Juli 2016

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Die Seelensucher

Das network of architecture arbeitet leidenschaftlich dafür, mit vielen kleinen Geschichten eine ganz große zu erzählen.

Es ist, als ob sich die Welt einen Augenblick um mich dreht. Oder ich mich um sie. Ich stehe auf einer Plattform mit einem 360 Grad Rundumausblick. Ich stehe auf dem höchsten, denkmalgeschützten Gebäude der Bozner Altstadt. Klein fühle ich mich und gleichzeitig groß. Im Schaffensraum des Architektur- und Designstudios noa. Denn der lässt sich nicht so genau festlegen. Gewerkelt wird drinnen, gedacht, diskutiert, draußen. Gern aber auch umgekehrt.

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Erfolgreiches Duo. „Wir haben in die Champions League der Architektur reingeschnuppert. Jetzt kommen wir sozusagen zum FC Südtirol. Da hast Du einen Vorsprung. Trotzdem musst Du hart arbeiten.

Ich stehe draußen, auf der Plattform, die sich wie ein Wachturm anfühlt und drehe mich langsam. Sehe mich um. Der Wind fährt mir ins Gesicht, so als wollte er sagen: Siehst Du? Spürst Du? Und ich schaue: Auf den Schlern, das imposante Bergmassiv und Südtiroler Wahrzeichen; auf den Bozner Dom, runter ins Bozner Unterland, hinüber nach Jenesien.

„Wollen wir uns nicht setzen?“, fragt Lukas. Er trägt eine blaue Sonnenbrille und ein rotes Sakko. Experimente sind ihm nicht fremd, Gastgeber zu sein, ist ein Leichtes für ihn. Mehrere schwarze Sitzkissen werden meine Lümmelcouch, meine Gedanken sammeln sich. Ich lache. Lukas Rungger und Stefan Rier arbeiten hier täglich, ich wäre fast am Panorama hängen geblieben. „Ein Kissen hat der Wind letzte Woche hochgehoben und weggeblasen – siehst Du? Da unten liegt es“, witzelt Stefan. Ich blinzle vorsichtig über die Eisengitterstäbe. Ganz schwindelfrei bin ich nicht, und wie weit unten das Kissen, irgendwo in den Bozner Altstadtgassen liegt, will ich eigentlich nicht so genau wissen.

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"Architekten können nicht in allen Bereiche Experten sein. Darum arbeiten wir in einem Team", erklärt Lukas.

„Wofür steht der Name noa?“ Das interessiert mich und wir tauchen ein in ein Gespräch über Architektur, Wohlfühlen, Menschsein, arbeiten, erschaffen, sich begegnen. „Unser Mehrwert ist es, interdisziplinär zu arbeiten“, erklärt Lukas. „Ich kann als Architekt ja nicht alle Bedürfnisse eines Kunden bedienen. noa steht für „network of architecture“. Im Zusammenspiel funktioniert Bedürfniserkennung und Bedürfnisbefriedigung der Bauherren. Lichtkünstler, Stoffdesigner, Landschaftsarchitekten aber auch Philosophen, Psychologen und Texter reichen sich bei noa die Hand. Gute Überlegungen, denke ich mir. Im Miteinander liegt Kraft. Es ist ein Spiel, das fasziniert und für mich Sinn macht.

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„Wir bauen keine Häuser, wir bauen Geschichten“, erklärt Stefan. „Oft ist schon alles da, an einem Ort. Nur ungleichmäßig verteilt oder versteckt. Wir bringen die einzelnen Teile wieder zusammen.“

Ihr erstes gemeinsame Projekt, der Valentinerhof in Kastelruth, ist der Startschuss, der „Kick off“, der die Beiden auf die Via Imperialis führen soll. Steil nach oben ging und geht es. 2011 gründen die „Matteo Thun Jungs“ ihr eigenes Studio, mittlerweile hat sich das Team von noa auf 20 Player hochgearbeitet.

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Aussicht frei auf stilles Theater am Schlern. noa machte das Element Wasser zum Leitbild des Valentinerhofs in Kastelruth.

#1

Experiment Südtirol

Zwei Weltenbummler, die dann doch wieder in heimatlichen Gefielden landen. Sehnsucht nach zu Hause?, denke ich mir und frage: „Warum seid ihr nach Südtirol zurückgekommen?“ Stefan und Lukas sehen sich an: „Es war ein Experiment. Wir wussten nicht, ob es hier funktioniert. Ob wir das Klientel finden, das wir suchen.“

Und Lukas erzählt seine Geschichte. Die Geschichte von noa weiter. 2009 wird sein Vollgasleben in London abrupt eingebremst. Die Kündigungswelle erreicht ihn, spuckt ihn aus dem System aus. Er geht nach Mailand. Ewig bei Matteo Thun als Projektleiter zu arbeiten reizt aber weder Lukas noch Stefan. „Südtirol war für uns dann ein relativ sicherer Hafen, auch wegen der geringen Arbeitslosigkeit.“ Sie werden belächelt, als sie ihr Vorhaben, in Bozen ein Architekturstudio eröffnen zu wollen, mitteilen. „Vergesst es“, höhnen viele. Doch Fortuna ist ihnen hold. Ihre Leidenschaft für die Architektur verzaubert, ihre Auslandserfahrung beeindruckt ihr Klientel, das in der gehobenen Gastronomie und Hotellerie zu finden ist.

Während ich mit ihnen spreche, brüsten sie sich nicht mit Preisen, die sie erhalten haben, oder mit namhaften Kreisen, in denen sie verkehren. Sie erzählen ganz selbstverständlich, wir plaudern ungezwungen, sie gewähren Einblicke. Ein Bauherr vertraute noa im Gründungsjahr 3,5 Millionen Euro an. „In Mailand wäre uns das nie passiert! Wer gibt schon zwei 30-jährigen Architekten so viel Geld und sagt: Macht was draus.“ Stefan blickt zurück. „Die Verantwortung war enorm.“

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Lukas hat im Norden studiert, Stefan im Süden: ein perfekter Mix von Kulturen und Geschmäckern.

#2

Zwei Kreise einer Acht

Auch das Wetter spielt mit. Die „Kalterer Bora“ windet mir ins Gesicht, ich lasse meinen Blick schweifen, die Sonne scheint. Lukas erzählt von seinen Studienjahren in Graz, Belgien und New York, den 16-Stunden Arbeitstagen in London, „ein verrücktes Leben“ und dem Come-Together mit seinem jetzigen Arbeitspartner, Stefan Rier, bei Matteo Thun in Mailand. Lukas bedient das Nördliche, Stefan, der in Ferrara und Mailand Architektur und Interior-Design studiert hat, das Südländische – ein perfekter Mix. „Wir sind gegensätzlich“, führt Lukas aus, „wir sind wie zwei verschiedene Kreise, die sich in einer Acht begegnen und ergänzen.“ Sie schauen sich an und lachen, sie können miteinander.

Die Chemie stimmt. Ich merke das. Wenn der eine kurz innehält, spricht der andere ganz natürlich weiter. Peinliche Pausen gibt es keine, dafür viele herzliche Lacher. „Netzwerken heißt viel diskutieren“, gibt Lukas zu. „Und ja, es gibt so etwas wie ein blindes Vertrauen zwischen uns. Dadurch entstehen die besten Projekte, weil keine kreativen Kräfte blockiert werden.“

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Die Kapitäne im Team: Präzise, humorvoll, leidenschaftliche Weiterdenker und Umsetzer.

#3

Geschichten zuerst

Sie haben Charme und Charakter. Sie sind ehrlich, offen und lachen gerne. Beide. Stefan mit vielen Sommersprossen im Gesicht und bunten Socken unter seiner Jeanshose. Lukas, der in der Oberschulzeit am liebsten Brillen gezeichnet hat. Ich mag bunt, ich mag Brillen. Und ich mag es, wenn Leute für etwas brennen.

Philosophieren ist für Stefan und Lukas ein vertrautes Terrain. Das Hinterfragen und Erforschen wollen ist ihnen ein Herzensanliegen. Auch das gefällt mir. Die Geschichten der Häuser will noa erfahren, die Seelen der Häuser kennen lernen. Ich denke an mein Zuhause, an die Seele, die dort schlummert. Haben wir ihr genügend Rechnung getragen? noa bezeichnet die Seele des Hauses als den Genius loci. Den historischen Zugang. Storytelling ist für sie der erste Schritt. Es geht um den Dialog mit dem Haus, den Dialog mit der Umgebung. Alt und neu müssen zusammenkommen, sagen sie. Im Valentinerhof sind es etwa handgewobene Tücher aus einem Garn von 1945, gewoben von einem Weber aus dem Oberpustertal, auf einem Webstuhl von 1903. Eingewebte Geschichten, Storytelling, das der Gastwirt weitergibt. An die Menschen, die in sein Haus kommen und sich „wie Kinder berieseln lassen.“ Viele kleine Geschichten machen eine große aus.

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discover Das Familienhotel Ulrichshof in Bayern

Der Ulrichshof bietet beides: Abenteuer und Rückzug. Für die ganze Familie, für die Kinder, für die Eltern. Als Basis für die Arbeit diente den Architekten das Buch „Kinder brauchen Märchen“ von Bruno Bettelheim.

Die Märchenwelt im Ulrichshof

Frei nach den Gebrüdern Grimm kreierte noa die Märchenwelt im Ulrichshof bei Regensburg im Bayrischen Wald. Die Seele des Hauses wird hervorgeholt. In diesem Fall hilft eine Kinderpsychologin. Netzwerken bereichert. Wie die raumgestalterische Wahrnehmung von Kindern funktioniert, das erklärt die Fachfrau den Architekten. Stefan sagt: „Erst mit ihrer Hilfe haben wir verstanden worauf es in einem Kinderhotel wirklich ankommt.“

Als Basis für die Arbeit diente den Architekten das Buch „Kinder brauchen Märchen“. Geschrieben hat es Bruno Bettelheim, ein bekannter österreichischer Psychoanalytiker, der Buchenwald und Dachau überlebt hat.

#4

Gütesiegel für Südtirols Handwerker

Ich lasse mich auch berieseln, tauche ein in die Geschichten von Lampen, die aussehen wie baumelnde Seelen, oder Bushaltestellen, die gleichzeitig Kinderspielplatz sind. noa will nie nur eine Sache. noa will Multifunktion, Ästhetik, Geschichte, Hingabe.

Dass sie in die Champions League der Architektur hineingesehen haben, ist spürbar, dass sie Kirchtürme überwinden wollen, ihr Credo. Wer in London oder New York gezeichnet hat, hat es im eigenen Land oft schwer. Stefan und Lukas denken in Zusammenhängen, wissen um ihre Vermittlerrolle wenn Bauherren vor zu viel Modernität zurückschrecken und schwärmen für die Südtiroler Handwerker. „Erste Sahne sind die hier“, sagt Lukas: „Wenn ein Handwerker zu uns kommt und sagt, da hinten gibt es einen Stein, den ich schon immer gern bearbeitet hätte, dann wissen wir, das ist das Beste, das uns passieren kann.“ Mit einheimischen Rohstoffen, wie Lärchenholz, Montiggler Porphyr oder Leinentextilien zu arbeiten, ist essentiell für die Beiden. Denn dann gibt es Experimente, es kommt ein Spiel in Gang, das Neues schaffen kann. Toll, finde ich. Sie haben gewagt, sind gesprungen. Ihr Experiment ist geglückt.

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Zusammen arbeitet man weniger allein. noa heißt netzwerken, heißt planen und bauen im Team.

#5

Moderne Bauten, volle Kassen

Die „new guys in Town“ haben sich gemacht. Das zieht die Kunden an. Pumpvoll sei der Valentinerhof noch immer, erzählt Lukas, „da werden die Leute hellhörig und sagen: „Ah, total auf die Moderne zu setzen, das geht auf.“ Zufriedene Bauherren, etwas Besseres kann man sich nicht wünschen, oder? Doch denke ich - wenn das Haus seine vielleicht verlorene oder verschüttete Seele wieder gefunden hat. Dann sind alle glücklich und das Haus belebt sich von selbst.

Was macht ein gutes Hotel aus?

- Definiere Deine Zielgruppe!
- Überlege: Was willst Du Deinen Gästen sagen? Willst Du ein Bikerhotel, ein Kinderhotel und warum?
- Die Zielgruppe bestimmt die Ausrichtung des Hotels, aber auch die Räumlichkeiten. Ein 17 m²-Zimmer reicht für einen Geschäftsreisenden, aber eine Familie benötigt mindestens 40 m².
- Transportiere dem Gast eine Story, eine Geschichte. Liebst Du als Hotelier Fotos, magst Du Kinder, gehst Du gerne ins Theater? Entwirf eine Geschichte, Deine Geschichte. Die Geschichte, die zu Dir und Deinem Haus passt.
- Schlussendlich ist es ein Zusammenspiel aus vielen Faktoren, sagt Stefan Rier. Die Architektur, die Küche, die Gastgeber. Sie müssen harmonieren, sich abstimmen. Ineinander übergreifen. Gemeinsam eine Geschichte erzählen.

Einer meiner Notizzettel hat sich verselbständigt. Flattert zwischen die Gitterstäbe, erhebt sich beinahe in die Luft. Dann bleibt er auf den Dachplatten liegen. „Weg ist er“, denke ich mir. Stefan war gerade noch ins Gespräch vertieft, Fotos wurden geschossen, da steigt er vorsichtig über die Stäbe, hält sich mit einer Hand und gibt mir den Zettel zurück. Wir stehen hoch über Bozen, der Wind pfeift, das Panorama ist ein Hingucker, ich konzentriere mich und Stefan sagt - fast nebenbei: „Der Starkult um gewisse Architekten, darauf stehen wir nicht. Ich kann, was ich kann. Das ist die Architektur. Aber vieles kann ich nicht.“ Lukas nickt: „Architektur ist die geilste Sache der Welt.“

Text: Ursula Lüfter
Foto: Ivo Corrà

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discover Der Ulrichshof von Innen

"Eltern von heute suchen nicht mehr einfach nur ein entspanntes Urlaubsambiente, sondern vielmehr für die Kinder ein Zuhause auf Zeit", sagt Diana Gallmeier, Diplompsychologin. Sie hat noa beraten und begleitet.