Der soziale Hotelier

Michil Costa, Hotelier und Querdenker, hat das Gemeinwohl zum ökonomischen Ziel seines Hotels erklärt. Und? Es funktioniert.

  • Mai 2015

  • Lesedauer: 5'

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Der soziale Hotelier

Michil Costa, Hotelier und Querdenker, hat das Gemeinwohl zum ökonomischen Ziel seines Hotels erklärt. Und? Es funktioniert.

Der Mensch im Mittelpunkt. Das ist der zentrale Gedanke der neuen Gemeinwohlökonomie. Hotelier Michil Costa ist überzeugt, nur humane Werte führen uns aus der aktuellen Wirtschaftskrise heraus. In seinem Hotel in Corvara steht der Profit nicht mehr an erster Stelle. Was aber wird dann wichtig?

Michil Costa ist in Südtirol bekannt wie ein bunter Hund. Auf den ersten Blick könnte man meinen, das liege an seinem extravaganten Kleidungsstil. Schließlich trägt der 52-jährige Hotelier aus Corvara mit Vorliebe Sakkos in knalligen Farben und bunte Holzstifte im Einsteckloch. Aber daran liegt es nicht.

Der 52-Jährige ist ein Tausendsassa. Er ist das Aushängeschild des Familienhotels La Perla in Corvara, er macht grüne Politik, er hat die Maratona dles Dolomites zu einem der bekanntesten Radrennen des Alpenraums gemacht. Und nun setzt er auf eine neue Wirtschaftsordnung, die auf den ersten Blick so gar nicht zum sonst doch eher gewinnorientierten Hotelgewerbe passen will: Seit 2011 hat sich Michil Costa der Gemeinwohl-Ökonomie verschrieben.

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Die Wirtschaftsordnung, die erstmals vom Österreicher Christian Felber propagiert wurde, folgt einem interessanten Prinzip. Im Zentrum steht nicht der unmittelbare Gewinn, den ein Unternehmen abwirft, sondern der Mensch. Die Alternative zum kapitalistischen Wirtschaftsdenken wird mit einem Punktesystem gemessen. Jeder Betrieb, der es anwendet, kann dadurch eine Gemeinwohlbilanz erstellen. Das Ziel ist, diese von Jahr zu Jahr zu verbessern.

Was zählt: Punkte oder schwarze Zahlen?

Natürlich weiß auch jemand wie Michil Costa, dass ein Betrieb schwarze Zahlen schreiben muss, um langfristig erfolgreich zu sein. „Der finanzielle Aspekt ist wichtig“, sagt er, „aber nicht völlig ausschlaggebend. Bei der Gemeinwohl-Ökonomie zählen vor allem Werte wie Solidarität, Menschenwürde, Nachhaltigkeit.“ Man setzt auf regionale Produkte und kurze Transportwege. Und innerbetriebliche Demokratie: Aus diesem Grund stimmen im La Perla neuerdings die Mitarbeiter ab, wie das erwirtschaftete Geld investiert werden soll. Mit dem Ergebnis, dass am Ende neue Zimmer für die Gäste gebaut werden und nicht eine dringend benötigte Waschküche. „Die Mitarbeiter haben so entschieden“, sagt Costa und zuckt schmunzelnd mit den Schultern.

„Wir glauben, dass wir mit Geld aus der Wirtschaftskrise kommen können. Diese Meinung teile ich nicht. Wirtschaft ist nicht das Wichtigste.“ Michil Costa, Hotelier und Querdenker

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Der Mann mit der runden Brille hat auf einem der weißen Gartenstühle Platz genommen. Er steckt sich einen Zigarillo an und rührt etwas braunen Zucker in seinen Espresso. „Der Zucker ist natürlich aus kontrolliertem Anbau. Er eignet sich nicht so gut für alkoholische Mixgetränke, aber diese Einschnitte muss man hinnehmen“, sagt er wie beiläufig. Sein Blick schweift zum Wasserrad, das sich im Teich vor dem Hotel dreht. Auch der neue Garten beruht auf der Abstimmung der Mitarbeiter, die zugunsten des Gemeinwohls auf etwas anderes verzichtet haben.

Die Mitarbeiter baden im Hotelpool

Bevor die Gemeinwohlökonomie in den traditionell eingerichteten Räumen des La Perla Einzug gehalten hat, war das Familienhotel klassisch organisiert. Neben den Eltern arbeiten auch Michil Costas Brüder im Betrieb. Es dauerte eine ganze Weile, bis er seine Familie davon überzeugen konnte, auf das System umzustellen. Im Einzelnen führt es auch dazu, dass die Mitarbeiter im Hotelpool schwimmen dürfen. „Meine Mama war völlig dagegen, was nicht verwunderlich ist. Sie stammt aus einer ganz anderen Generation. Aber ich bin nun mal ein Sturschädel. Wenn ich etwas wirklich will, dann tue ich so lange, bis es klappt.“

Aber warum nur überzeugte ihn die Gemeinwohlökonomie so sehr, wo doch der Betrieb gut lief? „Never miss a good crisis“, sagt er mit ernstem Blick. „Unsere Gesellschaft befindet sich derzeit in einer Krise, nicht nur wirtschaftlicher Art, sondern auch auf spiritueller Ebene. Wir glauben, dass wir mit Geld aus der Wirtschaftskrise kommen können. Diese Meinung teile ich nicht. Wirtschaft ist nicht das Wichtigste. Aus diesem Grund habe ich eine Alternative gesucht.“

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Am Freitag gibt’s Gemüse

Nicht nur der Rest des Costa-Clans musste erst auf Kurs gebracht werden. Einen Hotelbetrieb auf eine neue Wirtschaftsordnung umzustellen, ist per se keine einfache Sache. Schon gar nicht, wenn die Folgen so weitreichend sind.

Gänseleberpastete gibt es im La Perla nicht mehr, auch nicht im mit einem Michelin-Stern dekorierten hauseigenen Restaurant La Stüa de Michil. Und keine Äpfel im Sommer, weil Michil Costa gegen Monokultur ist und die CO2-Emissionen der Kühlhäuser zum Schreien findet. „Es ist doch absurd, Äpfel aus dem Vorjahr zu essen.“ Den Freitag hat Costa zum Veggie-Day deklariert – gegen den Widerstand einiger Gäste, die trotzdem nach einem Filet fragen. Lässt sich ein Gast mit Erklärungen gar nicht überzeugen, bekommt er Fleisch. „Wir sind ja immer noch ein Luxushotel und kein Kloster.“ Auch der Koch, der über 25 Jahre im Haus verantwortlich war, kam mit dem neuen Prinzip nicht zurecht und kündigte. „Sein strenger Führungsstil hat nicht mehr zu unserer Philosophie gepasst. Ich will spüren, dass unsere Mitarbeiter zufrieden sind.“

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Die Gäste zahlen viel für eine Übernachtung im La Perla. Manche fühlen sich durch das neue System bevormundet und spielen nicht mit. „Einige Stammgäste kommen nicht mehr“, sagt Costa verständnisvoll. Und freut sich gleichzeitig über die vielen positiven Reaktionen und die neue Kundschaft, die gerade an der alternativen Organisation des Hotels Gefallen findet und mit dem positiven Gefühl nach Hause fährt, einen Beitrag zu gerechterem Zusammenleben geleistet zu haben.

Ein komischer Vogel landet im Parlament

Früher ist Michil Costa viel um die Welt gereist. Eine Zeitlang lebte er in San Francisco, Hamburg, Los Angeles, London und verdiente sein Geld als Tellerwäscher in Hotels. Eigentlich wollte er Musiker werden, aber er war zu faul, um diesen Traum zu verwirklichen. Dann stieß er auf die Lehren Buddhas und kehrte wieder nach Hause zurück. „Ich hatte genug von der weiten Welt. Ich wollte meine Berge leben“, sagt er. In den Flieger steigt er wegen der Emissionen kaum noch. Für Gäste, die aus Amerika anreisen, bezahlt das Hotel einen Ausgleich. Wenn der 52-Jährige etwas anpackt, dann richtig. Erst vor kurzem hat er im italienischen Parlament die Gemeinwohlökonomie vorgestellt. „Es ist ja immer das Gleiche: Am Anfang denken die Leute, wer der komische Vogel ist. Und dann entwickelt sich eine tolle Energie.“

Im hoteleigenen Hühnerstall kräht plötzlich ein Hahn. Michil Costa fängt an zu lachen. Manchmal braucht es nicht viel – und die Welt ist für einen Moment in Ordnung.

Text: Verena Duregger
Fotos: Alex Filz

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