Duckt euch!

Von der Urgewalt zum Kraftort: Wie die Südtiroler mit Feuerscheiben die Natur gnädig stimmen und zugleich ihre Batterien aufladen.

  • Februar 2016

  • Lesedauer: 7'

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Duckt euch!

Von der Urgewalt zum Kraftort: Wie die Südtiroler mit Feuerscheiben die Natur gnädig stimmen und zugleich ihre Batterien aufladen.

Ehe die Wissenschaft begann, die Welt zu erklären, war der Alltag von geheimnisvollen Mächten bestimmt. Beim traditionellen Scheibenschlagen im Vinschgau werden noch heute die Winterdämonen vertrieben. Wer nicht mitmacht, sollte darauf achten, rechtzeitig in Deckung zu gehen.

An der Hexe machen sich nur Männer zu schaffen. 15 werden es wohl sein. Sie knien neben einem Baumstamm, den sie dick mit Stroh und Draht umwickeln. „Der Draht ist ja gestückelt“, sagt der eine. „Das ist ein starker Draht“, kontert der, der ihn besorgt hat. „Früher haben wir den Draht von Fahrrad-Bremskabeln verwendet“, erklärt der Dritte, der es besser weiß. Es wird gefeixt, es wird geschwitzt. Es ist früher Nachmittag am ersten Fastensonntag. Jedes Jahr zur gleichen Zeit treffen sich die Männer in den Dörfern im Obervinschgau, um an einem weithin sichtbaren Ort die Hex’latt, ein riesiges, strohumwickeltes Holzkreuz, aufzustellen und Holz aufzuschichten für das abendliche Scheibenschlagen.

Die Tartscher haben den Logenplatz. Am Tartscher Bühel, jenem glatzköpfigen, mythenumwobenen Hügel bei Mals, der schon in vorrömischer Zeit besiedelt war, übersehen sie das weite Tal in allen Richtungen. Tartsch selber, ein 540-Seelendorf, liegt dem Hügel zu Füßen.

Erfahrene sind dabei, aber auch ganz Junge, mit Ohrring, in modischen Hosen, die bei jeder Bewegung zu weit hinunterrutschen. Der Strohballen schrumpft in dem Maß, wie die Hexe wächst. „Biodinkelstroh“, sagt Hansjörg Eberhöfer vom Stockerhof. Er ist so etwas wie der „Anführer“ hier.

Im Nu ist der zehn bis zwölf Meter lange, strohumwickelte Lärchenstamm aufgestellt. Früher haben die Männer ihn händisch aufgezogen, heute steht ein Traktor bereit. Da man nie weiß, wann der Vinschger Wind einsetzt, muss der Stamm mit Seilen zusätzlich im Boden verankert werden. Ein Junger macht sich an die Arbeit. Alle schauen, hie und da fällt ein flapsiger Satz. Einer kann es nicht mit ansehen. Er nimmt dem Jungen den Hammer aus der Hand und rammt den Pflock in die Erde, an dem ein Seilende befestigt wird. „So macht man das“, sagt Othmar Hellrigl, der schon 40 Jahre dabei ist. Jetzt hängt die Hex’latt in den Seilen. Gebannt. Und nun? Warten. Bis es dunkel wird.

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Feuerscheiben fliegen in die Nacht

Wenn es Abend wird, wird am Tartscher Bühel und ringsum der Himmel angezündet. An einem großen Feuer werden Holzscheiben zum Glühen gebracht, auf einer Haselgerte, dem Gart, aufgespießt und mit ausladenden Bewegungen leuchtend in die Nacht hinausgeschleudert.

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Was sich im Vinschgau Jahr für Jahr selbstverständlich wiederholt, gibt der Wissenschaft Rätsel auf. „Das Scheibenschlagen ist ein Feuerbrauch, der heute noch im oberen Vinschgau und im Oberinntal gepflegt wird“, sagt Sebastian Marseiler, Lehrer, Buchautor, Dokumentarfilmer, der sich intensiv mit den Südtiroler Bräuchen beschäftigt hat. Abseits dieser Definition ist Marseiler vorsichtig. Viel ist über das Scheibenschlagen nicht bekannt. So liege die Entstehung des Brauchs weit zurück, aber es sei keineswegs klar, ob es ein heidnischer Brauch sei. Und an der Form der Hexe, einem Kreuz, das mit Streben mancherorts zu einer Raute erweitert wird und damit eine weibliche Vulva andeutet, habe sich die Fantasie vieler Volkskundler allzu leicht entzündet.

Man muss sich an Indizien entlang hangeln. „Feuer ist Licht ist Leben“, sagt Marseiler. Somit liegt die Interpretation nahe, es handle sich hier um einen Frühjahrsbrauch, bei dem die Winterdämonen vertrieben werden und Fruchtbarkeit für die Felder erbeten wurde. Gleichzeitig betont Sebastian Marseiler die gemeinschaftsbildende Kraft des Ritus. Möglicherweise wurden junge Männer früher am ersten Sonntag der Fastenzeit in die Dorfgemeinschaft eingeführt.

Und wie weit fliegt deine Scheibe?

Jeder kann mitmachen am Scheibenschlag-Sonntag! Suche ein gutes Stück Holz, schnitze es zurecht und wenn du es bunt willst, bemale es. Dann musst du nur noch entscheiden, wem du die Feuerscheibe widmen willst - und natürlich die Scheibenschlag-Litanei auswendig lernen. Achte dabei bitte auf die richtige Vinschger Intonation. Wir wissen es nicht, aber vielleicht wirkt der Brauch dann besser?

Scheibenschlagen 2019

10 Mä

Wo: Tartsch im Vinschgau und Umgebung 

Für einen Haufen Heu und große Äpfel

Auch die Männer am Tartscher Bühel machen sich Gedanken über den Brauch. „Durch das Feuer soll die Kälte vertrieben und das Licht angelockt werden“, sagt Hansjörg Eberhöfer. Und Albert Pritzi, der Förster, ergänzt: „In der Hoffnung, dass die Wärme einen guten Ertrag bringt.“ Für die Bauern hier gilt das in gewisser Weise immer noch. „Für einen Haufen Heu und große Äpfel“, sagt Hansjörg Eberhöfer augenzwinkernd, als die Hexe steht und die Männer mit ihrer Arbeit zufrieden sind. Bevor das Scheibenschlagen am Abend beginnt, wird er noch einmal hinunter ins Dorf gehen, in den Stall, um seine sechs Kühe zu versorgen.

Scheibenschlagsonntag, Funkensonntag, Holepfannsonntag, Kassunntig. Vier Namen trägt der erste Fastensonntag im Südtiroler Brauchtum. Während die Männer beisammen stehen, bei Kaminwurz und würzigem Käse, Bier und Wasser, kommt zur Sprache, was in guter alter Zeit an diesem Sonntag im Frühling noch alles geschah. „An diesem Sonntag wurde früher die Arbeit verteilt, die jeder Bauer im Lauf des Jahres für das Gemeinwohl erledigen musste, etwa an den Bewässerungswaalen, auf den Weiden, in den Wäldern“, sagt Albert Pritzi. Dazu passt, was Sebastian Marseiler zum Kassunntig sagt: „Das war ein Stichtag für die Bauern. Da mussten sie Abgaben in Form von Käse und Eiern an die Grundherren leisten.“

Archaischer Brauch trifft auf moderne Sitten

Geblieben ist das Gemeinschaftserlebnis. Und der Ehrgeiz, die Scheibe elegant und weit ins Land hinauszuschleudern. „Das kann man oder man kann es nicht“, sagt Hansjörg Eberhöfer. Trainiert wird nicht. Denn auch die Bauern im Vinschgau verlassen sich nicht mehr darauf, dass ein Feuer und ein paar Holzscheiben über den Erfolg ihrer Ernte entscheiden. Gänzlich unarchaisch ist auch das moderne Sicherheitsdenken: Die Tartscher Feuerwehr hat in Reichweite einen Schlauch abgelegt. Für alle Fälle.

In der Tradition hat jedes Dorf seine eigenen Traditionen. So muss in Schlanders die Hexe schon stehen, wenn die Leute nach der Messe aus der Kirche kommen. Und in Mals, vom Tartscher Bühel aus zum Hinspucken nahe, beginnt am Montag nach dem Scheibenschlagen die Schule eine Stunde später.

In Tartsch ist die Hexe aus Lärchenholz, die Scheiben sind am besten quadratisch und auf der Unterseite leicht abgeschrägt, „da hat jeder seine Philosophie“, erklärt Hansjörg Eberhöfer, auf jeden Fall sind sie aus duftendem Zirbenholz. Runde Scheiben sind dagegen aus Birkenholz. Den Strohballen für die Hex‘latt stiftet immer der Bauer vom Sonnenheimhof. Die biegsamsten Haselruten gibt es am gegenüber liegenden Hang am Waldesrand. Alle Männer zeigen mit dem Finger auf die gleiche Stelle. Früher gingen noch die Mittelschulkinder von Haus zu Haus, um Holz für das große Feuer zu erbetteln. Heute sind die Kinder mit Fußball und Musikschule beschäftigt, und das Holz kommt aus dem Wald, das dem Dorf Tartsch gehört oder von aufmerksamen Mitbürgern. „Wenn ein Haus abgerissen wird, kriegen wir das alte Holz“, sagt Hansjörg Eberhöfer.

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O Reim, Reim, wem soll die Scheib sein?

Als es zu dämmern beginnt, schleppen die „Schläger“ ihre Scheiben und Haselgerten an. An einer Schnur sind sie aufgefädelt, quadratische, runde, bunt bemalte, von Kinderhand bezeichnete, manche tragen einen Namen. Jeder, der eine Scheibe hat, darf diese abschlagen. „Da sind wir nicht so streng“, sagt Hansjörg Eberhöfer. Jetzt kommen auch die Frauen mit den Kindern und die Schaulustigen. Es ist noch nicht ganz finster, als einer es nicht mehr aushält, das Feuer entzündet und seine erste Scheibe anbrennt.

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Bis zu 20 Scheiben schlägt jeder an diesem Abend ab. Wieder sind es vor allem Männer. Sie wedeln die glühenden Scheiben an der Gerte über ihrem Kopf hin und her, stellen sich an den Abhang, schwingen die Ruten mit ausgestreckten Armen um ihren Körper, rechts, links, rundum, dann wird die Scheibe am Boden abgespeckt und schießt als Feuerball in die Nacht. Einige Couragierte rufen dabei den traditionellen Spruch: „O Reim, Reim, wem soll dia Scheib sein…“, versehen ihre Scheibe mit guten Wünschen und widmen sie einer bestimmten Person. Hansjörg Eberhöfer ist einer von ihnen. Mit kraftvoller, klarer Stimme skandiert er: „denen, die heute geholfen haben, die Hex‘latt aufzustellen…“ Je weiter die Scheibe fliegt, umso mehr Glück wird sie bringen.

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Der Tanz um die Hexe

Und dann wird die Hexe abgefackelt. Den ganzen Nachmittag lang wurde sie nicht aus den Augen gelassen. Auch das hat Tradition. Früher trachteten die Vinschger Burschen danach, die Hexe der Nachbardörfer vorzeitig in Brand zu stecken. Die Tartscher und die Glurnser waren sich diesbezüglich spinnefeind. Vielleicht tut es den Tartschern auch deswegen leid, dass ihnen vor vier Jahren ein neuer Platz fürs Scheibenschlagen zugewiesen wurde. Unter dem Hang, an dem sie seit jeher die Scheiben abschlugen, verlaufen die Bahngeleise. Fliegende Holzscheiben über den Köpfen der Fahrgäste schienen den Behörden zu gefährlich. Unter dem Hang liegt aber auch die kleine Stadt Glurns.

In Windeseile leckt sich das Feuer durch das Stroh nach oben. Auch drüben in Laatsch brennt die Hexe schon. Die Lichtsäule ist weithin sichtbar. Das war’s heuer mit dem Winter. Es wird alles gut gehen. Für dieses Jahr.

Text: Gabriele Crepaz

Vinschger Schneemilch

Die beliebte Nachspeise gehört zum traditionellen Scheibenschlagen dazu. So wird sie gemacht.

Zutaten für 4 Personen: 200 g Vollkornbrot, in Würfel geschnitten, 3 EL gehackte Walnüsse, 3 EL Sultaninen, 100 ml Milch, 1 EL Rum, 500 ml Sahne, 2 EL Akazienhonig, 1 Msp. gemahlene Vanilleschote, 3 EL geriebene Bitterschokolade.

Zubereitung: Brot mit Nüssen, Sultaninen, Milch und Rum mischen und in eine flache Schüssel geben. Sahne mit Honig und Vanille steif schlagen und gleichmäßig auf dem Brot verteilen. Mit geriebener Bitterschokolade bestreuen und 1 Stunde im Kühlschrank ziehen lassen. In der Schüssel servieren.

Keine leichte Kost, aber ein voller Genuss.

Rezept aus: F. Blickle/I. v. Mersi, Schneemilch und Pressknödel. Südtiroler Bäuerinnen und ihre Rezepte, Folio Verlag.