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September 2017

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Sei du selbst!

Ist Kaltern Pop gleich wie Haldern Pop? Nein. Nur ähnlich. Das eine kennen Sie bestimmt. Was es mit Südtirol zu tun hat? Viel!

Von Haldern nach Kaltern. Nein, es ist nicht die Namensähnlichkeit, die Stefan Reichmann bewogen hat, zu überlegen, neben dem renommierten Haldern Pop am Niederrhein auch ein Kaltern Pop in Südtirol zu machen. Sondern sein Verhältnis zu Südtirol. Es hat mit Berg, Streichhölzern und Cornetto Nuss zu tun. Aber eigentlich geht’s um Musik. Und ganz eigentlich um Menschen. Wie meistens.

Die Idee zum Interview kam kurz vor knapp. Der Halderner war in Kaltern auf dem Sprung, am Nachmittag wollte er noch auf einem Fest in Bozen vorbeischauen. Dazwischen? Ok. Wir treffen uns im Museion, dem Museum für moderne und zeitgenössische Kunst. Man kann im Freien bleiben.

Vor 32 Jahren, als Haldern Pop entstand, hat Stefan Reichmann den Begriff wahrscheinlich nicht einmal gekannt. Damals war er Ministrant wie zwölf andere Halderner auch. Draußen regnete es und die Mütter wollten weder etwas Süßes herausrücken, noch den Fernseher andrehen. „So entstehen Dinge, aus diesem Dschungel der Langeweile“, erzählt Stefan Reichmann. Heute ist Haldern Pop ein Festival, das nicht zu den Großen gehört, dafür zu den Guten. Das geht, wenn man so denkt wie Stefan Reichmann: Er könnten viel mehr Karten verkaufen als er wolle, er möchte aus dem Festival etwas Anderes als Geld herausholen und in der Provinz bleiben.  Darum vielleicht Kaltern. Aber das wäre ihm zu platt. Ich glaube, Südtirol liegt Stefan Reichmann. Aus Nostalgie? Weil Musik ein Dorf zusammenwachsen lässt? Sie müssen vielleicht einfach das Interview lesen. Am Ende fragen Sie nicht mehr, warum Sie ein Ticket kaufen sollen. Eher, warum sie keines kaufen sollen.

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discover Der Gründer des Kaltern Pop

Stefan Reichmann hat einen wachen Blick für Menschen. Wahrscheinlich ist das eine seiner Stärken. Er macht nichts für „Zielgruppen“.

„Die Idee kam ja nicht von uns…“, sagt Stefan Reichmann.

…wer hatte die Idee?
Stefan Reichmann: Die kam von einer Hotelierin in Kaltern. Sie hat einfach mal gegoogelt, was ihre Hausgäste so machen. Und da hat sie entdeckt, dass wir dieses Festival machen. Matthias Morandell, ihr Sohn, hat mich dann angesprochen. Ich glaube, die Morandell sind so eine kleine Hoteldynastie in Kaltern, der Name taucht oft auf. Ich habe gelernt, dass in Südtirol Namen gewissen Tälern zugeordnet werden. Das ist anders als bei uns. Weil wir keine Täler haben.

Sie haben ja auch keine Berge.
Reichmann: Kleine Berge, 34 Meter hoch, die reichen gerade zum Rodeln.

Sie kriegen also einen Anruf von den Morandell...
Reichmann: Nein, ich war mit meiner Familie im Urlaub da. Ich war ja schon als Kind in Südtirol. Es gab hier unglaublich viele Stellen, wo ich Feuer machen wollte. Das fand ich super. Mittlerweile ist es so, dass ich an einem Ort bin und überlege, hier könnte man schön Konzerte machen.

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discover Südtirolliebhaber

Warum Stefan Reichmann auch nach Südtirol passt. Gabriele Crepaz versucht es herauszufinden.

Cornetto Nuss

Ich habe gelesen, Sie sind über Ministrantenferien nach Südtirol gekommen…
Reichmann: Genau, mit den Messdienern. Das ging in den 1970er Jahren los, da sind wir zum ersten Mal für drei Wochen ins Pustertal gefahren. Gewohnt haben wir in einem Landgasthof mit einer Kapelle nebenan. Jeden Tag wurde Taschengeld in Lire ausgezahlt, damit gingen wir einen kleinen Weg durch den Wald zu einer Gaststätte, wo man für 150 Lire Cornetto Nuss kaufen konnte. Und in Kiens kriegte man diese Wahnsinnsstreichhölzer, die man an Steinen entzünden konnte, was bei uns zu Hause gar nicht möglich war. Und dann waren eben diese wunderbaren Bäche, die man stauen konnte, aber auch diese bemoosten Steine, wo ich gerne Feuer machen wollte.

Und mit diesen Kindheitserinnerungen im Kopf machen Sie nun ein Festival in Südtirol?
Reichmann: Die Erinnerungen sind schon großartig. Wir waren 50 Kinder, in der Kapelle gab es einmal in der Woche Gottesdienst, und danach haben wir gegen die Ortsmannschaft von Kiens Fußball gespielt. Als ich als Erwachsener wieder nach Südtirol kam, ist mir aufgefallen, dass sich hier etwas verändert hat, und da fing ich an, mich dafür zu interessieren. Warum Südtirol anders ist als Tirol in Österreich. Das hat ja auch mit dem Klima zu tun. Und dass mir die hier Küche gefiel, sieht man ja. Ich mag gutes Essen.

Warum wollen sie nicht raus aus der Provinz?

Stichwort Dorf und klein und Land. Südtirol ist klein, Haldern scheint auch kein ganz großer Ort zu sein… Lieben Sie die Provinz?
Reichmann: Ich sag mal, die Motivation aus Minderwertigkeitskomplexen und Langeweile ist zu Großem in der Lage… Ich mag auch so ein Dorf wie Haldern am Niederrhein, wo ich herkomme, wo sich ich nicht jeder mögen muss, aber respektiert, weil man sich kennt. Man lernt schnell, die Fähigkeiten von Menschen einzuschätzen und wie man aufeinander zugeht.

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discover Neues wagen

Manche bezeichnen Stefan Reichmanns Richtlinien als unsinnig. Ihm aber ist wichtiger, dass er künstlerisch Neues wagen kann, wo man nicht weiß, was dabei herauskommt.

Aber wir in der Provinz meinen doch immer, dass wir in die Stadt ziehen müssen, weil sich dort das Leben abspielt.
Reichmann: Die irische Liedermacherin Soak hat im Interview gesagt, dass sie bei uns in der Kirche diesen akustischen Kick hatte und es unheimlich genoss, vor Kindern, Jugendlichen, jungen Erwachsenen, alten und mittelalten Leuten zugleich zu spielen, statt vor Hipstern. Bei Haldern Pop habe ich die Menschen nie in Zielgruppen zerlegt. Ich wollte immer Menschen zusammenbringen, generationsübergreifend. Auch auf Veranstalterseite. In einem Dorf, da gibt es den Elektriker, den Schreiner und einen, der viele Witze erzählt, und den Feuerwehrmann, und alle sind wichtig für das Festival. In meinem Team gibt es nicht nur Musiknerds. Einige ziehen aus dem Festival einen anderen Reingewinn als Geld: eben jenen, gebraucht zu werden. Ich finde auch, die Rendite von Haldern Pop ist, dass wir jetzt im Dorf eine Bar mit Livemusik haben, dass wir ein eigenes Label gegründet haben, dass wir dabei geblieben sind, nicht mehr als 6.500 Karten zu verkaufen.

Haldern Pop in Berlin? Das kam nie in Frage.

Sprechen wir über das Festival in Kaltern. Sie wollten nicht einfach Haldern Pop nach Kaltern exportieren. Was ist mittlerweile Eigenes hier entstanden?
Reichmann: Wichtig ist, dass der Impuls aus Kaltern kam. Jetzt müssen wir es schaffen, die Leute aus Kaltern mitzunehmen. Das ist gar nicht so einfach. Pater Thomas (Hrastnik) hat uns schon gesagt, dass es Stimmen gab, die meinten, jetzt holst du Pop in die Kirche, ist das denn gut? Ich sag mal, da werden wir Grenzen, die immer abgesteckt waren, vielleicht neu definieren. Aber es geht nicht darum, ein Schlagzeug in der Kirche aufzubauen und die Leute zu schocken.

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discover Ein besonderes Festival

So langsam erkennen auch die Südtiroler, dass in Kaltern etwas Besonderes entsteht. Es berührt die Leute, egal wo sie herkommen. Und auch das Interesse internationaler Agenten wächst.

Warum denken Sie, dass das Festival zu uns passt?
Reichmann: Weil Lubomir Melnyk oder Sophie Hunger nicht unbedingt nur in der Schweiz oder in Deutschland spielen müssen. Und weil die Schönheit des Ortes sich sehr gut mit Musik ergänzt. Als Haldern erfolgreich wurde, kamen viele Anfragen, Haldern Pop in Berlin oder München oder in Belgien zu machen… aber es fehlte uns der Bezugspunkt.

Das Festival in Kaltern muss also auch zu Ihnen passen?
Reichmann: Wenn gewisse Koordinaten in meiner Erinnerung nicht gesagt hätten, das ist spannend, hätte ich die Idee wieder verworfen. Es war nie meine Intention, ein Haldern Pop Festival in Berlin zu machen.

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discover Eigenes geschaffen

„Nur den Erfolg zu transferieren, das wäre mir zu platt gewesen. Hier in Kaltern fängt man wieder bei Null an“, erklärt mir Stefan Reichmann.

Der Macher von Kaltern (Haldern) Pop

Stefan Reichmann ist Organisator und Künstlerischer Leiter des Oper-Air-Festivals Haldern Pop in Nordrhein-Westfalen und von Anfang an dabei. 1981 haben 13 Ministranten in Haldern begonnen, Platten aufzulegen, aus dieser „Saalsause” entstand drei Jahre später das Festival Haldern Pop. Das Festival steht im Ruf, Musiker einzuladen, bevor sie berühmt werden, aber auch Bob Geldof und Patti Smith waren bereits in Haldern.

Wieso sollen die Leute ein Ticket für Kaltern Pop kaufen?
Reichmann: Sie sollen nicht ein Ticket für Kaltern Pop kaufen, sondern für sich selber. Sie sollen dieses Experiment wagen, und sich, ich sag mal, mit einer Zuversicht für den Winter ausstatten, mit wunderschöner Musik an einem wunderschönen Ort. Und zwischendurch sollen sie sich Maronen holen und sich mit der Esskultur beschäftigen. In Haldern klappt das schon ab August, dass die Leute sich mit diesen Geschichten und Konzerten bis in den Winter beschäftigen. Und sie erzählen deswegen so gern davon, weil sie eine der wenigen Karten gekriegt haben.

Text: Gabriele Crepaz
Aktualisierung des Textes: Katja Schroffenegger
Fotos: Ivo Corrà und Christoph Buckstegen