Dezember 2015

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Diese Bettler sind wir

Abends sind im Advent die Geister unterwegs. In Südtirol ziehen die Klöckler aus. Sind sie gut oder böse? Und was singen sie?

Vor 500 Jahren waren in der Adventszeit im Alpenraum überall Köckler unterwegs. Arme Leute besserten so ihr Säcklein auf. Heute klopfen nur noch die Sarner an. Wenn man Glück hat. Bestellen lassen sich die Klöckler nicht. Für den Fall, dass sie Ihnen einmal begegnen: hier erfahren Sie, wer in der Kutt wer ist und was von Ihnen als Zuschauer erwartet wird. Bereit?

Das Dorf Sarnthein ist leer, als wir kommen. Es ist finster, nicht spät, aber doch Donnerstag? Als wir Maria Kröss treffen, die Klöckelexpertin, schaut sie drein, als wüsste sie eine Menge über das Klöckeln. Und genau da sagt sie: „Ich weiß nicht, ob heute Klöckler durchs Dorf ziehen.“ Mir fällt das Gesicht hinunter. Sind wir umsonst ins Sarntal nördlich von Bozen gefahren, durch die vielen Tunnels, diesen Schlauch von Straße entlang? „Es ist ganz wichtig, dass man nicht weiß, wer klöckelt“, sagt Maria Kröss noch. Ob, wer, wann, alles Zufall? Ich merke, wie meine Augen sich weiten und meine Ohren größer werden. Nichts zu wissen macht total aufmerksam. Ein Ohr hänge ich also zum Fenster hinaus, mit dem anderen höre ich, was Maria Kröss über den christlichen Heischebrauch weiß. War das da ein Klingeln?

„In der Adventszeit sind auf der Erde besonders viele Dämonen unterwegs, das hat man früher geglaubt“, sagt Maria Kröss. Besonders der Donnerstag galt als Hexentag. Am besten blieb man dann zu Hause. Wer sich trotzdem hinauswagte, vermummte sich. Wie die Klöckler, die Bettler, die unerkannt von Haus zu Haus zogen, Lieder sangen und Almosen einsammelten. Halt, ich glaube, ich höre Lärm, Männerstimmen, Fußtrampeln. Nein? Maria Kröss rührt ruhig in ihrer Teetasse. „Nicht alle haben sich immer gut benommen, wenn sie verkleidet waren“, sagt sie. So haben wir zum ersten Mal überhaupt vom Klöckeln erfahren. Die Pfarrer forderten im 15. Jahrhundert, schriftlich, dass das missbräuchliche Klöckeln verboten würde. Sie haben es nie geschafft. Mehr noch als vor der Hölle fürchteten sich die Menschen offenbar vor den Dämonen auf der Erde. Die Wintergeister mussten sie austreiben, Fruchtbarkeit für die Felder beschwören. „Da steckt ein magisches Alphabet dahinter“, vermutet Maria Kröss.

Aber jetzt. War das ein Auto? Oder ein Bockshorn? Maria Kröss lässt sich Zeit. „Ich weiß nicht, wer heute geht.“ Aber wir haben es jetzt eilig. Mit offenem Mantel stürmen wir um die Ecke. Und da sind sie:

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Es gibt nicht viele Regeln beim Klöckeln...
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discover Die Sarner Klöckelkutt

Eine ist: Niemals lässt sich die Kutt zusammen fotografieren. Unserem Fotografen Alex Filz ist also Gespenstisches gelungen.

Die Kutt: 15 Klöckler machen den Kreis rund

Die Klöckelgruppe heißt Kutt. „13 Klöckler und zwei Zussln müssen es schon sein“, sagt Maria Kröss. „Sonst bringst du keine gescheite Kutt zusammen.“ Walter Perkmann vom Tourismusverein Sarntal, und selber ein Klöckler, ergänzt: „Sonst bringst du keinen Kreis zusammen.“ Im Kreis stellen sich die Klöckler auf, um zu singen und zu tanzen. Lange vor der Adventszeit finden sich Vereine und lose Freundesgruppen zur Kutt zusammen. Dann wird an geheimen Orten an den Masken gebastelt, die immer gleichen Lieder werden einstudiert, der Auftritt geprobt. Im Dorf ist eigentlich nie nur eine Kutt unterwegs. Seit einigen Jahren mischen auch Schüler mit. „Jeder Mittelschüler im Sarntal weiß das Klöckellied auswendig“, sagt Walter Perkmann. Sein Sohn singt es natürlich auch. Das ist Schulstoff in Sarnthein.

Die Hauptfiguren: Zusslmandl und Zusslweibele

Das Weibele saust der Kutt davon, ist schon durch die Tür eines Hauses verschwunden, hintendrein das Mandl. Die Häuser stehen ihnen offen. Jeder Sarner weiß, es bringt Unglück, die Zussln auszusperren. Drinnen stehen Glühwein oder Schnaps bereit. Mir scheint, es ist gut, als Zussl trinkfest zu sein, sonst steht man die Nacht nicht durch. Sobald die Kutt nachkommt und draußen das Klöckellied – a capella – zu singen anfängt, springen beide aus dem Haus und in den Kreis hinein. Ein Tanz beginnt und wehe, das Weibele schaut ein Mandl an, das nicht das seine ist…

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Das Weibele trägt die Sarner Festtagstracht und einen Schellenkranz um den Leib, das Mandl erscheint in der Schützentracht.

Die Klöckler: Eine lärmende Schar aus selbst Gebasteltem

Die Masken der Klöckler sind selbst gebastelt. Alles ist erlaubt außer elektronische Hilfsmittel und Plastikteile. Ein Stofffetzen mit Schlitzen fürs Gesicht, eine Nase wie eine Karotte, Baumbart oder Schaffell für Wangen, Augenbrauen und Bart, am Körper die alte Sarner Werktagstracht mit Lodenjacke oder Sarner Wolljanker und dem Sepplhut. Mit den Sarner Holzschuhen, Kospn genannt, klackern sie über die Pflastersteine. Überhaupt sind die Klöckler nicht zu überhören. Mit ihren Schellen, Stöcken, Stimmen machen sie einen Heidenlärm.

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Jahrelang hat Klöckelexpertin Maria Kröss für Mann, Sohn und Schwiegersohn die Masken gemacht.

Die Masken haben sie dann untereinander ausgetauscht. Heuer ist es anders. „Heuer habe ich keine machen müssen“, sagt Maria. „Ich weiß nicht, gehen sie heuer nicht?“

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Bockshornbläser und Ziehharmonikaspieler begleiten den Gesang der Klöckler.

Ziehharmonika und Bockshorn sind immer mit dabei

Das Klöckl mit der Harmonika geht auch voran, wenn die Kutt zum nächsten Schauplatz weiter zieht. Das ist der Sinn des Klöckelns. Man poltert durchs Dorf und stellt sich vor die Häuser der Wohlhabenden. In Sarnthein sind das traditionell Pfarrer, Gemeindearzt und Apotheker.

Der Teufelsgeiger: Musikalischer Wink aus der Unterwelt

Die Teufelsgeige ist ein selbst gebasteltes Gebilde aus Besenstiel, Drähten, Pfannen, Schüsseln… allerlei Gerät, das blechernen und rasselnden Lärm macht und geeignet ist, den Rhythmus vorzugeben.

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Beim Klöckeln hat sich der Teufelsgeiger erst spät dazugesellt, er ist heute meistens mit dabei, aber von der Tradition nicht unbedingt vorgesehen.

Das Klöckellied: Monoton und leicht zu überliefern

Zwei fromme Lieder sind fester Bestandteil des Klöckelns im Sarntal: das Klöckel- und das Danklied. Brauchtumsforscher Hans Fink vermutet sogar, dass sich das Klöckeln wegen der monotonen Melodie der Lieder bis heute erhalten hat. Zum Klöckellied stellt sich die Kutt im Kreis auf und singt a capella das alte Lied: „Heint ischt uns eine heiligschte Klöckelsnocht.", und schon folgt die Jesusgeschichte und am Ende die Hoffnung auf ein Stück Speck oder eine Bratwurst. 

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Die Zussln lassen sich während des Klöckllieds nicht blicken, erst gegen Ende springen sie übermütig aus einem Hauseingang in die Kreismitte und beginnen zu tanzen.

Das Danklied: Im Takt mit Teufelsgeige, Schwert und Ziehharmonika

Mit Lärm und Trubel wird ins Danklied eingestimmt. Die Zussln bleiben in der Kreismitte, Mandl und Weibele bewegen sich im Rhythmus, der von den Klöckln mit Teufelsgeige und Ziehharmonika vorgegeben wird. Das Zusslmandl hilft kräftig mit und schlägt mit seinem Schwert den Takt auf die Handfläche. Kaum ist der „Spuk“ vorbei, saust die Kutt weiter zur nächsten Station.

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Walter Perkmann ist selber ein "alter" Klöckler.

Keine Frauen! Klöckeln ist Männersache. Oder?

Haben Sie je daran gezweifelt, dass hinter dem Zusslweibele eine Frau steckt? Sollten Sie. Frauen sind beim Klöckeln nicht zugelassen. Immer wieder haben sich im Lauf der Geschichte jedoch Frauen unter die Klöckelmänner gemischt. „Es gibt Tests, um herauszufinden, ob Frauen dabei sind“, verrät uns Klöckler Walter Perkmann. Erstens habe eine Frau sicher Handschuhe an, zweitens wird einem zweifelhaften Klöckl ins Handgelenk gezwickt. „Ist es ein Mann, kriegt man nur die Haut zu fassen, ist es eine Frau, hängt immer ein bissl Fett dran.“ Laut Perkmann wird das Frauenverbot im Sarntal rigoros eingehalten. Wurde früher eine Frau beim Klöckeln erwischt, landete sie im Dorfbrunnen. 

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Tatsache ist, dass beim Klöckeln niemand erkannt werden will, nicht einmal die Männer. Oft verstellen sie deshalb ihre Stimmen und singen im Falsett.

Der Lottersackträger: Einer geht immer als Letzter

Einer bleibt immer zurück, wenn die anderen längst weitertrotten: Der Lottersackträger ist der Geldeinsammler. Meistens hält er sich außerhalb der Kutt aus, nimmt wahrscheinlich die Zuschauer ins Visier und wägt ab, wo das Geld heute locker sitzt. Nach den zwei Liedern macht er mit Blechbüchse, Rucksack oder Klingelbeutel die Runde. Auch die von den Zussln heimgesuchten Hausbesitzer bittet er zur Kasse. „Schian singen“, sagt Walter Perkmann, schön singen sei eine Regel beim Klöckeln, dann ist auch im Lottersack mehr drinnen.

Walter Perkmann hat uns nicht verraten, ob er in diesem Jahr auch klöckeln geht. Aber er erzählt uns, wo ein Klöckelabend endet. Frühmorgens nach feuchter Nacht zum Essen und Trinken auf einem Bauernhof, früher vorzugsweise dort, wo es viele Töchter und Mägde gab… Der Brauch will es, dass die gesammelten Gaben erst nach Weihnachten verspeist werden, sagt Walter, heute, wo die Sarner nicht mehr ums Essen betteln müssen, wird das Geld meistens gespendet. 

Text: Gabriele Crepaz
Fotos: Alex Filz

Wie ist das mit den Geistern?

Die Menschen früher glaubten, dass in der Adventszeit die Weltendecke besonders dünn sei. Deshalb tummelten sich in dieser Zeit besonders viele Dämonen auf der Erde, im Dorf und am Bauernhof. Es galt, mit ihnen ein Auskommen zu finden, sie gnädig zu stimmen, sie zu überlisten, sie für eigene Zwecke zu nutzen. So ist das Sarner Klöckeln für Maria Kröss zwar ein christlicher Heischebrauch, bei dem gebettelt wird, gleichzeitig funkt der heidnische Fruchtbarkeitsglaube dazwischen. Im Sarntal heißt es noch heute: „Viele Klöckler, viel Korn.“

Der Donnerstag galt schon immer als Hexentag. Wer an diesem Tag unterwegs war, traf auf allerlei Geister. Heiraten am Donnerstag war zum Beispiel absolut tabu.

Besonders geistreich ist der Thomastag am 21. Dezember. Schlimmer ist nur noch, wenn der Tag der Wintersonnenwende auf einen Donnerstag fällt. Dann trauen sich nicht einmal die Klöckler mehr aus dem Haus.