker inne. Es gießt. Über Funkmikrofone sind die Herztöne der Kletterer zu hören. Leise erst, dann immer lauter. Das ist Musik. Ohne Musik. 

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Klaus Widmann fällt ein Stein vom Herzen. Jazz und Berg ergänzen sich. Er hat es immer schon geahnt: „Eigentlich gehören Berg und Musik zusammen. Ich weiß gar nicht, warum so wenige Musiker klettern und andersherum.“

Wissen Sie es?

Text: Gabriele Crepaz

*Der Slack- und Highliner Armin Holzer ist am 4. Dezember 2015 beim Speedflying tödlich verunglückt. Sein Tod hat uns sehr berührt. Hier lest ihr Armin Holzers Geschichte und einen Nachruf.