Der Stein der Bleichen

Die Dolomiten sind für bizarre Landschaften und grandiose Ausblicke bekannt. Betrachten Sie trotzdem mal die Felswand. Schichtweise offenbart sich dort die einzigartige Entstehungsgeschichte des Dolomiten UNESCO Welterbes.

  • August 2018

  • Lesedauer: 4'

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Der Stein der Bleichen

Die Dolomiten sind für bizarre Landschaften und grandiose Ausblicke bekannt. Betrachten Sie trotzdem mal die Felswand. Schichtweise offenbart sich dort die einzigartige Entstehungsgeschichte des Dolomiten UNESCO Welterbes.

Eine klassische Wanderung wird das nicht. Während Corrado Morelli am Bachbett der Bletterbachschlucht entlangläuft, hält er immer wieder inne, um den Boden vor sich zu inspizieren. Er hebt Steine auf, größere, flache oder kleine runde, weiße und graue. Er dreht und wendet jeden einzelnen, kratzt an ihrer Oberfläche oder teilt sie mit einer kleinen Hacke - bis er sie ganz entziffert hat. „Schau, das waren einmal Pflanzen“, sagt Corrado und drückt mir eines seiner Studienobjekte in die Hand. Ich sehe einen Stein, erkenne kleine schwarze Punkte. Wo war nochmal die Pflanze? Für mich sind Steine eben… Steine. Für ihn? Corrado grübelt und schaut auf den Stein, den er gerade aufgehoben hat. „Wertvolle Zeugen“, sagt er schließlich, „bei jedem dieser Steine hier weiß ich, woher er kommt.“ Sie katapultieren ihn in eine andere Zeit. In welche, das bestimmen Form, Farbe und Konsistenz des Gesteins.

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Corrado Morelli ist Geologe. Obwohl der gebürtige Römer schon seit 24 Jahren in Südtirol lebt, hat er die Dolomiten erst im letzten Jahr so richtig gut kennengelernt. Warum, weiß er auch nicht. „Die Dolomiten waren für mich lange wie eine unbekannte Schöne, die einem auffällt, mit der man aber erst nach Jahren plötzlich ins Gespräch kommt - und dann den ganzen Sommer mit ihr verbringt“, versucht er zu erklären und muss selber schmunzeln. Tatsächlich waren er und seine Kollegen den ganzen letzten Sommer lang in den Dolomiten unterwegs, um den „Dolomites UNESCO Geotrail“ zu entwickeln. Der Weitwanderweg soll die geologische Einzigartigkeit der Gebirgskette erfahrbar machen. Diese ist – neben der landschaftlichen Schönheit – der Grund, dass die Dolomiten seit 2009 als „UNESCO Welterbe“ ausgezeichnet werden.

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„Am deutlichsten zeigt sich die Entstehungsgeschichte der Dolomiten hier in der Bletterbachschlucht,“, erklärt Corrado. Er zeigt auf die steilen Wände der Schlucht. Bunte horizontale Schichten zieren die bis zu 400 Meter hohen Felswände. Je weiter oben, umso näher an der Gegenwart ist die Geschichte, die diese Gesteinsschicht erzählt. Der Zeitbegriff ist Ansichtssache: In wenigen Metern dieser Wand sind Jahrmillionen der Erdgeschichte aufeinandergepresst.

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Mit der steinernen Zeitmaschine in die Bahamas

Ehrfürchtig schaue ich auf die Linien in der Felswand, mein Blick gleitet hinauf auf die nächstgelegene Bergspitze, das Weißhorn. Die Dolomiten scheinen unverrückbar. Als hätte es sie schon immer gegeben, stehen sie groß und mächtig da, diese typischen schroffen Felsen und Türme, die auf sanfte Wiesen treffen oder in tiefe Täler übergehen. Corrado liest wohl meine Gedanken. „Das ist das Schwierige, wenn man Geologie erklärt. Niemand fragt sich: Wie ist dieser Berg entstanden? Sie waren ja in unserer Erfahrung immer schon da”, sagt er.

Die Geschichte der Dolomiten beginnt vor 280 Millionen Jahren aber ganz woanders: Etwa 10 Grad nördlich des Äquators. „Es war eine lange Reise, mit vielen einschneidenden Veränderungen“, beginnt Corrado zu erzählen. Damals ist das Dolomitengebiet ein vulkanisches, flaches Festland und Teil des Superkontinents Pangäa. Als dieser zerfällt, wird die Vulkanlandschaft zur Küstenebene, taucht mehrmals unter und wieder auf, es bilden sich zwei neue Kontinente (Paläoeuropa und Paläoafrika), die langsam auseinanderdriften.

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Weil das Meer immer tiefer wird, bauen die Kalkalgen, Schwämme und Mikroorganismen ihre Riffe immer höher, bis knapp unter die Wassergrenze, wo sie sich am wohlsten fühlen. „So entstand das typische spröde, weiße bis hellgraue Dolomitgestein“, erklärt der Geologe. Wohl deshalb wurden die Dolomiten einst die „Bleichen Berge“ genannt. Auf einem Blatt skizziert er den Vorgang. Ein Hügel, der stetig wächst, am Rand dieser submarinen Bauten geht es steil abwärts, bis zu 800 m in die Tiefe. „Die Dolomitenriffe entwickelten sich zu einem Archipel, wie es heute die Bahamas sind oder karibische Inselgruppen“. Die Dolomiten als Bahamas? Corrado nickt. Berge wie der Schlern, Latemar oder der Rosengarten können ihre Vergangenheit als Riffe nicht verbergen. Vor 240 Millionen Jahren gibt es dort tropische Pflanzen und unzählige Meerestiere, am Strand hüpfen Dinosaurier entlang, zwischen den Riffen brodeln Vulkane. Das Zeitalter endet mit klimatischen Veränderungen, die jegliches Wachstum beenden, die Riffe versinken in ein tiefes Meeresbecken. 

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Es ist ein langer Tauchgang. Erst vor 30 Millionen Jahren gehen die Dolomiten wieder an Land. „Die Erdplatten drücken aufeinander und falten die bis dahin entstandenen Gesteinsschichten wie eine Ziehharmonika auf – die Alpen entstehen“, sagt Corrado und formt mit seinen Händen ein umgekehrtes V. Dann klappt er die Hände auseinander zu einem Serviertablett. Und serviert die maßgeblichste Besonderheit der Dolomiten: „Durch den starken Druck verschmelzen viele Gesteinsschichten der Alpen miteinander. Die Dolomiten südlich des Alpenhauptkamms hingegen hebt es wie eine Plattform einfach auf, und obwohl dabei einiges verschoben und gekippt wird, bleiben die ursprünglichen Gesteinsschichten in großen Teilen erhalten.“ Alles was vorher passierte – die Zeit als Küstenebene, Flachwasser, Lagune, Riff, aktive Vulkanlandschaft und im tiefen Meeresbecken – ist deutlich zu rekonstruieren. Für die Wissenschaft ist das ein Sechser im Lotto. 

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Aufschluss-Reich für alle

Und wenn man von Geologie nichts versteht? Corrado winkt ab: „Die Dolomiten sind wie ein offenes Buch, jeder kann darin lesen.“ Dabei sind die Kinder oft am intuitivsten, weiß er, mit ihrem Entdeckerdrang erfinden sie für jeden Stein eigene Geschichten. „Tatsächlich braucht es nur eines: Man muss die Augen so weit wie möglich aufmachen“, lacht Morelli. „Auch wir Geologen machen nichts anderes als zu vergleichen“, beschwichtigt er, „gibt es einen ähnlichen Stein, ein ähnliches Material, das ich schon mal gesehen habe? In welches Zeitalter passt diese Schicht, dieser Stein dann?“ Zahlreiche Forscher haben sich schon seit einigen Jahrhunderten mit diesen außergewöhnlichen Bergen beschäftigt.


„Die Schönheit der Dolomiten ist direkt erfahrbar. Wir wollen mit dem Geotrail erklären, wie sie entstand“, erklärt Corrado. Der Bletterbach ist nur die erste Etappe, die Einleitung in dieses bunte Dolomitenbuch. Am Dolomites UNESCO Geotrail können jetzt Wanderer bis in die Höhe hinauf und bis in die Gegenwart die Entstehungsgeschichte der Dolomiten entdecken – und verstehen. Auch ohne Geologie-Studium: Die Prozesse der Erdgeschichte sind im Wanderführer zum Geotrail in einfacher Sprache beschrieben und auf Bildern und Karten detailliert dargestellt. „Wir haben versucht, die spannendsten Aufschlüsse (unverhülltes Gestein zum Erforschen, Anm.d.Red.) und auch aktuelle Phänomene zu orten. Diese Punkte haben wir zu einem Weg verbunden, der wie ein roter Faden durch die Dolomiten läuft“, erklärt der Geologe. Im Laufe der Wanderung wird so schichtweise geologisches Wissen aufgebaut.

Und sie bewegen sich doch!

Die Dolomiten scheinen angekommen zu sein. Und stehen doch nicht still. „Das machen uns heute Erdrutsche bewusst oder Felsabbrüche, wie vor Kurzem an der Rotwand im Hochpustertal. Das ist ganz normal”, bestätigt Corrado, „die meisten Phänomene bemerken wir aber gar nicht, weil sie eine viel längere Zeitskala haben als wir Menschen.” Die Alpen etwa wachsen durch den Druck der Erdplatten jedes Jahr einen Millimeter in die Höhe, gleichzeitig gibt es etwa einen Millimeter Erosion. Die Südzone der Alpen, wo die Dolomiten liegen, verschiebt sich außerdem jährlich fast einen Zentimeter Richtung Norden. Mit modernen Satelliten sind die terrestrischen Bewegungen heute sehr präzise messbar. Wie geht es also weiter? „Wenn die Bewegungen weiter ihrer aktuellen Richtung folgen, werden die Dolomiten in etwa 20 Millionen Jahren dort stehen, wo heute München ist,“ erklärt der Geologe. Und die Bahamas? „Die durchlaufen gerade dieselben Prozesse wie die Dolomiten vor mehr als 200 Millionen Jahren. Irgendwann werden die Bahamas eine Art neue Dolomiten werden. Aber das dauert noch sehr, sehr lange”, lacht Corrado. 

Text: Marlene Lobis
Foto: Harald Wisthaler, Thomas Grüner, Valentin Pardeller, Tappeiner
Video: Miramonte Film/Andreas Pichler