Die Barbini

Eine römische Familie beschließt, alles liegen zu lassen und nach Südtirol zu ziehen. Andere tun es ihnen gleich. Warum nur?

  • Mai 2015

  • Lesedauer: 7'

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Die Barbini

Eine römische Familie beschließt, alles liegen zu lassen und nach Südtirol zu ziehen. Andere tun es ihnen gleich. Warum nur?

Die Van den dries und Barbini sind in Südtirol angekommen. Hier wollen sie leben. Ähnlich wie Südtiroler, aber doch so, dass nicht alles so bleiben kann, wie es immer war. Der Thron steht dort, wo die Reben aufhören und die Felsen beginnen. Hilde Van den dries zeigt auf eine natürliche Einbuchtung im Fels. Aus Stein ist der Sessel, von einem Steinbaldachin geschützt, ein wenig ausgesetzt, einschlafen sollte man auf ihm nicht. Hilde Van den dries sitzt hier, wenn sie Ruhe braucht zum Lesen, zum Nachdenken, zum Ins-Land-hinein-Schauen. Ihr Calvenschlössl steht auf einem steilen Hügel am Ortsende von Laatsch im Vinschgau an der Straße in die Schweiz. Ein „Königreich“, so klein wie ein Fußballfeld, steil, karg, von den „Untertanen“ lassen sich drei blicken: Gina, Leila, Cornelius, allesamt Esel. „Es ist eine Wahl, die man trifft“, sagt Hilde Van den dries. Dafür verließ sie Antwerpen, das Weltzentrum des Diamantenhandels, jene Stadt also, in der die Steine funkeln. Anders als in Südtirol.

Es gab einen Moment in meinem Leben, wo ich mich entscheiden musste. Jetzt mache ich, was mein Herz mir sagt. Hilde Van den dries, Germanistin und Weinbäuerin

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Das Haus stand schon, als sie acht war und ihre Familie im Obervinschgau immer Urlaub machte. Sie kann sich gut daran erinnern: „Damals war das Haus eine Ruine.“ Als Hildes Vater in Belgien aufhörte, mit seiner Firma Schiffe zu ent- und beladen und in Rente ging, kaufte er das Häuschen und einen Teil des öffentlichen Grundes, der das Haus umgab, für die Ferien, die noch kommen sollten. Bald aber verbrachten Hildes Eltern mehr Zeit in Südtirol als in Belgien. 2005 zogen sie endgültig hierher. Und Franz Van den dries begann, auf 1.000 Meter Meereshöhe Wein anzubauen, praktisch aus heiterem Himmel, bis dahin hatte er Wein einfach nur gerne getrunken.

Etwa zur gleichen Zeit, 1.200 Kilometer südlich von Antwerpen, setzen sich Giorgia und Stefano Barbini in Rom ins Auto. Beide arbeiten in renommierten Modeunternehmen, sind viel unterwegs. Jetzt hat Stefano Barbini in Mailand ein Bewerbungsgespräch. Auf der Fahrt entscheiden sie: Wir wollen endlich selber bestimmen, wie wir leben wollen. Stefano sagt seinen Termin ab, die Barbini bauen ihr Südtiroler Ferienhaus, ein altes heruntergekommenes Jagdhaus aus dem 16. Jahrhundert hoch über St. Lorenzen bei Bruneck, um und ziehen mit ihren drei Kindern nach Südtirol. Für immer, wie es aussieht. Stefano Barbini: „Der Entschluss, aus einer europäischen Metropole in ein Nest umzuziehen, war so radikal, so etwas kann man nur gemeinsam entscheiden.“

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Von der Metropole ins Südtiroler Landleben

Die Barbini und die Van den dries kennen sich nicht. Sie lebten früher im Norden und im Süden Europas, heute sind die einen im Osten, die anderen im Westen Südtirols angekommen. Was sie verbindet, ist der Mut, ihrem Leben eine Wendung zu geben, irgendwo neu anzufangen, dorthin zu gehen, wo sie erwarten, gut zu leben, besser zu leben als bisher. Südtirol scheint das zu bieten. Ein Platz, an dem die Natur noch stark ist, Bürofenster auf die Berge hinaus zeigen, die Städte klein, aber doch für die Welt offen und die Menschen einander zugewandt sind.

„Wir sind jetzt Bauern light“, sagt Stefano Barbini. Seine Kinder gehen in die deutsche Dorfschule, Giorgia beackert den Gemüsegarten, er selbst lernte von den Bauern rundherum, seine Wiesen zu mähen und Holz zu hacken: „Schabe machen ist ein wahres Antistress-Mittel.“ Hilde Van den dries schloss gerade eine Obst- und Weinbauausbildung ab, geht jeden Tag in ihren Weinberg, wo Klee und Blumen wachsen, Ohrwürmer krabbeln und Florfliegen schwirren und sogar Maikäfer willkommen sind, den Dünger für ihre Reben braut sie selber, aus Löwenzahn, Brennesseln, Wildem Thymian, was auf ihrem Grund eben so wächst: „Ich mache jetzt, was mein Herz mir sagt.“

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Mitten in neuen Bergen

Vor gut zwei Jahren hatte Hilde Van den dries mit Mitte 30 eine Diagnose erhalten, die sie zwang, ihr Leben zu überdenken. „Ich hatte einen aussichtsreichen Bürojob in Antwerpen“, erzählt sie. Sie hat in Antwerpen und Leipzig Germanistik-Anglistik studiert, in Aachen Europastudien. Natur war für sie ein Urlaubsprogramm. „Plötzlich war ich auf das Wesentliche zurückgeworfen“, sagt sie heute. Das Wichtigste, so schien es ihr damals, wäre, dass sie die Berge noch sehen konnte. Seit Ende 2013 hat sie das Gefühl, „über den Berg zu sein“, sagt sie. Gleichzeitig ist sie mitten in neuen Bergen gelandet. Nur anders. „Hier zu leben ist ein Geschenk für mich.“ In Flandern gebe es gar keine Bäume mehr, alles sei verbaut, ein einziger Industriestandort: „Es fehlt mir nicht, ich habe andere Sachen bekommen.“

Jedes Fleckchen Grund des kleinen Weinguts Calvenschlössl ist mit Weinreben bepflanzt. Mit acht Reihen hat Hildes Vater angefangen. „Er hat mit den eigenen Händen Terrassen in den steilen Hang gehauen“, erzählt Hilde Van den dries. Der Belgier spinnt, haben die Leute im Dorf gesagt. Noch nie hatte jemand im alpinen Laatsch versucht, Wein anzubauen. Heute produziert das Schlössl 2.000 Flaschen reinsten Biowein: „Eine Flasche aus jeder Rebe.“

Im Dorfgasthaus ist man angekommen

Ursprünglich wollten die Laatscher Belgier den Wein nicht selber keltern, sondern die Trauben an einen Weinhof weiter südlich im Vinschgau verkaufen. Einer aus dem Dorf meinte aber, es sei dann ja gar kein Laatscher Wein mehr. Damit war der Ehrgeiz geweckt, die Van den dries investierten, bauten einen Keller und eigneten sich neues Wissen an. „Jedes Jahr ist mein Vater unzufrieden mit seinem Wein“, lacht Hilde. „Dann gehen wir ins Dorfgasthaus, mein Vater bestellt seinen Wein, und plötzlich schmeckt er ihm.“Das Dorf. Obwohl die Van den dries außerhalb wohnen, bleibt den Menschen im Dorf kaum etwas verborgen. Gleichzeitig sind die Dörfler zur Stelle, wenn sie gebraucht werden. „Als der Hang bepflanzt werden sollte, war mein Vater krank“, erinnert sich Hilde Van den dries. „Sofort sind vier fünf Männer aus dem Dorf gekommen und haben die Arbeit erledigt.“ Spätestens da verstanden die Belgier, dass sie Teil der Dorfgemeinschaft geworden sind.

Für die Einheimischen war es hart, dass das Haus an Leute aus Rom verkauft worden war. Am Anfang dachten sie, wir sind die typischen Touristen, die keine Ahnung haben und sich nur in Szene setzen wollen. Stefano Barbini, San Lorenzo Mountain Lodge

Schabe machen ist der wahre Luxus

Wie die Van den dries machen auch die Barbini im Pustertal vieles anders, als die Südtiroler es gewohnt sind. „Am Anfang dachten die Einheimischen, wir sind die typischen Touristen, die keine Ahnung haben und sich nur in Szene setzen wollen“, erinnert sich Stefano Barbini. Erst als das denkmalgeschützte Haus mustergültig renoviert war und die Bauern sahen, dass die Neuen hier nicht nur wohnen, sondern leben wollten, gaben sie ihren Widerstand auf und ließen sie an ihrem alten Wissen teilhaben.

Trotzdem sind die Barbini nicht einfach Südtiroler Bergbauern geworden. Sie haben ihr neues Leben als einen Wert erkannt und daraus ein Geschäftsmodell entwickelt: Die San Lorenzo Mountain Lodge ist heute ein exklusives Feriendomizil für Menschen, die alles besitzen, außer Zeit, sich auf die Dinge selbst zu besinnen. „Das ist der wahre Luxus“, sagt Stefano Barbini. Früher sah er seine Kinder einmal in der Woche, heute isst er jeden Tag mit ihnen zu Mittag. Seinen Gästen bringt er „Schabe machen“ bei und zeigt ihnen, welche Pilze im hauseigenen Wald essbar sind. Golf spielen dürfen sie dann immer noch.

Weine von der Bergspitze

In Südtirol bleiben die Dinge gerne, wie sie immer schon waren. Neues wagen können am besten jene, die einen unverbrauchten Blick auf das Land haben. Das spüren die Van den dries täglich. Ihre Reben liegen so steil, dass sie nur mit der Hand bearbeitet werden können, gleichzeitig müssen die Pflanzen selber in Windeseile produzieren, es wird spät Frühling und früh Herbst im Oberen Vinschgau. Genau das aber brachte den Abt von Marienberg bei Mals, praktisch das Kloster bei den Van den dries um die Ecke, auf eine Idee.

Das Kloster bezog bereits seinen biologischen Messwein vom Calvenschlössl, als Abt Markus Spanier 2012 beschloss, einen steilen Hang unterhalb des Klosters, der bisher Kühen als Weide diente, mit Reben zu bepflanzen, einen weiteren mit Wildbeeren. 7.200 Reben haben die Van den dries also in die Erde gesteckt, auf 1.340 Meter Höhe, vermutlich ist es der höchstgelegene Weinberg Europas. Wenn alles gut geht, wird 2016 zum ersten Mal geerntet.

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Bis dahin wird Hilde Van den dries noch oft durch die schmalen Terrassen ihrer Weinberge gehen, hoffen, dass die biologische Anbauweise, die sie gewählt haben, funktioniert, dass die drei Esel, die zur Arbeit und zur Lese eingesetzt werden, irgendwann aufhören, die Reben zu fressen, und sie von ihrem Wein auch leben kann.

Wenn sie auf ihrem Thron am Fels sitzt, sieht sie unter sich, wie die Apfelplantagen, die das gesamte Etschtal bedecken, nun langsam auch in den oberen Vinschgau hinaufziehen. Sie hat ihren Weg gefunden. Jetzt versucht sie ihn zu gehen.

Text: Gabriele Crepaz
Fotos: Alex Filz
Video: Andreas Pichler

Gute Plätze, um in Südtirol anzukommen

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Gute Plätze, um in Südtirol anzukommen

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San Lorenzo Mountain Lodge 39030 St. Lorenzen +39 0474 404 042

Bad Dreikirchen Dreikirchen, 39040 Barbian +39 0471 650 055

Hotel Drei Zinnen 39030 Sexten +39 0474 710 321

Hotel Rosalpina Palmschoß, 39042 Brixen/Plose +39 0472 521 008

Gasthof Kohlern Kohlern 11, 39100 Bozen +39 0471 329 978

Pension Briol 39040 Barbian +39 0471 650 125

Hotel Monte Sella 39030 St. Vigil in Enneberg +39 0474 501 034

Zirmerhof 39040 Radein +39 0471 887 215

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