August 2015

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Zwischen allen Stühlen

Designer Martino Gamper erzählt mit seinen Möbeln Geschichten. Deshalb ist es wichtig, einen guten Ort für sie zu finden.

Mit Martino Gamper mischt Südtirol ganz vorne in der internationalen Designszene mit. Der Meraner, der in London lebt und arbeitet, entwirft vor allem Stühle. Mit seiner Arbeit „100 Chairs in 100 Days“ schaffte er 2007 den Durchbruch. Inzwischen arbeitet Gamper für Prada und unterrichtet am Royal College of Art. Seine neuen Möbel entstehen oft aus ausrangierten alten Stücken. Das sind wir der Welt schuldig, sagt er im Interview.

Es gibt viele Stühle von Martino Gamper im Museion, dem Museum für moderne und zeitgenössische Kunst in Bozen. Wir sitzen auf anderen. In der Museion Passage, die Martino 2011 gestaltet hat, ist es zu laut. Mikros werden hier getestet, junge Frauen und Männer hantieren mit Gläsern, einer Saftpresse, Ingwer und Südtiroler Äpfeln. Es wird nur gesunde und frische Sachen geben am Abend, wenn die Ausstellung „Design is a state of mind“ eröffnet wird, die Martino Gamper kuratiert hat. So hat es der Designer bestimmt.

Martino ist die Ruhe selbst. Er trägt Shorts und Sandalen, wirkt wie einer, der Zeit hat. Er spricht leise. Und nicht zu viel. Vom Erfolg, den er in aller Welt hat, scheint er unberührt. Wie die von ihm entworfenen Möbel, die ständig zwischen Design und Kunst kippen, macht auch er den Eindruck, als lebe er vom momentanen Einfall. Es ist aber ganz anders, wird er im Interview sagen. Er will Geschichten erzählen. Also sprechen wir darüber, wie Design verführen kann. Ob Design die Welt retten soll. Warum er sich mit dem Herrgottswinkel beschäftigt, obwohl ihn die Südtiroler Stuben gar nicht interessieren. Was an seinen Marktständen in Meran besonders ist. Berühmt wurde Martino Gamper mit seinen Stühlen, deshalb kann ich nicht anders, unser Gespräch beginnt mit einer Frage, die ich schon lange mit mir herumtrage…

Ich habe das Gefühl, jeder Designer muss einmal im Leben einen Stuhl entwerfen. Ist das so?
Martino Gamper: Ein Stuhl ist eine Herausforderung. Er ist eine Negativabbildung des Körpers: Wir sitzen darauf. Und als solcher hat er eine bestimmte Funktion. Das allein ist schon schwierig, weil nicht jeder Stuhl für jeden Körper geeignet ist. Dann soll er Eleganz haben. Auch Materialität und der Produktionsprozess spielen eine Rolle, und, ganz wichtig, die Geschichte der vielen Stühle, die es bereits gibt. Man muss sich mit anderen messen.

Gilt der Stuhl als Meisterstück?
Irgendwie schon. In der Musik wäre es vielleicht ein Hit. Ein Stuhl ist eine Herausforderung, die einen erst zu einem Designer macht.

Du bist ein Stuhlspezialist. Mit dem Projekt „100 Chairs in 100 Days“ bist du berühmt geworden. Wie viele Stühle hast du bisher entworfen?
150 oder 200, so genau weiß ich das nicht. Es hört auch nicht auf. Ich lerne mit jedem Stuhl etwas Neues. Das ist ein evolutionärer Prozess.

Welcher Stuhl passt zu Südtirol?

Gibt es in der Serie „100 Chairs in 100 Days“ auch einen Südtirol-Stuhl?
Ja, da sind die Post-Tirolo Stühle und der Bella Vista-Stuhl. Es gibt immer wieder Stühle mit Südtirol-Bezug.

martino gamper posttirolo

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Mit den Post Tirolo Stühlen entwarf Martino Gamper 2013 eine Serie aus Zirbenholz, die von klassischen Modellen der im Alpenraum verbreiteten Stühle inspiriert ist.

Von dir stammt der Satz: „Objekte müssen ihren Ort finden.“ Wir sitzen hier neben der Museion-Passage, die du gestaltet hast. An welchen Ort hast du gedacht, wie du die Hocker, Tische, Bänke entworfen hast?
In der Museion Passage ging es mir gar nicht so sehr darum, Möbel zu entwerfen. Ich wollte diesen Raum bespielen, ihn lebendig machen. Deshalb habe ich ein Konzept gebraucht, das viel mehr ist als ein paar Stühle. Die Stühle und Bänke helfen dem Raum, multifunktional zu werden, also in verschiedenen Konstellationen zu bestehen. Für die Hocker habe ich zum Beispiel eine Form gesucht, die zweiteilig ist und wieder aufgelöst werden kann. So kann man die Hocker teilen und die Einzelteile aneinanderfügen, bis eine Bank entsteht.

museion suedtirol altoadige 2

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Alles mobil: Die von Martino Gamper gestaltete Museion Passage ist ein beliebter Treffpunkt der Bozner.

In der Ausstellung „Design is a state of mind“, die gerade im Museion läuft, geht es auch um Kontext. Du zeigst Regale der Designgeschichte und Sammlungen von Objekten, die auf diesen Regalen liegen. Entscheidet erst der Kontext darüber, ob ein Designobjekt gut ist?
In der Ausstellung geht es um Objekte, die zum Teil lange unterwegs sind. Ich zeige sie in einem neuen Kontext und lasse sie aufeinander wirken. Ich versuche mich als Geschichtenerzähler. So verstehe ich meine Rolle als Kurator. Ich erzähle, woher die Objekte kommen, wie sie hergestellt wurden, wie Menschen damit umgegangen sind, und ich lasse die Geschichte offen, jeder Besucher kann sie für sich weiterspinnen, weil jeder mit Regalen und Objekten Erfahrungen hat und damit seinen eigenen neuen Kontext kreiert.

Wer erzählt die Geschichte? Das Regal oder ich?

Fängt ein Objekt erst zu leben an, wenn es einen Kontext hat?
Ein Objekt wird mit Geschichten angereichert. Je mehr Geschichten sich in und an ihm kreuzen, je mehr es Menschen nutzen, umso mehr Kontext entsteht. Das ist gut: Mit dem Kontext wird ein Objekt ausgebaut. Das Objekt an sich hat nur eine Idee von einer Geschichte. Diese ist im Entwurf, im Material, in Form und Farbe erhalten. Erst durch die Benutzung schafft es im Lauf der Zeit eine Atmosphäre um sich. Das passiert nicht automatisch.

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Was Menschen sammeln: Gratisgläser auf einem Regal von Daniel Eatock und Andrea Branzi haben es Martino Gamper angetan.

Wie ist das bei dir? Hat es dich geprägt, in Südtirol aufgewachsen zu sein?
Ja, sicher. Ich denke, dass wir die Formen, die uns umgeben, insgeheim mit uns herumtragen. Ich kann nicht sagen, Südtirol hat mich stärker geprägt als eine andere Gegend, in der ich hätte aufwachsen können. Aber es ist ein Land mit einer starken Natur und einem großen Naturbezug. Damit verknüpft ist die Kulturlandschaft: das Handwerk, das eine lange Tradition hat, die Architektur, die ohne den Austausch mit der Natur nicht denkbar wäre. Und immer dieses Gefühl, zwischen Norden und Süden zu stehen, zwischen zwei starken Kulturen aufgewachsen zu sein, die sich ein bisschen reiben… das war für mich ausschlaggebend, glaube ich. Dafür habe ich eine Sensibilität entwickelt.

Ein Stück Südtirol von Martino Gamper

2007    sammelt Martino Gamper Stühle aus dem Sperrmüll und setzt jeden Tag einen Stuhl neu zusammen. So entsteht „100 Chairs in 100 Days“, mit zwei Südtirol-Stühlen: Post Tirolo und Bella Vista.
2008    möbliert er im Rahmen der Kunstbiennale Manifesta 7 die Räume der Festung Franzensfeste bei Brixen mit seinen Stühlen und Bänken.
2011    gestaltet er die Museion Passage in Bozen mit Hockern, Bänken und Tischen. Die Passage ist frei zugänglich und ein beliebter Treffpunkt der Bozner.
2015    kuratiert er die Ausstellung „Design is a State of Mind“ im Museion in Bozen. Die Ausstellung ist ein Gemeinschaftsprojekt von Museion mit der Pinacoteca Giovanni e Marella Agnelli Turin und den Serpentine Galleries London.

Wie hoch steht Design aus Südtirol in der Gunst?

Was hat Südtirol vor dir zur Designgeschichte beigetragen?
Da fällt mir auf der Stelle Matteo Thun ein, mit der Designgruppe Memphis. Und Ettore Sottsass natürlich, in dessen Wohnung Memphis gegründet wurde. Ein wichtiger Impuls ist in Südtirol von Arthur Eisenkeil ausgegangen. Das war ein Unternehmer aus Meran, der in den späten 1950er in den USA ein Patent erworben hat, die so genannte Cocoon-Technik, mit der plötzlich ein neues Lampendesign möglich war. In Mailand traf Eisenkeil dann den Industriedesigner Achille Castiglioni und gründete die Firma Flos, für die Castiglioni jahrzehntelang als Designer arbeitete.

Eine Form, die dich inspiriert, ist die Ecke. Warum?
Die Ecke ist für mich ein räumliches Zwischendrin: zwischen Architektur und den Möbeln. Mit einer Ecke kannst du einen Raum bauen. Raum ist für meine Arbeit sehr wichtig. Ich versuche auch, mit dem Raum zu spielen. Und ich habe gemerkt, dass im Design bisher sehr wenig gemacht worden ist für die Ecke. Bei meiner Recherche habe ich dann den Herrgottswinkel in den Südtiroler Stuben entdeckt. Das hat mich interessiert, eigentlich gar nicht die Stube an sich, aber ich finde spannend, was passiert, wenn sich drei Flächen – Wände, Boden, Decke – treffen und so  kleinster Raum entsteht. Das fasziniert mich.

Martino öffnet Prada die Augen

Es scheint Prada auch zu gefallen… Für das Modeunternehmen gestaltest du im Augenblick hunderte Schaufenster weltweit. Und die Ecke ist darin ein zentrales Element…
Stimmt. Bei Prada werden so neue Perspektiven entwickelt. Ich baue ins Schaufenster eine Ecke ein und gebe dem Raum dadurch Tiefe. Dort wo die Ecke zusammenläuft, gibt ein Landschaftsbild den Blick zusätzlich auf einen imaginären Raum frei.  

Prada ist ein Luxuslabel. Auch das Bild, das wir von Design oft haben, ist sehr glatt und perfekt. Dieses Bild entspricht heute gar nicht mehr der Vorstellung vieler Designer. Auch deine Arbeit scheint wenig auf Perfektion im herkömmlichen Sinn ausgerichtet. Worauf kommt es dir an? 
Oh nein. Ich bin auch ein Perfektionist. Aber ich will die Perfektion im Plural sehen, nicht im Singular. Ich versuche, durch das Design mehr Möglichkeiten zu schaffen, nicht weniger. Es gibt Design, das auf eine Enge zuläuft. Das liegt mir nicht so.

Das erinnert mich an die Züchtung von Hunderassen, die keine Abweichung zulässt. Und dann gibt es die Mischlinge, die als Typen viel interessanter sind…
Ja, das ist vielleicht ein guter Vergleich. Ich will mit meinen Objekten neue Möglichkeiten schaffen. Die Perfektion kann dann im Detail stecken, aber mir geht es darum, mit dem Design das Denken zu öffnen und Gedanken auf den Kopf zu stellen. Ich will neue Wege finden.

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Für die Bauern am Meraner Markt entwarf Martino Gamper eine eigene Holzkiste, die zu Hause befüllt und am Markt aufgebaut wird.

So wie mit den Marktständen, die du für den Meraner Markt entworfen hast? Welche Wege wolltest du hier öffnen?
Wie schon beim Museion hat es mir auch hier nicht das Marktgeschehen an sich angetan. Ich wollte verstehen, was vor und nach dem Markt passiert. Deshalb kam ich auf die Idee, eine Holzkiste zu bauen, die die Bauern mitnehmen. Sie füllen die Kisten daheim mit ihren Produkten und bauen sie am Markt als Stand auf. Jeder Bauer hat seine eigenen Kisten. Die benutzt er für alles, was er rund um den Markt braucht. Damit fährt er vom Land in die Stadt und zurück. Südtiroler Handwerker haben die Kisten gefertigt, aus lokalem Holz, etwa 500 Stück.

Warum ein Designer seine Werkstatt braucht

Du bist selber Tischler und arbeitest häufig mit Handwerkern zusammen. Was ist der Grund für diese Nähe?
Ich arbeite mit vielen Handwerkern zusammen, in und außerhalb von Südtirol. Es sind Tischler darunter, ich arbeite ja am liebsten mit Holz, aber auch Glasfirmen, Schmiede, Steinmetze. Handwerk ist für mich sehr wichtig, in London habe ich sogar eine eigene Werkstatt. Mit manchen Leuten arbeite ich seit vielen Jahren. Sie sind offen für Neues und sehr flexibel. Sie verstehen, wie ich arbeite.

Viele deiner Arbeiten entstehen, indem du Bestehendes zerstörst und neu zusammenfügst. Man könnte es als nachhaltiges Design bezeichnen. Das ist aber nicht dein erster Gedanke, richtig? Worum geht es dann?
Genau. Ich versuche nicht, mit meinen Möbeln die Welt zu retten. Ich finde jedoch, dass es eine neue Wertigkeit für die Dinge braucht, eine moderne Art von Langlebigkeit. Wenn ich Möbel auseinander und zusammen baue, tue ich das in erster Linie, weil ich mit dem Möbel, seinen Formen, den Ideen, die sich dahinter verbergen, spielen will. Es geht also eher um eine kulturelle Nachhaltigkeit: Ich will zeigen, dass man etwas nicht wegschmeißen muss, nur weil es schon einmal gebraucht worden ist. Ich will zeigen, dass man vermeintlich Festgefügtes auch mischen kann. Es muss nicht alles unberührt nebeneinander stehen. Man kann Dinge und Ideen kreuzen, auch im Design.

010 museion martino gamper suedtirol

discover Martino Gamper

Es gab eine Zeit, da wollte Martino Gamper gar nicht Designer werden. Er absolvierte eine Tischlerlehre.

Vom Sammler, der nichts anhäufen will 

Bist du ein Sammler?
Eher bin ich ein Akkumulator. Ich sammle, um für meine Arbeit neue Ideen zu erhalten. Ich bin also nicht der perfekte Sammler. Und eigentlich versuche ich, eher weniger anzuhäufen…

Könnten Menschen zu dir kommen und einen alten Stuhl bei dir abgeben, den sie loswerden möchten?
Ja, warum nicht… ich kann mir durchaus vorstellen, wieder neue Stühle zu sammeln. Was ich daraus machen würde oder wann, weiß ich nicht. Die Leute dürfen halt nicht den Anspruch erheben, im Gegenzug einen neuen Stuhl von mir zu bekommen. Aber sonst, auf jeden Fall bin ich für „ausrangierte“ Stühle offen. Ich nehme auch andere Möbel…

Interview: Gabriele Crepaz

Das ist Martino Gamper

Martino Gamper wollte nicht von Anfang an Designer werden. 1971 in Meran geboren, absolvierte er zunächst eine Tischlerlehre. Danach zog es ihn in die Welt hinaus, er reiste, und als er wieder in Südtirol landete, gefiel ihm die Idee, in Wien an der Akademie für Bildende Künste oder an jener für Angewandte Kunst zu studieren. An beiden Universitäten wurde er genommen. Also, was: Bildhauerei oder doch Produktdesign? Nach einem Jahr entschied er: er wollte Designer werden; den Bildhauer lässt Martino ganz nebenbei immer wieder in seinen Arbeiten aufblitzen.
Ab 1996 arbeitete er zwei Jahre lang im Mailänder Designstudio von Matteo Thun. 1998 ging er nach London, studierte am Royal College of Art und richtete in der britischen Hauptstadt sein Studio ein. 2007 gelang ihm mit seiner Arbeit „100 Stühle in 100 Tagen“ der Durchbruch in der Designwelt. 2014 wurde er mit dem Icon Award „Designer of the Year“ ausgezeichnet. Seine Arbeiten werden in internationalen Design- und Kunsthäusern gezeigt.