Immer wieder Sonntag

In Südtirol haben wir Glück. Wir tun immer wieder, als würde die Zeit uns gehören. Sechs Vorsätze, den eigenen Rhythmus zu leben.

  • Mai 2015

  • Lesedauer: 7'

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Immer wieder Sonntag

In Südtirol haben wir Glück. Wir tun immer wieder, als würde die Zeit uns gehören. Sechs Vorsätze, den eigenen Rhythmus zu leben.

Wir werden an Langeweile sterben, haben Freizeitforscher in den 1970er Jahren prophezeit. Und was ist passiert? Wir suchen alle fieberhaft danach, wie wir die verlorene Zeit in unser Leben zurückholen. In Südtirol gelingt es manchmal leichter, macht Achtsamkeitstrainerin Angelika Klammer uns Mut. Das liegt auch in der Natur des Landes…

Geht es Ihnen auch so? Der Tag ist um und Sie haben wieder nicht alles geschafft, was Sie tun wollten. Die Zeit rast, wir eilen hinterher, getrieben von der Furcht, das Leben zu versäumen. Kein gutes Gefühl. Was machen wir falsch? Wir haben die Bozner Psychotherapeutin und Achtsamkeitstrainerin Angelika Klammer gefragt. Und Sie dürfen erst einmal durchatmen. „Wir machen nichts falsch. Wir sind Kinder unserer Zeit“, sagt sie. Alle unsere Lebensbereiche, beruflich wie privat, sind einem ständigen Wandel unterworfen. Die Technologie, die unser Leben erleichtert, hat uns im Gegenzug ihre Rhythmen aufgezwungen, und Multitasking ist, mehr noch als eine Notwendigkeit, eine Haltung geworden. „Ich habe nicht die Illusion, dass wir dem entkommen werden“, sagt Angelika Klammer. Aber wir können lernen, mit der Zeit achtsamer umzugehen. 

In der Praxis von Angelika Klammer treten wir frühmorgens aus der Zeit aus. Um 9 Uhr überqueren wir einen restaurierten alten Innenhof in Bozens Zentrum und haben das Gefühl, es ist schön hier. Als Angelika Klammer uns die Tür öffnet, spüren wir die besondere Stille im Gebäude. „In Südtirol haben wir Glück“, sagt die Psychotherapeutin. Wie das? Ist unser Lebensrhythmus langsamer als in der Metropole? Leben wir gesünder, wenn uns der Sonntag noch heilig ist? Im Interview fassen wir sechs gute Vorsätze, um unser Leben besser zu machen.

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Das Leben ist schneller geworden. Wir haben ständig das Gefühl, zu laufen und doch der Zeit hinterherzulaufen. Passiert das auch einer Achtsamkeitstrainerin?
Angelika Klammer: Ja, absolut … da kommt niemand aus. Weil ich diesen Ansturm an Information und diese gewaltige Beschleunigung auch in meinem Beruf und in meinem Alltag spüre. Aber ich versuche immer öfter, meinen Rhythmus zu leben. Es gelingt mir natürlich nur zum Teil. Aber ich habe meinen Weg gefunden, mit dem Gefühl der Zeitnot achtsamer umzugehen. Ja, ich würde sagen, es hat sich in meinen Alltag etabliert, dass ich mir Zeit nehme.

Es gibt Zeiten und Zeiten. Die Uhr schlägt den Takt. Der Rhythmus macht das Leben zur Musik.

Es gibt einen schönen Satz des Zeitforschers Karlheinz Geißler, der besagt, wir leben alle nach der Uhr und sollten doch viel besser nach Rhythmen leben. Was wäre also der Auftrag?
Genau. Nach der Uhr zu leben ist nicht menschengerecht. Jeder hat seinen Biorhythmus. Es gibt die Eulen, die am Abend aktiv und in der Früh schlaff sind. Und es gibt die Lerchen, die in der Früh frisch und am Abend müde sind. Jeder ist anders gepolt und hat andere Bedürfnisse…

…die aber gar nicht Platz haben in unserer Gesellschaft.
Die überhaupt nicht Platz haben. Das erlebe ich sehr gut daheim bei meinem Sohn. Gerade bei Jugendlichen spricht man von einem „social Jetlag“, das heißt, die Jugendlichen sind Eulen, die würden alle in der Früh schlafen, und am Abend sind sie aktiv. Das ist auch hormonell bedingt. Eigentlich müsste man das in der Schule berücksichtigen. Das geschieht aber nicht. Im Gegenteil. Diese vielen Zeitnormen machen viel Stress.

Ich nehme mir einen Tag, um zu mir zu kommen. Er kann Sonntag heißen.

Man rettet sich in den Sonntag…
Man rettet sich ins Wochenende. Nur: Gerade wenn man in einer Familie lebt, werden dann alle möglichen Bedürfnisse und Interessen akkumuliert und die wollen alle am Wochenende gelebt werden. Das erzeugt auch wieder Druck. In der christlichen Tradition ist der Sonntag ein Einkehrtag. Das muss man nicht nur spirituell sehen. Es geht auch darum, zu sich zu kommen, sich mehr zu spüren, zur Ruhe zu kommen, auch körperlich auszuruhen. Das ist eigentlich ein menschliches Bedürfnis. Und das müsste mehr gelebt werden.

Welchen Wert hat der Sonntag für dich?
Bei uns in der Familie ist das so: einen Tag machen wir sehr aktiv, viel Sport, das ist uns wichtig, das bedeutet auch Freizeit. Und dann gibt es den „Sonntag“, der auch ein Samstag sein kann. Da halten wir die Sonntagsruhe ein. Wobei ich sagen muss, ich mache das nicht mehr nur am Sonntag. Mittlerweile gönne ich mir auch während der Woche einen halben Tag, wo ich mir genehmige, zur Ruhe zu kommen. Das habe ich erst vor kurzem eingeführt…

Der Affengeist treibt uns an. Aber ich bestimme, wann er Pause macht.

Du steigst also einfach kurz aus. Aber wie macht man das, auf sich zu hören, achtsam zu werden? Kann man das wirklich in einem Kurs lernen?
Das Achtsamkeitstraining nach Jon Kabat-Zinn basiert auf der buddhistischen Achtsamkeitsmeditation. Diese Methode gibt es schon seit 35 Jahren. Sie wurde entwickelt, um mit Belastungen und Stress besser umgehen zu können. Man erlernt dabei Techniken, die man in den Alltag integrieren kann, um wieder zu sich zu kommen. Für mich ist Achtsamkeit aber auch eine Lebenshaltung. Es geht dabei um Selbsterkenntnis, zu verstehen, in welchen Automatismen ich in meinem Tun und Denken gefangen bin, und zu lernen innezuhalten, um die eigenen Reaktionsmuster zu beobachten...

Man kann Achtsamkeit nicht delegieren…
Gerade in der westlichen Gesellschaft wird die Achtsamkeit verkannt. Sie wird dort als Mittel zur Stressbewältigung gesehen. Aber Achtsamkeit ist eigentlich viel anspruchsvoller. Es sind ja nicht nur die äußeren Lebensumstände, die uns in eine Beschleunigung bringen… vielen ist nicht bewusst, dass unser Geist durch die vielen Gedanken und Gefühle, die durch uns durchströmen, eine starke Quelle von Stress ist. Die Buddhisten sprechen vom Affengeist, der immer in Bewegung ist. Unser Innenleben ist eine unglaubliche Herausforderung. Wenn Menschen zum ersten Mal in mein Achtsamkeitstraining kommen, merken sie, wie die Gedanken rasen, dass sie keine Sekunde innehalten können. Sie haben das Gefühl, ich kann da nie zur Ruhe kommen.

Drei Achtsamkeitstipps von Angelika Klammer

● Konzentrieren Sie sich auf Ihren Atem. Versuchen Sie in einem Moment, in dem Sie Stress empfinden, sich auf den Atem zu konzentrieren. Spüren Sie dabei, wie sich die Bauchdecke hebt und senkt. Spüren Sie, wie sich der Brustkorb erweitert und wieder verengt und wie die Atemluft durch die Nase ein und wieder ausströmt. Nur die Körperatmung wahrzunehmen, ist ein Anker unserer Aufmerksamkeit. So lernt man im Hier und Jetzt anzugelangen. ● Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf das, was sie gerade tun. Versuchen Sie bei alltäglichen Aktivitäten wie Zähne putzen, abspülen, zur Arbeit gehen usw., Ihre Aufmerksamkeit ganz auf diese Tätigkeit zu richten und zu spüren, wie sich diese Aktivität im Körper anfühlt. ● Denken Sie an den Bauern, bevor Sie essen. Wenn Sie essen oder trinken, schauen Sie sich das Essen bewusst an, riechen Sie es, schmecken Sie es. Versuchen Sie achtsam zu kauen und zu schlucken. Werden Sie sich bewusst, dass Ihre Nahrung mit vielem verbunden war, das sein Wachsen genährt hat. Können Sie die Sonne, den Regen, die Erde, den Bauern, den Lastwagenfahrer in Ihrem Essen sehen?

Ich weiß, was ich will. Beim Essen bringen die Sinne uns auf klare Gedanken.

Gibt es eine Übung, die schnell ein Glückserlebnis bringen kann?
Die erste Übung, die ich mit den Kursteilnehmern mache, ist immer: Wir essen achtsam eine Rosine. Das zeigt, dass man jede Tätigkeit achtsam ausführen kann. Essen eignet sich sehr gut, weil es Vergnügen schafft und ich meine Sinne einsetzen kann. Ich kann die Konsistenz spüren, riechen, schmecken. Diese körperlichen Wahrnehmungen bringen uns zurück zu uns selbst und beruhigen so auch den Geist. Achtsamkeit kann man also nicht nur beim Sitzen und Meditieren üben. Achtsamkeit ist die Erfahrung, einen Moment lang wirklich präsent zu sein. Wenn sich zwischen Gedanken, Gefühlen und Körperwahrnehmungen eine Lücke auftut, entsteht ein innerer Raum, wo Zeitlosigkeit erfahren wird. Am Anfang ist das schwierig. Aber man kann es üben.

Ich will fühlen, was ich tue. Draußen in der Natur wird unser Rhythmus geerdet.

Viele haben das Gefühl, Natur tut ihnen gut, um zu sich zu kommen. Sind Menschen, die sich in der Natur aufhalten, glücklicher?
Auf alle Fälle. Natur bewirkt, dass man die Sinne auf etwas richtet und das aufnimmt und wahrnimmt. Es gibt im Achtsamkeitstraining zum Beispiel eine Bergmeditation.

In Südtirol sind wir von Natur umgeben. Leben wir einen besseren Rhythmus als Menschen, die in der Großstadt leben?
Ja, das glaube ich. Unser Lebensstil hat große Vorteile. Ich will nicht sagen, dass der Südtiroler Lebensrhythmus weniger schnell ist, aber die Menschen haben hier die Gewohnheit, zu Mittag nach Hause zu gehen, eine Pause zu machen, Familie mehr zu leben, auch zu Mittag, weil die Wege kurz sind. Und die natürlichen Ressourcen in Südtirol sind außergewöhnlich. Das traue ich mich zu sagen. Wir bewegen uns viel in der Natur. Die Natur ist sehr schnell erreichbar. Wir sind von Natur umgeben, auch in der Stadt. Das inspiriert viele Menschen, körperliche Anstrengung hilft ja auch, Stress abzubauen. Das erleben die Menschen als befreiend und als willkommenen Rhythmuswechsel.

Hilft uns die Natur in Südtirol, öfter einen Moment Pause zu machen?
Ja, die Natur hilft uns. Natur ist ein hoher Wert. Wir müssen nicht weit fahren, ich kann schnell etwas unternehmen, etwas erleben. Hier schafft Südtirol eine privilegierte Situation. Wir sind motivierter, uns am Wochenende eine Auszeit zu gönnen, weil wir Pausen so gut nutzen können. Weil wir hier Erlebniswerte haben, die wir anstreben können.

Wo ist meine innere Uhr? Schluss. Es geht nicht, dass ich sie nie finden kann.

Ich habe das Gefühl, achtsam sein heißt, wir müssen unseren Alltag entrümpeln. Was können wir weglassen?
Das Bemühen, das eigene Leben zu vereinfachen, ist immer an ein persönliches Empfinden geknüpft. Da muss jeder bei sich nachforschen und beobachten, was ist einem wichtig. Das ist der Sinn von Zeit. Es geht darum, trotz der Zeitnot, die wir alle subjektiv empfinden, wieder mehr zu spüren, was wirklich wichtig ist. Das ist ein Prozess. Ich glaube, je älter man wird, desto mehr kann man sich das Privileg erlauben, sich auf Wesentliches zu konzentrieren.

Multitasking bringt uns in Zeitnot. Heißt das, wir sollten wieder eine Sache nach der anderen machen?
Multitasking verhindert Achtsamkeit und bringt eine große Unruhe in den Geist. Wenn man Multitasking einsetzt, kann das in gewissen Situationen sinnvoll sein. Aber für den Rest der Zeit geht es darum, dass man wirklich bei der Sache ist, dass man versucht, ganz da zu sein. Und das ist gar nicht so einfach. Da kann nur der einzelne sich zur Wehr setzen und sagen, ich mache nicht alles gleichzeitig.

Interview: Gabriele Crepaz
Fotos: Dora Vannetiello