Höhenarchitektur

Referenzpunkt, Einkehrstation und Unterkunft im Gebirge, Schutz vor Unwettern und der rauen Naturgewalt: Eine Schutzhütte musste schon immer vieles können. Was bedeutet das für die moderne Architektur am Berg?

  • September 2019

  • Lesedauer: 8'

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Höhenarchitektur

Referenzpunkt, Einkehrstation und Unterkunft im Gebirge, Schutz vor Unwettern und der rauen Naturgewalt: Eine Schutzhütte musste schon immer vieles können. Was bedeutet das für die moderne Architektur am Berg?

Als vor rund 200 Jahren die ersten Naturwissenschaftler und Abenteurer ins Hochgebirge hinaufstiegen, schüttelten die Bergbewohner, Jäger und Hirten erstmal den Kopf: Warum würde jemand freiwillig über die Vegetationsgrenze hinaufwollen, wo es „da oben“ doch nur Fels und Eis gab und allerhand Gefahren lauerten? Mit dem neuen Interesse an den Bergen und der Alpennatur war die bürgerliche Bewegung namens „Alpinismus“ geboren – und die Bergsteiger brauchten verlässliche Stützpunkte in der Höhe.
Innerhalb weniger Jahrzehnte entstanden auch in Südtirol zahlreiche Schutzhütten, großteils durch den 1869 gegründeten Alpenverein. Sie boten den Wanderern im Gebirge einfache Kost und ein schützendes Dach über dem Kopf. Und obwohl sich das Bergsteigen mittlerweile stark verändert hat, haben die Schutzhütten ihre ursprüngliche Funktion als Schutz- und Referenzpunkte am Berg beibehalten.

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Wie die Schutzhütte "Tierser Alpl" entstand

 „Der Baumeister von allem hier war mein Schwiegervater Max Aichner“, erzählt Hüttenwirt Stefan,  „vorher war hier gar nichts, nicht mal ein Weg. Aber Max hatte den nötigen Weitblick. Er hat schon mit 20 Jahren verstanden, dass dies ein strategischer Punkt ist.“

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In den 1950er-Jahren wanderten viele junge Südtiroler ins Ausland ab, denn hier gab es kaum Arbeit. Max Aichner aber wollte nicht weggehen, erzählt Stefan, „dafür liebte er die Berge zu sehr. Er arbeitete als Träger für die Vajolet-Hütte. Mit dem Ersparten kaufte er das 200 Quadratmeter große Grundstück hier am Tierser Sattel und begann, seine Hütte zu bauen. Ganz allein, Stück für Stück, Stein um Stein. Als Ziegel nutzte er die Steine aus der Umgebung. Den Zement und das Holz schleppte er auf seinem Rücken vom Tal nach oben: Von seinem Zuhause in Seis aus überwand er dabei zu Fuß jedes Mal 1.400 Höhenmeter bis zum Bauplatz. Im Jahr 1963, nach sechs Jahren mühevoller Arbeit, war die Hütte fertig.“

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Ein Haus in ständigem Wandel

So richtig fertig war sie aber nie, immer wieder wurde das Tierser Alpl den neuen Anforderungen angepasst. „Max investierte jedes Jahr einen Teil des Gewinns, um die bestehende Schutzhütte zu vergrößern oder verbessern oder um Zugangswege und Klettersteige zu bauen. Darum hat er sich immer selbst gekümmert“, erzählt Stefan.

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Tierser Alpl

Judith Aichner und ihr Mann Stefan führen die Schutzhütte „Tierser Alpl“ nun seit mehr als 25 Jahren. Die Hütte auf 2.440 m Meereshöhe war die erste private Hütte im Schlern-Rosengarten-Gebiet. Dass sie heute der Knotenpunkt vieler Bergrouten ist und insbesondere bei der Überquerung der Bergkette eine geradezu obligatorische Einkehrstation darstellt, ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis jahrzehntelanger Arbeit.

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Auch eine Hütte braucht eine Vision

1992 übergab Max Aichner die Hütte an seine jüngste Tochter Judith und ihren Mann Stefan. „Wir waren gerade mal 25 Jahre alt. Ich hatte vor kurzem mein Wirtschaftsstudium abgeschlossen und obwohl ich zuvor schon mehrere Sommer lang auf der Hütte gearbeitet hatte, hegte Max anfangs seine Zweifel, mir das Schutzhaus anzuvertrauen. In seinen Augen war ich eben der Studierte, nicht ein praktischer Mensch, wie er“, schmunzelt Stefan. „Doch Max ließ sich recht schnell überzeugen, denn die Geschäfte liefen weiterhin gut. So haben auch wir die Hütte immer wieder erweitert: von 70 auf zuletzt 120 Schlafplätze.“ Das Schutzhaus wurde an das Strom- und das Kanalisationsnetz angeschlossen und auf die früher üblichen benzinbetriebenen Generatoren konnte verzichtet werden. „Doch fehlte uns eine Vision. 2013 haben wir beschlossen, Neues zu wagen.“ Die Hüttenwirte beauftragten das Architektenduo Paul Senoner und Lukas Tammerle mit dem Umbau ihrer Schutzhütte.

Das Haus mit dem roten Dach

Beim Umbau wurden Teile des alten Gebäudes erhalten und mit modernen Komponenten verzahnt. Weithin sichtbar ist das große rote Dach, das sich jetzt über die gesamte Hütte zieht und scheinbar alles zusammenhält. Im Inneren ist der Dialog zwischen Alt und Neu, zwischen Ästhetik und Funktionalität präsent. Es wird deutlich, dass sich die Anforderungen und die Bauweise am Berg stark verändert haben, seit Max Aichner vor 60 Jahren vom Tschamintal heraufstieg, die Bauutensilien für seine Hütte auf den Schultern tragend. Die Umbau- und Erweiterungsarbeiten am „Tierser Alpl“ dauerten vom Herbst 2013 bis in den Frühling 2015, der Hüttenbetrieb lief in der Hauptsaison trotzdem weiter. Kaum war die Hütte fertiggestellt, erhielten die Architekten dafür den „Architekturpreis Südtirol 2015“ in der Kategorie „Bauen für den Tourismus“.

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Wie geht Bauen am Berg heute?

Nur wenige Kilometer Luftlinie vom Schutzhaus entfernt, in Kastelruth, haben Paul Senoner und Lukas Tammerle in einem umgebauten alten Stadel ihr Architekturbüro. „Was Max Aichner in den 1950er-Jahren gemacht hat, ist unglaublich, aber heute wäre es undenkbar. Während früher das Material viel gekostet habe, sei es heute die Zeit, erklärt Lukas: „Heute bereitet man einen Bau am Berg gut vor, man wählt leichte Materialien, die man einfach transportieren kann und während der Bauzeit heißt es, genau und schnell sein.“

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Folgt das Bauen am Berg also noch immer eigenen Gesetzen? „Am Berg braucht es eine besonders hohe Anpassungsfähigkeit: an das Gelände und die Natur, aber auch die Witterungsverhältnisse spielen eine Rolle“, sagt Lukas. „Wenn die Baustelle, wie beim Tierser Alpl, über eine Straße erreichbar ist, dann ist der Materialtransport zwar relativ einfach, dennoch kann er blockiert werden, etwa durch plötzlichen starken Schneefall. Bei Schutzhütten, die nur über eine Materialseilbahn oder einen Helikopter erreichbar sind, ist beim Transport oft nicht der Schnee das Problem, sondern der Wind. Jede Hüttenbaustelle ist da anders.“

Die Form folgt der Funktion

Das Bauen in der Höhe hat sich in den letzten Jahren radikal verändert, der Kerngedanke bei der Planung einer Schutzhütte ist aber heute noch derselbe, erklärt Paul: „Wenn du in der Stadt baust, müssen deine ästhetischen Entscheidungen immer auch das Ensemble berücksichtigen: die Farben der Dächer, die anderen Fassaden, den dominierenden architektonischen Stil. Am Berg bist du frei, es gibt keine Bauten nebenan. Dein Gebäude ist am Berg ein winziger Punkt, der sich in der gewaltigen Natur fast verliert. Und die ist nicht nur ein weitaus besserer Architekt als du, sondern auch ein recht launischer Hausherr.“

„Vor allem stellen Bauten im Hochgebirge besondere technische Anforderungen“, weiß Paul. „Man könnte es ein wenig mit einer Expedition ins All vergleichen: Du musst viel dringendere Probleme lösen, ehe du dich um das Aussehen deiner Rakete kümmern kannst. Bei einer Schutzhütte kommt es darauf an, dass die Konstruktion standhaft ist, dass die Räume optimal genutzt und Material und Arbeitskraft möglichst effizient eingesetzt werden. Für uns war es wichtig, von den Hüttenwirten zu lernen und zu verstehen, welche Bedürfnisse sie an die neue Hütte stellten, um dafür die besten Lösungen zu finden.“

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Was ein Bauernhof und eine Berghütte gemeinsam haben

Auch von der Bauweise der Bergbauernhöfe könne man als Hütten-Architekt einiges lernen, ist Paul überzeugt: „Die Südtiroler Bauernhöfe wurden früher nicht von Architekten geplant. Ihre Bauweise ergab sich aus der Erfahrung und der Zusammenarbeit mehrerer Handwerker. Stetig wurden die Bauten optimiert und verbessert. Das waren langsame Entwicklungen, die über Generationen passierten. Nicht ästhetische Fragen bedingten die Weiterentwicklung, sondern praktische Herausforderungen, die effiziente Lösungen erforderten.
Für uns war es genauso: Als wir die technischen Probleme, also den Bereich der Statik, des Volumens und der Raumeinteilung, gelöst hatten, ergab sich die Ästhetik der Schutzhütte fast von selbst. Der Ausgangspunkt zeitgenössischer Architektur, auch am Berg, ist häufig die äußere Form, erst danach werden die Innenräume erarbeitet, ihrem Zweck folgend. Das Resultat ist, dass manche Strukturen dann nicht mehr wie normale Häuser, sondern tatsächlich vielmehr wie ein Raumschiff wirken. Unser Projekt ist den umgekehrten Weg gegangen. Ich würde sogar sagen, dass unsere Herangehensweise der spontanen und funktionalen Architektur der Bauernhöfe ähnelt. Ich glaube, auch deshalb haben wir den Architekturpreis erhalten.“

Verzahnung der Zeiten

Während den Gästen und den Hüttenwirten Judith und Stefan das neu gestaltete Schutzhaus sofort gefiel, war der ursprüngliche Erbauer Max anfangs skeptisch, erinnert sich Stefan. Kein Wunder: Einiges von dem, was er mehr als ein halbes Jahrhundert zuvor mühevoll hierher transportiert und mit seinen Händen errichtet hatte, war mit dem Umbau verschwunden. „Irgendwann meinte er aber: Zwar haben sie meinen Stil etwas verändert, aber die beiden Burschen (A.d.R. Paul Senoner und Lukas Tammerle) haben das gar nicht mal so schlecht gemacht!“, erzählt Stefan und schmunzelt.
Die beiden Architekten haben etwas geschaffen, das die Geschichte und die Seele seiner Schutzhütte respektiert. Auch das jetzt noch „Neue“ wird eines Tages alt sein. Dann wiederholt sich das Aufeinandertreffen der Baugenerationen. Während der zweijährigen Umbauphase hat Paul die Baustelle am Tierser Sattel etwa 70 Mal besucht. Wer weiß: Vielleicht ist die Interpretation des Architektenduos genau deshalb so gut gelungen, weil auch Paul dabei nie das Auto nahm, sondern jedes Mal zu Fuß diese 1.400 Höhenmeter durch das Tal hinauf zur Schutzhütte stieg: So wie einst der Hütten-Erbauer Max.
 
Text: Alessandro Cristofoletti
Übersetzung: Marlene Lobis
Fotos: Alessandro Cristofoletti / Harald Wisthaler
Video: Miramonte/Andreas Pichler