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Dezember 2015

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Sei du selbst!

Ist Kaltern Pop gleich wie Haldern Pop? Nein. Nur ähnlich. Das eine kennen Sie bestimmt. Was es mit Südtirol zu tun hat? Viel!

Von Haldern nach Kaltern. Nein, es ist nicht die Namensähnlichkeit, die Stefan Reichmann und Wolfgang Linneweber bewogen hat, zu überlegen, neben ihrem renommierten Haldern Pop am Niederrhein auch ein Kaltern Pop in Südtirol zu machen. Sondern ihr Verhältnis zu Südtirol. Sie haben beide eines. Unabhängig voneinander. Es hat mit Berg, Streichhölzern und Cornetto Nuss zu tun. Und dann ist da noch die Geschichte mit dem Speck. Aber eigentlich geht’s um Musik. Und ganz eigentlich um Menschen. Wie meistens.

Die Idee zum Interview kam kurz vor knapp. Die Halderner waren in Kaltern auf dem Sprung, am Nachmittag wollten sie noch auf einem Fest in Bozen vorbeischauen. Dazwischen? Ok. Wir treffen uns im Museion, dem Museum für moderne und zeitgenössische Kunst. Man kann im Freien bleiben. In der Passage sitzen junge Schwarze, sie sind in ihre Smartphones vertieft, einige telefonieren. Sie kommen, weil es hier Gratis-Wifi gibt. Viele warten darauf, über den Brenner reisen zu dürfen. Ja, das wissen wir schon, nickt Linneweber.

Die Halderner haben einen wachen Blick für Menschen. Wahrscheinlich ist das eine ihrer Stärken. Sie machen nichts für „Zielgruppen“. Vor 32 Jahren, als Haldern Pop entstand, haben sie den Begriff wahrscheinlich nicht einmal gekannt. Damals war Stefan Reichmann Ministrant wie zwölf andere Halderner auch. Draußen regnete es, und die Mütter wollten weder etwas Süßes herausrücken noch den Fernseher andrehen. „So entstehen Dinge, aus diesem Dschungel der Langeweile. Wir haben da lange drüber diskutiert, Linne und ich“, erzählt Stefan Reichmann. Heute ist Haldern Pop ein Festival, das nicht zu den Großen gehört, dafür zu den Guten. Das geht, wenn man so denkt wie Stefan Reichmann und Wolfgang Linneweber: Sie könnten viel mehr Karten verkaufen als sie wollen, sie wollen aus dem Festival etwas anderes als Geld herausholen, und sie wollen in der Provinz bleiben. „Wir wollen das Festival nicht größer werden lassen“, sagen sie im Interview.

Darum vielleicht Kaltern. Aber das wäre Reichmann und Linneweber zu platt. Ich glaube, Kaltern passt zu ihnen. Südtirol liegt ihnen. Aus Nostalgie? Weil Südtirol eine Grenzregion ist wie Haldern auch? Weil Musik ein Dorf zusammenwachsen lässt? Sie müssen vielleicht einfach das Interview lesen. Am Ende fragen Sie nicht mehr, warum Sie ein Ticket kaufen sollen. Eher, warum sie keines kaufen sollen.

„Die Idee kam ja nicht von uns…“, sagt Stefan Reichmann.

…wer hatte die Idee?
Stefan Reichmann: Die kam von einer Hotelierin in Kaltern. Sie hat einfach mal gegoogelt, was ihre Hausgäste so machen. Und da hat sie entdeckt, dass wir dieses Festival machen. Matthias Morandell, ihr Sohn, hat mich dann angesprochen. Ich glaube, die Morandell sind so eine kleine Hoteldynastie in Kaltern, der Name taucht oft auf. Das hab ich gelernt, dass in Südtirol Namen gewissen Tälern zugeordnet werden. Das ist anders als bei uns. Weil wir keine Täler haben.

Sie haben ja auch keine Berge.
Reichmann: Kleine Berge, 34 Meter hoch, die reichen gerade zum Rodeln.Sie kriegen also einen Anruf von den Morandell…

Sie kriegen also einen Anruf von den Morandell...

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Warum Wolfgang Linneweber (li.) und Stefan Reichmann auch nach Südtirol passen. Gabriele Crepaz versucht es herauszufinden.

Reichmann: Nein, ich war mit meiner Familie im Urlaub da. Ich war ja schon als Kind in Südtirol. Es gab hier unglaublich viele Stellen, wo ich Feuer machen wollte. Das fand ich super. Mittlerweile ist es so, dass ich an einem Ort bin und überlege, hier könnte man schön Konzerte machen. Wenn Linne und ich reisen, um neue Künstler zu entdecken, sprechen wir immer über alles Mögliche, über Südtirol zum Beispiel haben wir oft gesprochen. Als die Morandells mich also gefragt haben, habe ich sofort Linne angerufen.

Ich habe gelesen, Sie sind über Ministrantenferien nach Südtirol gekommen…
Reichmann: Genau, mit den Messdienern. Also Linne nicht, er war mit seinen Eltern hier. Mit den Messdienern ging das in den 1970er Jahren los, da sind wir zum ersten Mal für drei Wochen ins Pustertal gefahren. Gewohnt haben wir in einem Landgasthof mit einer Kapelle nebenan. Jeden Tag wurde Taschengeld in Lire ausgezahlt, damit gingen wir einen kleinen Weg durch den Wald zu einer Gaststätte, wo man für 150 Lire Cornetto Nuss kaufen konnte. Und in Kiens kriegte man diese Wahnsinnsstreichhölzer, die man an Steinen entzünden konnte, was bei uns zu Hause gar nicht möglich war, und dann waren eben diese wunderbaren Bäche, die man stauen konnte, aber auch diese bemoosten Steine, wo ich gerne Feuer machen wollte.
Linneweber: Ja, die habe ich auch so geliebt…

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Linne und Stefan Reichmann liebten als Kinder genau das an Südtirol: bemooste Steine und Stellen, wo man Feuer machen konnte.

Heu wenden bei den Malfertheiners in Seis

Kommt Ihnen das bekannt vor?
Linneweber: Ja, ich stamme aus einer Alpinistenfamilie und war in den 1960er Jahren mit meinen Eltern in Seis. Wir waren bei Malfertheiners in Seis einquartiert, einer Bauernfamilie, das kostete sieben Mark am Tag. Meine Mutter kam auch vom Dorf, die schaltete sich sofort in den dörflichen Alltag ein. Wir haben erst mal ein Schwein geschlachtet, dann wurde Heu gewendet, die Mutter lief nur noch mit der Kiepe am Rücken herum, es wurde gebacken und gekocht, und wir waren irgendwie Teil dieses Bauernlebens. Mein Vater hat alles gefilmt, ich fand vor ein paar Monaten auf dem Speicher den alten Projektorkoffer mit mehreren Filmspulen: Szenen von Peitschenknallern, Umzug in Kastelruth, Pferde, Trachten, Bauernleben…

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Südtirol-Erinnerungen in einem Filmstill Anfang der 1960er Jahre: v.li.n.re. die Mutter von Wolfgang Linneweber, Cousine Christel, Tante Ria und Wolfgang Linneweber („Linne“) mit neun Jahren.

Und mit diesen Kindheitserinnerungen im Kopf machen Sie nun ein Festival in Südtirol?
Linneweber: Es waren die glücklichsten Tage meines Lebens.
Reichmann: Die Erinnerungen sind schon großartig. Wir waren 50 Kinder, in der Kapelle gab es einmal in der Woche Gottesdienst, und danach haben wir gegen die Ortsmannschaft von Kiens Fußball gespielt. Als ich als Erwachsener wieder nach Südtirol kam, ist mir aufgefallen, dass sich hier etwas veränderte, und da fing ich an, mich dafür zu interessieren. Warum Südtirol anders ist als Tirol in Österreich. Das hat ja auch mit dem Klima zu tun. Dann gefiel mir die Küche, sieht man ja, ich mag gutes Essen. Und Linne kocht eine super Linsensuppe. Deswegen ist Südtirol ein Thema, über das wir uns gerne unterhalten. Als dann durch Zufall diese Idee kam, hab ich Linne angerufen…

Und waren Sie sofort einverstanden mit der Idee, Herr Linneweber?
Linneweber: Ich bin ein skeptischer Mensch, aber die Kraft der Erinnerung an dieses Dorfleben in Seis und Kastelruth und in Gröden, wo wir auch waren, die war so stark, dass ich nach und nach anfing, daran zu glauben.

Warum wollen sie nicht raus aus der Provinz?

Stichwort Dorf und klein und Land. Südtirol ist klein, Haldern scheint auch kein ganz großer Ort zu sein… Lieben Sie die Provinz?
Linneweber: Ich bin eigentlich ein Stadtjunge aus Köln, aber ich liebe die Provinz, weil sie mir erlaubt, über ein Stück Autobahn sehr schnell die Niederlande und Belgien zu erschließen und auf der anderen Seite in einer Dreiviertelstunde in Köln zu sein. Der Kölner ist sentimental. Wenn ich nicht in regelmäßigen Abständen den Dom sehe, werde ich schwermütig.
Reichmann: Ich sag mal, die Motivation aus Minderwertigkeitskomplexen und Langeweile ist zu Großem in der Lage… Ich mag den Lebensraum, wo ich herkomme, ich weiß, dass ich da herkomme und das gefällt mir ganz gut. Ich mag auch so ein Dorf, wo sich nicht jeder mögen muss, aber respektiert, weil man sich kennt. Man lernt schnell, die Fähigkeiten von Menschen einzuschätzen und wie man aufeinander zugeht.

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„Die Rendite von Haldern Pop ist, dass wir zwar nicht reich geworden, aber dabei geblieben sind, nicht mehr als 6.500 Karten zu verkaufen“, sagt Stefan Reichmann.

Aber wir in der Provinz meinen doch immer, dass wir in die Stadt ziehen müssen, weil sich dort das Leben abspielt.
Reichmann: Die irische Liedermacherin Soak hat im Interview gesagt, dass sie bei uns in der Kirche diesen akustischen Kick hatte und es unheimlich genoss, vor Kindern, Jugendlichen, jungen Erwachsenen, alten und mittelalten Leuten zugleich zu spielen statt vor Hipstern. Bei Haldern Pop haben wir die Menschen nie in Zielgruppen zerlegt. Wir wollten immer Menschen zusammenbringen, generationsübergreifend. Auch auf Veranstalterseite. In einem Dorf, da gibt es den Elektriker, den Schreiner und einen, der viele Witze erzählt, und den Feuerwehrmann, und alle sind wichtig für das Festival. In unserem Team gibt es nicht nur Musiknerds. Einige ziehen aus dem Festival einen anderen Reingewinn als Geld: eben jenen, gebraucht zu werden. Ich finde auch, die Rendite von Haldern Pop ist, dass wir jetzt im Dorf eine Bar mit Livemusik haben, dass wir ein eigenes Label gegründet haben, dass wir zwar nicht reich geworden sind, aber dabei geblieben sind, nicht mehr als 6.500 Karten zu verkaufen. Manche bezeichnen das als unsinnig. Aber uns ist wichtiger, dass wir künstlerisch Neues wagen können, wo man nicht weiß, was dabei herauskommt, und dass der eine dabei auf den anderen achtet.

Haldern Pop in Berlin? Das kam nie in Frage.

Sprechen wir über das Festival in Kaltern. Sie wollen nicht einfach Haldern Pop nach Kaltern exportieren, es soll hier etwas Eigenes entstehen. Was genau planen Sie?
Reichmann: Wichtig ist, dass der Impuls aus Kaltern kam. Jetzt müssen wir es schaffen, die Leute aus Kaltern mitzunehmen. Das ist gar nicht so einfach. Der Pater Thomas (Hrastnik) hat uns schon gesagt, dass es Stimmen gab, die meinten, jetzt holst du Pop in die Kirche, ist das denn gut? Ich sag mal, da werden wir Grenzen, die immer abgesteckt waren, vielleicht neu definieren. Aber es geht nicht darum, ein Schlagzeug in der Kirche aufzubauen und die Leute zu schocken. Wir müssen uns nicht von irgendwelchen Reglementierungen emanzipieren. Wir gucken, was da ist, und dann soll etwas entstehen. 

Warum denken Sie, dass das Festival zu uns passt?
Reichmann: Weil ein Lubomir Melnyk oder eine Sophie Hunger nicht unbedingt nur in der Schweiz oder in Deutschland spielen müssen. Und weil die Schönheit des Ortes sich sehr gut mit Musik ergänzt. Als Haldern erfolgreich wurde, kamen viele Anfragen, Haldern Pop in Berlin oder München oder in Belgien zu machen… aber es fehlte uns der Bezugspunkt.
Linneweber: Ich glaube, dass es dem Stefan gelungen ist, eine Klangfarbe zu finden, die zu Kaltern passt. Hier in Südtirol gibt es ja nicht nur ein germanisches Musikverständnis, es strahlt auch das Italienische rein. Ich glaube, dass der Melodie und der menschlichen Stimme eine größere Bedeutung zukommen könnte als bei uns im Norden. Und dass einer gewissen Innigkeit Rechnung getragen wird, die bei uns im Norden nicht so ausgeprägt ist.

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„Nur den Erfolg zu transferieren, das wär uns zu platt gewesen. Hier in Kaltern fängt man wieder bei Null an.“

Das Festival in Kaltern muss also auch zu Ihnen passen?
Reichmann: Wenn gewisse Koordinaten in unserer Erinnerung nicht gesagt hätten, das ist spannend, hätten wir die Idee wieder verworfen. Es war nie unsere Intention, ein Haldern Pop Festival in Berlin zu machen. Nur den Erfolg zu transferieren, das wär uns zu platt gewesen. Hier in Kaltern fängt man wieder bei Null an.
 

Die Macher von Kaltern (Haldern) Pop

Stefan Reichmann ist Organisator und Künstlerischer Leiter des Oper-Air-Festivals Haldern Pop in Nordrhein-Westfalen und von Anfang an dabei. 1981 haben 13 Ministranten in Haldern begonnen, Platten aufzulegen, aus dieser „Saalsause” entstand drei Jahre später das Festival Haldern Pop, auf dem seitdem Livemusik gespielt wird. Das Festival steht im Ruf, Musiker einzuladen, bevor sie berühmt werden, aber auch Bob Geldof und Patti Smith waren bereits in Haldern.

Wolfgang Linneweber betreut die Kommunikation von Haldern Pop. Der Industriedesigner betreibt eine Agentur in Nettetal-Kaldenkirchen, die sich auf Textarbeiten und Übersetzungen im deutsch-niederländischen Grenzgebiet spezialisiert hat. Linneweber war lange Mitherausgeber des Magazins WESTZEIT. Über dieses Magazin hat er vor 20 Jahren Haldern Pop kennengelernt. Und ist nie mehr davon losgekommen...

Weil wir Menschen an der Grenze sind...

Wir haben jetzt Haldern und Kaltern, klingt ja schon sehr ähnlich. Gibt es darüber hinaus Ähnlichkeiten, weil wir alle Menschen an der Grenze sind?
Linneweber: Mich fasziniert Mehrsprachigkeit. Ich liebe Montreal, ich lebe an der Grenze, habe niederländische Kunden, ich spreche Niederländisch, die Wallonie ist nicht weit und spricht französisch. Ich möchte nicht im Inneren eines homogenen Staatswesens leben. Ich möchte nicht in Berlin leben. Nicht für Geld. Nicht für Kuchen! Ich habe gerne die Möglichkeit, mit einem Schritt in einer anderen Kultur wachsen zu können.

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Erfolgreiches Crowdfunding Projekt: Die Doku „Du die Schwalbe, wir der Sommer“ über Haldern Pop zur 30. Auflage des Festivals.

Was macht das mit Ihnen?
Linneweber: Das erzeugt ein 3D-Bild der Wirklichkeit. Während ich sonst nur so durch ein Monokel gucke, sehe ich jetzt zwei verschiedene Welten. Ich sag immer, ein Baum ist kein boom und ist kein tree und ist kein arbre. Das ist ein anderes Konzept. Ich glaube auch zu spüren, dass das Nebeneinander, ich sage nicht Miteinander, zweier Sprachkulturen nur mit Toleranz und Geduld zu ertragen ist. Aber ich bin überzeugt, dass es gesund ist, das Eigene zu leben und das Andere als Extra gerne mitzunehmen. So können zwei Kulturen sich gegenseitig inspirieren. Ob die sich lieben müssen, das weiß ich nicht. Muss gar nicht sein…

Wie bei Ihnen und den Niederländern?
Linneweber: Nee, aber ich habe sehr nette niederländische Freunde…
Reichmann: Mit den Niederländern ist das ganz speziell. Das weiß man vom Fußball. Für mich ändert sich das Bild der Holländer täglich. Das sind verschiedene Weltauffassungen.
Linneweber: Ich gehöre zu der aussterbenden Gattung der Kölschsprecher, ich kann mich mit jemandem auf Deutsch unterhalten, mich dann umdrehen zu meinem uralten Kumpel, mit dem auf Kölsch anfangen, und keiner versteht uns. Ihr Südtiroler könnt das auch. Ihr parliert Italienisch, auf einmal dreht ihr euch um und sagt was auf…

…im tiefsten Südtiroler Dialekt.
Linneweber: Diese Chance, in einer Kultur Geheimsprachen zu haben und zu pflegen, das ist doch ein Reichtum.
Reichmann: Ich finde schon gut, in dem Vorwort zu dem Festivalheftchen darüber debattieren zu können, ist denn ein Schinken ein Kulturgut oder einfach nur…
Linneweber: …ein geschundenes Tier. Ihr Südtiroler setzt euch wie ein wilder Stamm um einem Tisch aus grobem Holz herum, esst rohes Fleisch zu hartem Brot und trinkt dazu einen durchaus herausfordernden Wein. Wenn ich das am Niederrhein einem Journalisten verkaufen soll: „Schaut mal, was man uns um vier Uhr früh an die Türklinke gehängt hat, einen Speck“, und ich halte den dann so hoch, dann rümpfen die erst mal die Nase. Und auf dem Foto soll der Speck schon gar nicht zu sehen sein.

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Wolfgang Linneweber ist für das Bauernleben wie geschaffen. Kann man sonst so vom Speckmachen erzählen?

Was Wolfgang Linneweber am Speck gefällt

Wir sind also uriger und barbarischer…
Linneweber: Nein, ich bin ebenso urig und barbarisch. Deswegen fühle ich mich hier zu Hause. Ich war ja früher das Kind, das beim Schlachten immer das Blut rühren musste. Weil mir wurde nicht schlecht. Meine Mutter kam vom Land, die hat mir das schon ausgetrieben. So ein Gepingels gab‘s bei uns nicht. Und den Speck haben wir früher auf unseren Wanderungen gegessen, es gab nichts anderes. Wenn ich Durst hatte, hat mein Vater mir eine geklatscht, und dann hat er gesagt, jetzt isst du erst mal ‘ne Trockenpflaume. Da hab ich vier Stunden auf dem Kern herumgelutscht, und erst kurz vor der Dehydrierung auf der Marmolata kriegte ich Wasser, aber nur einen Schluck. 

Sollen die Leute deshalb ein Ticket kaufen für Kaltern Pop? Weil wir so urig sind?
Reichmann: Sie sollen nicht ein Ticket für Kaltern Pop kaufen, sondern für sich selber. Sie sollen dieses Experiment wagen, und sich, ich sag mal, mit einer Zuversicht für den Winter ausstatten, mit wunderschöner Musik an einem wunderschönen Ort. Und zwischendurch sollen sie sich Maronen holen und sich mit der Esskultur beschäftigen. In Haldern klappt das schon ab August, dass die Leute sich mit diesen Geschichten und Konzerten bis in den Winter beschäftigen. Und sie erzählen deswegen so gern davon, weil sie eine der wenigen Karten gekriegt haben.

Interview: Gabriele Crepaz

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discover Linne und die Malfertheiners. Sie haben sich gesucht...

Der Kölner Wolfgang Linneweber hat dieses Foto aus dem Jahr 1964 gefunden. Die vielen Kinder darauf sind die Malfertheiners und befreundete Kinder aus Seis, v.li.n.re: Sepp, Karl Heufler (ein Nachbarjunge), Rosa (Prossliner), Annelies, Gretl, der Bruder des Nachbarjunge, alle schauen zu Wolfgang Linneweber, der bei der Bauernfamilie seine Ferien verbrachte, mit Cousin Jürgen. Das ist lange her. Gemeinsam mit Wolfgang Linneweber haben wir versucht, die Malfertheiner aufzuspüren. Es ist gelungen. Josef Malfertheiner hat sich bei Linne gemeldet. So entstand gleich ein aktuelles Foto...
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discover …und nach 51 Jahren wiedergefunden!

Die Malfertheiners haben sich an Linne erinnert wie Linne an die Malfertheiners. In Kaltern haben sie sich 51 Jahre nach der Aufnahme des Kinderfotos zum ersten Mal wiedergesehen. Auf dem aktuellen Bild schauen alle, v.li.n.re. Sepp, Annelies, Rosa (Prossliner) und Gretl Malfertheiner zu Wolfgang Linneweber, genau wie damals. Wir gratulieren!