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September 2017

Weltmusik aus dem Stegreif

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Weltmusik aus dem Stegreif

ACDC, Jazz-Musik und Steirische Harmonika passen nicht zusammen. Eigentlich. Bis Herbert Pixner kam… und es anders machte. Vorhang auf für die Weltmusik.

„Stellt euch vor, ihr fahrt gerade auf der Autobahn nach Neapel. Es ist heiß… verdammt heiß. 45 Grad im Schatten“, erzählt Herbert Pixner auf der eigens für diesen Abend gebauten Bühne, am Rande des Flecknersees am Jaufenpass; ein Bein angewinkelt, die Harmonika in einer Hand, in der anderen das Mikro. „Und plötzlich ist kein Benzin mehr da, die Klimaanlage wird leiser.“ Ich sitze unweit der Bühne, an einem Hang und lausche seinen Worten: „Nach 15 Kilometern Fußmarsch gelangst du zur Notsäule. Dein Shirt ist nassgeschwitzt. Und du stellst fest: Das Telefon funktioniert nicht.“ Er zieht an seiner Harmonika. Langsame düstere Töne erklingen. 

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discover Selbst komponiert

Herbert verarbeitet das Erlebte in seinen Songs, schreibt diese im Gebirge, beim Autofahren oder in einem kleinen Theater, in das er sich jährlich zurückzieht. Somit gibt es Zeiten, wo die Musik mal ins rockig-bluesige, mal ins welt- und volksmusikalische geht.

#1

Ganz eigen

Noch nie war für Herbert wichtig, welche Instrumente zusammenspielen würden; Hauptsache die Musik, die dabei entsteht, gefällt ihm. Geworden sind es letztendlich eine Harfe, eine Gitarre, er mit seiner Harmonika und ein Cello. Als wäre diese Besetzung auf der Bühne nicht bereits eigen genug. Auch die Musik, die dabei entsteht, ist besonders. Der gebürtige Passeirer beschreibt sie als „Weltmusik“ oder auch als „progressive Volksmusik.“ So genau einordnen kann er das nicht. Und will es vielleicht auch nicht.

Das Herbert Pixner Projekt

Herbert steht gemeinsam mit seiner Schwester, der Harfenistin Heidi, dem Kontrabassisten Werner Unterlercher aus Osttirol und dem charmanten Bozner Manuel Randi, den Herbert als den „weltbesten Gitarristen“ bezeichnet, auf der Bühne. 

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discover Sich treugeblieben

„Ich war 16, hatte langes Haar, ein aufgepimptes Motorrad, hörte Jazz-Musik und ACDC aus dem Kassettenradio“, erzählt mir Herbert amüsiert über seine Teenagerjahre.

#2

2 Kühe = 1 Harmonika

Kurz stockt mein Atem. Die Kulisse ist spektakulär, hier auf 2.100 Metern. Weit unten im Tal ist St. Leonhard im Passeiertal zu erkennen. Ich kann Herbert anmerken, wie er den Augenblick genießt. Hier in seiner Heimat, auf „seinem“ Berg. Denn eigentlich begann alles hier, nur eben ganz anders: Früher saß er als Hirte in dieser Wiese, heute als erfolgreicher Musiker.

Früh schon trat er, wie seine Geschwister und sein Vater, der Musikkapelle seines Heimatdorfes Walten bei. Doch als er mit 16 einige Musikanten Steirische Harmonika spielen hörte, ließ ihn der Gedanke daran nicht mehr los. Schnell waren es zwei Kühe weniger im Stall und Herbert hatte eine eigene Harmonika. Dem Vater sei Dank. Das Spielen auf der Harmonika bracht er sich selbst bei. Ebenso wie auf weiteren Blas- und Blechinstrumenten. Aus seinem Mund klingt es, als sei diese grandiose Leistung nichts Besonderes. 

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discover Der Rückblick

Herbert blickt auf bewegende Zeiten zurück. Nicht immer hatte er so gut lachen wie heute. Das Studium am Konservatorium in Klagenfurt brach er ab. Um über die Runden zu kommen, arbeitete er beim Rundfunk, lehrte in Musikschulen, veranstaltete Seminare und Workshops und hütete 15 Sommer lang Vieh auf der Alm.

#3

Nach rechts und links geblickt

Pläne hatte Herbert immer schon viele, auch einen Plan B und C: „Das Musikbusiness ist sehr sensibel, es kann von heute auf morgen weniger werden.“ Er war sich dessen immer schon bewusst. Es ist das Gegenteil eines geregelten Einkommens. Angst vor dem Scheitern hat er täglich. „Oder vielleicht mag man selbst auch nicht mehr.“ Ich blicke in seine Augen, die so ehrlich wirken, während er mir dies vor Konzertbeginn erzählt. Lange Zeit spielte er alles, was irgendwie Geld einbrachte – Vernissagen, Hochzeitsumrahmungen und er hatte auch Auftritte mit „Tanzlmusik“, die Musik zu traditionellen Tänzen. 2008 klappte es dann mit dem ersten selbstgeschriebenen Song auf der Bühne.

„Ich habe mein Leben lang improvisiert. Ich improvisiere auf der Bühne. Irgendwie geht es immer weiter.“ Herbert Pixner

Herbert wollte schon immer sein eigenes Ding machen. Und das tat er mit der Band: Konzertbuchungen und –Organisation, Studio, Vertrieb. Und sie schrieben ihre eigenen Songs - manchmal Heidi oder Manuel, meist Herbert. „Anfangs war es schwer, nicht in Versuchung zu kommen, Songs zu covern.“ Kurzfristig gesehen hätte dies mehr Erfolg gebracht. „Bei einer anderen Plattenfirma hätten wir aber die üblichen ‚Wälzerchen‘ spielen müssen“, schildert er mir. Dies wollte er nicht. Seit 2014 hat er nun endlich eine eigene Plattenfirma. „Wir haben es durchgezogen und unser Publikum honoriert das mittlerweile.“ 120 Konzerte sind es jährlich. 100.000 verkaufte Tickets im deutschsprachigen Raum. Weitere 200-300 sagen sie ab.

„Ich möchten den Leuten durch meine Konzerte etwas mitgeben. Sie sollen ihren Weg finden und gehen - so wie wir.“ Herbert Pixner

#4

Aus dem Stegreif

Viele Sommer verbrachte Herbert hoch oben über Südtirols Täler, auf der Alm: „Du lernst das Hochgebirge kennen, diese Gnadenlosigkeit des Wetters, der plötzliche Wintereinbruch, die Stille. Du bist auf dich alleine gestellt“. Was er erlebt, verarbeitet er in seiner Musik. Geprobt wird dabei selten, „vielleicht zwei Mal pro Jahr. Außer wir machen ein neues Album; dann sehen wir uns kurz davor“, erzählt er mir, als wäre es das Normalste dieser Welt, „der Rest entsteht dann auf der Bühne. Spontan. Also die Hälfte jedes Konzertes etwa. So klingt auch jedes anders.“

„Wir machen keine radiotaugliche Musik. Für uns ist wichtig, dass wir uns damit identifizieren können und uns zu 100% wohlfühlen.“ Herbert Pixner

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discover Songtitel à la Herbert Pixner

Herbert gibt dem Publikum mit, wie die Melodien und Titel der Lieder entstehen. Dabei mag er zwei- oder dreideutige Wortspielereien bei den Titeln, wie etwa beim „Leckmicha Marsch“, dem „Vierteljahrhundert Dreiviertler“ oder „Dirty Kathy“.

Zurück zum Konzert: Die Töne sind schnell, der Rhythmus erfasst mich, während Herbert auf der Holzbühne seine Harmonika immer wieder auf- und zuzieht. Seine Finger tanzen wild auf den Knöpfen herum. Zwischendurch greift er zur Trompete, dann zum Saxophon, schwingt die Klarinette hoch, zuckt mit einer Schulter. Als ich den Blick von der Bühne löse, bemerke ich brennende Fackeln um den Flecknersee herum. Die Atmosphäre ist magisch, das genießt auch Herbert sichtlich. Besonders hier, wo sein Weg begann. Gänsehautfeeling. Freudig sitzt er auf der Bühne und schaut, was Gitarrist Manuel heute so spielt. Das neue Unerwartete ist Programm; die Freiheit zur Improvisation ist ansteckend: Auch ich höre neugierig hin, was als nächstes passieren wird. Die Beiden sehen sich an und beginnen einen musikalischen Dialog, der zum Schlagabtausch wird. Schnell, immer schneller, mal tiefer, mal höher, zwischendurch langsamer, dann wieder lauter. Und finden dann wieder heraus und zu einem guten Ende. Ganz wie es Herbert gefällt.

Text: Katja Schroffenegger
Fotos: Ivo Corrà
Video: Miramonte Film