Ein Heubauer unter Strom

Walter Moosmair vom Niedersteinhof mäht sein Südtiroler Bergwiesenheu elektrisch. Weil‘s Spaß macht, sagt er. Und Sinn.

  • Juni 2019

  • Lesedauer: 6'

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Ein Heubauer unter Strom

Walter Moosmair vom Niedersteinhof mäht sein Südtiroler Bergwiesenheu elektrisch. Weil‘s Spaß macht, sagt er. Und Sinn.

Es riecht nach frisch gemähtem Gras: Während wir von Meran ins Passeiertal hinein kurven, entdecken wir auf fast jeder Wiese kreisende Traktoren, an den steilen Talhängen rattern Mähmaschinen hin und her – endlich ist das Wetter gut genug für die Heumahd. Als wir am Niedersteinhof in St. Leonhard ankommen, finden wir Walter Moosmair in einer Wiese neben dem Stall, natürlich beim Mähen. „Ich komme gleich“, ruft er uns zu und zieht noch schnell ein paar Runden. Heute muss auch er mähen, wie die meisten Bauern im Tal. Sonst macht der Passeirer Biobauer die Dinge aber auf seine ganz eigene Art.

„Das hier herunten am Hof ist nur normales Heu“, erklärt uns inzwischen seine Frau Caroline. Das Steckenpferd des Bergbauernhofs, das einzige biologische und zertifizierte Bergwiesenheu Südtirols, wächst viel weiter oben, auf den „Schlattacher Mahdern“ auf 2.000 Metern Meereshöhe. Und das ist doppelt außergewöhnlich: Es enthält nicht nur über 85 verschiedene Gräser, Kräuter und Blumen, sondern wird sogar mit einer Elektro-Mähmaschine gemäht (siehe Video). Dann kommt das wertvolle Heu aus der Höhe in eine dunkle, gut gelüftete Kammer im Stadel. „Das ist dann wie ein Salat: Wunderschön grün, jedes Blatt und jede Blume sind noch erkennbar drinnen und es riecht sehr gut“, erklärt Walter später, als er uns in Lederhose, mit blauer Schürze und einem breiten Lächeln begrüßt.

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Bergheu braucht keiner zum Überleben

„Kommt, ich zeige euch erstmal unseren Schau-Room“, sagt Walter und schaut verschmitzt durch seine runden Brillengläser. Er weiß, wie erstaunt die Leute reagieren, wenn sie sehen, was man aus Heu alles machen kann. Früher war hier der Hühnerstall, ein kleines Türchen im unteren Eck der Holztür erinnert noch daran. Als er die Tür öffnet, duftet es herrlich. Eine Heumatratze im antiken Bettgestell lädt zum Ausruhen ein, im Schrank liegen Heu- und Zirbenkissen, an der Heu-Tapete, die eine Schweizer Firma produziert, glitzern Swarowski-Steine.

„Es ist ja so: Bergheu braucht keiner zum Überleben“, sagt Walter. Trotzdem ist die Nachfrage da. Nein, lacht er, Geld wie Heu mache er damit nicht. „Aber gemeinsam mit den Ferienwohnungen und der Milchwirtschaft ist das Bergheu heute ein Teil unserer Überlebensstrategie – wie eine Spinne überleben wir mit verschiedenen Standbeinen“, sagt der Heuveredler.

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Nischenprodukt Wellnessheu

Seit 2004 vermarktet der Niedersteinhof das Bergheu – damals startete der Südtiroler Bauernbund ein Projekt, um die Hotels mit lokalem Bergwiesenheu für die beliebten Heubäder beliefern zu können. Für die Bauern der Bergheu-Genossenschaft blieb kaum etwas übrig, im Gegenteil. Als Walter schließlich 2009 gefragt wurde, ob er allein weitermachen wolle, fasste er Mut, übernahm die getätigten Investitionen der Bergwiesenheu-Genossenschaft und ist seither der einzige Produzent von zertifiziertem, biologischem Bergwiesenheu in Südtirol. „Jeder dieser 13 Bauern hätte übernehmen können, aber vielleicht haben es die anderen nicht so als Chance gesehen“, sagt Walter: „Man muss auch sagen: Das Bergwiesenheu ist eben eine ganz kleine Nische. Die kann nur funktionieren, wenn höchstens zwei oder drei Bauern das machen.“

Zu seinem Erfolg gehört auch die Philosophie, bewusst und nachhaltig mit den Ressourcen umzugehen. „Natürlich ist ein gutes Produkt die Grundlage für den Erfolg. Teil unserer Geschichte ist aber auch eine klare Philosophie, hinter der wir stehen“, sagt Walter: „Nachhaltigkeit ist uns wichtig.“ Er ist keiner, der das nur so dahinsagt: Seit Jahren stellt er am Niedersteinhof Schritt für Schritt die Geräte auf Elektroenergie um.

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Ein Bauernhof auf dem Elektro-Weg

Bei Walter kam die Initialzündung durch eine Mähmaschine, erzählt er: „Mein Vater hat diese Mähmaschine 1978 gekauft, kurz nachdem ich geboren wurde. Die kleine Maschine war immer oben auf den Bergwiesen. Und ich habe mir irgendwann gedacht, diese Mähmaschine, die hat etwas an sich, die ist etwas Besonderes. Und dann ist mir irgendwann die Idee mit dem elektrischen Antrieb gekommen“, erzählt Walter. Einige Jahre sinnierte er darüber, viele lachten ihn aus. Bis Walter gemeinsam mit der Bozner Firma Fazzi tatsächlich einen Elektromotor draufbaute. Eine Sensation, über die in den Südtiroler Nachrichten sofort berichtet wurde.

„Plötzlich war ich der E-Bauer aus dem Passeiertal“, erinnert sich Walter schmunzelnd.

„Anfangs habe ich es für mich gemacht, aber ich wollte der Bevölkerung und den Firmen dann auch zeigen, dass man landwirtschaftliche Geräte elektrisch betreiben kann“, erklärt Walter. Tatsächlich kamen Firmen zu ihm und fingen an, neue Maschine zu entwickeln. Bei Traktoren und größeren Maschinen ist die Industrie noch nicht soweit, weiß er. Auch Walter muss noch mit einem Verbrenner-Traktor fahren, aber wo möglich, stellt er seinen Hof auf Elektrobetrieb um. Eine größere elektrische Mähmaschine wird gerade für ihn gebaut. „Oben auf den Bergwiesen kann ich mit der kleinen elektrischen Mähmaschine eine Stunde mähen, dann muss ich wieder aufladen. Das ist doch ein guter Anfang!“, sagt Walter.

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Weil´s Spaß macht

Was können wir am Hof noch nachhaltiger machen? Das fragen Walter und Caroline sich jeden Tag. „Ich kann und will nicht andere Leute verändern, aber ich kann als Familie und Hof ein Vorbild sein und versuchen so unabhängig und Ressourcenschonend wie möglich zu arbeiten“, ist Walter überzeugt. Schon seit vielen Jahren kommt der Strom von der Photovoltaikanlage am Dach, der Hof hat ein eigenes kleines Wasserkraftwerk, seit drei Jahren fährt die Familie ein Elektroauto. „Als Bauer und besonders als Biobauer sollte ich doch der Erste sein, der elektrisch fährt – denn ich brauche die Natur am meisten. Aber es gibt noch sehr wenige, die diesen Schritt wagen“, sagt Walter.
Das Elektroauto war nur der logische Schritt. „Ich habe mir gesagt, wenn ich schon mit der Photovoltaikanlage die Chance habe, mit der Sonne etwas zu verdienen, dann will ich mit diesem Geld nicht einen Verbrenner kaufen, der der Umwelt schadet, sondern wieder in etwas Innovatives investieren, das mit meinem Strom funktioniert“, meint Walter.

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Nachhaltig und autark sein, darum geht es den Moosmairs. Die Idee lässt ihn nicht mehr los, sagt Walter: „Für mich macht das einfach Sinn und ich muss wirklich sagen, es macht auch wahnsinnig viel Spaß, innovative Sachen auszuprobieren.“ Seine Frau und er fahren bewusst nur ein kleines Elektroauto mit einer kleinen Batterie. „Das reicht uns aus“, sagt Walter: „Wir haben da unseren Spruch draufgeklebt: Biobauern fahren innovativ in der Zukunft. Dann kann sich jeder denken, was er mag.“

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Wie lebt heute ein authentischer Bauer?

Der Bogen muss eben etwas überspannt werden, um aufzufallen und ein Sprachrohr zu werden. „Manche sagen, meine Philosophie ist nicht authentisch, weil es zu übertrieben ist. Ich sage: Authentisch ist, wenn man aus den vorhandenen Ressourcen das Bestmögliche macht. Und eigentlich tun wir nichts anderes, als unsere Produkte zu veredeln und diese mit unseren Überzeugungen zu verbinden.“
Der Niedersteinhof ist ein Erbhof, wahrscheinlich aus dem 14. Jahrhundert. Walter spürt die Verantwortung für das Erbe der Vorfahren. „Jede Generation hat zu ihrer Zeit und mit ihren Ressourcen gearbeitet und immer wieder das Beste draus gemacht. Wir haben jetzt eben unsere Zeit“, sagt Walter.

„Die Zeit, die jetzt in Europa ist, ist genial für uns Bauern: Den Leuten geht es wirtschaftlich gut, siesuchen regionale, authentische Produkte und sind offen für Innovation. Wir Bauern dürfen heute nicht jammern, sondern sollten nach vorne schauen, neue Dinge angreifen.“

Heute kann Familie Moosmair mit nur 5,5 Hektar, 10 Kühen und den Almwiesen leben, darauf ist Walter stolz. „Wir versuchen einfach, etwas aus dem Hof zu machen. Kreativ sein muss man schon. Und es wächst langsam. Wenn wir jetzt gesund und fit bleiben, dann haben wir diese Hürde geschafft, als Spinner anzufangen, als Spinner akzeptiert zu werden – und jetzt flutscht’s“, sagt Walter zufrieden und grinst: „Denn vom Produkt Heu, dass eigentlich keiner zum Überleben braucht, doch leben zu können, das ist eigentlich toll, oder?“
 
Text: Marlene Lobis
Foto: Ivo Corrà
Video: Miramonte Film/Andreas Pichler