Die Käseaktie

Gute Ideen und kein Geld? Macht es wie Alexander Agethle. Er finanziert seine Käserei mit Gutscheinen. So funktioniert es!

  • November 2015

  • Lesedauer: 5'

    Lesedauer: 5'

% extra alt % % extra alt % % extra alt %
Play Video
Artikel Artikel Videos Videos Galerien Galerien
Artikel Artikel Videos Videos Galerien Galerien

Die Käseaktie

Gute Ideen und kein Geld? Macht es wie Alexander Agethle. Er finanziert seine Käserei mit Gutscheinen. So funktioniert es!

Alexander Agethle ist das, was man in Südtirol einen modernen Bauern nennt. Er hat studiert, und eine Weile war nicht klar, ob er den elterlichen Englhof in Schleis im Vinschgau übernehmen würde. Als er dann doch Bauer wurde, wusste er genau, wie es auf seinem Hof zugehen sollte. So ging er auch nicht zur Bank, als er die alte Dorfkäserei übernehmen wollte, sondern schlug seinen Kunden ein Geschäft vor: Gutscheine gegen Käse.

Die neuen Bauern denken und wirtschaften eben anders. Vier Wahrheiten haben wir von Alexander Agethle über die Landwirtschaft gelernt. Auch wenn Sie kein Bauer sind, könnten sie Ihren Ideen Aufwind geben.

Jeden Morgen hängt Alexander Agethle seinen Kühen Hedi, Lilli, Kessy und dem Rest der Bande die traditionellen Kuhglocken um den Hals und treibt sie aus dem Stall auf die Felder. Der 43-Jährige aus Schleis im oberen Vinschgau ist der letzte Bauer in dem kleinen Ort am Fuße von Kloster Marienberg, der das noch macht. Manche belächeln ihn dafür. „Wenn es die Rinder gut haben, kann es so falsch nicht sein“, sagt er.

suedtirol altoadige englhorn 6

Ein Hof in Südtirol ist keine Rinderfarm in Kalifornien.

Agethle hat nicht immer so gedacht. Als er noch in Florenz Landwirtschaft studierte und auf einer Rinderfarm in Kalifornien arbeitete, hatte er ein klassisches Verständnis vom Bauerntum und Gewinnmaximierung im Blick. Dass ihm nach einem Besuch in der Heimat wegen des nicht abgeleisteten Militärdienstes das USA-Visum verwehrt wurde, mag heute wie eine glückliche Fügung wirken. Auch wenn es für ihn anfangs ein schmerzvoller Prozess war. Agethle hatte zumindest einige Jahre noch in den Staaten leben wollen. Seinen Frust verarbeitete er mit Sport, in jeder freien Minute ging er klettern und strampelte Kilometer für Kilometer auf dem Rad ab. Dann beschloss er, sein Studium zu beenden.

Bauer sein heißt mit dem zurechtkommen, was da ist.

Nach dem Studium zog es Agethle wieder hinaus. Am Alpenforschungsinstitut in Garmisch-Partenkirchen arbeitete er zunächst an einem EU-Projekt mit und ging als Entwicklungshelfer in den Kosovo. Er kehrte immer wieder für kurze Zeit in die Heimat zurück. „Das hat mir vor Augen geführt, wie privilegiert wir eigentlich sind“, sagt er. Er war jetzt Ende 20 und fing langsam an, ernsthaft über seine Rückkehr nachzudenken. Doch Futtermittel aus aller Welt zukaufen, um möglichst gewinnträchtig Rinder zu züchten? Soja aus Südamerika verwenden, um Milchprodukte herzustellen, die dann von Bozen aus in die ganze Welt gekarrt werden? „Das war mit meiner grünen Seele nicht zu vereinbaren. Ich wollte eine Landwirtschaft betreiben, die mit dem zurechtkommt, was wir hier haben.“

suedtirol altoadige englhorn 19

Wieder zurück in Florenz lernte er seine Frau kennen. Wie es der Zufall wollte, stammt sie aus dem nur ein paar Kilometer entfernten Nachbarort. Im Vinschgau sind sich die beiden noch nie über den Weg gelaufen. Die Begegnung mit Sonja sollte ein weiterer Wendepunkt sein: Sie war schon immer sehr ökologisch eingestellt und ernährte sich schon seit langem vegetarisch. Ihre Ansichten begeisterten Agethle, und er fing an, sich darüber zu informieren, wie die Dinge in der Landwirtschaft funktionieren und global zusammenhängen. Daheim am Englhof ging derweil alles seinen gewohnten Gang. Die Eltern heimsten mit ihren Zuchttieren regelmäßig Preise ein, so, wie es schon zu Großvaters Zeiten der Fall war.

suedtirol altoadige englhorn 13

Damit alles gleich bleibt am Englhof, muss sich alles ändern.

Konflikte blieben nicht aus, als er 2003 schließlich den elterlichen Hof übernahm. Kein Wunder. Er warf das, was ein ganzes Arbeitsleben lang die Grundlage seiner Eltern war, über Bord. Die Zuchttiere tauschte er gegen eine alte Rinderrasse aus, das Original Braunvieh. Fortan beschloss er Käse zu produzieren, mit Max Eller, einem guten Freund, der Senner ist. 

Sie wollten keine klassische Käserei, so wie es sie bereits auf vielen Bauernhöfen gibt. Es sollte eine Käsemanufaktur sein, die sie in Anlehnung an den Hofnamen „Englhorn“ nannten. Zuerst verarbeiteten die beiden die Milch der zwölf Kühe im Keller des Hauses. Als vor zwei Jahren das Gebäude der alten Dorfsennerei zum Verkauf stand, musste Agethle nicht lange überlegen. Es befindet sich ohnehin gleich nebenan, und er brauchte den Platz für die Käserei und einen Verkaufsraum.

Wieviel ist ein Englhorn wert?

Ein Englhorn wiegt 200 Gramm Käse. Für 500 Euro gab es 110 Gutscheine. Damit bekommen die Käufer elf Jahre lang je zwei Kilo Käse oder andere Hofprodukte wie Butter oder Getreide. Den ersten Käse gabs sofort nach dem Kauf der Englhörner.

suedtirol altoadige englhorn 15

Das neue Geschäftsmodell: Lass andere an deinem Erfolg teilhaben!

Doch wie das Geld auftreiben? Agethle, der sich als bäuerlicher Unternehmer versteht, entschied sich für ein neues Geschäftsmodell, das bis heute Grundlage seines Erfolges ist: Crowdfunding. Wer für 500 Euro oder ein Vielfaches davon Käse im Vorabkauf erwirbt, erhält im Gegenzug Gutscheine für die mehrfach ausgezeichneten Köstlichkeiten. Die so genannten „Englhörner“ können dann direkt im Laden eingelöst werden. Und nicht nur: Im Hotel Greif in Mals und im Münchner Restaurant Broeding wird die Käsewährung sogar als Zahlungsmittel akzeptiert. 180 000 Euro sind mittlerweile bereits zusammengekommen, und es ist noch nicht Schluss. Dass die Menschen ihm diesen „ethischen“ Kredit gewähren, beeindruckt Agethle bis heute. „Ich bin überrascht, wie viele Leute das Bedürfnis haben, ihr Geld für etwas Sinnvolles zu geben.“

Crowdfunding ist...

..salopp gesagt ein Finanzierungsmodell, bei dem viele Menschen aus Überzeugung ein Projekt finanziell unterstützen und damit oft einer Idee erst zum Durchbruch verhelfen. Im Fall von Englhorn ging es darum, Geld für die Finanzierung der neuen Hofkäserei von den Kunden zu bekommen. Der Käsevorabverkauf in Form von Gutscheinen war die technisch sauberste Lösung. 181 Menschen erwarben „Englhörner“ und haben sich damit auf Jahre mit Agethles Käse eingedeckt.

Von weitem ist plötzlich das Geräusch der Kuhglocken zu hören. Alexander Agethle springt vom Tisch auf und geht hinüber zum Stall. Wenn er „seine Mädchen“ schon nicht persönlich von der Weide abholen konnte, will er wenigstens jede Kuh einzeln begrüßen. Wie die Tiere da so langsam daher trotten, möchte man meinen, sie wüssten selbst, wie gut sie es haben.

Bereut er es heute, dass er damals nicht mehr nach Amerika zurück konnte? Agethle lächelt still in sich hinein. „Nein“, sagt er und dreht sich in der Stalltür noch einmal um, „es ist alles gut, so wie es ist“.

Text: Verena Duregger
Fotos: Alex Filz
Video: Andreas Pichler

Und wie ist dein Traum wahr geworden?

Hast du schon Erfahrung mit Crowdfunding gemacht? Und Menschen gefunden, die geholfen haben, deine Träume zu verwirklichen? Erzähl uns, wie du Menschen mit einer grandiosen Idee begeistert hast!