Der mit dem Webstuhl tanzt

Wenn er webt, spricht er nicht. Aber dann, wenn er das Wort ergreift, bricht die Weberkrankheit durch: das Erzählen, weil es viel zu sagen gibt.

  • August 2019

  • Lesedauer: 6'

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Der mit dem Webstuhl tanzt

Wenn er webt, spricht er nicht. Aber dann, wenn er das Wort ergreift, bricht die Weberkrankheit durch: das Erzählen, weil es viel zu sagen gibt.

Weben ist Rhythmus, Bewegung. Das kommt ihm entgegen. Herman Kühebacher ist ein ruhiger Rhythmiker. Wenn seine großen, breiten Füße die sechs Pedale des Schaftwebstuhles treten, dann weiß er, was er tut. Dann beginnt ein Tanz mit offenem Ende. Manchmal fließend, manchmal stolpernd, aber immer weiß Herman beim Weben: Ich bin es, der hier die Regie führt. 
„Das Leben ist eine Lotterie. Hier in der Werkstatt ist alles überblickbar. Ich weiß, was geschieht und warum es geschieht.“

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Er philosophiert nicht, schweift nicht ab. Das, wovon er gleich zu Beginn erzählt, ist sein Leben. Das Schicksal, wie er es nennt, das „manchmal die seltsamsten Überraschungen parat hält“. 
Vor einem Jahr ist seine Frau Evi an Brustkrebs gestorben. Seitdem ist die Arbeit, das Weben das, was den Tag zusammenhält. Die Struktur, die es für ihn und seine 13-jährige Tochter so sehr braucht. „Miriam und mir gelingt unser Leben eigentlich recht gut. Dass ich für sie da bin, im Alltag, das ist wichtig. Frühstück machen, Mittagessen kochen, die üblichen Hausfrauentätigkeiten.“
Struktur weben, Fäden zusammenziehen. Zum Beispiel, wenn Miriams Freunde sich an Hermans Mittagstisch treffen. „Wir Eltern wechseln uns mittags mit Kochen ab während der Schulzeit. Mir ist wichtig, dass etwas Gscheites auf den Tisch kommt.“

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Die Schaftweberei

Herman ist einer, der alles per Hand macht. Zeitintensiv beim Weben ist das Aufziehen der Fäden. Eine Woche dauert das – unabhängig davon, ob der Stoff fünf oder 60 Meter lang wird.
Verwebt werden Leinen oder Wolle. Was für ihn nicht in Frage kommt, ist die Verwendung von Baumwolle: „Der größte Produzent von Baumwolle ist Usbekistan. Die Austrocknung des Aralsees hängt hauptsächlich mit den Baumwollmonokulturen zusammen“, erklärt Herman. Dieses System zu unterstützen – undenkbar. 
Verwendet der Weber aus Niederdorf Exoten wie Kaschmir- oder Alpakawolle, dann unterstützt er kleine Genossenschaften, wo Fairness und artgerechte Tierhaltung garantiert sind.
Gefärbt werden die Fasern ausschließlich mit Pflanzenfarben aus Brennnesseln, Birkenblättern oder Vogelbeeren.  

Im Zentrum von Niederdorf liegt seine Werkstatt. Ein kleiner Verkaufsraum trennt durch große Fensterscheiben die zwei dahinterliegenden Webstühle. In der Luft ein scharfer Geruch – Kampfer, erklärt mir Hermann: „Ich verteile Kampferbrocken in der Werkstatt wegen der Motten und den Insekten.“
Wie jeden Tag ist er auch heute mit dem Rad von Welsberg, wo er wohnt, die knappen sieben Kilometer nach Niederdorf geradelt. Weiße, luftige Hose, graues T-shirt. Sein Arbeitstag in der Werkstatt beginnt spätestens um halb acht.
Wie jeden Tag nimmt er die Staatsstraße, der Radlweg ist ihm zu umständlich. „Wenn ich in der Früh losfahre sind noch wenige LKWs auf der Straße. Aber ich hab gelernt mich in ihren Schatten zu legen.“ Um mit zu fließen, den Wind, die Dynamik zu spüren 
– beende ich den Satz in meinen Gedanken.

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Weben ist Kraft, Weben ist Geduld

Herman Kühebacher wächst als zweites von fünf Kindern in Innichen auf. Die Mutter Lehrerin, der Vater Sprachwissenschaftler. Bekam er da seine Findigkeit mit? Sein Geschick, die Umsicht, den Gemeinschaftssinn, versetzt mit einer gesunden Portion Egoismus?
„Du musst Geduld haben. Manche sagen ja, weben, das sei wie meditieren.“ Da lacht er. Seit 23 Jahren hält der braungebrannte Steuermann das Webschiff in der Hand, kettet die Fäden auf, verkreuzt sie und verzettelt sich manchmal. Auch das gehört dazu, das Sich-Verzetteln. 
„Weben ist oft stumpfsinnig und monoton, es darf dir nichts ausmachen, über längere Zeit das Gleiche zu tun.“ Aber meditieren? Der 56-Jährige spricht lieber von Zufriedenheit, und auch davon, dass es manchmal einfach nicht geht, in den Fluss der Arbeit einzutauchen. Dann aber, und das ist die Freiheit, die er am Weben mag, dann nimmt er seinen Dudelsack, dreht das Schild am Geschäft auf „Komme gleich“, schwingt sich aufs Rad und fährt zum Mooser Kirchl. 

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Weben ist laut, ist dirigieren, musizieren.

Wir sprechen zuerst. Das Weben muss warten. Wenn das Schiffchen hin- und herschießt, dann gehen Worte unter. Schießen ist hier wörtlich zu nehmen, knallen würde auch passen, „damit hab ich mir mein Gehör etwas versaut, einen Gehörschutz hab ich nie getragen“, führt Herman aus. 

Tiroler Seide

Zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert war das historische Tirol, das bis zum Gardasee reichte, bekannt für seine Seidenspinnereien. Auf der Fläche des heutigen Südtirol wuchsen Maulbeerbäume, auf denen die Seidenraupen gezüchtet wurden. 
Deshalb wird zur Tiroler Tracht seit jeher ein Flor – ein Tuch – aus Seide getragen, erklärt Herman Kühebacher. Und er bedauert: „In den 1990er-Jahren, als ich mit der Weberei angefangen habe, gab es noch viele kleine Seidenspinnereien in Norditalien. Heute bin ich froh, wenn ich überhaupt ein Material kriege, das für mich stimmt.“
Hermans Produkte reichen von Schals, Hals- und Handtüchern, Tischdecken, Vorhängen bis hin zu Wolldecken.

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Er ist ein Tausendsassa. Ein Sänger, ein Dudelsackspieler, ein Flöter. Von Beginn an Mitglied der Folkgruppe „Titlá“. Als Autodidakt lernt er verschiedene Musikinstrumente, verweigert die Musikschule, geht seinen Weg. Er hat weder Führerschein noch Fernseher, „ich bin ein alter Linker“, sagt er von sich selbst und stellt sich immer wieder die Frage: In welcher Gesellschaft leben wir? 
Optimist ist und bleibt er. Einmal, weil die Grünen in Deutschland „als politische Kraft“ dastehen, und dann auch, weil seine Tochter und ihre Freundinnen wissen, was sie wollen: „Plastikbecher im Urlaub waren keine Option, da wurde gnadenlos das Lokal gewechselt. Das ist eine Generation, die genaue Vorstellungen hat.“ Er erzählt es mit freudiger Genugtuung. „Wenn ich den Mädchen zum Mittagessen Fleisch koche, dann wollen sie wissen, woher es kommt. Mein Fleisch kaufe ich direkt beim Bauern, nie beim Metzger. Das Demeterkorn mahle ich selbst.“ Um seine Schwächen weiß er: „Du musst mich halt unterbrechen, wenn ich zu viel rede. Das ist die Weberkrankheit. Wenn wir einmal anfangen, finden wir kein Ende.“


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Der freie Arbeiter

Selbstbestimmt ist ein guter Begriff, ihn zu beschreiben. Er weiß, wann es welche Bewegung braucht. Wenn er webt, ist es ein Dirigieren, ein Koordinieren von Fäden, Händen und Füßen. Konzentriert arbeitet Herman am großen, zwei Meter breiten Schaftwebstuhl. Fäden für 60 Meter Handtuch sind auf den Spulen aufgezogen. Das Hörspiel-Hören während der Arbeit hat er neu entdeckt, „das liebe ich“, schwärmt er. 
 
Weben ist für ihn „eine unverschämte Freiheit“ – weil es die Zunft nicht mehr gibt. Weil der Weber aus Niederdorf keine Konkurrenz fürchten muss. „Das Weben, wie ich es betreibe, ist Handwerk im wahrsten Sinn des Wortes.“
Dass er etwas macht, was die Menschheitsgeschichte seit mehr als 2.000 Jahren begleitet, das macht ihn stolz. Das befriedet ihn. Ein einfaches System ist der Webstuhl, zusammengesetzt aus Holzteilen. Ersatzteile baut Herman sich gegebenenfalls selbst, er ist der Herr der Fäden. Mitarbeiter gibt es nicht, auf Computer will er verzichten, weil er Abhängigkeiten nicht mag.

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Was ihn fasziniert, lernt er. In Irland entdeckt er Anfang der 1990er-Jahre den Dudelsack, Jahre später wird ihm die grüne Insel das Weben nahebringen. Wenn es ihm sinnvoll erscheint, geht er weiter, wenn nicht, macht er Pause. Manchmal braucht es den Kaffee in der Bar gegenüber, fast immer das Feierabendbier im Dorfcafé, wenn seine Tochter schläft. Und dann das Dudelsackspielen in den Wiesen.
Er bezeichnet diese fast täglichen Abläufe als Riten, eine besondere Tradition hat sich schon vor vielen Jahren entfaltet. Es ist etwas, was ihn reinigt und weit macht. „Abends springe ich in den Pragser See. Die Lungen mach ich ganz voll, tauche unter und bleibe so lange unter Wasser, bis die Luft ausgeht.“ Allein praktiziert er den Tauchgang nicht, er „stimuliert“ Menschen – wie er es nennt –, die ihn begleiten.

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Er lässt keinen Zweifel daran, dass er dieses Leben will. Genau so. Dass Weber schon immer als „Hungerfresser“ galten, schreckt Herman nicht. „So zu leben, ist purer Luxus für mich, auch wenn mein Wirtschaftsberater sagt, dass es mir rein wirtschaftlich gesehen nicht gut gehen kann.“ 
Bald bekommt er seinen dritten Dudelsack, auf den er seit vier Jahren wartet, und wenn am Mittagstisch ein Pudding steht, dann, weil es allen schmeckt. Oder es gibt Artischocken, weil er gerne für Freunde kocht und gutes Essen einfach verbindet. 
Es braucht keinen Grund, nur eine Entscheidung. Es muss der Rhythmus stimmen, der Takt. Die Balance zwischen Arbeit und Genuss. Der Tanz, die Regie, die Pause.

 
Text: Ursula Lüfter
Fotos: MINT Mediahouse
Video: MINT Mediahouse