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Mai 2016

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Einer auf dem Holzweg

Stephan ist ein findiger Südtiroler mit Bodenhaftung und er denkt ans große Ganze. So gehen Schafe, Holz, Hotel und Natur zusammen

Vor dem Schafstall türmen sich Berge von Holzstämmen. Die „Mussln“, wie man in Südtirol sagt, liegen ab und trocknen. Ich atme Waldluft. Die 60 Schafe grasen auf der Weide hinter dem Stall. Zwischen Holz und Schafen besteht im Hotel Leitlhof eine Verbindung. Die Verbindung ist Stephan Mühlmann und seine Suche nach Gerechtigkeit. „Ungerechtigkeiten packe ich nicht“, sagt der Juniorchef knapp. Seine blauen Augen stechen hervor. „Ja, ich bin stur“, lacht er, „aber es wird besser.“

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Holz wohin das Auge blickt. "Wir haben einen unserer wichtigsten Rohstoffe lange vergessen", sagt Stephan Mühlmann.

Ungerecht ist für Stephan, wenn Lämmer kurz nach der Geburt sterben, weil sie zu schwach sind. Wenn „Politiker Entscheidungen treffen und die Handlungsspielräume der Menschen einschränken“, wenn Menschen ausgebeutet werden, die Natur nicht respektiert wird. Wenn der Rohstoff Holz brach liegt, nicht genutzt wird. Vor diesem Hintergrund ist nachvollziehbar, was Stephan antreibt: Kleine Kreisläufe, nachvollziehbaren Prozesse. Für ihn, den Endverbraucher und für seinen Gast, den Konsumenten. Optimale Effizienz ist Stephans Devise, „das Brennholz hatte ja lange keinen Wert mehr bei uns. Es wurde aus dem Wald gar nicht mehr rausgeholt.“ Das sollte sich ändern, als Stephan die Führung im Betrieb übernahm.

#1

Das Holzlager, der Schafstall

Im Stall zeigt mir Stephan das älteste Schaf. 15 Jahre ist die Schafmutter alt, ihr Kleines gerade einen Tag. „Sei vorsichtig“, warnt er mich, „sie ist sonst ganz a Feine, aber wenn sie ein Junges hat, verwandelt sie sich schlagartig.“ Ich halte inne, ziehe meine Hand schnell zurück und merke, die Schafmutter war kurz davor, mich grob und entschieden weg zu schubsen. Die Natur ist allgegenwärtig. Sie gilt es zu schützen und zu bewahren. „Unsere Natur in Südtirol hier ist so wertvoll“, sagt Stephan.

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Füttern. Bei den Tieren sein. Das gibt dem Visionär Zeit zum Innehalten. Zum Auftanken.

Der Bauer steht nun vor mir. Der Bewahrer. Später wird Stephan als Holzarbeiter, Unternehmer oder als Hotelier sprechen. Er erklärt: „Die Lämmer werden im Innichner Schlachthof geschlachtet, im Hotel servieren wir das Fleisch unseren Gästen. Die Wolle verarbeitet der Hutmacher Zacher im Dorf für die Hausschuhe im Hotel.“ 

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Stephan treibt die Schafe ein. "Das Wichtigste ist, dass es ihnen gut geht und dass sie gesund sind."

Nicht anders ist es mit dem Holz. Selbst geschlagen im umliegenden Wald, 25 Hektar sind im Besitz der Familie Mühlmann, gelagert vor dem Schafstall, zu Hackschnitzel, kleinen Holzteilen, verarbeitet. Diese werden nicht verbrannt, sondern in einem Holzvergaser vergast. Dieses Holzgas wird in zwei Gasmotoren zu Ökostrom und thermischer Energie. Damit wird der Leitlhof versorgt. Das Ergebnis: Ein energieautarkes Hotel.

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Die Energie liegt vor der Haustür. Von hier bringt Stephan die "Mussln" zum nahegelegenen Holzkraftwerk.

#2

Der Sinnsuchende

Der studierte Betriebswirt macht sich die Hände am liebsten selbst schmutzig. Er treibt die Schafe von der Weide, er füttert sie, er tüftelt über dem Wärmekonzept des Kraftwerkes, tourt 2012 durch Deutschland und Österreich um sich Know How zu holen für eine Holzvergasungsanlage, die es in diesem Ausmaß noch nicht gab. Er ist es auch, der den LKW oder den Traktor lenkt, den Baum im Wald fällt. Die Natur ist seit jeher Teil seines Lebens, Holz ist für ihn Baustoff, Holz ist für ihn Brennstoff. Ein perfektes Material, das sich hervorragend zum Klimaschutz eignet. Er sagt es noch mal: „Wenn ich einen Baum im Wald liegen sehe, der nicht verwertet wird, tut mir das Herz weh.“

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Tierliebhaber und Technikfreak. Jeder Handgriff muss sitzen.

Konflikte scheut Stephan nicht. Mit der ehemaligen Innichner Gemeindeverwaltung war es nicht einfach, „Baust du etwas bei uns, wird es schwierig.“ Auch nachhaltige Projekte, wie sein Holzkraftwerk, werden zunächst skeptisch beäugt: „Da muss Südtirol noch einiges lernen.“ Damit seine Schafe gesund bleiben tut der junge Mutige etwas, was viele Züchter belächeln: Er kreuzt Bergschafe mit Villnössern- und Juraschafen. „So sind sie bei der Geburt viel stabiler. Ich kann es nicht sehen, wenn ein kleines Lamm nach der Geburt stirbt.“

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Stephan werkelte schon als Kind für sein Leben gerne. Lange ist er passionierter Motorradfahrer, jetzt gilt seine Aufmerksamkeit dem hoteleigenen Holzkraftwerk.

Er geht seinen Weg, er ist ein Macher, ein Schaffer - mit dem Herz am richtigen Fleck. 2014 arbeitet er drei Monate in Fuerteventura in einem Club als Animateur. Erfüllt sich damit einen Jugendtraum und trifft auf eine knallharte Realität: Viel Arbeit, wenig Verdienst. Stephan tritt auch hier, auf seine Art, für Gerechtigkeit ein.

#3

Das Holzkraftwerk, das Hotel

Vom Schafstall sind es wenige Autominuten bis dahin, wo das grüne Herz des Hotels schlägt. Stephan schiebt die Holztür zurück; heiße Luft schlägt mir entgegen, es ist laut. Ein Gasmotor läuft, der zweite steht still. „Da werde ich heute noch drei Stunden brauchen, um den wieder anzuwerfen“, überlegt der passionierte Bastler und schaut auf die Uhr. „Wahrscheinlich ist der Filter verschmutzt.“

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Von hier aus wird das Hotel Leitlhof mit thermischer Energie und Strom versorgt. Der CO2 Ausstoß pro Gast und Nächtigung hat sich seit 2012 drastisch reduziert.

Ich betrachte ein Labyrinth aus silbrigen Röhren, weißen Schaltkreisen und blauen Drehgriffen. Eine Holzkraftanlage kombiniert mit einer Photovoltaikanlage am Dach. Getrocknet werden die Hackschnitzel in den zwei unterirdischen Silos. Die sehe ich nicht, aber ich staune. „Wie Lego bauen, oder?“, frage ich. „Ja, so ähnlich“, schmunzelt Stephan. 

Mit thermischer Energie und Strom wird der Leitlhof seit vier Jahren versorgt. Der CO2-Ausstoß hat sich seitdem von 80 Kilogramm pro Gast und Nächtigung auf 12,2 Kilogramm reduziert. Alles bestens? „Wir haben wirklich viel erreicht“, erklärt Stephan, „unseren großen Außenpool beheizen wir natürlich auch über das Kraftwerk, aber Fehlermeldungen erreichen mich noch immer täglich.“ Ein hochkomplexes Wesen sei diese Maschine, die Stephan auf die Bedürfnisse des Hotels ausgerichtet und speziell dafür zusammengebaut hat. „Wir nehmen sie auch immer wieder auseinander.“ Vor allem die variablen Hackschnitzel seien das Problem. Jede Baumart ist anders, damit auch die Holzstruktur. Holz ist ein lebendes Material.

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Spontan auf Fehler reagieren können, das gehört zu Stephans Alltag. Heute ist der Filter verschmutzt, ein Motor steht still.

Dass seine rechte Hand, Hannes Brugger, Waldarbeiter, Hydrauliker und Bauer ist, sei „die perfekte Kombination.“ Viele Kompetenzen spielen bei der Wartung des Holzgas-Kraftwerks zusammen, Stephan sagt: „Das technische Gespür hab ich wohl vom Opa, der hat auch alles selbst gemacht, wenn was zu bauen war.“

Südtirols erneuerbare Energie in Zahlen

Wasserkraftwerke

930

Biogasanlagen

30

Windkraftanlagen

10

Fernheizkraftwerke auf Biomassebasis

66

Zentralisierte Biomasse-Kleinfeuerungsanlagen

7000

#4

Auf der Überholspur

2011, kurz bevor der Schafstall gebaut wurde, hat Stephan einen Motorradunfall. 2012 schließt er sein Studium in Graz ab. Beides erwähnt er nebenbei. Dass er Lämmer mit der Hand aufzieht, auch acht Mal täglich zum Stall fährt um von Hand auf zu füttern, ist für ihn ebenso selbstverständlich wie die Übernachtung in der Basisstation neben dem Holzkraftwerk. Matratze in den Büroraum, Betreuung der Maschine rund um die Uhr. „Ich bin ein Perfektionist, aber ohne Anzug und Krawatte“, erklärt er.

Großartige Events braucht er nicht, es geht um kleine Momente, die Sinn stiften: „Am wohlsten fühle ich mich, wenn ich mit den Waldarbeitern einen Baum schlage und nach getaner Arbeit am Bau mit den Arbeitern ein Bier trinke.“ Baustellen entstehen und wachsen lassen, das gehört zu seinem Leben. Nachhaltige Baustellen. „Manchmal ist es schon viel. Dann wache ich in der Nacht auf und hoffe, dass ich nichts vergessen habe.“

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Ohne Holz läuft in Stephans Leben nichts. "Ich muss mit meinen Händen etwas schaffen, sehen was rauskommt. Vor dem Computer sitzen - nichts für mich."

Stephans Geschichte ist keine lineare, vielmehr eine doppel- und dreispurige. Aber wenn die Leute ihn fragen, ob er stolz sei auf das, was er geschafft hat, versteht er die Frage eigentlich nicht ganz. Er ist ein Visionär mit Bodenhaftung, manchmal aber wird es ihm zu eng hier im Tal. Dann muss er raus. Am liebsten nach Südamerika. „Patagonien kommt als nächstes dran, da kann ich abschalten, auch für mehrere Wochen.“

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In Sachen Klima und Nachhaltigkeit macht der Juniorchef keine halben Sachen. "Wir müssen unsere großartige Natur in Südtirol schützen."

„Welchen Traum hast Du?“, frage ich. „Ich bin eigentlich gut darin, mir Träume zu erfüllen“, lacht Stephan. Er weiß, was er kann. Aber er weiß auch, dass es ohne die Natur nicht geht. Bescheiden erklärt er: „Mein absoluter Traum ist eine Familie - mit vielen Kindern. Und ein Häuschen, neben dem Schafstall.“ Selbst gebaut, versteht sich. Um die Natur unter seinen Händen zu spüren, um kleine Kreisläufe anzulegen, die das Leben gerechter machen. Sinnvoller.

Im November wird Stephan das erste Mal Vater. „Einen besseren Sinn im Leben kann es nicht geben“, sage ich. Er nickt, jetzt spricht der Familienmensch: „Dass ich Vater werde, darüber freue ich mich von ganzem Herzen.“

Text: Ursula Lüfter
Fotos: Ivo Corrà
Video: Veronika Kaserer

Energie vom Reschensee

Drei Seen gab es am Reschen bis zum Jahr 1950: Den Reschensee, den Graunersee und den Haidersee. Im Namen der Wasserkraft versank das gesamte Dorf Graun und ein Großteil
des Dorfes Reschen in den Fluten, als die drei Seen angestaut wurden. Schon 1939, unter der faschistischen Regierung, wurde ein Projektvorschlag zur Seestauung genehmigt und die Enteignungen begannen. Etwa 100 Familien waren von der Abwanderung betroffen, teilweise wurden die Häuser an höherer Stelle wieder aufgebaut. Der Glockenturm der ehemaligen Pfarrkirche St. Katharina ragt heute noch aus dem Wasser, Kite-Surfer nutzen Wind und Wasser am Reschen, um sich auszupowern. Energie pur!