Poet der Figuren

Die Werke des Bildhauers Aron Demetz kommunizieren auf subtile Art. Damit das gelingt, steht am Anfang seiner Figuren ein Wort.

  • November 2019

  • Lesedauer: 6'

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Poet der Figuren

Die Werke des Bildhauers Aron Demetz kommunizieren auf subtile Art. Damit das gelingt, steht am Anfang seiner Figuren ein Wort.

Wer das Atelier des Künstlers Aron Demetz betritt, wird von vielen Augenpaaren angestarrt: Lebensgroße, menschenähnliche Figuren aus Holz, Bronze, Gips, mit Harz übergossen, verkohlt oder wild zerfranst, verteilen sich in der großzügigen Halle zwischen aufgeschichteten Holzstämmen und riesigen Wurzelstöcken. Mittendrin arbeitet Aron Demetz gerade an einer neuen Skulptur: Mit kurzen, präzisen Spachtelstrichen modelliert er weiße Gipsmasse um kohlrabenschwarzes Holz. Es scheint fast, als solle die weiße Figur die zerbrechliche, verkohlte Holzbüste schützen.
 
Aron Demetz mischt ganz vorne in der internationalen Bildhauerszene mit. Zum Arbeiten bevorzugt er seine Heimat, das Grödnertal in Südtirol. Ob sie ihn inspirieren, diese mächtigen Dolomitenmassive, die zum Greifen nah sind? Aron Demetz schüttelt zögerlich den Kopf: „Unbewusst spielt die Landschaft auf jeden Fall mit hinein. Die Berge hier in Gröden sind einfach Formen und Skulpturen, die für sich allein stehen.“ Was solle er als Künstler dieser Natur entgegenstellen?
 
„Wenn ich hinausgehe, dann macht all das, was ich mache, eigentlich keinen Sinn mehr. Das ist alles so stark da draußen, das frisst dich auf, weil du als Künstler da nie hinkommst. Da bin ich lieber in meinem Raum und in meiner kleinen Welt und dann bekommt meine Kunst irgendwie Sinn und Funktion“, sagt Aron. Und dann sei da natürlich die Holzschnitz-Tradition in Gröden, schiebt der zurückhaltende Künstler nach: „In jedem zweiten Haus war früher eine Schnitzer-Werkstatt, das kriegt man alles von klein auf mit.“

Im Tal der Herrgottschnitzer

Die jahrhundertelange Tradition der Holzschnitzerei, insbesondere für sakrale Kunst, verschaffte Gröden den Beinamen „Tal der Herrgottschnitzer“. Auch Aron Demetz besuchte die Berufsschule für Bildhauerei in Gröden und schnitzte unzählige Christusfiguren und Madonnen, erzählt er: „Aber irgendwann kam für mich der Punkt, wo ich mich entscheiden musste, in welche Richtung ich gehen will. Die Technik hatte ich erlernt und die Wurzeln habe ich auch nicht verneinen wollen oder brauchen, denn es hat mir gefallen mit Holz zu arbeiten.“ Bewusst entschied er sich für die Kunst, suchte einen Weg, der sich für ihn richtig anfühlte: „Damit habe ich eine andere Tür aufgemacht, auch wenn wir letzten Endes von der gleichen Sache reden, aber es auf eine andere Weise kommunizieren.“

Die menschliche Figur im Fokus

Seine Art der Kommunikation fand Demetz schnell, erzählt er: „Die Figur lag mir immer am Herzen. Das war zwar nicht so leicht, denn mit der wird man dann gleich in diese eine Kategorie des Figürlichen geschoben und das kann auch Nachteile haben. Aber ich habe immer drauf bestanden, denn für mich war die Figur wichtig.“ Daran hielt er auch fest, als er an die Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg ging und das Figürliche passé schien, betont der Künstler: „Wir waren nicht mal als Klasse angedacht in der Akademie. Erst nach 2001 kam wieder eine Welle der Figürlichkeit und die Figur wurde wieder mehr respektiert.“

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Was die Kunst von Aron Demetz ausmacht, ist die feinsinnige Kommunikation seiner Figuren mit dem Betrachter. Die Werke des zurückhaltenden Künstlers sind international gefragt. Aus seiner Ruhe bringt ihn das aber nicht. Bescheiden meint er: „Ich habe probiert, wie die Figur mit der Idee funktioniert, so dass beides zusammenarbeitet. Da spielen dann mehrere Elemente mit hinein, die man zusammenbringen muss, das ist immer spannend und das gefällt mir.“

Das Blut des Baumes

Die Figuren von Aron Demetz stehen einfach da, doch ihr Blick besticht. Aron Demetz erklärt, warum: „Mir ging es schon früh hauptsächlich um den Blick und um einen nach innen gekehrten, ruhigen Ausdruck. So kommt die Figur mit dem Betrachter in einen Dialog. Gerade wenn man gar nicht so klar definieren kann, was für ein Gesichtsausdruck das ist, beschäftigt man sich länger mit den Figuren.“

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Fast unbequem ist es, seinen stoischen, menschenähnlichen Werken in die Augen zu schauen. Diese Reaktion kennt Demetz, besonders bei den Figuren, deren Gesicht mit Harz überzogen ist, sagt er: „Wenn Leute kommen, sagen sie im ersten Moment, die Figuren schauen aus wie verwesende Körper. Aber wenn sie dann das zweite Mal kommen, gehen sie gleich zu diesen Figuren, denn genau die haben ihnen keine Ruhe gelassen.“ Er als Künstler hat dem Baum mit der Motorsäge Wunden zugefügt, das Harz, das „Blut des Baumes“, wird zu einem heilenden Element und zu einer zweiten Haut, erklärt der Künstler.

Warum Aron Demetz seine Figuren verbrennt

Nach den Harzarbeiten begann Aron, Holzfiguren gezielt zu verbrennen, erzählt er: „Die Figur selbst war hier nicht mehr so wichtig, sondern das Konzept der Fragilität dahinter: Durch das Verbrennen bleiben nur Teile der Figur übrig, die Details brennen weg, aber das Grundgerüst bleibt stehen. Darum geht es mir eigentlich: Dass es immer weitergeht. Wunden werden wie durch das Harz geheilt, auf Grundmauern kann man wieder aufbauen und auch aus einem toten Baum kann etwas Neues entstehen wie etwa Pilze – all das erzählt schließlich vom Leben.“

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Auch ein Bildhauer braucht manchmal einen Roboter

Mitten im Atelier von Demetz steht die Figur eines Knaben ohne Augäpfel. Seine Oberfläche ist an manchen Stellen feingeschliffen, der Rest ist von langen Holzfäden überzogen und wirkt wie eine wilde Behaarung. „Als ich in Carrara gelehrt habe, hatten wir einen Roboter in der Klasse, um Marmor in 3-D zu fräsen. Dann habe ich geschaut, wie man das mit Holz machen könnte und ein System entwickelt, die Holzoberfläche aufzurauen, so dass diese Behaarung immer länger wurde. Eins war mir gleich bewusst: Nur wenn ich die Maschine als Werkzeug einsetze, das meiner Kunst hilft, macht es Sinn.“

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Den Anstoß dazu gab ein Baum, der auf der Nordseite mit Moos überwuchert war. „Dass auch eine Figur eine Sonnen- und eine Schattenseite hat, fand ich faszinierend. Der Wechsel aus Behaarung und feingeschliffenen Bereichen hat wieder mit der zweiten Haut zu tun. Hier kam die Inspiration aus der Natur und in der Werkstatt addiere ich etwas. Das hat dann natürlich auch immer etwas mit dir als Künstler zu tun“, verrät Demetz. Und so geht der Künstler von Arbeit zu Arbeit und wechselt ungefähr alle zwei, drei Jahre Technik und Material.

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Am Anfang steht das Wort

Die Figuren von Aron Demetz gehen allerdings nicht vom Material aus, sondern folgen einem Wort. Seine Augen leuchten, als er dieses überraschende Detail erklärt: „Wörter sind abstrakter und haben noch keine klar definierte Form. Es gibt also mehrere Möglichkeiten, sie zu interpretieren. Und das ist schön, so bleibt eine Zeit lang offen, wie die Figur im Detail aussehen wird“. Genaue Zeichnungen wie am Anfang macht er schon lange nicht mehr, sagt er: „Ich sehe, dass der Denkprozess im Voraus immer länger wird, die Ausführung geht dann recht zügig. Ich achte darauf, dass zum Schluss in der Arbeit noch etwas von diesem anfänglichen Wort da ist. Natürlich kann man auch mit dem Material noch spontan reagieren und interpretieren. Manchmal sieht man auch nichts mehr von diesem Wort, aber dieser Prozess ist für mich wichtig.“
 
Als Aron Demetz 2018 sich für seine Ausstellung im Archäologiemuseum in Neapel vorbereitete, war es das Wort „Fragmente“: Inmitten der antiken griechischen und römischen Figuren und vieler zerstörter Skulpturen stellte er seine Werke aus. „Es ging mir darum, als zeitgenössischer Künstler aus Fragmenten etwas wiederaufzubauen, zu restaurieren. Die Negativformen wie Fußabdrücke sind ein Sinnbild des Vergangenen und die Positivformen stehen für die heutige Zeit. So kommt eine Zeitspanne hinein, das erzählt Geschichten“, sagt der Bildhauer.

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Geschichten wie jene der Skulptur, an der Demetz gerade arbeitet: Lange lag die verkohlte Holzfigur im Lager, sie war beim Verbrennen abgebrochen. Jetzt wird sie wiederaufgebaut, erklärt der Grödner Künstler: „Gips ist ja eigentlich ein sehr armes Material. Und doch kann es – wie in der Medizin bei einem gebrochenen Bein – die Figur stützen.“ Verletzlichkeit, Zerstörung, Heilungsprozesse: All das erzählt eben vom Leben.
 
 
Text: Marlene Lobis
Foto & Video: MINT Mediahouse