Weltmusik aus dem Stegreif

ACDC, Jazz-Musik und Steirische Harmonika passen nicht zusammen. Eigentlich. Bis Herbert Pixner kam… und es anders machte. Bühne frei!

  • September 2017

  • Lesedauer: 5'

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Weltmusik aus dem Stegreif

ACDC, Jazz-Musik und Steirische Harmonika passen nicht zusammen. Eigentlich. Bis Herbert Pixner kam… und es anders machte. Bühne frei!

„Stellt euch vor, ihr fahrt gerade auf der Autobahn nach Neapel. Es ist heiß… verdammt heiß. 45 Grad im Schatten“, erzählt Herbert Pixner auf der eigens für diesen Abend gebauten Bühne, am Rande des Flecknersees am Jaufenpass. Ein Bein angewinkelt, die Harmonika in einer Hand, in der anderen das Mikro. „Und plötzlich ist kein Benzin mehr da, die Klimaanlage wird leiser.“ Ich sitze unweit der Bühne, an einem Hang und lausche seinen Worten: „Nach 15 Kilometern Fußmarsch gelangst du zur Notsäule. Dein Shirt ist nassgeschwitzt. Und du stellst fest: Das Telefon funktioniert nicht.“ Er zieht an seiner Harmonika. Langsame düstere Töne erklingen. 

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Ganz eigen

Noch nie war für Herbert wichtig, welche Instrumente zusammenspielen, Hauptsache die Musik, die dabei entsteht, gefällt ihm. Geworden sind es letztendlich eine Harfe, eine Gitarre, er mit seiner Harmonika und ein Cello. Als wäre diese Besetzung auf der Bühne nicht bereits eigen genug, auch die Musik, die dabei entsteht, ist besonders. Der gebürtige Passeirer beschreibt sie als „Weltmusik“ oder auch als „progressive Volksmusik.“ So genau einordnen kann er das nicht. Und will es vielleicht auch nicht.

Das Herbert Pixner Projekt

Herbert steht gemeinsam mit seiner Schwester, der Harfenistin Heidi Pixner, dem Kontrabassisten Werner Unterlercher aus Osttirol und dem Bozner Manuel Randi, den Herbert als den „weltbesten Gitarristen“ bezeichnet, auf der Bühne. 

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2 Kühe = 1 Harmonika

Die Kulisse ist spektakulär, hier auf 2.100 Metern. Weit unten im Tal ist St. Leonhard im Passeiertal zu erkennen. Ich kann Herbert anmerken, wie er den Augenblick genießt. Hier in seiner Heimat, auf „seinem“ Berg. Denn eigentlich begann alles hier, nur eben ganz anders: Früher saß er als Hirte in dieser Wiese, heute als erfolgreicher Musiker.

Früh schon trat er, wie seine Geschwister und sein Vater, der Musikkapelle seines Heimatdorfes Walten bei. Doch als er mit 16 einige Musikanten Steirische Harmonika spielen hörte, ließ ihn der Gedanke daran nicht mehr los. Schnell waren es zwei Kühe weniger im Stall und Herbert hatte eine eigene Harmonika. Dem Vater sei Dank. Das Spielen auf der Harmonika brachte er sich selbst bei, weitere Blas- und Blechinstrumente folgten. 

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Nach rechts und links geblickt

Zu Beginn seiner Karriere spielte Herbert Pixner auf Vernissagen und Hochzeiten. Zu seinem Repertoire gehörte damals auch die sogenannte „Tanzlmusik“, also jene Musik, die zu traditionellen Tänzen gespielt wird. Auftritte dieser Art brachten ihm das nötige Geld ein. „Das Musikbusiness ist sehr hart, es kann von heute auf morgen weniger werden“, erzählt er. Einen Plan B und C hatte er deshalb stets, aber auch Angst vor dem Scheitern. „Vielleicht mag man selbst eines Tages nicht mehr.“ 2008 klappte es dann mit dem ersten selbstgeschriebenen Song auf der Bühne.

„Ich habe mein Leben lang improvisiert. Ich improvisiere auf der Bühne. Irgendwie geht es immer weiter.“ Herbert Pixner

Herbert wollte schon immer sein eigenes Ding machen. Und das zieht er mit der Band durch: Von den Konzertbuchungen, dem Studio bis zum Vertrieb organisieren sie alles selbst. Und sie schreiben eigene Songs – manchmal Heidi oder Manuel, meist Herbert. „Anfangs war es schwer, nicht in Versuchung zu kommen, Songs zu covern.“ Kurzfristig gesehen hätte dies mehr Erfolg gebracht. „Bei einer anderen Plattenfirma hätten wir aber die üblichen „Wälzerchen“ spielen müssen“, schildert er mir. Dies wollte er nicht. Seit 2014 hat er nun endlich eine eigene Plattenfirma. „Wir haben es durchgezogen und unser Publikum honoriert das mittlerweile.“ 120 Konzerte sind es jährlich, weitere 200–300 sagen sie ab. 100.000 Tickets verkauften sie letztes Jahr im deutschsprachigen Raum. 

„Ich möchten den Leuten durch meine Konzerte etwas mitgeben. Sie sollen ihren Weg finden und gehen – so wie wir.“ Herbert Pixner

Aus dem Stegreif

Viele Sommer verbrachte Herbert hoch oben über Südtirols Tälern, auf der Alm: „Du lernst das Hochgebirge kennen, diese Gnadenlosigkeit des Wetters, der plötzliche Wintereinbruch, die Stille. Du bist auf dich alleine gestellt“. Was er erlebt, verarbeitet er in seiner Musik. Geprobt wird dabei selten, „vielleicht zwei Mal pro Jahr. Außer wir machen ein neues Album, dann sehen wir uns kurz davor“, erzählt er mir, „der Rest entsteht dann auf der Bühne. Spontan. Also die Hälfte jedes Konzertes etwa. So klingt auch jedes anders.“

„Wir machen keine radiotaugliche Musik. Für uns ist wichtig, dass wir uns damit identifizieren können und uns zu 100% wohlfühlen.“ Herbert Pixner

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Zurück zum Konzert: Die Töne sind schnell, der Rhythmus erfasst mich, während Herbert auf der Holzbühne seine Harmonika immer wieder auf- und zuzieht. Seine Finger tanzen wild auf den Knöpfen herum. Zwischendurch greift er zur Trompete, dann zum Saxophon, schwingt die Klarinette hoch, zuckt mit einer Schulter. Als ich den Blick von der Bühne löse, bemerke ich brennende Fackeln um den Flecknersee herum. Die Atmosphäre ist magisch, das genießt auch Herbert sichtlich. Besonders hier, wo sein Weg begann. Gänsehautfeeling.

Freudig sitzt er auf der Bühne und schaut, was Gitarrist Manuel heute so spielt. Das neue Unerwartete ist Programm, die Freiheit zur Improvisation ist ansteckend. Auch ich höre neugierig hin, was als nächstes passieren wird. Die beiden sehen sich an und beginnen einen musikalischen Dialog, der zum Schlagabtausch wird. Schnell, immer schneller, mal tiefer, mal höher, zwischendurch langsamer, dann wieder lauter. Und finden dann wieder heraus und zu einem guten Ende. Ganz wie es Herbert gefällt.

Text: Katja Schroffenegger
Fotos: Ivo Corrà
Video: Miramonte Film