Der grüne Ferrari

Zwei Reifen und ein Drahtgestell sind nichts für Armin Oberhollenzer. Er wollte mehr und entwickelte sein edles Ross: Leaos.

  • Juli 2016

  • Lesedauer: 7'

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Der grüne Ferrari

Zwei Reifen und ein Drahtgestell sind nichts für Armin Oberhollenzer. Er wollte mehr und entwickelte sein edles Ross: Leaos.

Ich nehme Platz, trete in die Pedale. Nein, falsch. Meine Füße berühren die Pedale. Was ansonsten kraftvoll passiert, geschieht heute wie durch Zauberhand. Leaos heißt das edle Gefährt, auf dem ich heute sitze. Es mit einem Rad in Verbindung zu bringen, funktioniert nicht. Das wäre Schmähung, Reduzierung des wahren Daseins.

Ich radle täglich. Ein Privileg – ich weiß. Von zuhause in die Arbeit und wieder zurück bin ich gerne schnell. Meine alte Klapperkiste, die für Einkäufe herhält, jahrelange Kindertaxidienste auf dem Buckel hat oder als Leihrad Freunden und Bekannten zur Verfügung steht, hat mit diesem Fahrzeug nichts, wirklich gar nichts gemein.

Heute fahre ich nicht, ich fliege mit dem Leaos. Federleicht erobere ich Bozen.

Ich fahre entlang der Talferwiesen. Lasse mir die Bozner Morgenluft um die Nase wehen. Schnell fahre ich, keine Anstrenung ist spürbar. "Die geb ich nicht mehr her", denke ich und atme. Grüne Wiesen, Kaffeehausgemurmel an der Talferpromenade, Schloss Runkelstein fliegen an mir vorbei.

Eines ist mir schon vor dem Gespräch mit Armin Oberhollenzer klar: Hier steckt seine ganze Begeisterung drinnen.

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Vom Marketing zum Handwerk

Armin heißt mich willkommen, dort wo die Luxus E-Bikes zusammengebaut werden, im Süden von Bozen. „Fühlt sich an wie ein Ferrari“, sage ich. Armin lacht und nickt wissend. Meine Testfahrt ist vorbei. Er hat vor seiner Werkstatt auf mich gewartet. Ich freue mich mit einem alten Bekannten zu sprechen. 

Radeln in Südtirol

500 km an Fahrradwegen vernetzen Südtirol vom Reschen nach Innichen, vom Brenner bis hinunter nach Salurn. 22 Verleihstation stehen entlang der Fahrradwege zur Verfügung. Bei Südtirol Rad gibt es E-Bikes zum Ausleihen und gratis Umweltschutz dazu!

Armin ist Sportler. Skitourengeher, Kletterer, Snowboarder und natürlich Radler. So lerne ich ihn kennen, als ich mich an der Universität Salzburg einschrieb. Zwanzig Jahre ist das her. 

Ich bin überrascht, aber eigentlich auch nicht, als ich erfahre, dass er seit vier Jahren sein ganz eigenes Ding dreht. Dass es um Räder geht, erstaunt mich nicht. Manchmal ist Armin nämlich von seinem Heimatort im Pustertal nach Salzburg mit dem Rad gefahren.

„Wenn ich selbst Rad fahre, dann ist es Sport für mich. Wenn ich aber das E-Bike in der Stadt benutze, dann ist es ein Fortbewegungsmittel, kein Sportgerät." Armin Oberhollenzer, Leaos-Entwickler

Wie Märkte ticken, wie er Kunden an die Hand nehmen muss, das weiß Armin. Seine jahrelange Arbeit im Marketingbereich, die Zusammenarbeit mit großen Firmen, hat sich ausgezahlt. Sein Ehrgeiz auch, denke ich. Vielleicht eben einfach das Radln nach Salzburg, das aus der Reihe tanzen.

"Ich wollte den Fahrradmarkt aufmischen, revolutieren", erzählt er. "Ich wollte nicht einfach ein neues Rad entwerfen, nicht irgendein E-Bike", präzisiert der 43-Jährige. Ich weiß, was Armin meint. Schon allein optisch war ich auf meiner Radrundfahrt durch Bozen ein Aufaller. Und der Komfort ist einzigartig. Der tiefe Einstieg ins Rad ist einladend, kein Knacken dann beim Treten, keine lästigen Bremskabel sind mir im Weg. Bewundernde Blicke ruhten auf meiner geliehenen, weißen Leaos. "Bohh, des isch a cools Radl", höre ich ein Kind sagen, als ich vorbeiflitze. "Genau", denke ich.

LEAOS steht für „Lifestyle E-Bike Armin Oberhollenzer Südtirol“. 280 Räder hat Armin Oberhollenzer mit seinem Unternehmen in den vergangenen drei Jahren produziert. Ein Rad kostet je nach Ausstattung zwischen 5.000 und 10.000 Euro. Das neue Modell soll günstiger sein und etwa 3.500 Euro kosten.

Kunstvoll auf Kunden zugeschnitten

Neben meinem weißen Testfahrrad reihen sich verschiedene Leaos-Modelle in Armins Schaffensraum aneinander. Sie sind verschieden, einzigartig, und doch ist ihr edler Charakter ein ihnen gemeinsames Merkmal. Rote oder schwarze Leaos, solche mit Echtholz-Einlagen. Alle geschaffen für ein Biken in der Stadt.

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Für das Design ist Francesco Sommacal, ein junger, italienischer Industriedesigner sowie Carbonspezialist aus der Formel 3 Branche verantwortlich. Die Optik ist wichtig für Armin, aber es geht ihm um mehr. „Alltagtauglich zu sein, das ist für mich entscheidend. Viele Designprodukte kann man ja gar nicht benutzen.“ 

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Ein angenehmer Ledergeruch steigt mir in die Nase. Das dürften die Fahrradsattel sein, vermute ich. Sattel und Griffe sind bei der Leaos in Leder gehalten. Einen leicht metallischen Geruch nehme ich auch wahr und lasse es mir von Armin erklären. "Das kommt von den Carbonbearbeitungen, die wir hier auch machen", erklärt der Firmengründer. Vom Radöl-Duft aus meiner Kindheit keine Spur. Trotzdem kommt ein Bild in mir hoch: Ich als etwa 5-Jährige, wie ich mein Rad putze, öle und dann stolz kleine Runden ziehe. Ich lächle, tauche aus meinem Tagtraum auf.
Ein kurzer Blick fällt auf Armins wettergegerbte Hände. "Anpacken kann er", denke ich.

Dein Leaos

Welche Accessoires interessieren Dich? „Nussholz oder Palisander, Lärche oder Zirbe? Das Ferrari-Bike ist ganz auf persönliche Geschmäcker abgestimmt. „Wir kommen unterschiedlichsten Farbwünschen entgegen, lasern auch graphische Elemente zum Beispiel ins Holz rein. Kundenwünsche umzusetzen ist entscheidend für uns“, sagt Armin. Lederintegrationen, sowie Swarowski Kristall hat das Leaos-Team schon verarbeitet. Die Lieferzeit für Dein ganz persönliches Leaos beträgt etwa drei bis vier Wochen.

Leaos steht für Lifestyle - E-Bike - Armin - Oberhollenzer - Südtirol. Ein Lebensgefühl zu vermitteln, das ist Armin wichtig. Leaos erinnert mich aber auch an seine Liebe zu Asien. Liege ich richtig? "Ja, den asiatischen Lebensstil, den mag ich gerne", lacht der zweifache Familienvater, "das sollte das Logo auch widerspiegeln." Ich betrachte den kleinen Buddha auf dem E-Bike. Nicht grübeln, sondern im Hier und Jetzt leben. Leichtigkeit und Ruhe, führt Armin weiter aus, sind entscheidend für ihn. "Wenn ich klettere, oder am Berg bin, kann ich mir Energie holen und komplett abschalten. Oder wenn ich Rad fahre."
 
Meine Kindheitserinnerung taucht wieder auf. Ein Rad zu haben bedeutet für mich seit jeher: unabhängig sein, frei sein. Mein gelbes Kinderfahrrad hab ich mit Stickern beklebt, mit bunten Bändern geschmückt. Personalisiert, würde Armin sagen. Es war ein Gesamtpaket, auf das ich stolz war. Und das überzeugt mich auch bei der Leaos - ein perfekt durchdachtes Gesamtpaket. Die Pedale entstammen der innovativen Berliner Firma Schindelhauer Bikes. Die Holztaschen wurden speziell für Leaos von der Südtiroler Firma Embawo entworfen und können ganz einfach per Klicksystem an das Fahrrad angebracht werden. "Cool", sage ich zu Armin. Seine Hände ruhen auf dem Werktisch, er erzählt von seinen Visionen: „Ich träume davon, dass ich meine Räder irgendwann von lokalen Südtiroler Handwerkern ausstatten lassen kann. Momentan beziehe ich aber die verschiedenen Leaos-Elemente von Top Firmen aus dem In- und Ausland.“

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Gute Tarnung, klare Linie

Während wir uns unterhalten, wird im Hintergrund ein Rad zusammengebaut. Ein Fahrradrahmen ist auf einem Werktisch eingeklemmt. Kaum zu glauben, was daraus einmal wird. Auf den ersten Blick verrät das Leaos Bike sein Elektro-Herz nämlich nicht. Was bei den E-Bikes, die ich bisher gesehen habe sofort ins Auge springt, Motor und Akku nämlich, sind hier in einen Carbon-Körper integriert. Genauso Kette und Licht. "Für den Werkstoff Carbon habe ich mich entschieden. weil er sehr beweglich, stabil, einzigartig formbar und einfach edel ist“, erklärt Armin. Eine hochspezialisierte Firma aus Venedig leistet die Carbon-Feinstarbeit.

Hier in Bozen kommen alle Leaos-Teile zusammen. Ich beobachte zwei Monteure bei ihrer Arbeit. Sorgfältig und konzentriert gehen sie vor. Kabel und Schrauben werden in verschieden großen Schachteln aufbewahrt, sie liegen in Griffweite. Alu-Regale sind in der Werkstatt bis zur Decke hochgezogen. "Montierst Du auch selbst?", frage ich Armin. Er nickt. Nur wer alle Bereiche seiner Firma kennt, kann auch gute Anweisungen weitergeben. Da gibt es keine Kompromisse für ihn.

Wettergegerbte Hände eben, denke ich.

Die Sonne im Auge, Null Co-2 Ausstoß

Was Armin auch erreichen will: Kunden ansprechen, „die gar nicht daran gedacht haben, ein E-Bike zu kaufen. Der Weg von A nach B wird zum Erlebnis, der positive Umweltaspekt ist ein Kollateral Effekt.“ Außerdem hat Armin die Sonne im Visier. Seit zwei Jahren hat sich das Sortiment um Leaos Solar erweitert.

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Ich streiche über die bunt schillernden Solarladeflächen. Raffiniert. Bei einem mittleren Gebrauch von bis zu 20 Kilometern pro Tag ist das Leaos Solar vollkommen autark, erklärt er. „Und wenn‘s dann doch nicht reicht?“, hake ich nach. „Auf einem Display können die gewonnene Energie und der aktuelle Ladestand des Akkus abgelesen werden. Und“, fügt Armin hinzu, „sollte der Solarstrom gegen Null gehen, kann problemlos an einer herkömmliche Stromquelle zum Schnellladen des Akkus angeschlossen werden.“ 

E-Bike Kauf im Auge?

Drei Tipps von Armin:

- Überlege, wofür Du das E-Bike brauchst. Für kurze oder lange Strecken? Für den Stadtbereich oder für Touren.
- Brems Dich ein! „Gescheide Bremsen sind wesentlich, das wird oft unterschätzt“, erklärt Armin.
- Lieber tiefer in die Tasche greifen. Günstige E-Bikes um 1.000 Euro erscheinen zwar verlockend, aber die Leistung fällt schnell ab, weiß der Fachmann. „Billige E-Bikes sind oft mit chinesische No-Name Zellen ausgestattet. Die sind dann schnell leer und die Leistung fällt rasch ab. Da macht E-Biken keinen Spaß mehr.“

Die Leaos-Bikes überzeugen. 300 Stück haben bis 2015 den Besitzer gewechselt. Künftig sollen es 500 werden – pro Jahr. Damit Menschen umdenken und vom Auto auf das Rad umsteigen, braucht es aber mehr als cooles Design und grüne Technik. Das weiß Armin und er sagt: "Politische Rahmenbedingungen fehlen hier, das ist ganz klar."  Der Pustertaler will indes Zeichen setzen. Mit seiner Crew bringt er bald ein neues Bike auf den Markt. "Wir wollen es für mehr Menschen erschwinglich machen. Wir steuern eine mittlere Preisklasse an." 
 
Das Beispiel der Norweger nehme ich mir mit auf den Weg, als ich mich von Armin mit einem festen Handdruck verabschiede. In Oslo, so erzählte mir der Radlfreak, wird der Umstieg vom Auto aufs Rad finanziell unterstützt. Das Fahrradnetz wird konsequent ausgebaut, der Autoverkehr soll bis 2019 in Norwegens Hauptstadt um 20 Prozent reduziert werden.

Nachdenklich betrachte ich mein abgewettertes Stadtradl, das geduldig vor Armins Werkstatt auf mich wartet. Ich hieve mich in den Sattel. Mit einem Ächzen antwortet mein Rad. Umdenken können wir alle nur gemeinsam. Es gibt aber immer einige, die vorausgehen. So einer ist Armin.

Text: Valentina Casale
Deutsche Redaktion: Ursula Lüfter, Katja Schroffenegger
Fotos: Ivo Corrà
Video: Frabiato Film

Bozen, die Fahrradkönigin

Radfahren ist in Südtirols Landeshauptstadt angesagter denn je. Bozen ist unter den italienischen Städten die Königin in Sachen Radfahren. 

Ein Drittel der täglichen Wege, legen die Boznerinnen und Bozner auf dem Fahrradsattel zurücklegen. Etwa 50 Kilometer lang ist Bozens Fahrradnetz, das sich in alle Himmelsrichtungen über das ganze Land ausbreitet. Einheimische und Touristen bedienen sich vermehrt der E-Bikes, die über Südtirol Rad ausgeliehen werden können. Und: Bahn und Rad mögen sich in Südtirol, rauf aufs Rad und rein in den Zug. Mit den bunten Flirt-Zügen reist es sich bequem durchs Land - das Rad kommt natürlich mit! Auch Armin findet: „Südtirol hat hier Vorbildcharakter für ganz Italien.“