% extra alt % % extra alt % % extra alt %

November 2016

Teile diese Geschichte

Artikel Artikel Videos Videos Galerien Galerien Audio Audio
Artikel Artikel Videos Videos Galerien Galerien Audio Audio

Ladinpop

Sie sprechen kein Ladinisch? Hören Sie zu. Das Pop-Trio Ganes bringt Ladinisch auf Tour. Rut Bernardi erforscht ladinische Wörter.

Südtirols Ursprache ist Ladinisch. Aber erst 1951 wurden die Ladiner in Südtirol als Sprachgruppe anerkannt. Das Pop-Trio Ganes findet, dass zu seiner Musik nur Ladinisch passt. Und die Grödnerin Rut Bernardi kümmert sich darum, dass die Ladiner Geschichten zum Lesen haben. Sie nennt uns fünf Gründe, warum es gut tut, jene Sprache zu sprechen, in der man aufgewachsen ist.

#1

Bon di, Rut! Das klingt nach Zuhause.

Ein Besuch beim Arzt gehört nicht gerade zu den schönen Beschäftigungen des Lebens. Doch wenn Rut Bernardi zum Arzt muss, hat sie wenigstens einen Grund zur Freude. Denn er ist Ladiner wie sie – und sonst hat sie nur selten die Gelegenheit, sich mit anderen in ihrer Sprache zu unterhalten. Die 52-Jährige lebt in Klausen. Das kleine Städtchen liegt am Eingang zum Grödnertal, wo Bernardi aufgewachsen ist. Hier und in vier benachbarten Tälern hat sich das mehr als 2.000 Jahre alte Ladinisch erhalten, das von 35.000 Menschen im gesamten Dolomitengebiet gesprochen wird. Die rätoromanische Sprache entstand durch den Kontakt des Rätischen mit dem Volkslatein und ist neben Deutsch und Italienisch offizielle Amtssprache in Südtirol. Ein Blick auf die Ortsschilder genügt: Urtijëi, St. Ulrich und Ortisei steht da zum Beispiel.

 dsc8280

discover

Sprachforscherin Rut Bernardi schreibt Gedichte und Kurzgeschichten auf Ladinisch.

#2

Sprechen ist besser als Skifahren.

Für Rut Bernardi ist Ladinisch nicht bloß ein Zeichen ihrer Identität. Ihre Muttersprache ist das Werkzeug der Literaturwissenschaftlerin und Literatin. Das war nicht immer so. Als junges Mädchen wäre sie nicht auf die Idee gekommen, sich als Ladinerin zu bezeichnen. Um zu verstehen, wie es dazu gekommen ist, nimmt die zierliche Frau mit der runden Brille und dem Pony ihre Besucher mit in den Keller. Dort lehnen fünf Paar Ski nebeneinander an der Wand. Sie stammen aus einer Zeit, als Carvingski noch nicht einmal Zukunftsmusik waren – und Bernardi noch Mitglied der B-Auswahl der italienischen Skinationalmannschaft. Es war ein klassischer Weg, den die Grödnerin gegangen ist. Sie trat früh in den Skiclub ein, trainierte für eine Karriere auf den schnellsten Pisten der Welt und besuchte ein Skigymnasium in Österreich. Neben Skiutensilien packte Rut immer Bücher in den Koffer, wenn es zu einem Rennen ging. Typische Jugendlektüre halt, Siddharta und Werther zum Beispiel. „Mit der Zeit ist mir bewusst geworden, dass der Skisport doch nicht meine Sache ist“, sagt sie.

#3

Sprache gibt Selbstvertrauen.

Das Spiel mit den Worten gefiel ihr besser als der Tanz zwischen den Stangen. Sie schrieb gerne, allerdings auf Deutsch. Dabei war ihre Muttersprache eine andere. Als sie mit 25 Jahren in Gröden einen Vortrag auf Ladinisch hielt, erlebte sie einen Schlüsselmoment. Es war, als platzte ein Knoten, von dem sie nicht wusste, dass er überhaupt existiert hatte. „Es ging so leicht und selbstverständlich.“ Von da an gab es kein Halten mehr. Bernardi fing sofort an auf Ladinisch zu schreiben, erst Gedichte, dann Kurzgeschichten. Sie verfasste die ersten Dada-Gedichte auf Ladinisch und widmete sich dem Verfassen von Sonetten, weil ihr das Mathematische daran gefiel. Dann ging sie eine Weile in die Schweiz, wo sie an der Uni Zürich an einem rätoromanischen Wörterbuch mitarbeitete. Mit Anfang 30 kehrte sie in die Heimat zurück. Seither lebt sie in Klausen. Weit weg und nahe genug an ihrer Muttersprache.

 dsc8402

discover

Ladinisch gehört zu den kleinsten Sprachen in Europa. Deshalb ist es wichtig, die Sprache sichtbar machen.

#4

Sprechen heißt Geschichten erzählen.

Eigentlich würde sie demnächst gerne einen Roman schreiben. »Aber dafür würde ich drei Jahre brauchen«, sagt sie. Zeit, die sie im Moment nicht hat. Bernardi ist nicht fest angestellt, sie arbeitet sich von Projekt zu Projekt. Mal ist sie Übersetzerin, mal Wissenschaftlerin, dann wieder Journalistin. „Ein Faktotum“, sagt sie und lacht. Und jetzt soll endlich wieder mehr Zeit für Kurzgeschichten kommen. Nach dem Mammutprogramm, an dem sie fünf Jahre Tag und Nacht gearbeitet hat, kann es ruhig etwas Leichteres werden. Über diesen langen Zeitraum verfasste sie mit Paul Videsott an der Freien Universität Bozen eine Geschichte der ladinischen Literatur.

 dsc8540

discover

Ein Brocken ist geschafft: In ihrer Geschichte der ladinischen Literatur bewahrt Rut Bernardi 250 Autorinnen und Autoren vor dem Vergessen.

Die Idee dazu kam ihr auf einer Reise nach Graubünden: „Ich habe gesehen, was für schöne Literaturgeschichten sie haben.“ Für das Projekt berichtete Rut Bernardi über alle 250 Autorinnen und Autoren, die in den fünf betreffenden Dolomitentälern auf Ladinisch geschrieben haben, und verfasste von allen eine kurze Bio- und Bibliografie mit literarischen Beispielen. Natürlich hat sie all jene, die noch leben, persönlich besucht. Der Faktor Zeit spielt bei so einem Engagement irgendwann wohl keine Rolle mehr. Und nicht nur in diesem Projekt steckt ihr ganzes Herzblut.

 dsc8460

discover

Wenn Rut Bernardi in einem neuen Sonett die ladinische Sprachmelodie testet, ist Katze Tita die einzige Zuhörerin.

#5

Sprache ist die Eintrittskarte in den Club.

Bernardi wünscht sich seit langem die Einführung eines schriftlichen Einheitsladinisch aller Dolomitentäler. Schließlich sei die wissenschaftliche Arbeit gemacht, die Grammatik und ein Wörterbuch stehen – und die Schriftsprache funktioniert. „Man würde viel Geld und Personal sparen. Man bräuchte nur noch eines statt bisher fünf Bücher.“ Aber dafür, so ihre Einschätzung, sei die Zeit noch lange nicht reif. In zwei, drei Generationen vielleicht.

Als im Radio einmal ein kleiner Ladinisch-Sprachkurs von Rut Bernardi lief, wurde sie oft auf der Straße angesprochen. „Bon di, Rut“, riefen die Leute dann, „Guten Tag, Rut“. Eine schöne Bestätigung, wobei die Grödnerin eines garantiert nicht sein will: Botschafterin der ladinischen Sprache. Nichts ärgert sie mehr, als zu einer Lesung eingeladen zu werden und dann Fragen über Geschichte, Geografie oder die Schule in Ladinien beantworten zu müssen. Auch mit Politik hat ihr Werk nichts zu tun. „Für mich stehen die Kultur und die Sprache im Vordergrund.“

So klingt ein Gedicht von Rut Bernardi

Listen:

- 0:00
Volume
play
download

Rut Bernardis Leben ist und bleibt eben die Literatur. Nur Katze Tita, die sich bei Besuch oft stundenlang nicht blicken lässt, darf Rut in die Schreibstube begleiten und zuhören, wenn sie wieder einmal mit dem Klang der Sprache spielt und ihre lautmalerischen Sonette wieder und wieder vorliest. Eine Arbeit abzuschließen fällt ihr schwer: Darin ist sie ganz Künstlerin. „Irgendwann sage ich dann: das passt. Auch wenn ich nie ganz zufrieden bin. Schließlich heißt es auf Ladinisch: ‚n lëur mez fat ti mostren mé a n mez mat’ – eine halb fertige Arbeit zeigt man nur einem Halbverrückten’.

Text: Verena Duregger
Fotos: Alex Filz

Sprache macht Musik

Sie sind ganz schön mutig. Setzen einfach auf den Klang ihrer Sprache. Ihre Texte verstehen nur die Leute aus dem Tal, in dem sie aufgewachsen sind, in La Val/Wengen im Gadertal. Marlene Schuen, ihre Schwester Elisabeth und Cousine Maria Moling sind das Folk-Pop-Trio Ganes, und sie singen auf Ladinisch: „Ob es sinnvoll ist, in unserer Muttersprache zu singen? Ja, das haben wir uns schon gefragt. Aber wir können so unsere Gefühle am besten ausdrücken.“ Manchmal schreiben sie ein Lied um. Englisch. „Aber das ist dann andere Musik“, sagt Maria Moling.

Vielleicht sind Ganes einfach exotisch genug, um Erfolg zu haben. 2014 ist ihr viertes Album erschienen. Caprize. Man liest es nicht französisch, sondern ladinisch, wie man es schreibt. Die Frauen, die bisher oft als Mädchen bezeichnet wurden, sind ein Stück gewachsen. Nun forsch eher als lieblich, standfester, weniger über das Leben hinweglächelnd. Obwohl. So eindeutig sind Ganes – Wasserhexen der ladinischen Sagenwelt, die ebenso Glück wie Unglück bringen können – nie. Sie schlüpfen in unterschiedliche Rollen, verkleiden sich, ihre Musik nascht von Stilen, Harmonien, Rhythmen, auf die sie gerade Lust haben. Jazz, Klassik, Chanson, Elektronische Musik. Maria Moling hat sogar ihr Schlagzeug so umgebaut, dass sie es im Stehen spielen kann.

Es ist eine Leichtigkeit, die über sicherem Boden schweben darf. Die drei Frauen haben Musik und Gesang studiert, die Schuen-Schwestern spielen Geige, Maria Moling Schlagzeug. Zwei Jahre lang begleiteten sie Alpenrockmusiker Hubert von Goisern auf seinem Konzertschiff über die Donau, 2010 produzierten sie ihr erstes eigenes Album „Rai de Sorëdl“, deutsch Sonnenstrahl. Seitdem sind sie auf Tournee. 80 Konzerte geben sie im Jahr. Ladinisch geht den Menschen offenbar gut ins Ohr. (gc)