Mai 2015

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Marmor für Ground Zero

Echte Denkmäler sind aus Laaser Marmor. Die bekannteste U-Bahn-Station der Welt rettet damit auch die Ehre der Marmor-Lechners.

Die Lasa Marmo in Südtirol bekam den Millionenauftrag, den weißen Marmor für die U-Bahn-Station am Ground Zero zu liefern. Für den Geschäftsführer Georg Lechner geht es auch um die Familienehre. Er hat noch eine Rechnung mit seinen Vorfahren offen.

Das Spähtrüppchen war auch in anderen Steinbrüchen. Aber hier, im Weißwasserbruch bei Laas, auf 1.555 Metern, fanden sie endlich, was sie suchten: weißen, wetterbeständigen Marmor, einen Stein von irrationaler Eleganz, 400 Millionen Jahre alt, wunderschön. Auf die Mission geschickt hatte sie der spanische Stararchitekt Santiago Calatrava, weil er das beste Material für sein Riesenprojekt suchte, einen der prestigeträchtigsten Bauten des Jahrzehnts – die U-Bahn-Station am Ground Zero in New York.

Georg Lechner und seine Firma, die Lasa Marmo, bekamen den Millionenauftrag.

Sein Urgroßvater ist der legendäre „Marmor-Lechner“, der sich vor gut hundert Jahren ein Imperium aufgebaut hatte, weil er sich die Erlaubnis sicherte, den kostbaren Marmor abzutragen. Er wurde einer der reichsten Männer der Gegend. „Alles, was danach gekommen ist, war nicht so schön“, sagt Georg Lechner, ein freundlicher, schlaksiger Mann mit Bubengesicht. Einer aus dem Dorf fasst die Geschichte so zusammen: „Das Vermögen, das der Alte aufgebaut hat, haben die folgenden Generationen durchgebracht“.

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Georg Lechner will mit dem New Yorker Millionenauftrag die Familienehre aufputzen.

32.000 Quadratmeter Laaser Marmor gehen nach New York.

Es sieht nach einem Happy End aus – falls der New Yorker Auftrag glatt läuft. „Wenn dieser Auftrag gut läuft, rechnen wir mit ähnlich großen Folgeaufträgen“, sagt Lechner in seinem Büro in Laas, er will locker und optimistisch klingen, aber man hört ihm die Nervosität dann doch an. Auftraggeber ist die Hafenbehörde der Stadt New York, involviert sind US-amerikanische Juristen und ihre Verschwiegenheitsklauseln, ein Stararchitekt, die Weltpresse.

Über 32.000 Quadratmeter Marmor liefert Lechners Firma für den Boden und die Wände, Sockelleisten, Treppen und Säulen: Der Innenraum der U-Bahn-Station soll mit weißem Marmor ausgekleidet werden. Das World Trade Center Transportation Hub, das 2015 eröffnet werden soll, wird kein profaner U-Bahn-Stopp, sondern eine symbolgeladene Empfangshalle für die Besucher des Ground Zero-Areals, in der Form einer skelettierten Friedenstaube.

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Arbeiten in der Kathedrale: Um sieben Uhr morgens beginnt die Schicht im Vinschger Weißwasserbruch.

Wie wird der Marmor abgebaut?

Lechner erlaubt ausnahmsweise den Blick hinter die Kulissen des Megaprojekts. Arbeitsbeginn im Weißwasserbruch ist um sieben Uhr. Zum Bruch fährt man eine halbe Stunde den Berg hoch, steinige Serpentinen, autobreit.

Erst in die Gummistiefel, dann in das Innere des Berges. Es riecht nach nichts. Der Hohlraum hat nichts Höhlenartiges oder Beklemmendes, er hat die Ausmaße eines Kirchenschiffs, 30 Meter breit und 40 Meter hoch. Wie in einer Kathedrale lässt eine unbekannte Kraft den Blick immerzu an die Decke schweifen, auch hier sind die Wände aus kühlem Stein.

Zwölf weiße Marmorbrüche gibt es auf der Welt.

Vor 400 Millionen Jahren entstand an dieser Stelle glitzerndes Kalziumkarbonat. Kalk hat sich kristallisiert, unter hohem Druck und Temperaturen bis zu 600 Grad Celsius wurde daraus Marmor. Es gibt ein gutes Dutzend Brüche, die weißen Marmor exportieren, in Brasilien, Griechenland, in China und Namibia, in Italien gibt es noch den Marmor aus Carrara.

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In großen Blöcken wird der Marmor heute regelrecht aus dem Berg herausgeschnitten.

Heutzutage wird der Marmor mit ausgeklügelten Methoden abgebaut. Die Form des Marmorquaders wird markiert: Rechts, links, oben und unten werden mit einer Drahtseilsäge Löcher in den Marmor gebohrt. Jetzt kommt etwas zum Einsatz, das wie ein Backblech aussieht. Ein Arbeiter mit Zigarette im Mundwinkel legt das millimeterdünne Blech in die rechte Fuge, über einen Schlauch wird das Blech mit Wasser befüllt. Das Blech, ein sogenanntes Lösekissen, weitet sich aus. Kurzes Plopp. Es dauert nur wenige Minuten, ist fast geräuschlos. Der Marmorblock hat sich durch den Druck des Kissens bewegt und hinten abgelöst. Ein Gabelstapelfahrer ruckelt den Marmorquader nun aus der Wand und fährt den Block zum Ausgang des Berges.

Der Stein für Escada, Universität und den Palast aus 1001 Nacht.

Von hier aus nimmt der Marmor den Weg in die Tempel der Moderne. Der Marmor aus Laas wurde zuletzt in einer Moschee in den Vereinigten Arabischen Emiraten, einer Escada Boutique in New York und in einer Universität im alten europäischen Mailand verbaut. Religion, Wissenschaft, Kommerz. Und natürlich die Superreichen. Wie der arabische Prinz, der zu viel Marmor in zu kurzer Zeit wollte, weshalb die Lasa Marmo den Auftrag ablehnen musste.

Auch die Blöcke für die U-Bahn-Station in New York müssen den Berg hinunter transportiert werden. Eine Lastenseilbahn bringt den Marmor zu einer Eisenbahn, die über Schienen den Berg hinunter zu Lechners Firma führt. Seit 1930 liegt die Marmorbahn wie ein riesiger Reißverschluss am Steilhang des Berges.

Nach etwa einer Stunde kommt der Block unten auf dem Firmengelände an. Georg Lechner läuft über das riesige Areal, auf dem Hof seiner Firma liegen Hunderte mannshohe Marmorstücke, übereinander und nebeneinander gestapelt. „Bianco Perla, Vena Oro, Arabescato, Fior di Melo, Nuvolato“ – es klingt, als spräche Georg Lechner plötzlich in fremden Zungen, er lächelt, dabei sind es eigentlich nur die italienischen Fantasienamen seiner Marmorsorten: weiße Perle, Apfelblüte, Goldader. In New York wollen sie den „Lasa Bianco Nuvolato“, weiß mit grauen Wölkchen. Lechner ist in Redelaune.

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In Laas steht der Marmorberg praktisch vor der Haustür. Auf den Bergrücken im Hintergrund zieht sich in gerader Linie die Marmorbahn, mit der der Marmor zu Tal gebracht wird.

Aufstieg und Fall der Marmor-Lechner

Wie geriet die Marmordynastie der Lechners ins Straucheln? Wenn Georg Lechner seine Familiengeschichte erzählt, dann klingt sie wie eine Dallas-Saga, die in Südtirol spielt.

Sie beginnt mit dem Urgroßvater Josef Lechner, der es vom Bergbauernbuben und Bauernknecht mit sechs Geschwistern zum Marmormillionär bringt. Es ist die Zeit der Marmorblüte um 1900, Statuen aus Marmor sind gefragt, der alte Lechner pachtet der Weißwasserbruch, erwirbt die Schürfrechte und baut einen Betrieb mit hundert Mitarbeitern auf.

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Firmengründer Josef Lechner wurde mit dem Marmorschürfen reich. Im Dorf wurde er deshalb einfach „Marmor-Lechner“ genannt. Sein Grabstein in Laas ist natürlich aus Marmor.

Da sein ältester Sohn und designierter Nachfolger in den ersten Tagen des Ersten Weltkriegs fällt, muss er dem anderen Sohn das Unternehmen überschreiben. Josef Lechner junior hat nicht nur keinen Geschäftssinn, er führt auch eine teure Ehe, mit einer Blaublütigen. Josef und Maria. Es ist eine unbiblische Verbindung. Der Junior veräußert nach und nach das Marmor-Vermächtnis des Vaters. Das Erbe ist, bis auf die Schürfrechte, perdu. Der Zweite Weltkrieg beginnt, der Marmorbetrieb in Laas wird verstaatlicht. Josef Lechner junior bäumt sich ein letztes Mal auf: 1951 will er auch seine Schürfrechte zu Geld machen.

Josef und Maria bekamen drei Kinder. Elisabeth, Sigmund und Josef, den Vater von Georg Lechner. Lechners Vater, so erzählt Georg Lechner, hätte gerne das Unternehmen zurückgehabt, aber er hatte nicht die Kraft. „Mein Vater hat mir alle Papiere gegeben und gesagt: Wenn Du streiten willst, nur zu“, sagt Georg Lechner. Sein Kampf um die Schürfrechte beginnt. Als er endlich die Abbaurechte für den Marmorbruch hat, fehlt ihm noch die Firma, die den edlen Stein abbaut, transportiert, lagert, zuschneidet, verpackt.

„Ich wollte den Traum meines Vaters wahrmachen und das verlorenen Familienunternehmen zurückgewinnen.“ Georg Lechner, Marmorunternehmer

Der Urenkel rettet die Familienehre.

Georg Lechner muss versuchen, „seine“ Firma Elisabetta Sonzogno abzuschwatzen. Ihre Familie leitet die Firma seit drei Jahrzehnten. Die beiden kennen sich von klein auf, die Väter – Giuseppe und Josef – waren befreundet. Elisabetta musste ihrem Vater am Sterbebett versprechen, die Firma zu behalten. „Zu Zeiten meiner Großeltern hätten wir vermutlich geheiratet“, sagt Lechner. 2008 schafft er es schließlich, sie zu überreden, die Firma abzugeben. Elisabetta bricht damit das Versprechen, das sie ihrem Vater gegeben hat. „Elisabetta bereut ihren Schritt bis heute zutiefst“, sagt Lechner.

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Für die Auskleidung der U-Bahn-Station am Ground Zero werden in Laas 100.000 Marmorplatten zugeschnitten und wie ein Puzzle aneinandergefügt.

Calatrava lässt 100.000 Puzzle-Teilchen aus Laaser Marmor zusammensetzen.

Nach fast neun Jahrzehnten gibt es wieder einen Marmor-Lechner.

Georg Lechner läuft schnellen Schrittes weiter durch die Marmorblöcke, es beginnt zu regnen. Hinein in die Halle, wo die Marmorplatten für New York liegen. Es ist „die geheime Halle“, wie er sagt, Fotografieren verboten. Georg Lechner schließt auf, er erlaubt einen kurzen Blick hinein. Auf dem gesamten Hallenboden liegen hunderte Marmorplatten, sortiert und im rechten Winkel. Hier werden die Fliesen so arrangiert, wie sie später in New York verlegt werden sollen. Die Nahtstellen der Marmorplatten sollen so unauffällig wie möglich aussehen, stundenlange Tüftelarbeit, Wölkchen an Wölkchen. Da ist Santiago Calatrava Perfektionist. 100.000 Teile liefert die Lasa Marmo für New York. Gibt Calatravas Mitarbeiter Georg Lechner das Ok, werden die Platten verpackt, auf einem LKW nach La Spezia an der Westküste Italiens gefahren. Nach drei Wochen auf dem Containerschiff kommen sie an der Ostküste Amerikas an.

In den schlechten Zeiten erwog Lechner, in die USA auszuwandern. Weg von der Familie, weg vom Marmor. Er hat Schlosser und Automechaniker gelernt. „Ich hätte mich dort gut durchschlagen können“, sagt Lechner. Er tat es nicht. „Ich wollte den Traum vom Vater wahrmachen“, so sagt es Lechner heute. Erst zur Eröffnung der U-Bahn-Station will er nach New York fliegen. Es wird sein erster Besuch in Amerika. Georg Lechner wird aus Südtirol anreisen. Seinen Marmor hat er schon mal vorgeschickt.

Text: Nora Reinhardt
Fotos: Johannes Kühner

Gekürzte Fassung einer Reportage, die anlässlich des Südtirol Medienpreises 2012 entstand. Die ganze Reportage lesen Sie hier auf www.welt.de

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discover Das Marmordorf Laas

Laas ist steinreich. Erwartungsgemäß wurde die Apsis der Pfarrkirche vollständig in Marmor errichtet. Aufhorchen lässt, dass die Laaser täglich auf Marmor wandeln. Die Pflastersteine sind aus Resten jener 86.000 Kreuze gehauen, die die USA nach dem Zweiten Weltkrieg für die gefallenen US-Soldaten in Auftrag gegeben haben.