% extra alt % % extra alt % % extra alt %

Mrz 2016

Teile diese Geschichte

Artikel Artikel Videos Videos Galerien Galerien
Artikel Artikel Videos Videos Galerien Galerien

Ich klopf' noch mal

Seit Stradivari suchen Instrumentenbauer im Latemarwald nach den besten Klangfichten. Wie das geht? Einfach anklopfen und hören...

Tock tock tock. Ich klopfe auf Holz, wenn ich mich mit dem Schicksal gut stellen will. Du? Berg- und Seeleute haben früher eine Menge darauf gegeben. Für mich ist es eher ein keckes Spiel: Wenn es fest und voll klingt, rede ich mir ein, alles ist gut. Was ist diese Sache mit dem Klang?

Im Südtiroler Latemarwald klopfen Instrumentenbauer an die Klangfichten, von denen man sagt, schon Stradivari habe aus ihnen seine Geigen gebaut. Wir haben Geigenbauer Paul Lijsen beobachtet, wie er an den Bäumen lauscht (im Video). Von den Gitarrenbauern Thomas und Nikolaus lassen wir uns zeigen, wie aus einer Klangfichte eine Meistergitarre entsteht. Hast du noch nie einen Baum singen gehört? Dann bist du vielleicht auch nie einer Klangfichte begegnet...

suedtirol altoadige thomas guitars 13

discover

Eine Geduldsprobe: Jahrelang muss Gitarrenbauer Nikolaus Eilken (im Bild mit den Redakteurinnen Valentina Casale und Gabriele Crepaz) nun warten, bis das ausgesuchte Holz verwendet werden kann.

#1

Hauptsache alt: Gute Instrumente entstehen aus natürlich getrocknetem Holz.

2011 haben die Bozner Gitarrenbauer Thomas Orgler und Nikolaus Eilken zum ersten Mal Holz aus dem Latemarwald geholt. Es war ein einziger Baum. Ihr Baum. Nur diesen wollten sie. Sie zeigen auf das oberste Regal in ihrer Werkstatt. Dort liegt er in feinen Lagen geschnitten. Wie viele Gitarren sie daraus bauen können, wissen sie nicht. Sie haben gerade erst vorsichtig angefangen, das Holz zu verwenden. „Eigentlich fast zu früh“, sagt Thomas. Spanische Meister verwenden Holz, das noch ihre Großeltern haben schlagen lassen. „Vier Jahre muss es mindestens trocknen“, meint Thomas, „besser länger. Erst mit der Zeit wird das Holz steifer und leichter.“ So wie man es für den Deckel einer handgefertigten Boutique-Gitarre braucht. 

Meine stell' ich mir sehr schön vor...

Der Bozner Thomas Orgler und der Münchner Nikolaus Eilken haben sich in der Instrumentenbauschule Mittenwald kennengelernt, wo beide studiert haben. 2010 gründeten sie in Bozen ihre Gitarrenwerkstatt Thomas Guitars. Sie bauen vor allem klassische Gitarren, aber auch E-Gitarren.
120 bis 200 Stunden reine Handarbeit muss man für den Bau einer Gitarre rechnen. 25 bis 30 Gitarren schaffen Thomas und Nikolaus im Jahr. An jeder hängt ein bisschen ihr Herz. Manche werden mit Intarsien personalisiert. Einer ihrer Stammkunden ist Südtirols Gitarrenvirtuose Manuel Randi. Ihn lassen sie jede neue Gitarre testen. „Er ändert dauernd seine Meinung“, sagt Nikolaus, „dadurch bringt er uns auf neue Ideen.“ Ihr größter Auftrag bisher: eine Gitarre für den US-Blues-Gitarristen Eric Gales.

#2

Warten auf den Mond: Hokuspokus oder Holzfällerart?

Sie haben ihren Baum im Winter zwischen Weihnachten und Neujahr schneiden lassen. Von den Alten haben sie gelernt, dass es bei abnehmendem Mond geschehen muss, dann ist das Holz besonders saftarm. Thomas legt nach: „Zwei Tage vor Neumond.“ Natürlich waren sie dabei. „Wir haben ihn sofort entrinden und im Sägewerk aufschneiden lassen“, erinnert sich Nikolaus. „Wenn ein Stamm nur so im Wald liegen bleibt, fault er und wird rissig.“ Nicht auszudenken…

suedtirol altoadige latemar bosco klangholz

discover

Im Wald rund um den Berg Latemar und hoch über dem Karersee wachsen die begehrten Klangfichten.

#3

Warum es die Fichten aus dem Latemarwald sein müssen.

Ihr Baum. Im Sommer schon sind Nikolaus und Thomas in den Latemarwald hinaufgestiegen, gefühlt liegt er gleich hinter ihrer Werkstatt. Tatsächlich ragt er 20 Kilometer entfernt im Eggental auf, das von Bozen steil und eng nach oben führt. Die Förster zeigten auf einen kleinen Baumbestand. „Da könnte etwas für euch dabei sein“, sagten sie.

Nikolaus erinnert sich: es war eine kleine Senke, windgeschützt, die Bäume darin himmelstürmend, nicht mehr als 15 oder 20 Stück.    So haben sie eben zu klopfen begonnen. „Wir klopfen“, sagt Nikolaus, „aber ich kann diesen Klang nicht mit einer fertigen Gitarre in Verbindung bringen.“ Das wäre zu viel. Aber einen Baum nach seinem Klang abtasten, das tun alle Instrumentenbauer. Wonach suchen sie eigentlich? Wie ist der richtige Gitarrenbaum beschaffen?

 dsc8929

discover

Wie sollen seine Gitarren klingen? „Ergreifend halt“, sagt Nikolaus. Nach den vielen tausend Handgriffen durchaus verständlich...

Die beiden schauen mich ein bisschen ratlos an. Ich habe es befürchtet. Es ist eine Sache, die man spüren muss, erklären lässt sich das kaum. Also. Ich sehe, wie beide tief einatmen. Dann probieren sie es. „Als erstes schauen wir, ob der Baum gerade gewachsen ist“, sagt Thomas. „Er muss mindestens 250 Jahre alt und zehn Meter hoch sein, da man nur Holz ab eineinhalb Meter Höhe verwenden kann.“ Ich sehe ihn vor mir: ein Bild von einem Baum, der zu wachsen begann, als Goethe zum ersten Mal eine Universität betrat. „Mit einem Stamm von durchgängig 80 Zentimeter.“   Einen dieser imposanten Riesen haben sie vom Förster markieren lassen. Ihren Baum. 

 dsc8345

discover

Reine Handarbeit: 120 bis 200 Stunden arbeitet Nikolaus Eilken an einer Gitarre.

#4

Stradivari-Mythos oder das Holz, das aus der Kälte kommt.

 Jedes Jahr lassen Instrumentenbauer sich von den Förstern ein magisches „Platzl“ im Latemarwald zeigen. „Etwa 30 im Jahr“, schätzt Josef Schmiedhofer, Direktor der Südtiroler Forst- und Domänenverwaltung. Viele werden vom Mythos angezogen, der die Wälder um den Latemarfels umweht. Von Antonio Stradivari (1648-1737) ist bekannt, dass er selber durch den Paneveggio-Wald auf der anderen Seite des Karerpasses streifte. Und seine Geigen gelten bis heute als Klangwunder. „Ein bisschen ist es der Mythos“, geben auch die Gitarrenbauer Thomas und Nikolaus zu. „Andererseits entsprechen diese Bäume unserem Konzept am besten: wir suchen Holz, das sehr leicht und sehr steif ist.“

Im Latemarwald auf einer Höhe zwischen 1000 und 1.700 Meter wächst dieses Holz. Es ist selten, die Förster nennen es „Haselfichten“, eine besondere Art, die durch eine gewellte Faserstruktur auffällt. „Es ist wie eine Locke im Holz“, erklärt Nikolaus Eilken. Dadurch scheint das Holz besser zu schwingen. Haselfichten sind alles andere als verwöhnt. Sie mögen Mulden, fretten auf kalkhaltigen und nährstoffarmen Böden, wachsen in Zeitlupe und dort, wo der Schnee jeden Winter frühzeitig Äste abreißt, die sonst lästige Knoten im Holz bilden würden. 

suedtirol altoadige thomasguitars 1

discover

Wer zu Thomas Orgler in die Werkstatt kommt, weiß meistens, was er sucht. Es sind Musiker, die spüren, warum im Gitarrenbau Holz und Arbeit Hand in Hand gehen müssen.

#5

Spiel’s noch mal: Das Geheimnis des besonderen Klangs.

In der Werkstatt wenden die Gitarrenbauer eines der Klangholzbretter, das schon verarbeitet werden kann, klopfen es mit dem Zeigefinger an, begutachten die Holzstruktur. „Es ist nicht so eng gewachsen, wie wir gehofft haben“, sagt dann Thomas. Dagegen meint Nikolaus: „Aber eigentlich ist es besser als gedacht.“   

Wie soll denn die Gitarre klingen, die sie daraus bauen werden? „Ergreifend halt“, sagt Nikolaus. Ja, das weiß ich auch. Aber was macht einen Klang ergreifend? „Viele Frequenzbereiche, reichhaltig, voll“, hilft Thomas. Und Nikolaus ergänzt: „Trotzdem hört man jede einzelne Note.“  

Und dann muss die Gitarre gespielt werden. Mehr und noch und immer. „Das ist das eigentliche Geheimnis“, sagt Nikolaus. Klingt richtig gut, finde ich.   

Text: Gabriele Crepaz
Fotos: Alex Filz
Video: Veronika Kaserer