Wahrheit und Licht

Wenn Kurt Moser und Barbara Holzknecht die Dolomiten für die Ewigkeit fotografieren, muss alles stimmen. Und doch dürfen die Bilder unperfekt sein.

  • Oktober 2018

  • Lesedauer: 6'

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Wahrheit und Licht

Wenn Kurt Moser und Barbara Holzknecht die Dolomiten für die Ewigkeit fotografieren, muss alles stimmen. Und doch dürfen die Bilder unperfekt sein.

„Diese Fotos lügen nicht“, dieser Satz wird Kurt Moser wahrscheinlich für immer in Erinnerung bleiben. Es war einer dieser Tage, an denen der Fotograf einen Bergbauern porträtierte. Nach mehreren Stunden im Atelier trat der hochbetagte Mann mit voller Ernsthaftigkeit an ihn heran und meinte: „Kurt, ich möchte dir etwas sagen: Diese Fotos lügen nicht.“ Kurt hat Gänsehaut, als er uns von diesem Tag erzählt. Der Bergbauer hatte Kurts Vision genau verstanden. 

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Mehr als 30 Jahre lang reiste Kurt Moser als Dokumentarfilmer in die entlegensten Ecken der Welt, zu Naturwundern ebenso wie zu Kriegsschauplätzen, seine Basis war in Rom. Anfangs arbeitete der Kameramann mit analogen Kamerasystemen. Irgendwann kam die Digitalisierung, und mit ihr ein mulmiges Gefühl in Kurt. Die Rhythmen seiner Arbeit wurden immer schneller, das gedrehte Bildmaterial direkt der Fernsehanstalt gesendet. Das Endprodukt sah er selten, er war schon auf dem nächsten Dreh.

„Die Bilder sind einfach verschwunden, es blieb nichts. Das wurde für mich immer mehr zum Problem“, erinnert sich Kurt. Es fühlte sich an wie Fließbandarbeit, wo das Handwerk, das Manuelle nicht mehr zählte. Wo war das Bleibende, Wertige, die Zeit?

Und dann kam Baby

Die Antwort fand ihn, in mehreren Teilen: Als Kurt auf der Suche nach alten Optiken für seine Sammlung war, entdeckte er zufällig eine verstaubte Balgenkamera aus dem Jahr 1907, die dem Großvater des knapp 80-jährigen Verkäufers gehört hatte. Der Besitzer selbst hatte keine Ahnung, wie man sie benutzte. Kurt gefiel die Geschichte der Kamera, ihre Ästhetik. Er nannte sie Baby. In seiner knappen Freizeit begann er vorsichtig, sie zu restaurieren. Er schickte Barbara Holzknecht, einer Südtiroler Filmproduzentin, die er von seiner Arbeit kannte, ein Handyfoto. „Schön“, sagte sie damals, „und was machst du damit?“ Das wusste Kurt selber noch nicht.

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Bis er in einem Museum in München eine Ambrotypie des Bergfotografen Vittorio Sella entdeckte. „Zu diesem Zeitpunkt hatte ich keinen blassen Schimmer, was das eigentlich ist, eine Ambrotypie“, gesteht Kurt lachend, „aber das Foto faszinierte mich dermaßen, dass ich solange vor dem Bild stand, bis das Museum zusperrte.“

Ambrotypie: Das unsterbliche Foto

Das griechische Wort ambrotos bedeutet unsterblich. Die Technik der Ambrotypie wurde 1850 von Frederick Scott Archer und Gustave Le Gray entwickelt, als unkomplizierte Variante zur Daguerreotypie, und etwa 30 Jahre lang verwendet. Bei diesem Verfahren wird die Trägerplatte aus Schwarzglas mit Kollodium beschichtet und im Silberbad für UV-Licht fotosensibel gemacht. Auf der Platte entsteht ein Direktpositiv. 

Als Kurt sich über diese Foto-Technik schlaumachte, verstand er schnell: Das war die konsequenteste Antwort auf seine Suche  –  ein nicht reproduzierbares, nicht veränderbares Foto.

Labor der Experimente

Die Balgenkamera funktionierte, für den Fototräger brauchte es bloß eine schwarze Glasplatte, Kollodium und Silber. Wie schwer konnte das schon sein? Kurt lacht: „Ich habe bestimmt fünf Monate lang in der Dunkelkammer experimentiert.“ Erstmal passierte gar nichts. Kurts Respekt vor Pionieren wie Vittorio Sella stieg, erzählt er: „Diese Leute waren echte Genies“. Kurt forderte sich selbst heraus: „Ich habe mir gesagt, es kann doch nicht sein, dass Fotografen 1850 auf 7.000 m Meereshöhe und bei Temperaturen von minus 40 Grad Ambrotypien hergestellt haben, und ich das jetzt nicht hinkriege?“

Er kaufte sich alte Fotografie-Kompendien, studierte chemische Zusammensetzungen. „Selbst wenn ich ein Rezept gefunden habe, hat es nicht funktioniert“, erinnert sich Kurt, „bis ich dahinterkam, dass die chemische Reinheit von damals mit der von heute nicht vergleichbar ist.“ Erst einige Monate nachdem er die Kamera gefunden hatte, gelang das erste Foto.

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Das Projekt „Lightcatcher“

Wieder rief Kurt Barbara an: „Ich habe eine Idee. Und dafür brauche ich dich.“ 2015 starteten sie gemeinsam das Projekt „Lightcatcher“. Kurt wollte „seine“ Dolomiten mit dieser aufwendigen analogen Technik fotografieren. Barbara übernahm alles Organisatorische und die Finanzierung des Projektes. Sehr bald landete sie auch im Labor, erzählt sie: „Für mich war das ein Eintauchen in eine völlig andere Welt. Als Filmproduzentin habe ich jahrelang organisiert, ausgeführt haben Andere. Bei Kurt war ich plötzlich auch bei der Arbeit in der Dunkelkammer mit dabei.“ 

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Mit der einzigartigen Bildsprache der Ambrotypie wollen die Lightcatcher den Geist der Dolomiten verewigen. Das überzeugte auch die UNESCO: Unter ihrer Schirmherrschaft fotografieren die Lightcatcher aktuell nicht nur die Berge der Dolomiten, sondern auch ihre letzten Bewohner.

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Die Porträts der Bergbewohner macht Kurt in seinem Atelier in Kaltern, in den historischen Mauern von Castel Campan, das Graf Michael Goëss-Enzenberg ihnen zur Verfügung gestellt hat. Diese Bauern zu finden und ins Atelier zu bringen, ist Barbaras Aufgabe – nicht immer eine leichte. „Meistens gehe ich einfach in ein Dorfgasthaus, frage mich durch. Wenn ich dann jemanden gefunden habe, kann es schon mal sein, dass der Bauer sagt: Komm nächste Woche nochmal, bis dahin überlege ich es mir“, erzählt Barbara, „oder es werden überraschende Anforderungen gestellt, wie etwa eine Rundfahrt durch Bozen, weil die Person lange nicht mehr in der Stadt war.“ Warum man denn gerade von ihnen ein Foto machen wolle, das fragen alle Bauern.

Fünf Minuten für die Ewigkeit

Eine besondere Herausforderung sind die Bergbilder. Denn obwohl die fotografische Technik auf Bestand ausgelegt ist, verlangt sie höchste Präzision im Moment der Aufnahme und vor allem gute Planung. „Schon allein die Materialkosten sind zu hoch, um einfach loszufahren und Bilder zu machen. Da musste ich Kurt anfangs schon bremsen“, schmunzelt Barbara, die als Projektmanagerin auch die Finanzen im Griff hat. 

Tagelang fahren Barbara und Kurt deshalb durch das Gebiet der Dolomiten, suchen mögliche Locations, den richtigen Lichteinfall und Bildausschnitt. „Kurt findet den perfekten Platz für die Aufnahmen, ich notiere alle Details und sehe auch andere Sachen, wie etwa ob es einen Schlüssel für die Auffahrt braucht“, sagt Barbara. 

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Damit ein gutes Bild entstehen kann, muss alles passen. Das Kollodium mischt Kurt eigens zusammen. „Ich muss dafür genau wissen, was wir vorhaben. Nicht nur, was wir fotografieren, sondern auch die Meereshöhe, Temperatur und Luftfeuchtigkeit. All das beeinflusst die Silberschicht und damit das Bildergebnis“, erklärt Kurt.

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Wenn alles vorbereitet ist und der Wettergott mitspielt, geht es mit dem Lieferwagen auf den Berg. Die Kameraposition ist längst definiert. „Ich habe das Bild schon vorher genau im Kopf,“ bestätigt Kurt. Der Wagen darf höchstens ein paar Minuten von der Kamera entfernt stehen. Aus gutem Grund: „Das ist unser mobiles Fotolabor, das brauchen wir. Es würde gar nicht anders gehen bei dieser Technik“, erklärt Kurt, „in fünf Minuten muss alles erledigt sein. Sonst ist das Foto ruiniert.“ 

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Fünf Minuten, in denen absolute Konzentration gefragt ist. Das Schwarzglas wird in der Dunkelkammer mit einer Kollodium-Lösung beschichtet und durch das anschließende Silberbad fotosensibel. Ab diesem Zeitpunkt läuft die Stoppuhr: Der Bildträger wird in die Balgenkamera gegeben, belichtet, in der mobilen Dunkelkammer in maximal 10 Sekunden entwickelt und schließlich fixiert. Dauert es vom Silberbad bis zur Entwicklung länger als 5 Minuten, trocknet die Nassplatte aus. „Außer sie friert ein, dann darf es länger sein – das haben wir im letzten Winter zufällig entdeckt“, schmunzelt Kurt. 

Interpret des unsichtbaren Lichts

Was dann herauskommt, kann der Fotograf nur ungefähr vorhersagen. Auch wenn er sein Handwerk perfekt ausführt, ist es immer wieder eine Überraschung, wie sich das ultraviolette Licht auf den Bildträger übersetzt. Für das menschliche Auge ist es unsichtbar. Kurt hat gelernt, das UV-Licht zu interpretieren. „Der magische Moment passiert erst im Fixierbad“, erzählt Kurt, „dann wird das Bild sichtbar“. Mit jedem Bild wächst die Erfahrung, sagt er: „Ich arbeite jetzt drei Jahre mit dieser Technik, mittlerweile kann ich mit den Schärfen, der Belichtungszeit und beim Entwickeln gut spielen.“ Manchmal baut er Fehler ein, ganz gezielt: „Das Bild muss nicht perfekt sein, sondern einzigartig,“ erklärt er uns: „Ich will ja, dass man sieht, dass das eine Ambrotypie ist.“

Lady in Red

Seit kurzem gibt es Lady in Red, eine neue Kamera, die extra für die Dolomiten-Bilder gebaut wurde. „Jedes Mal, wenn wir unsere betagte Baby in die Berge mitnehmen, blutet uns das Herz“, sagt Barbara, „wir haben also eine Alternative gesucht.“ Die Kamera wurde gemeinsam mit Simon und Andreas, zwei Studenten der technischen Oberschule „Max Valier“ in Bozen, als Abitur-Projekt gebaut. Das größere Format und die Verstellmöglichkeiten der Kamera geben dem Fotografen mehr Flexibilität bei den Landschaftsaufnahmen.

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Je größer die Platte, umso mehr kann aber auch schiefgehen. Es muss noch genauer gearbeitet werden. „Ehrlich gesagt hätte ich nie gedacht, dass ich jemals im Stande sein werde, mit so einem Format zu arbeiten,“ meint Kurt. 2020 werden die Lightcatcher ihre Bilder im Museum für Fotografie in Berlin ausstellen.

Die Frage nach der Wahrheit

„Ist dieses Bild echt?“, das ist immer noch die erste Frage, die sich Kurt stellt, wenn er Fotos sieht, vor allem auf den Social-Media-Kanälen. Natürlich kann ein digitales Bild auch schön sein, aber ist es authentisch?

Ambrotypien sind nicht perfekte Fotografien, das wissen die Lightcatcher. Darum geht es hier aber nicht. „Diese Fotos haben ein ganz besonderes Bouquet, eine komplett andere Bildsprache“, sagt Kurt. „Vor allem aber sind diese Bilder zwingendermaßen echt, da ich sie nicht manipulieren kann“, lacht er. Seine Bilder dürfen Fehler haben, Charakter zeigen. Und beide Lichtfänger sind überzeugt: „In einer Zeit, in der Bilder beliebig bearbeitet und reproduziert werden können, ist so etwas Einzigartiges von unschätzbarem Wert.“

Text: Marlene Lobis
Fotos: Ivo Corrà
Video: Miramonte Film/Elisa Nicoli